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Der ADAC

Mobilität auf dem Land

Ein ganzes Bündel von Landesbuslinien verbindet das Harzvorland mit dem Süd- und dem Nordharz. Diese „Mein Takt“-Busse fahren verlässlich auch außerhalb der Schulzeiten
In Sachsen-Anhalt erhöht das Bahn-Bus-Landesnetz die Mobilität ∙ © NASA/Andreas Lander

In ländlichen Regionen gibt es beim Öffentlichen Verkehr deutlichen Nachholbedarf. Innovative Angebote sollen den ÖV jetzt attraktiver machen. Wie gut das funktionieren kann, beweisen einige Landkreise und Gemeinden.

  • Viele Gemeinden haben unzureichende Verbindungen zur nächsten Klein- oder Mittelstadt

  • Anruf-Sammeltaxis, Bürgerbusse und Mitfahrbänke helfen, den Öffentlichen Verkehr zu verbessern

  • Landkreise wie die Altmark sind Erfolgsmodelle mit neuen ÖV-Konzepten

Auf dem Land: Mobil dank Auto

16 Millionen Menschen leben in ländlichen Regionen, also in Gebieten mit weniger als 150 Einwohnern je Quadratkilometer. Trotzdem haben diese ländlichen Räume zum Teil deutliche Defizite bei der Mobilität ihrer Bewohner, jedenfalls wenn es um den Öffentlichen Verkehr (ÖV) geht.

2018 wurde im ADAC Monitor "Mobil auf dem Land" ein so genannter Zufriedenheitsindex ermittelt. Danach ist die Zufriedenheit mit der persönlichen Mobilität erstaunlich hoch: Die Zahl zufriedener Bürger überragt jene der unzufriedenen im Bundesschnitt um 43 Prozent.

Der Monitor zeigte allerdings auch, dass fast jeder Befragte Auto fuhr: An drei und mehr Tagen pro Woche waren 86,3 Prozent als Pkw-Fahrer und 78,4 Prozent als Beifahrer unterwegs. Und hier gibt es in der Fläche offenbar nicht allzu viel zu bemängeln. Weit weniger gut steht es hingegen um die Zufriedenheit mit dem Öffentlichen Verkehr. Besonders die Befragten in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein bewerteten die Direktverbindungen mit Bahn und Bus als schlecht und die Fahrtdauer als zu lang.

2020 liefert eine vom ADAC beauftragte Studie des IGES Institutes anhand der Analyse von zwei Flächen-Bundesländern ebenfalls deutliche Ergebnisse: In Brandenburg haben 14 Prozent der Gemeinden bzw. 4,5 Prozent der Bevölkerung täglich nur eine bis vier ÖPNV-Verbindungen zum nächsten "Mittel- oder Oberzentrum". In den Ferienzeiten verschlechtert sich diese Lage noch: Dann haben sogar 19 Prozent der Kommunen bzw. acht Prozent der Bevölkerung eine solche ungenügende Anbindung.

Ähnlich unzureichend ist das Angebot in Niedersachsen. Beim ÖV auf dem Land besteht also ganz klar Verbesserungsbedarf. Hier finden Sie die vollständige Studie:

Zukunftsfähige öffentliche Mobilität außerhalb von Ballungsräumen (ADAC Studie)
PDF, 1.96 MB
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In einer nicht repräsentativen Twitter-Umfrage des ADAC 2019 unter Landbewohnern, ob sie mit dem ÖV zufrieden sind, entfielen von 449 Stimmen 35,4 Prozent auf die Antwort "Nein". Weitere 35,2 Prozent gaben an "Welcher Nahverkehr?", was das unattraktive bzw. nicht vorhandene Angebot weiter unterstreicht. Beispiele für Kommentare: "überhaupt nicht, da die Kommunen im Schnitt immer noch das 3-fache an Mitteln für den Autoverkehr ausgeben, wie für den ÖPNV" und "Wohne auf dem Land - Bus fährt 1x pro Stunde. Ich wäre 1:45 h zur Arbeit (23 km) unterwegs. Mit viermal umsteigen."

