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Der ADAC

Pendler auf Pedalen

Radfahrer Matthes Heise auf seinem täglichen Arbeitsweg bei Rheinbach in der Voreifel
© ADAC Nordrhein/Christopher Köster

Das Fahrrad ist eine umweltfreundliche Alternative zum Auto. Doch wie gut funktioniert Radpendeln in NRW? Und was tut das Land für die Radinfrastruktur?

Auf den Feierabendverkehr hat Matthes Heise einfach keine Lust. Nicht als Autofahrer, nicht als Radfahrer. Und deshalb biegt er bei der ersten Gelegenheit rechts ab, schaltet zweimal runter, klack, klack, und strampelt auf einem einsamen Feldweg der untergehenden Sonne entgegen. Es geht bergauf, aber Matthes ist glücklich. Denn mehr Idylle beim Arbeitsweg geht nicht. “Ich fühle mich ausgeglichener. Das ist es, warum ich so gerne Rad fahre.”

Matthes, 39, wohnt in Todenfeld bei Rheinbach. Voreifel, noch hinter Bonn, fast in Rheinland-Pfalz. Matthes’ Heimat ist so ländlich, hügelig und fernab von den Ballungsgebieten Nordrhein-Westfalens, dass es oft heißt, hier gebe es keine Alternative zum Auto, hier seien die Menschen auf den Pkw angewiesen. Auch Matthes mag Autos, dennoch hat er vor zwei Jahren einen radikalen Schnitt gemacht. “Ich bin komplett aufs Rad umgestiegen. Im ersten Jahr hatte ich sogar mein Auto abgemeldet”, sagt er. Für seinen Job braucht Matthes sein Auto zurzeit doch hin und wieder, trotzdem versucht er bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu fahren.

Dafür zieht er sich morgens warm an, gepolsterte Radhose, rote Jacke, Radschuhe mit Überzug und neongelber Rucksack. Er schnappt sich eines seiner drei Räder und fährt zehn Kilometer zur Arbeit, knapp hinter die Landesgrenze von Rheinland-Pfalz. Matthes ist Versandleiter bei einem örtlichen Mittelständler und kommt stets frisch zur Arbeit. “Morgens geht’s bergab, das ist sehr praktisch.” Abends gibt er dann Gas, er liebt die Hügel und die Anstiege in seiner Heimat, dreht gerne auch mal eine Extrarunde. Nur einen Streckenabschnitt mag er nicht: da könnte er eigentlich zügig auf der Landstraße fahren, doch die ist ihm zu gefährlich. “Zu viele Autos, zu nah am Radfahrer. Da fühle ich mich einfach nicht sicher.” Knapp zwei Minuten wartet er auf eine Lücke im Verkehr, dann überquert er die Straße und fährt rechts ab auf den Feldweg.

Entspannt mit dem Rad durchs Ruhrgebiet

Gut 130 Kilometer nördlich von Rheinbach, im Zentrum von Bochum, ist der Verkehr ein anderer. Hier, neben Autos, Rollern, Bussen und Bahnen, fährt Anke Preuss. Es ist Freitagnachmittag, gerade hat die 41-Jährige Feierabend. Die Straßen sind voll. In neonpinker Jacke überquert sie mit ihrem Pedelec eine große Kreuzung auf dem schmalen Radstreifen. Im Sekundentakt überholen sie Autos, vom Sturm heruntergefallene Äste liegen am Straßenrand und fordern Ankes volle Konzentration. “Es ist schon etwas haarig”, sagt die Buchhalterin. “Besonders, wenn ich geradeaus fahre und Autofahrer rechts abbiegen wollen. Da muss ich wahnsinnig aufpassen.”

Viel Verkehr und viel Stress – diese Probleme hat Anke nur auf einem kleinen Stück ihres Arbeitsweges. Jeden Tag pendelt sie von Essen nach Bochum, rund 30 Minuten Fahrt, gut sieben Kilometer Strecke. Fünf davon fährt sie auf der Springorum-Trasse, ein zehn Kilometer langer Rad- und Wanderweg zwischen der Bochumer Innenstadt und Bochum-Dahlhausen. Von dort sind es nur noch wenige hundert Meter bis nach Essen-Burgaltendorf, Ankes Heimat. “Seit der Springorum-Weg fertig ist, fahre ich mit dem Rad. Nur Fahrradfahrer und Fußgänger sind hier unterwegs - es ist wirklich sehr angenehm”, berichtet Anke.
Auch wenn sie manchmal etwas “zerzaust” auf der Arbeit ankomme, so gut wie nach einer Tour mit dem Rad fühle sie sich nach einer Fahrt mit dem Auto nicht. Dabei ist Anke kein Auto-Gegner. Ganz im Gegenteil. Auch auf vier Rädern ist die Essenerin gerne unterwegs. Trotzdem setzt sie auf einen Mobilitäts-Mix: manchmal Fahrrad, manchmal Auto.

