50 Jahre ADAC Ambulanz-Service: Uns schickt der Himmel

1970 fing die Geschichte des ADAC Ambulanz-Service an.
1970 fing die Geschichte des ADAC Ambulanz-Service an.© ADAC Versicherung AG

In den 70-er Jahren wurden mit dem ADAC Ambulanz-Dienst die medizinischen Leistungen über die Grenzen Deutschlands hinweg ins Leben gerufen und feiert 2023 seinen 50. Geburtstag.

Seit 1958 sicher auf Reisen mit dem Auslands-Schutzbrief

Die Jahre des Wirtschaftswunders waren der Beginn der Reisewelle. Mehr Wohlstand, mehr Autos, mehr Mobilität – schon damals reisten rund 3,5 Millionen Bundesbürger allein nach Italien. Auch dort konnten die Clubmitglieder Schutz und Hilfe durch den ADAC in Anspruch nehmen. Für eine Gebühr von nur 3 Deutsche Mark gab es den Auslands-Schutzbrief, der sie im Fall einer Panne oder eines Unfalls im Urlaub absicherte. In der Standardversion war ein Kredit-Brief über 500 Mark enthalten, mit dem z.B. anfallende Reparaturen bezahlt werden konnten. Wenn das Auto eines Mitglieds also in die Werkstatt musste und es nicht ausreichend Bargeld bei sich hatte, konnte durch den ADAC eine Bürgschaft vorgelegt werden. Auch eine Pannenhilfe – bis 20 Mark – und die kostenlose Rückholung des Fahrzeugs bei schweren Schäden wurden garantiert.

Mittelmeer als Sehnsuchtsort der 70er-Jahre

Nach Italien, dem "Lieblingsland" der deutschen Urlauber im Süden, wurden in den 70-ern auch Mallorca und das spanische Festland mit den zahlreichen Küstenabschnitten am Mittelmeer als touristische Ziele entdeckt. Der Massentourismus blühte auf und schon 50 Prozent aller Deutschen leisteten sich eine Urlaubsreise.

© ADAC Ambulanz-Service

Bald wurde klar: Je mehr Urlauber unterwegs waren, desto wahrscheinlicher und umfangreicher wurde die Nachfrage nach Schutz, Rat, Hilfe, wenn es um Krankheit, Unfall, Verletzung im Ausland geht. Die ersten Krankenrücktransporte verlangten nach ebenso viel Improvisation wie Organisation. Es mussten für die nötigen Transporte immer erst geeignete Flugunternehmen gefunden werden.

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Der Patientenrückholdienst hilft ab 1973

Schon im Jahr 1970 wurde die ADAC Luftrettung als Organisation einer „fliegende Einheit“ in Deutschland gegründet. Der damalige Patientenrückholdienst nahm im Jahr 1973 erstmals konkrete und dauerhaft ausgelegte Formen an. Damals wurde entsprechend den steigenden Fallzahlen und im Bewusstsein der Verantwortung aus dem Leistungsversprechen begonnen, sukzessive ein Team von Ärzten und Sanitätern mit intensivmedizinischer Ausbildung innerhalb des ADAC aufzubauen. Zuverlässigkeit, Kompetenz und Leistungsvermögen machten ihn schnell zu einem der bedeutendsten europäischen Unternehmen im Bereich medizinischer Assistance und Ambulanzflug. Bodengebundene Rücktransporte stellen zwar die Mehrheit der Aktivitäten dar, mit dem ersten Patiententransport per Luft im Jahr 1975 begann andererseits die Ära der ganz besonderen Herausforderungen. Hoch qualifizierte Mitarbeiter, der Aufbau von eigenen deutschsprachigen Notrufstationen in Europa, eigene Ambulanzflugzeuge sowie ein weltweites Netzwerk aus internationalen Partnerschaften garantieren bis heute professionelle und schnelle Hilfe im Notfall. Dieser Ambulanzdienst ist bis heute das Kernstück der medizinischen Hilfe im ADAC.

