Notbremsassistenten: So leicht lassen sie sich irritieren

• Lesezeit: 4 Min.

Von Jochen Wieler

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Notbremsassistenten sollen eingreifen, wenn der Mensch versagt. Das funktioniert grundsätzlich gut, doch nicht unter allen Bedingungen, wie der ADAC herausgefunden hat. Ausgerechnet bei reflektierender Kleidung haben die Systeme Probleme.

  • Sechs Fahrzeuge bei Nacht überprüft

  • Konventionelle Warnwesten sind kein Problem

  • Technisches Versagen bei Kindern und Menschen mit Arbeitskleidung

Nachts leben Fußgänger gefährlich: Der Anteil der bei Nacht tödlich verunglückten Fußgänger ist besonders hoch. Eine Sicherheitsweste zu tragen ist deshalb sehr empfehlenswert, um nicht von einem Autofahrer oder einer Autofahrerin übersehen zu werden. Und wenn der Mensch am Steuer dennoch einmal abgelenkt ist, sollen automatische Notbremsassistenten helfen, die in aktuellen Modellen verbaut sind.

Solche Notanker funktionieren grundsätzlich gut, auch nachts. Doch der ADAC hat herausgefunden, dass sich die Systeme unter bestimmten Bedingungen schwerer tun – zum Beispiel wenn sie nachts auf eine Person mit reflektierender statt mit "normaler" Kleidung treffen. In einer Studie mit sechs aktuellen Fahrzeugen wurde daher überprüft, wie gut Notbremsassistenten Personen mit reflektierender Kleidung erkennen.

Systeme schwächeln bei bestimmter Kleidung

ADAC Test zum Thema Notbremsassistenten bei reflektierender Kleidung. Ein Auto fährt im dunkeln auf Dummys mit reflektierender Kleidung zu
Keine Notbremsung: Das über die Straße laufende Schulkind hätte der BYD Seal übersehen© ADAC/Uwe Rattay

Untersucht wurde, wie die Autos auf einen Erwachsenen mit konventioneller Warnweste, auf eine Person mit genormter Einsatzkleidung (z.B. Straßenbauarbeiter) und auf ein Schulkind mit Rucksack und Warnweste reagieren.

Dabei zeigten sich gravierende Sicherheitslücken bei den Systemen aller beteiligten Fahrzeuge. Zunächst die gute Nachricht: Im Versuch mit einem erwachsenen Dummy, bekleidet mit einer handelsüblichen Warnweste, erkannten alle Fahrzeuge das Szenario und konnten eine Kollision vermeiden. Die Warnweste am Erwachsenen hatte keinen Einfluss auf die Reaktion der Systeme.

Ganz anders fielen die Ergebnisse bei genormter Arbeitsbekleidung aus, wie sie etwa bei Bauarbeitern, Rettungsdiensten, der Polizei oder der ADAC Straßenwacht zum Einsatz kommt. Fast alle Fahrzeuge erkannten den Fußgänger nicht oder viel zu spät und konnten nicht mehr abbremsen. Mit entsprechenden Folgen.

Ebenso fatal: Alle Autos erkannten zwar ein Kind mit dunkler Kleidung und leiteten eine Notbremsung ein. Bei einem Kind mit reflektierender Kleidung und Schulranzen aber versagte nahezu jedes System und bremste gar nicht oder nicht mehr rechtzeitig. Offenbar werden die Systeme von tief sitzenden Reflektoren irritiert.

Die Autohersteller müssen nachbessern

Dass aber eine Erkennung grundsätzlich möglich ist, zeigt der Mercedes CLA: Er wurde als einziges Fahrzeug nicht von der reflektierenden Kinderkleidung gestört. Bei der Person mit Einsatzkleidung hatte aber auch der CLA Probleme: Er zeigte eine beeinträchtigte Reaktion, warnte also zu spät oder konnte eine Kollision trotz Teilbremsung nicht ganz verhindern.

Mit Warnkleidung wird ein Mensch offenbar nur unzureichend als solcher erkannt. Die Hersteller sind gefordert, ihre Systeme dringend nachzubessern. Da die Problematik allerdings weniger an den verbauten Sensoren als an der richtigen Klassifizierung der Verkehrsteilnehmer liegt, könne eine Verbesserung auch bei Bestandsfahrzeugen per Softwareupdate möglich sein, so die Experten des ADAC.

Warnwesten tragen erhöht die Sichtbarkeit

ADAC Test zum Thema Notbremsassistenten bei reflektierender Kleidung. Ein Auto fährt im dunkeln auf Dummys mit reflektierender Kleidung zu
Mit Warnweste ist ein Mensch nachts vom menschlichen Auge erheblich besser zu erkennen als ohne© ADAC/Uwe Rattay

Für Autofahrer bedeuten die Ergebnisse einmal mehr, dass Assistenzsysteme zwar eine Unterstützung darstellen, aber nicht zu hundert Prozent verlässlich sind. Auch bei dichtem Nebel oder starkem Regen kommt die Technik an ihre Grenzen, und man kann sich nicht immer auf sie verlassen, wie der ADAC in einer weiteren Untersuchung von Wettereinflüssen auf die Funktionsweise von Assistenzsystemen herausgefunden hat.

Also besser die Warnweste weglassen? Bitte nicht! Fußgänger und Kinder sollen in der dunklen Jahreszeit auf keinen Fall auf gut sichtbare Warnkleidung verzichten. Sie trägt erheblich dazu bei, von einem Menschen besser gesehen zu werden. Deshalb ist der Sicherheitsgewinn deutlich größer als das Risiko für einen Unfall, der auf einen nicht oder zu spät reagierenden Notbremsassistenten zurückzuführen ist.

Hier sind stattdessen die Autohersteller in der Pflicht: Sie ruft der ADAC auf, ihre Systeme zu überarbeiten.

Bei Euro NCAP werden seit 2016 Notbremsassistenten mit Fußgängererkennung auch bei Nacht getestet. Seit 2026 werden die Testverfahren variiert, um die Robustheit der Systeme sicherzustellen. Variation der Kleidung gehört jedoch nicht dazu.

Für die Versuche wurde ein breites Spektrum an Fahrzeugen ausgewählt, um den Einfluss reflektierender Kleidung auf die Sensorik unterschiedlicher Fahrzeugklassen bei Nacht ermitteln zu können.

  • Mercedes-Benz CLA: Best in Class Euro NCAP 2025. Der CLA kombiniert Radar und Kameratechnik und erreichte damit sehr gute Werte im Test für Assistenzsysteme.

  • Dacia Duster und Tesla Model Y: Untersuchung von Systemen, die ausschließlich auf Kameratechnik basieren.

  • Hyundai Tucson und Opel Astra Sports Tourer: Grund für die Auswahl von Stellantis- und Hyundai-Fahrzeugen ist die Diskrepanz zwischen Tag- und Nacht-Performance in Euro-NCAP-Tests dieser Hersteller.

  • BYD Seal: Dieses Fahrzeug verfügt ebenfalls über Kamera- und Radar-Sensorik.

Die Ergebnisse der einzelnen Fahrzeuge sind nicht direkt vergleichbar, da für jedes eine individuelle Referenzgeschwindigkeit gewählt wurde. Das Vorgehen ist an Nachtversuche von Euro NCAP angelehnt.

Fachliche Beratung: Manuel Griesmann, ADAC Technik Zentrum