Laut ADAC Monitor spielt der ÖV für über die Hälfte der Befragten keine Rolle bei ihrer persönlichen Mobilität. Eine zukunftsfähige Verkehrspolitik muss daher den Öffentlichen Verkehr außerhalb der Ballungsräume attraktiver machen. Das kann gelingen, wenn flexible und alternative Mobilitätsangebote den klassischen Linienverkehr von Bus und Bahn – typischerweise mit festen Fahrplänen und Haltestellen – ergänzen. Zu den wichtigsten Maßnahmen und Lösungen zählen Anruf-Sammel- bzw. Linien-Taxen, Ruf- und Bürgerbusse, Park & Ride-Parkplätze und Fahrradabstellanlagen, Mitfahrbänke sowie Mitfahrvermittlungen als App, soziale Fahrdienste und kommunale Sharing-Fahrzeuge.

Anruf-Sammeltaxi

Ein Anruf-Sammeltaxi wird auf Verbindungen eingesetzt, auf denen wenig Nachfrage besteht. Es bedient feste Haltestellen zu bestimmten Zeiten, kommt aber nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Die Linienführung von Haltestelle zu Haltestelle wird den Wünschen der Fahrgäste angepasst, oft können die Gäste vor ihrer Haustür aussteigen. In den großen Pkw können maximal acht Personen mitfahren.

Rufbus

Dieses bedarfsorientierte Angebot ist eine Ergänzung zu bestehenden Buslinien und wird von Verkehrsunternehmen selbst beauftragt. Die zusätzlichen Fahrmöglichkeiten gibt es meist am Abend sowie an Wochenenden und Feiertagen. Der Rufbus fährt nach einem festen Fahrplan auf einer festgelegten Route, bedient die Haltestellen jedoch ebenfalls nur nach telefonischer Voranmeldung.

Bürgerbus

Bürgerbusse gehen oft auf Privatinitiativen von Vereinen zurück und schließen Lücken im ÖPNV. Sie fahren auf Bestellung oder auch im regulären Betrieb. Typischerweise sind es von der Gemeinde gekaufte Kleinbusse mit ehrenamtlichen, versicherten Fahrern. Sie bringen zum Beispiel auf unterschiedlichen Routen Kinder in die Schule, Jugendliche in den Club, Kranke zu Ärzten und Ältere zum Einkaufen.

Mitfahrbank

Diese Sitzbänke sind an zentralen Orten im öffentlichen Raum, etwa einer Bushaltestelle, einem Supermarkt, dem Rathaus oder dem Bahnhof aufgestellt. Wer ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, nimmt auf der Mitfahrbank Platz und wartet auf einen Autofahrer, der spontan und kostenlos eine Mitfahrgelegenheit anbietet. Sind in der Fahrtrichtung mehrere Ziele denkbar, kann der Wartende an einigen Bänken große Schilder mit den Ortsnamen herausklappen oder -schieben. So wissen die sich nähernden Fahrer frühzeitig, ob das gewünschte Ziel auf ihrer Route liegt.

Vorbilder: So klappt’s mit dem ÖV

Mit der Kombination unterschiedlicher Maßnahmen ist es in einigen Regionen bereits gelungen, Attraktivität und Akzeptanz des ÖV zu verbessern. Hier drei Beispiele aus Deutschland und der Schweiz.

