Sicher & Mobil

Pendler im Dauerstress

Die Zahl der Menschen, die täglich lange Strecken zur Arbeit zurücklegen, erreicht immer neue Rekordwerte. Wie kommt man mit Stress, Stau und Zeitmangel klar? Drei Pendler erzählen. Plus: die besten Tipps für einen entspannteren Alltag

Die Meldung sorgte für Schlagzeilen: 18,4 Millionen Menschen in Deutschland sind Pendler, gab das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung Ende Juli bekannt – so viel wie nie zuvor. Umgerechnet 59,4 Prozent aller Beschäftigten „müssen vom Wohnort zur Arbeit in eine andere Gemeinde fahren“, wie die offizielle Pendler-Definition lautet. Im Vergleich zu 2015 ist das ein Anstieg um zwei Prozent, ebenfalls ein neuer Rekordwert. Tendenz: steigend.

Teurer Wohnraum, großer Druck in der Arbeitswelt

Inzwischen ist erwiesen, dass die gesundheitlichen Risiken für Auto- und Bahnpendler ab 30 Minuten Fahrzeit steigen. Die häufigsten Beschwerden: Schlafstörungen, Bluthochdruck, Rücken- und Kopfschmerzen. Doch auch wenn es heute schon einen Großteil der Betroffenen deutlich belastet, ihre Gesundheit und Psyche beeinträchtigt und die Kapazitäten von Straßen und Schienen schier zu sprengen scheint: Pendeln wird, allen Prognosen zufolge, zu einem noch größeren Massenphänomen. Fehlender oder zu teurer Wohnraum in den Ballungsgebieten und der Druck, sich in der Arbeitswelt möglichst flexibel zu präsentieren, lassen die Pendler-Zahlen ebenso stetig anwachsen wie die Entfernungen, die zu bewältigen sind: Betrug die durchschnittliche Pendel-Entfernung 1999 bei uns noch 14,59 km, waren es im vergangenen Jahr 16,91 km.

Das ewige Hin und Her zwischen Wohn- und Produktionsstandorten, die drangvolle Enge in Regionalzügen und auf Park & Ride-Plätzen, der Hochbetrieb auf Umgehungsstraßen und Umsteigebahnhöfen – das alles wird unseren Alltag immer stärker beeinflussen: unsere Arbeit, unsere Regeneration und, natürlich, unsere Mobilität. Wir stellen drei Pendler und ihre Modelle vor, präsentieren Perspektiven und Tipps, die den Pendler-Alltag leichter machen.

Die Bahnpendlerin

Meeting um 9.30 Uhr, dann weitere Jobtermine und nach Feierabend das Gespräch mit der Motorwelt – Christina Deinhardts Arbeitstag in München ist perfekt durchgeplant. Doch schon um sieben Uhr morgens weiß die Social-Media- und Content-­Managerin der Fachzeitschrift Elektronik, dass nichts davon so stattfinden kann: Pünktlich mit der U-Bahn am Nürnberger Hauptbahnhof eingetroffen, entdeckt sie eine Ausfallmeldung für den ICE nach München – was bedeutet, dass sie dort die S-Bahn ins Büro und damit die Konferenz verpassen wird. „Dank der Bahn kommt es heute zu einem spontanen Home-Office-Tag“, mailt sie, wieder zu Hause, der ­Motorwelt-Redaktion: Ob man statt des Interviews vielleicht erst mal telefonieren könne?

Galgenhumor und Improvisationstalent – diese beiden Eigenschaften kann Christina Deinhardt gut gebrauchen. Die 32-Jährige fährt täglich von Nürnberg-Schweinau nach München-Haar und zurück – einfach sind das 160 Kilometer oder rund zwei Stunden Lebenszeit. Ihr macht vor allem der Schlafmangel zu schaffen – und Sonntagabend hin und wieder Migräne, „Entspannungsmigräne“, meint sie. Die Nürnberg-München-Fahrerin besitzt eine Bahncard 100, könnte also auch in ihrer Freizeit durchaus kostenlos kreuz und quer durch Deutschland reisen. Doch das macht sie inzwischen eher selten. „Zusätzlich Bahn fahren ist manchmal einfach zu viel.“ Die freien Tage nicht überfrachten, empfiehlt sie daher – und die Arbeitstage gut vorbereiten. „Netflix, Kindle, Jobdokumente: Was ich im Zug brauche, lade ich schon zu Hause runter, dann können mich WLAN-Probleme nicht stressen.“

