Gaffen ist kein Kavaliersdelikt

14.11.2019

Nach Verkehrsunfällen zählt jede Minute. Je früher die Rettungskräfte am Unfallort eintreffen, desto größer die Chance, den Opfern helfen zu können. Doch immer wieder behindern Gaffer die Helfer. Aber warum? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Gaffer filmt Sanitäter bei Rettungseinsatz
Kein schöner Anblick: Schaulustiger filmt bei einem Verkehrsunfall

Gaffen und das Behindern von Einsatzkräften haben in den letzten Jahren stets zugenommen und stellen die Rettungskräfte und Pannenhelfer oft vor logistische, aber auch emotionale Probleme.  

Gaffen schadet ja niemandem? Ein fataler Irrglaube

Feuerwehr, Polizei, medizinische Rettungsdienste und die ADAC Pannenhelfer leisten einen wichtigen Job. Bei einem Einsatz zählt jede Sekunde - deshalb ist es im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig, dass die Rettungsdienste ungestört arbeiten können. Sollten sie durch anhaltende Fahrzeuge oder Menschentrauben rund um den Unfallort nicht schnell genug zu den Verletzten kommen, kann das tödliche Folgen haben. Abgesehen davon, dass die Gaffer das Rettungspersonal und auch sich selbst in Gefahr bringen können. 

Immer wieder berichten Helfer auch von aggressivem Verhalten, wenn sie die Schaulustigen auffordern, den Unfallort zu verlassen oder das Smartphone wegzustecken. Dabei darf niemand vergessen, dass Notarzt, Polizist oder Hubschrauber-Pilot vor Ort sind, um zum Teil Schwerstverletzten zu helfen. 

Vielen halten an – um zu filmen, nicht um zu helfen

Unsere Verkehrspsychologin Nina Wahn erläutert dazu: "Vielen Schaulustigen fehlt das Situationsbewusstsein völlig: Sie können das Ausmaß der Situation und die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht ermessen und stellen ihre eigenen Motive der Sensationsbefriedigung über die Bedürfnisse anderer. Das Einfühlungsvermögen in Situation und Betroffene fehlt, somit auch das Verständnis für die angespannten Rettungskräfte. Dabei sollten diese vielmehr bestmöglich unterstützt werden - sei es durch gezielte Hilfe bei Aufforderung oder eben durch absolutes Nicht-Behindern der Rettungsarbeiten."Wenn es auf der Autobahn kracht, ist es keine Seltenheit, dass andere Autofahrer anhalten. Allerdings nicht um zu helfen, sondern um zu gaffen und zu fotografieren oder filmen.

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So verhalten Sie sich im Ernstfall richtig

  • Halten Sie bei stockendem Verkehr auf der Autobahn unbedingt eine Rettungsgasse frei (bis der Stau sich auflöst). Ist ein Unfall die Stauursache, können die Rettungskräfte nur durch diese Gasse schnell zum Unfallort gelangen.
  • Kommen Sie an eine Unfallstelle (an der schon Hilfe geleistet wird), gilt es zügig vorbeizufahren und auf keinen Fall stehenzubleiben, zu drängeln oder zu überholen.
  • Behindern Sie die eintreffenden Rettungskräfte nicht und leisten Sie den Anweisungen von Polizei und Einsatzkräften unbedingt Folge.
  • Und bitte: Machen Sie keine Fotos oder Videos vom Unfallgeschehen!

Warum gaffen Menschen überhaupt?

"Grundsätzlich ist Neugier allen angeboren. Wenn die Sensationslust aber die Oberhand gewinnt, werden sicherheitsrelevante Hemmnisse schnell über Bord geworfen. Gaffer gefährden dann sich und andere und verzögern im schlimmsten Fall sogar die Rettungsarbeiten. Viele Schaulustige greifen zum Smartphone, um den Unfall zu filmen. Das Handy gibt ihnen das Gefühl, sich dabei hinter einem Filter verstecken zu können und entfernt sie emotional von der Situation. Hohe Klickzahlen und 'Gefällt-mir-Angaben' bestätigen sie später auch noch in ihrem Verhalten. Wenn Sie online auf einen derartigen Film stoßen, sollten Sie deshalb am besten gar nicht oder nur in ablehnender Weise reagieren", rät die Verkehrspsychologin. Außerdem sollte sich jeder überlegen, ob er von sich selbst oder seinen Freunden und Verwandten im Internet Fotos oder Videos in einer lebensbedrohlichen Situation sehen möchte.

Hohe Strafen für Schaulustige

Wer bei Unfällen oder in Situationen, in denen andere Menschen in Not sind, keine Hilfe leistet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft. Ausgenommen, man bringt sich durch die Hilfeleistung selbst in Gefahr. Die Strafen drohen auch, wenn andere Hilfeleistende, eben zum Beispiel Rettungskräfte, behindert werden.

Gaffer, die Verletzte und verunglückte Fahrzeuge fotografieren oder filmen, müssen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen. Es ist dabei egal, ob die Aufnahmen weitergegeben oder veröffentlicht werden. Was zählt, ist allein die Anfertigung, die laut Strafgesetzbuch "die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt".

Die Bundesregierung will künftig auch das Fotografieren und Filmen von Toten sanktionieren. Dies deckt sich mit der Forderung des ADAC, verstorbene Personen besser vor bloßstellenden Fotos und Videos zu schützen. Der Bundestag muss der Gesetzesänderung noch zustimmen.

Foto: ©ADAC/Theo Klein

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