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NRW-Staubilanz 2019: "Ein staufreies Nordrhein-Westfalen wird es nicht geben."

Mobilitätsexperte Prof. Dr. Roman Suthold beobachtet den Kölner Stadtverkehr
Mobilitätsexperte Prof. Dr. Roman Suthold beobachtet den Stadtverkehr in Köln. ∙ © ADAC Nordrhein/Christopher Köster

Nordrhein-Westfalen ist erneut Stauland Nummer eins. Mobilitätsexperte Prof. Dr. Roman Suthold erklärt, warum es in NRW so viel Stau gibt, was dagegen getan werden kann und wie man das Rad oder den ÖPNV als Alternative zum Auto attraktiver machen kann.

Die Staubelastung auf Autobahnen und in den Ballungsräumen Nordrhein-Westfalens steigt seit Jahren an, Radiosender melden teilweise nur noch Staus mit mehr als zehn Kilometern Länge. Allein 36 Prozent der gesamten Staumeldungen sind 2019 auf NRW-Autobahnen angefallen, damit ist Nordrhein-Westfalen weiterhin Stauland Nummer eins (zur NRW-Staubilanz 2019).

Die hohe Staubelastung ist kein Wunder, denn wir erleben seit einem Jahrzehnt ein enormes Wirtschaftswachstum. Dies hat immer auch Verkehrswachstum zur Folge. In Nordrhein-Westfalen bekommen wir dies besonders zu spüren.

Steckbrief Prof. Dr. Roman Suthold

Prof. Dr. Roman Suthold (48) ist seit 2004 beim ADAC und seit 2006 Leiter des Fachbereichs „Verkehr und Umwelt“ beim ADAC Nordrhein. Der gebürtige Kölner lehrt zudem als Honorarprofessor an der Hochschule Fresenius (Köln) zum Thema „Mobilitätsmanagement“ und ist als Lehrbeauftragter an der Hochschule Bochum („Verkehrssysteme und -konzepte“) tätig. Seine Spezialgebiete sind Mobilität in Ballungsräumen, kommunale Verkehrsplanung und Digitalisierung im Mobilitätsbereich.

Hierzu kommt – zumindest in Westdeutschland – ein jahrzehntelanger Investitionsstau, der sich in maroden Brücken wie an der A 1 in Leverkusen manifestiert. Wir hatten lange ein Erkenntnisproblem auf politischer Ebene. Mit einem Investitionshochlauf seit 2016 versucht die Politik, dies zu beheben. So ist die Zahl der gemeldeten Autobahnbaustellen in NRW allein in 2019 um mehr als 20 Prozent angestiegen. Kehrseite der Medaille: „Bauzeit ist Stauzeit“. Die Folge ist erst einmal noch mehr Stau. Da helfen auch keine vollmundigen Wahlversprechen der Politik für „weniger Staus“ zu sorgen. Bis 2030 soll eine Rekordsumme von 40 bis 50 Milliarden Euro in NRW verbaut werden.

Dazu wurde das Baustellenmanagement in den vergangenen Jahren kontinuierlich optimiert und es wurden zusätzliche Planer, Techniker und Ingenieure eingestellt. Diese Bemühungen sorgten 2019 zwar für einen leichten Rückgang der Staumeldungen um vier Prozent in NRW – die Gesamtdauer der gemeldeten Störungen stieg allerdings um gut zehn Prozent! Insofern können Entlastungseffekte allenfalls punktuell wahrgenommen werden.

Ein staufreies Nordrhein-Westfalen wird es nicht geben

Hinzu kommt, dass sich die Messmethoden für die Stauerfassung in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert haben und es keine einheitliche Definition für „Stau“ gibt, Methodik und Datenbasis unterschiedlich sind. Beim Vergleich der verschiedenen Stauzahlen von ADAC und Straßen.NRW kommt es daher im Zweifel zu einem Vergleich von „Äpfeln mit Birnen“. Dies sorgt in der öffentlichen Diskussion für Verwirrung. Den betroffenen Autofahrer interessiert diese wissenschaftliche Diskussion um die genaue Höhe der gezählten Staus auf unseren Straßen aber nicht. Er will vielmehr wissen, wann die Baustelle auf seiner Pendlerstrecke endlich fertig wird.

Geben wir uns keiner Illusion hin: Ein staufreies Nordrhein-Westfalen wird es nicht geben! Aber es gibt viele Stellschrauben, die zu einer besseren Abwicklung der hohen Verkehrsmengen in NRW beitragen können. Denn allzu oft stellt man sich als Autofahrer die Frage: „Warum arbeitet hier denn keiner?“

Der Pendlerverkehr könnte theoretisch um 20 Prozent gesenkt werden, wenn jeder Arbeitnehmer einen Tag in der Woche von zu Hause aus arbeitet.