Was sie sich auf ihren Pendel-Wegen wünscht? „Mehr Rücksichtnahme von Gelegenheitsreisenden, die mit ihren viel zu schweren Koffern Gänge und Sitze blockieren. Bei Störungen und Ausfällen mehr Infos von der Bahn. Und mehr Verständnis für die Pendler-Situation – etwa bei der Diskussion um die Ladenöffnungszeiten!“

Das Auto: noch immer Pendlers Liebling

Auch wenn Christina Deinhardt sich angesichts überfüllter Abteile und Bahnsteige vermutlich nicht so fühlt: Als Bahnreisende zum Arbeitsplatz gehört sie einer Minderheit an. Denn immer noch ist das Auto das Pendler-Verkehrsmittel Nummer Eins. Zwar sorgte „Der Mann, der zur Arbeit die Isar entlangschwimmt“ in diesem Sommer in der deutschen Pendler-Hauptstadt München (täglich strömen über 365 000 Beschäftigte dorthin) für obige Schlagzeile; und unter dem coolen Stichwort „Intermodalität“ diskutieren Zukunftsplaner die Kombination von Bus und Bahn mit individuellen mobilen Untersätzen wie Klapptretrollern oder Leihbikes – doch solche alternativen Transportmodelle sind (noch) die Ausnahme.

Die Statistik zeigt: Im vergangenen Jahr fuhren 68 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland mit dem Pkw zum Arbeitsplatz, bei Strecken von 25 bis 50 Kilometern sogar mehr als 84 Prozent. Und dies taten und tun sie in den meisten Fällen allein. Einer aktuellen Berechnung des ADAC Mitfahrclubs zufolge ist ein privater Pkw durchschnittlich mit gerade mal 1,18 Personen besetzt. „Angesichts der Abermillionen Autopendler lässt sich aus den restlichen freien Plätzen ein beachtliches Potenzial ableiten“, sagt Mitfahrclub-Manager Christian Hafensteiner, der mit diesem Hinweis auch für ein neues ADAC Projekt wirbt: Der Club unterstützt Kommunen und öffentliche Einrichtungen, die unter ihrem Internetauftritt ein regionales Pendler-Netz anbieten wollen, mit kostenlosen Lösungen.

Straßen entlasten, Parkraum sparen, Abgasausstoß reduzieren: Die Vorteile von Fahrgemeinschaften liegen deutlich auf der Hand. Warum nur fällt es dann so schwer, sich mit anderen Leuten in einen Wagen zu setzen? Es scheint, als stecke die Sharing-Kultur, die sich in so vielen Bereichen des Alltags etabliert 
hat, hier noch in den Anfängen. „Momentan empfinden viele ihr Auto als sehr privaten Raum“, sagt ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn, „einen Ort, den sie nicht so gern mit anderen teilen: Hier möchte man seinen Fahrstil pflegen, seine Musik hören …“ 

Der Autopendler

Als Pendler unterwegs: Motorwelt-Bericht aus der Rubrik Sicherheit und Mobilität

Nach zwei Jahren mit Bus und Bahn hat Daniel Schuster „entnervt aufgegeben: Bei zwei von fünf Fahrten hatten wir Verspätung, sodass die Anschlüsse futsch waren.“ Jetzt nimmt der 32-Jährige, der in der Kommunikationsabteilung von Audi Sport arbeitet, die mehr als 90 Kilometer zwischen seinem Haus in München-Allach und Neuburg an der Donau mit seinem Audi RS3 in Angriff – und hat gerade seinen Rhythmus umgestellt.

Anstatt wie bisher um sieben, bricht er jetzt um sechs Uhr auf. Das bedeutet zwar Weckerklingeln vorm Morgengrauen, hat aber zwei Vorteile: Der junge Familienvater ist abends rechtzeitig zurück, um seine kleine Tochter noch zu sehen – und spart zusätzlich Zeit auf der Autobahn. „Wenn ich um sechs Uhr starte“, sagt der Autopendler „vermeide ich die Rushhour vor Schulbeginn.“ Läuft alles glatt, kommt er „schön gerechnet auf 55 Minuten“, gerät er in einen der berüchtigten Staus auf der A9, auch mal auf zwei Stunden. Doch egal, wie lang die Zeit im Auto auch dauern mag – der Kommunikationsexperte versucht stets, sie so effektiv wie möglich zu nutzen: Allein im Wagen, könne er wenigstens ungestört telefonieren und so schon mal etwas abarbeiten. 

