Vernetzte Autos: Mehr Sicherheit oder mehr Ablenkung?

11.9.2019

Neben der Elektromobilität sind vernetzte Autos ein großes Thema auf der IAA in Frankfurt. Im Interview spricht ADAC Verkehrsexperte Stefan Gerwens über Chancen und Risiken der Vernetzung, über Ablenkung und Datensicherheit.

Vernetztes Fahren
Noch Zukunftsmusik: die vollständige Vernetzung des Autos

Online-Redaktion: Auf dieser IAA ist wieder viel vom vernetzten Auto die Rede. Aber man hat den Eindruck, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Was ist für Sie ein vernetztes Fahrzeug?
Stefan Gerwens: Ein vernetztes Auto ist mit seinem Umfeld verbunden. Mit anderen Autos, mit verschiedenen Online-Diensten, mit der Infrastruktur am Straßenrand. Außerdem nimmt es Daten auf, die im Auto verarbeitet oder per WLAN und Mobilfunk verschickt werden.

In der Autowerbung werden beim Stichwort Vernetzung oft die Logos von Facebook, Google, Apple oder Spotify gezeigt. Ist das Vernetzung – oder nur Unterhaltung?
Vernetzung darf auch dem Komfort dienen. Der Autofahrer darf aber auch nicht unter dem Informationsfluss zusammenbrechen, das würde keinem helfen. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viel Ablenkung ins Auto bekommen Das wäre eine gefährliche Entwicklung.

Gibt es da bedenkliche Entwicklungen?
Es wird riskant, wenn sich die verschiedenen Anwendungen nicht per Sprachsteuerung bediennen lassen oder Informationen nicht per Sprachausgabe an den Fahrer gehen. Dann haben wir ein sicherheitsrelevantes Problem. Je mehr Dienste im Auto sind und je mehr man als Fahrer sieht, desto gefährlicher wird es. Ablenkung ist nachweislich ein echtes Problem.

"Autofahrer brauchen Hoheit über ihre Daten"

Interview Gerwens vernetztes Fahren
ADAC Experte Stefan Gerwens (l.) im Gespräch mit Redakteur Thomas Paulsen

Gibt es eine Grenze? Wäre weniger mehr?
Der Konsument muss am Ende entscheiden, was er in sein Auto holt. Da ist Konsumentenverantwortung und Konsumentensouveränität gefragt. Und die Hersteller müssen auf klare Nutzerführung und Steuerung achten. Im Übrigen dienen die genannten Dienste natürlich nicht der Verkehrssicherheit. Und da brauchen wir Fortschritte.

Was für Fortschritte könnten das sein?
Vernetzte Autos könnten ihre Fahrer vor Gefahren warnen. Und sich gegenseitig warnen, von Fahrzeug zu Fahrzeug.

Bei der Kommunikation zwischen Autos, der Infrastruktur und den Herstellern entstehen viele Nutzerdaten. Wird verantwortungsvoll mit ihnen umgegangen?
Für den ADAC ist entscheidend, dass die Verbraucher die Hoheit über ihre Daten haben. Sie sollten frei darüber entscheiden dürfen, wie mit ihnen umgegangen wird. Uns geht es darum, dass der Autofahrer die Wahl hat zwischen ganz unterschiedlichen Anbietern, zum Beispiel bei Diensten rund um die Wartung.

Was wäre für diese Wahlfreiheit nötig?
Die Autokonzerne sollten auch Dritten Zugriff auf Daten aus dem Auto ermöglichen. Zum Beispiel auf Messwerte wie eine erkennbare Reifenunwucht oder den Ölstand, auf einen bevorstehenden Wartungstermin. Der Wettbewerb muss offen bleiben, der Hersteller darf nicht der einzige sein, der Zugang zum Kunden hat.

Wie sehen Sie die Hacker-Gefahr bei vernetzten Autos?
Wenn andere Unternehmen, zum Beispiel Google, mit ihrer Software im Auto aktiv sind, müssen sie gemeinsam mit den Herstellern sicherstellen, dass es da keine Probleme gibt. Es darf kein Einfallstor für Hacker etwa zur Motorensteuerung geben. Da muss man ganz genau hinschauen.

Moderne, vernetzte Autos sollen die Sicherheit erhöhen. Wann stumpfen die Nutzer wegen der vielen Warnungen ab?
Heute haben wir die Warnfunktionen nicht wegen der Vernetzung, sondern dank der vielen Sensoren im eigenen Auto. Eigentlich ist das noch überschaubar. Aber künftig könnten viele Autos miteinander verbunden sein – und womöglich entstehen dann auch mehr Warnhinweise. Autos müssen viel konsequenter als heute die relevanten Gefahrenwarnungen herausfiltern. Oder es muss sofort ein Notbremsassistent ausgelöst werden, der Autofahrer müsste dann gar nicht mehr eingreifen.

 

Interview: Thomas Paulsen. Fotos: fotolia/chombosan, ADAC/Beate Blank.

Kontakt zur Redaktion: redaktion@adac.de