Land und Kommunen wollen den Radverkehr signifikant erhöhen

Damit zukünftig mehr Menschen ihr Auto öfter mal stehen lassen und aufs Rad setzen, planen zahlreiche Städte in NRW, die Radinfrastruktur zu verbessern, zum Beispiel Essen. Ein ganzes Paket an Maßnahmen soll das Fahrradfahren in der Ruhrmetropole sicherer machen. Im September 2020 geht zunächst die neue Umweltspur in Betrieb. Sie soll an einigen Stellen so breit sein, dass Radfahrer problemlos neben Bussen fahren können, an Kreuzungen haben sie immer zuerst Grün. Zudem plant die Stadt Fahrradstraßen, auf denen Radfahrer in der Mitte der jeweiligen Spur fahren dürfen. Eine “Protected Bike Lane” – eine Spur, die mit einer 81 Zentimeter hohen Betonleitwand vom Rest der Straße getrennt ist – soll Radfahrer zusätzlich schützen. Langfristig will Essen den Radverkehrsanteil auf 25 Prozent steigern. Aktuell liegt er bei gerade mal acht Prozent.

Bei der Planung neuer Verkehrswege und beim Umbau im Bestand wird der Radverkehr optimiert und von Beginn an mitgedacht.

Wie in Essen planen viele NRW-Kommunen, mehr für den Radverkehr zu tun. Doch die Betonung liegt häufig auf “planen”. Denn an der Umsetzung scheitern viele Projekte. Wie lang der Weg von der Idee über die Planung bis zum Radweg ist, zeigt der Stand beim RS1, dem Radschnellweg durchs Ruhrgebiet. 101 Kilometer, von Duisburg bis nach Hamm – so startete die Planung 2012. Davon fertiggestellt sind gerade einmal 13 Kilometer und das nicht am Stück, sondern in einzelnen Teilen. Der RS1 ist noch ein unfertiger Flickenteppich. Statt in diesem Jahr soll der gesamte RS1 nun 2027 fertig sein.

“Der Bau von Radwegen scheitert nicht am Geld von Bund und Land, sondern in den Kommunen und Kreisen”, sagt Michael Kleine-Möllhoff vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in NRW. “In den Städten gibt es kaum Planer, die Förderanträge stellen oder Projekte begleiten können. Für den Radverkehr braucht es dringend eine eigenständige Verkehrsplanung.” Weil es auf städtischer Ebene stockt, nehmen Bürger die Förderung des Radverkehrs vielerorts selbst in die Hand und kämpfen für bessere Radwege, Abstellmöglichkeiten sowie mehr Planer: In Aachen haben mehr als 38.000 Bürger für einen Radentscheid unterschrieben (benötigt wurden 8000), die Initiative für den Essener Radentscheid sammelt gerade und hofft auf 15.000 Unterschriften. Weitere Initiativen gibt es in Bielefeld, Bonn, Bochum oder Marl. Unterschreiben genügend Bürger, muss der Stadtrat sich mit den Forderungen beschäftigen oder in der Stadt einen Bürgerentscheid durchführen.

Neues Fahrradgesetz soll NRW nach vorne bringen

Dass Initiativen etwas bewirken können, hat jüngst “Aufbruch Fahrrad” gezeigt. Nach 207.000 gesammelten Unterschriften in NRW folgte die Landesregierung der Forderung der Initiative und stimmte im Dezember 2019 für ein Fahrradgesetz. „Wir sehen die große Chance, als erstes Flächenland ein Gesetz zu erarbeiten, das den Radverkehr voranbringen und Nordrhein-Westfalen als Fahrradland stärken wird“, sagt NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst. Unterstützung bekommt das Verkehrsministerium dabei von der Expertise des ADAC Nordrhein: Ein Beirat, in dem auch die ADAC-Verkehrsexperten sitzen, arbeitet aktuell an einem Gesetzesentwurf.

