„Die Liebe kam erst spät, und für mich völlig überraschend!“

Florian Werner, 1971 in Berlin geboren, schreibt erzählende Sachbücher und Prosa, lehrt an verschiedenen Hochschulen und arbeitet für den Hörfunk.© Christian Werner

Autor Florian Werner über seine Liebe zu deutschen Raststätten

Wir haben Florian Werner über sein neuestes Buch „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“ gesprochen und erfahren, welche besonderen Menschen dort ihren Alltag verbringen und was diese doch eher ungeliebten Orte, so liebenswert macht.

  • Wie haben Sie Ihre Liebe zu Raststätten entdeckt?
    Ehrlich gesagt: Die Liebe kam erst spät, und für mich völlig überraschend! Ich besitze eigentlich gar kein Auto, ich bin eher passionierter Radfahrer und Wanderer. Ursprünglich hatte ich vor ein Wanderbuch zu schreiben, und wollte dafür die längste deutsche Autobahn entlanglaufen: die A 7 von Flensburg bis Füssen, einmal Deutschland von Nord nach Süd. Aber je länger ich auf die Landkarte schaute, desto klarer wurde mir, dass das eine Schnapsidee ist. Und da fiel mein Blick plötzlich auf die Raststätte Garbsen Nord, ziemlich genau in der verkehrstechnischen Mitte von Deutschland, wo die A 2 und die A 7 sich kreuzen, ein paar Zentimeter nordwestlich von Hannover … und ich fragte mich: Wie wäre es, wenn ich auf das Wandern verzichte und gleich zur Rast übergehe? In dem Moment war es um mich geschehen.

  • Was ist an einer Raststätte „liebenswürdig“? Sie hat ja doch eher einen schlechten Ruf.
    Ich finde, das Objekt der Begierde darf es einem auch nicht allzu leicht machen: Eine duftende Blumenwiese im Sommer kann ja jeder lieben, das ist keine Kunst – um sich in eine Raststätte zu vergucken, muss man sich schon ein bisschen bemühen … Aber mal ganz ernsthaft: Raststätten sind einfach faszinierende Orte. Man erfährt dort mehr über Geschichte, Politik, Ökonomie und Philosophie, aber auch über gesellschaftliche Fragen wie das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre als an jedem anderen mir bekannten Ort. Die deutschen Autobahnraststätten haben mehr Besucher als das Brandenburger Tor, der Kölner Dom und das Oktoberfest zusammen. In einer bekennenden Autofahrernation wie der unseren sind sie die wichtigsten Bauwerke überhaupt.

  • Sie haben mit vielen Menschen gesprochen, die an Raststätten arbeiten. Was würden Sie sagen, macht den Alltag auf einer Raststätte aus und für die Menschen dort reizvoll?
    Das bestimmende Moment ist sicher, dass man, wenn man dort arbeitet, die Menschen kommen und gehen sieht: LKW-Fahrer, Familien auf dem Weg in den Urlaub, Geschäftsleute auf der Durchreise - dass man selbst aber bleibt. Der Pächter von Garbsen Nord ist tatsächlich dort auf der Raststätte aufgewachsen, er hat auf dem Parkplatz Fahrradfahren gelernt und in der Spielecke des Rasthauses seine Hausaufgaben gemacht. Und er hat mir erzählt, dass das für ihn eine prägende Erfahrung war, dass die Spielkameraden eben jede halbe Stunde wechseln. Am Berührendsten war aber meine Begegnung mit dem örtlichen Flaschensammler: Der Mann ist achtzig Jahre alt und kommt jeden Tag mit einem klapprigen Damenfahrrad auf diese Raststätte gefahren, um mit dem Pfand seine Rente aufzubessern. Er kennt Garbsen Nord wahrscheinlich besser als irgendwer sonst, er weiß ganz genau, wer was wegwirft und warum, er hat gewissermaßen die Graswurzelperspektive auf diesen Ort.

  • Ihr Buch hat ja auch einen investigativen Charakter, gibt es etwas, dass Sie über Raststätten herausgefunden haben? Was hat Sie besonders überrascht?
    Ich habe einen guten halben Tag damit zugebracht, das gesamte Raststättenareal mit einem Botaniker abzuwandern und alle wild wachsenden Pflanzen zu identifizieren. Und, was soll ich sagen: Wir haben insgesamt 260 verschiedene Arten gefunden! Diese Vielfalt hat mich umgehauen. Manchmal kommen die Samen dieser Pflanzen im Reifenprofil von Lastwagen mitgereist, manchmal waren sie vermutlich in Kies oder Sand enthalten, der dort verbaut wurde - die Pflanzen, die jetzt dort heimisch sind, erzählen also auch etwas über Mobilität und die internationalen Verkehrswege. Ich hatte immer gedacht, eine Raststätte sei eine einzige Asphaltbrache — aber in Wirklichkeit ist sie artenreicher als jede Blumenwiese.

  • Könnten Sie kurz und knapp beschreiben, was die Leser Ihres Buches erwartet?
    Eine wilde Fahrt durch die verschiedenen Welten, die sich auf so einer Raststätte begegnen. Und auch eine literarische Rallye, es kommt ja sogar ein Liebes-Sonett drin vor. Die Angebetete ist natürlich eine Raststätte.

Die deutschen Raststätten haben mehr Besucher als der Kölner Dom, das Brandenburger Tor und das Oktoberfest zusammen. Gerade in einer Autofahrernation wie der unseren sind sie die wichtigsten Bauwerke überhaupt.

Florian Werner

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Die Raststätte. Eine Liebeserklärung© Hanser Berlin

Florian Werner
Die Raststätte. Eine Liebeserklärung
Hanser Berlin, 2021
192 Seiten, 22 Euro

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Datenschutz und Teilnahmebedingungen Gewinnspiel „Raststätten Baden-Württemberg“
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