Gründung der Auslandsnotrufstationen des ADAC



1974

Eröffnung der ersten Auslandsnotrufstation in Athen / Griechenland

1975

Auslandsnotrufstationen in Paris und Rom / Frankreich, Italien

1976

Auslandsnotrufstationen in Barcelona und Belgrad / Spanien, Jugoslawien

1986

Auslandsnotrufstationen in Kopenhagen und Zagreb / Dänemark, Kroatien

1991

Auslandsnotrufstationen in Budapest, Izmir und Prag / Ungarn, Türkei, Tschechien

1992

Eröffnung einer Notrufstation in Warschau gemeinsam mit PZM / Polen

1994

Eröffnung einer Notrufstation in Wien gemeinsam mit ÖAMTC / Österreich

1995

Eröffnung einer Notrufstation in Bukarest gemeinsam mit ACR / Rumänien

1997

Erste Notrufstation außerhalb Europas in Orlando / USA

1999

Eröffnung einer Notrufstation in Assen gemeinsam mit ANWB / Niederlande



Krankenrücktransporte im Jet ab 1975

© ADAC Versicherung AG

Die ersten Flüge mit dem Learjet im Patientenrückholdienst organisiert im Jahr 1975 der Aero-Dienst noch von München aus, später verlegt er seinen Heimatstandort auf den Flughafen Nürnberg. Die Premiere des Ambulanzflugs fand mit einem gecharterten Learjet statt ab Flughafen München-Riem. Ein Herzinfarkt-Patient in der griechischen Hauptstadt Athen wurde in eine Klinik nach Hannover geflogen. Es folgten 113 weitere Ambulanzflüge in dem Jahr. In den 80-er Jahren chartert der ADAC erstmals eine Boeing 737, um eine schwer verletzte Familie aus dem Ausland zurück nach Deutschland zu transportieren. Alle vier Familienmitglieder liegen nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus in Anatolien (Türkei). Innerhalb von nur zwölf Stunden bringt sie ein Ärzteteam mit dem eigens dafür umgerüsteten Jet in ein Düsseldorfer Krankenhaus.

1983: Der ADAC-Ambulanzdienst formiert sich

Der bisherige Patientenrückholdienst bekommt einen neuen Namen und eine neue Heimat. Aus der Münchener Königinstraße zieht die ADAC Zentrale in den Neubau am Westpark. Der ADAC-Ambulanzdienst beschäftigt damals 19 Mitarbeitende und betreut Mitte der 80-er Jahre rund 2500 Kranke und Verunglückte pro Jahr.

Im Jahr 1997 kommt es zum bis dahin längsten Ambulanzflug: Ein ADAC Jet fliegt ein verunglücktes Mitglied aus Hawaii nach Deutschland zurück und legt dabei in 37 Stunden 26.210 Kilometer zurück.

© ADAC SE

Superlative und andere eindrucksvolle Einsätze

Längster Transport: 34.000 Kilometer über Colombo, Pretoria, Kilimandscharo/Nairobi zurück nach Deutschland (2004)

Teuerster Transport: Ein Ehepaar erreicht per Wing-to-Wing-Ambulanzflug im Frühjahr 2020 von Auckland (Neuseeland) über Rayong (Thailand) schließlich Frankfurt. Die Kosten belaufen sich auf rund 352.000 Euro.

Medizinischer Meilenstein (I): 2016 gelingt die Rückholung eines Patienten mithilfe einer mobilen Herz-Lungen-Maschine aus Mexiko in eine Klinik in Deutschland – inklusive Blutwäsche an Bord. Es folgen noch drei weitere Intensivtransporte mit der mobilen Herz-Lungen-Maschine aus Thailand, Kroatien und Spanien.

Medizinischer Meilenstein (II): 2019 gelingt es einem Ärzte-Team des ADAC weltweit zum ersten Mal, einen Patienten mit einer mobilen Herz-Lungen-Maschine und einer intraaortalen Ballonpumpe aus Schweden in eine deutsche Klinik zu verlegen.

Naturkatastrophe (I): Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben im August 1999 in der Türkei fliegt ein Notfallteam des ADAC Ambulanz-Service mit einer halben Tonne medizinischer Ausrüstung nach Istanbul. Dort versorgen die Ärzte jene Verletzten, die ausgeflogen werden sollen. Eine gecharterte Boeing 737 und ein ADAC Jet bringen innerhalb eines Tages 105 Mitglieder und deren Angehörige nach Deutschland.

Naturkatastrophe (II): Nach dem verheerenden Tsunami 2004 in Südostasien war der gesamte ADAC an Hilfe und Rettungsorganisation beteiligt. Schutzbrief und Auslandskrankenschutz übernehmen Behandlungskosten, sorgen für Krankenrücktransport und die Überführung Verstorbener. Der Unfallschutz steht mit Notfallpsychotherapie, Invaliditätsleistungen und Todesfallleistungen zur Seite.

Hilfe rund um die Welt: Während einer Weltreise auf dem Kreuzfahrtschiff AIDAcara ist aufgrund mehrerer Diagnosen die Ausschiffung eines Passagiers auf den Osterinseln im Pazifischen Ozean unvermeidlich. Mit einem Linienflug von den Osterinseln nach Santiago de Chile und nach einer Übernachtung dem Weiterflug nach Amsterdam gelangen Patient und Lebensgefährtin zurück nach Deutschland.

Tierisch Glück: Ein 69-jähriges Mitglied wird 2009 auf offener Straße in Indien von einem Bullen (“Heilige Kuh“) angegriffen und erleidet eine Platzwunde sowie mehrere Brüche. Der ADAC organisiert den Krankenrücktransport in Begleitung von medizinischem Personal über die Lufthansa und übernimmt die Behandlungskosten in Indien. Der Unfallschutz zahlt die Invaliditätsleistung aus.