Zudem gibt es reichlich Geld vom Bund. Um möglichst viel aus dem 900 Millionen Euro schweren Fördertopf zu bekommen, braucht es von NRW-Minister Wüst nun planungsreife Vorhaben. Dann könnte ein deutlich höheres Budget in das Radnetz fließen als zuletzt: Fast 1,5 Milliarden Euro hat das Land NRW im vergangenen Jahr für Straßenbau ausgegeben, davon flossen aber nur 47 Millionen Euro in den Bau von Radwegen. „Eine sichere Radinfrastruktur ist die Voraussetzung dafür, dass mehr Menschen aufs Fahrrad steigen”, sagt ADAC-Verkehrsexperte Prof. Dr. Roman Suthold. “Ein paar weiße Striche auf der Straße sind noch lange kein vernünftiger Radweg.”

Damit das gelingt, hat Straßen.NRW das Personal bereits aufgestockt: Anfang des Jahres installierte der Landesbetrieb acht Radverkehrsbeauftragte in den landesweiten Niederlassungen. “Wir wollen bei diesem Thema künftig noch enger mit Kommunen, Verbänden oder den Initiatoren von Bürgerradwegeprojekten zusammenarbeiten”, sagt Straßen.NRW-Direktor Dr. Sascha Kaiser. Wenn wir die Radinfrastruktur ausbauen wollen, müssen alle an einem Strang ziehen.”

Im Münsterland rollt’s

Als Vorbild für funktionierenden Radverkehr wird meist Münster genannt, die “Fahrradhauptstadt” Deutschlands. Doch auch in anderen Kommunen läuft es gut. Bocholt wurde vom ADFC bereits sechsmal als fahrradfreundlichste Mittelstadt (50.000 bis 100.000 Einwohner) ausgezeichnet. "Darüber freuen wir uns immer sehr, aber das ist natürlich auch ein Auftrag für uns”, sagt Daniel Zöhler, Bau- und Umweltdezernent der Stadt. 213 Kilometer Radwege gibt es im Stadtgebiet, der Anteil des Radverkehrs am Straßenverkehr beträgt 39 Prozent.

Doch warum ist das so? “Mit der Nähe zu den Niederlanden ist Bocholt traditionell eine Fahrradstadt. Bei der Planung neuer Verkehrswege und beim Umbau im Bestand wird der Radverkehr optimiert und von Beginn an mitgedacht”, sagt Zöhler. Entsprechend groß sind die Kompetenzen in der Stadtverwaltung. Neue Siedlungen werden so geplant, dass Straßen und Wege für Radfahrer und Fußgänger optimiert sind. Tempo-30-Zonen, für Radfahrer in beide Richtungen befahrbare Einbahnstraßen, Radwege an Hauptverkehrsstraßen sowie selbständige Rad- und Gehwege: Das alles macht Fahrzeiten mit dem Rad im Stadtverkehr oft kürzer als mit dem Auto. Das macht das Rad für viele Bocholter so attraktiv. “Künftig wollen wir Qualitätsmängel beheben, beispielsweise durch mehr Abstellmöglichkeiten, und dadurch die Verknüpfung von Rad- und Bahnverkehr verbessern”, kündigt Zöhler an.

Noch konsequenter als die Bocholter machen es die Nachbarn aus den Niederlanden. Hier ist das Fahrrad fester Bestandteil des Lebens, hier entstehen auch die spektakulärsten Fahrradprojekte. Ein Beispiel: der Fahrradkreisel von Eindhoven, der aufgehängt an einem 70-Meter-Pylon über der Straße “schwebt”. Oder das weltgrößte Fahrradparkhaus in Utrecht, das 12.500 Stellplätze bietet. Zum Vergleich: Ins Fahrradparkhaus in Münster passen 3300 Räder.

Zurück nach Todenfeld bei Rheinbach. Matthes hat drei Räder. Die passen locker in seine Garage. Neben seinem Crosser, einer Mischung aus Rennrad und Mountainbike, besitzt er noch ein Fully und ein Hardtail, also ein vollgefedertes sowie ein nur vorne gefedertes Mountainbike. “Je nach Lust und Laune wähle ich”, sagt er. Und dann fährt er noch einen letzten Berg hoch bis nach Hause, stellt seinen Rucksack ab und geht noch mal raus: Rad fahren.

Laura Harlos
Redakteurin ADAC Nordrhein
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Christopher Köster
Redakteur ADAC Nordrhein
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