Welche Lösungsansätze gibt es? Klar ist, dass das Baustellenmanagement noch weiter optimiert werden muss. Insbesondere ist hierbei die institutionenübergreifende und interkommunale Zusammenarbeit gefragt. Es muss allen Bauträgern klar sein, wann und wo wer baut. Nur so können Parallelbaustellen auf Ausweichrouten vermieden werden. Gute Erfahrungen konnten auch mit Bonus-Malus-Regelungen zur Verkürzung von Bauzeiten erzielt werden. Ein viel geforderter 24-Stunden-Betrieb von Autobahnbaustellen ist in einem so dicht besiedelten Bundesland wie Nordrhein-Westfalen aus Lärmschutzgründen schwer zu realisieren. Eine bessere Ausnutzung von Tageslicht in den Sommermonaten ist aber sicherlich noch möglich.

Weitere Potentiale zur Staureduzierung bergen die Ausweitung von Home Office und Gleitzeit. Sie sorgen für eine Entzerrung der Pendlerströme zu den Hauptverkehrszeiten in den Ballungsräumen. Theoretisch könnte der Pendlerverkehr um 20 Prozent gesenkt werden, wenn jeder Arbeitnehmer einen Tag in der Woche von zu Hause aus arbeitet.

Der ÖPNV muss einfacher, verständlicher und günstiger werden

Auch ein attraktiverer Öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV) ist dringend nötig, denn nur bei günstigen und bequemen Alternativen steigen Autofahrer auch um. Die Tarife laden aber leider nicht zum Umstieg vom Auto auf die Bahn ein. Wer in den NRW-Metropolen mit dem ÖPNV unterwegs ist, muss im Vergleich zu anderen Bundesländern bis zu 78 Prozent mehr zahlen. Ein einfacheres und verständliches System mit weniger Preisstufen und günstigeren Ticketpreisen ist längst überfällig. Entscheidend wird aber sein, ob sich die verschiedenen Verkehrsverbünde in Nordrhein-Westfalen auf ein gemeinsames Tarifsystem einigen können. Außerdem sind die Züge zu den Hauptverkehrszeiten genau so voll wie die Straßen.

Zusätzliche P+R-Anlagen an attraktiven Standorten müssen am Stadtrand für einen besseren Umstieg vom Auto auf den ÖPNV sorgen und neue Mitfahrparkplätze an Autobahnkreuzen können mehr Fahrgemeinschaften zur Arbeit fördern. Leider hat man in NRW zu lange mit der Realisierung des Rhein-Ruhr-Express - als schnelle Pendler-Verbindung zwischen Ruhrgebiet und Rheinland - gewartet. Jetzt drängt die Zeit.

Mängel im Straßenverkehr melden: Die ADAC App "Läuft's"

Tiefe Schlaglöcher, unlesbare Straßenschilder, unverständliche Ampelschaltungen oder fehlende Fahrbahnmarkierungen: Mit der ADAC App "Läuft's" können Sie all dies ganz unkompliziert melden. Ihr ADAC in NRW gibt die Meldung umgehend an die zuständige Behörde weiter, damit die Mängel behoben werden können.

Laden Sie sich "Läuft's" kostenfrei im Google-Play- oder Apple Store herunter.

Die Umsetzung des Radschnellwegs Ruhr (RS 1) kommt leider nur schleppend voran, obwohl auch hier erhebliche Verlagerungspotentiale vom Auto auf das Rad entlang der Stau-Autobahn A 40 schlummern. Auch hier muss schnell etwas passieren. Umso wichtiger ist die Realisierung des geplanten Fahrradgesetz NRW, um eine schnellere Realisierung von Radschnellwegen möglich zu machen.

Langfristig brauchen wir eine integrierte Verkehrs- und Stadtplanung, um die wachsenden Pendlerströme nicht weiter zu verstärken. Neue Wohngebiete sollten nur entlang der Hauptachsen des Öffentlichen Nahverkehrs angesiedelt werden. In Innenstädten muss man neue Planungsansätze zur Verkehrsvermeidung realisieren. Ansätze hierfür finden sich beispielsweise in Barcelona, Wien, London, Zürich, Stockholm und Kopenhagen. Klar ist aber auch: Es gibt kein Patentrezept. Jede Region und Kommune muss sich ihre eigene Lösung erarbeiten. Hierzu braucht es mutige Entscheidungen auf allen Ebenen.

Prof. Dr. Roman Suthold
Leiter Verkehr und Umwelt ADAC Nordrhein
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