Salzwedel und der Altmarkkreis

In Sachsen-Anhalt bietet das Bahn-Bus-Landesnetz* unter dem Markennamen "Mein Takt" täglich von früh bis spät, auch an Wochenenden und Feiertagen sowie in den Ferien einen regelmäßigen Takt mit guten Anschlüssen und kurzen Umstiegen. In den Bussen gibt es einen bequemen Niederflureinstieg, WLAN und kostenlose Fahrradmitnahme, und der DB-Tarif wird anerkannt. Im Altmarkkreis Salzwedel erschließt die kreiseigene Verkehrsgesellschaft PVGS* 329 zum Teil kleine Ortschaften. Alle zwei Stunden verkehrt auf Anforderung ein Rufbus – es gibt 80 Linien –, der mit den acht Regionalbus- und zwei Bahnlinien vertaktet ist. Während der Schulzeit stehen die Schulbusse allen Bürgern zur Verfügung.

Landkreis Cuxhaven

Im flexiblen Nahverkehr des Kreises* bedienen Anruf-Sammel-Taxis auf 50 Linien fast die ganze Fläche. Die Orte werden zu einer Kernzeit nach einer Vorlaufzeit von einer Stunde angefahren. Die Kernzeit liegt an Wochentagen zwischen 5 und 20, an Sonntagen zwischen 14 und 19 Uhr. Die Ausstattung mit Haltestellen wurde optimiert, die Versorgungszentren sind nun besser angebunden.

An drei Bahnhöfen sind Mobilitätsstationen mit Bus- und Anruf-Sammeltaxi-Halten sowie Radstellplätzen eingerichtet. Nach dem Prinzip "Ein Fahrzeug, viele Fahrer" ergänzt in Neuenwalde, einem Stadtteil Geestlands, ein innovatives Carsharing-Modell den ÖV. Die so genannte Mobine* wird durch den lokalen Verkehrsverein gestützt.

Kanton Zürich

In manchen Schweizer Kantonen gibt es bindende Vorgaben für die Erreichbarkeit von Gemeinden. Im Kanton Zürich* zum Beispiel müssen alle Siedlungen mit mehr als 300 Einwohnern mit öffentlichem Verkehr erreichbar sein, auch attraktive Takte sind vorgegeben. Der 60-Minuten-Takt gilt als Grundversorgung, bei einem Bahnanschluss gilt ein Standard von 30, bei höherer Nachfrage von 15 Minuten. Ergänzt werden die Angebote in der Schweiz durch Rufbus-Systeme in dünn besiedelten Gebieten, PostAuto mit PubliCar, teilweise mit Tür-zu-Tür-Service bzw. als Nachtbus, Ride- und Carsharing sowie Bike & Ride-Angebote.

Das empfiehlt der ADAC

  • Wegen der wichtigen Rolle des Pkw soll der motorisierte Individualverkehr – möglichst mit umweltfreundlicheren Antriebsformen – in der Planung berücksichtigt werden

  • Die verschiedenen Optionen der Mobilität müssen besser verknüpft werden, beispielsweise an lokalen Mobilpunkten

  • Um den ÖPNV zu ergänzen, sollen privatwirtschaftliche und ehrenamtliche Pkw-Mitnahmeverkehre wie etwa Bürgerbusse unterstützt werden

  • Um flexible Bedienformen wie Anruf-Sammeltaxis oder Rufbusse zu fördern, sind die
    bestehenden Rechtsrahmen anzupassen

  • An Fußwegen und vor allem Schnittstellen zwischen den Verkehrsträgern muss Barrierefreiheit hergestellt werden

  • Um die Potenziale des Radverkehrs auszuschöpfen, soll er besser mit anderen Verkehrsträgern verknüpft werden

  • Die finanziellen Mittel sind durch den Bund aufzustocken

  • Bundesländer und Landkreise sollten ihre Aufgaben so aufteilen, dass übergeordnete Mobilitätsangebote verstärkt auf Landes- oder Verkehrsverbundsebene durchgeführt und vertaktet werden. Auf regionaler Ebene sollte es verkehrsträgerübergreifende Nahverkehrspläne geben

  • Auch zentrale Mobilitätsmanager auf Kreisebene sind ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Mobilitätsangeboten

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