Was nervt: Das Gefühl der Ohnmacht – und Zeitdruck

Das Gefühl, selbst etwas tun zu können, die Dinge voranzubringen, auch wenn draußen gerade alles ins Stocken gerät, hilft der Pendler-Psyche enorm. Entscheidend sei, so der Leiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden und Experte auf dem Vielfahrergebiet Norbert Schneider, sich nicht als Opfer zu fühlen, sondern die Situation aktiv zu gestalten. Ob das nun mit Hörbüchern geschieht, Sprach-Tutorials oder der gedanklichen Vorbereitung aufs nächste Jobprojekt – „wichtig ist, die Fahrtzeit mit etwas Sinnvollem zu füllen“. Der Soziologe, der die drastische Kernaussage einer englischen Studie hierzulande publik gemacht hat – „Pendler fühlen sich im Stau wie Kampfpiloten im Einsatz“ –, geht in Sachen aktiver Gestaltung noch weiter und empfiehlt erschöpften Berufsreisenden, ab und zu auf ein anderes Verkehrsmittel umzusteigen.

Natürlich können und sollen Betroffene ihre Situation aktiv angehen. Doch es würde zu kurz greifen, die Pendel-Probleme den Pendlern allein zu überlassen. Befristete Verträge, Verlagerung von Firmenstandorten, immer schnellere Personalkarusselle: All diese Begleiterscheinungen des modernen Arbeitsalltags befeuern die Dauer-Fahrerei. Soll man wirklich die vertraute Umgebung verlassen, die Kinder aus Schule und Freundeskreis reißen, nur um möglicherweise bald wieder wechseln zu müssen? Viele Beschäftigte behalten angesichts dieser Perspektive lieber den Lebensmittelpunkt der Familie bei – der ist wenigstens sicher.

„Arbeitgeber können viel tun, um die Situation zu entschärfen“, sagt ADAC Psychologin Nina Wahn: mit Jobtickets oder Dienstfahrrädern alternative Verkehrsmittel nahebringen. Mit späteren Meetingterminen, Videokonferenzen, flexiblen Arbeitszeiten oder Home-Office-Tagen den Anwesenheitsdruck reduzieren. All jene, die weiterhin aufs Auto angewiesen sind, mit verstellbaren Tischen und Bewegungsangeboten für Vielsitzende unterstützen – oder ganz einfach auch mit ausreichend Parkraum.

Der Fahrradpendler

Zwei Jahre Wartezeit für einen Parkplatz auf dem Klinikgelände, ohne Anspruch auf einen festen Stellplatz – das half Georg Scheel wenig. Also entschied sich der Oberarzt, sein Hobby in den Arbeitsalltag zu integrieren und im Wortsinn umzusatteln: Der 56-Jährige aus Sprockhövel fährt zu jedem Dienst im Helios Universitätsklinikum Wuppertal mit dem Rad, ohne Ausnahme, auch bei Glatteis und Schnee. „Anfangs musste sich erst einmal die Logistik einschleifen – wo kann ich mein Rad abstellen, wo duschen? Umkleiden gibt es in einem Krankenhaus ja praktischerweise ohnehin.“ Inzwischen ist alles Routine: Für die Fahrt auf einer zum Radweg umgebauten stillgelegten Bahntrasse benötigt Scheel zwischen 40 und 50 Minuten; erlaubt es ihm die Zeit, packt er noch zehn Kilometer drauf und lenkt seinen Crosser durch die bergische Hügellandschaft. Nicht nur mental, sondern auch körperlich ist der radelnde Arzt besser dran – Fahrradfahren gilt als ideales Herz-Kreislauf-Training.

Die schönsten Momente unterwegs stellt Scheel, der auch begeisterter Hobbyfotograf ist, mit dem Hashtag #wymtm (für: what you missed this morning) auf Instagram: Bilder, die zeigen, dass jemand zufrieden ist mit dem, was er da macht. Mit der Wahl seines favorisierten Fortbewegungsmittels hat Scheel dem Pendeln das Bedrückende genommen. „Wenn ich mich aus freien Stücken für etwas entscheide“, erklärt Nina Wahn, „bin ich glücklicher.“

Entspannter Pendeln – die besten Tipps

Lesen Sie hier, wie Sie Stress beim Pendeln vermeiden können:

ADAC Blog

Text: Carolin Schuhler. Fotos: Shutterstock, Fotolia, Ria Kipfmüller.

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