Kalt erwischt: Im Jahr 2020 wird ein 76-jähriger Mann in der Antarktis nach schwerem Schlaganfall ausgeschifft und per Ambulanzjet nach Deutschland geflogen.

Ab 1998 kümmert sich der Aero-Dienst um die Jets

© Tilman Weishart 2016

Der ADAC-Ambulanzdienst steigt zum wichtigsten Krankentransporteur Europas auf, mit damals, Ende der Neunzigerjahre rund 7.000 zurückgelegten Flugstunden und der Rückholung von mehr als 1.400 Patienten pro Jahr weltweit. Die Aero-Dienst GmbH gehört ab 1998 zum ADAC und ist verantwortlich für Betrieb und Wartung der Ambulanzflugzeuge.

Ambulanzflugzeuge im Dienst der „Gelben Flotte“



1999

Indienstnahme eines Flugzeugs Typ Hawker 125-1000B

2001

Anschaffungen der Flugzeuge Typ Learjet 31A und Typ Beechcraft King Air 350

2004

Verkauf der Hawker 125-1000B und des Learjets 31A; Anschaffung des Ambulanzjets Dornier 328 Jet mit bis zu 10 Patienten Kapazität

2005

Anschaffung eines weiteren Ambulanzjets Dornier 328 Jet

2015

Anschaffung des Ambulanzjets Typ Learjet 60XR

2016

Verkauf der Beechcraft nach 18.490 Flugstunden in die USA; Anschaffung einer neuen Beechcraft King Air 350.

Die Ambulanzjet-Flotte bestehend aus vier Flugzeugen ist erstmals einheitlich im ADAC-Gelb unterwegs.


2017

Die Beechcraft King Air 350 wird mit neuem medizinischen Equipment ausgerüstet.

2021

Verkauf der Beechcraft King Air 350

2022

Anschaffung eines zweiten Learjet 60 XR

Seit 2002 hilft das Case-Management weiter

Als zusätzlicher, neuer Bereich bearbeitet nun das Case-Management pro Jahr ca. 11.000 Fälle im ADAC-Unfallschutz, Privatschutz sowie im Auslandskrankenschutz mit der Leistungsergänzung „REHA-Beratung nach Krankenrücktransport“. Je nach Beratungsfall ist oft über einen längeren Zeitraum eine intensive Begleitung mit Hinweisen zur Rehabilitation und physiotherapeutischen Maßnahmen nötig. Das Case-Management gibt Tipps und Infos zum Heilungsverlauf und bietet notfallpsychologische Unterstützung an. Die Begleitung durch die Betreuer im Case-Management erstreckt sich von einmaligen Tipps und Informationen nach dem Unfall bis hin zur Hilfeleistung über mehrere Jahre hinweg.

1977 bis 2021: Blick auf eine eindrucksvolle Statistik

Jahr

Betreuung

(Anzahl Patienten)

Rücktransport

(Anzahl Patienten)

1980-1989

37.286


1990-1999

122.852


2000-2009

367.366


2010-2019

532.050

137.300

2020

24.086

5.623

2021

28.392

5.412

(Werte teils gerundet; *Anzahl Boden- und Lufttransporte dokumentiert ab 2003)

Covid-19 - ganz besondere Herausforderungen seit 2020

© ADAC SE/ Holger Pfister

Der ADAC Ambulanz-Service wird seit Ausbruch der Pandemie mit immer wieder unterschiedlichen und sich stets verändernden nationalen und internationalen Hygienevorschriften und Quarantäneregeln und vor allem zu Beginn mit begrenzten Kapazitäten in den Krankenhäusern konfrontiert. Die Mitarbeitenden, Flug- und medizinisches Personal, müssen bestmöglich geschützt werden. Gleichzeitig ist der ADAC auch in diesen schweren Zeiten für seine Versicherten da, selbst wenn Leistungen nicht mehr zu den gewohnten Bedingungen oder der gewünschten Geschwindigkeit erbracht werden können. Alles in allem kommt es durch die stark verringerten Reiseaktivitäten der Versicherten 2020 zu einer Reduzierung der Fallzahlen. Diese Einsparungen gibt die ADAC Versicherung AG an die Inhaber von ca. 3,8 Millionen Policen im Zuge von Beitragserstattungen zurück.

50 Jahre Hilfe, die ankommt

© ADAC Ambulanz-Service

Die Welt im steten Wandel, Reisen mit immer neuen Herausforderungen und Ereignissen, doch am Ende bleibt: Es zählen nicht die Zahlen, sondern das unvoreingenommene Engagement eines jeden Mitarbeitenden, der in die Organisation eingebunden ist. Kuriose Ereignisse begleiten genauso wie erschütternde das Wirken im ADAC Ambulanz-Service. Doch unser Leistungswille und Leistungsvermögen zahlen sich letztlich aus.

Wir nennen es: Hilfe, die ankommt.