Deutsche Bahn im Check: Stark im Service, schwach bei der Pünktlichkeit
Von Kati Thielitz

Der ADAC hat den ICE-Verkehr unter die Lupe genommen – mit überraschendem Ergebnis: Komfort, Sauberkeit und WLAN überzeugen im Test. Bei Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit hapert es.
42 Prozent der getesteten ICEs starteten mit Verspätung
Weniger als die Hälfte der Anschlusszüge wurden erreicht
Gute Noten für Komfort und Service
Es könnte so schön sein: Rein in den ICE, den reservierten Sitzplatz einnehmen und zurücklehnen. Ein Buch lesen, die Landschaften vorbeiziehen lassen, am Laptop arbeiten – und dann, ein paar Stunden später: am Ziel. Ohne Stau, ohne Stress, umweltfreundlich und komfortabel.
Die Realität sieht jedoch zu oft anders aus. Verspätungen gehören für viele ICE-Reisende zum Standard, geplante Anschlüsse werden verpasst, Geschichten über nächtliche Irrfahrten, eiskalte oder überhitzte Abteile kennt jeder. Aber ist die Lage wirklich so schlimm? Um das herauszufinden, fuhren ADAC Tester und Testerinnen Anfang 2026 zwei Wochen lang das ICE-Streckennetz im gesamten Bundesgebiet ab.
Ausfälle und Verspätungen durch marode Infrastruktur
Der ADAC Test zeigt, wie unzuverlässig der deutsche Fernverkehr ist: Von 118 geplanten Fahrten konnten überhaupt nur 104 angetreten werden (14 fielen aus), von diesen 104 wiederum waren nur 43 (41 Prozent) pünktlich. Insgesamt wurden gerade einmal 44 Prozent der Anschlusszüge, also weniger als die Hälfte, erreicht. Übrigens: Als pünktlich gilt laut Definition der Deutschen Bahn jeder Zug, der den Zielbahnhof mit unter 6 Minuten Verspätung erreicht.
Nicht alle 14 Ausfälle hatte die Bahn zu verschulden. Eine Fahrt wurde wegen eines Notarzt-Einsatzes abgesagt, vier gebuchte Fahrten konnten wegen heftiger Schneefälle nicht stattfinden. Bei den übrigen aber waren die Ursachen hausgemacht: Mal wurden Reparaturen an Gleisen oder Oberleitungen angeführt, mal Stromausfälle, mal allgemein technische Probleme. Zweimal gab es keinerlei Erklärung.
Ihre Rechte bei Zugausfall und Verspätung
ICEs oft zu spät: Unpünktliche Starts rächen sich
Auch bei den 61 verspäteten ICEs lag die Verantwortung überwiegend (75 Prozent) bei der Bahn. Netzprobleme, vorausfahrende Züge, Baustellen, technische Störungen am Zug, Personalmangel, Warten auf Anschlusszüge, Signalstörungen: Die Liste der Entschuldigungen war lang.
Oft beginnen die Probleme aber schon bei der Abfahrt. 44 von 104 Zügen fuhren bereits unpünktlich ab. Während leichte Verzögerungen am Startbahnhof während der Fahrt fast immer eingeholt wurden, kamen deutlich verspätet abgefahrene Züge auch deutlich verspätet am Ziel an. Besonders ärgerlich: Bei den 61 Zügen mit einer Verspätung von mehr als 6 Minuten konnte nur dreimal der anvisierte Anschlusszug erreicht werden.
DB-Navigator-App meist gut

Die DB-Navigator-App informierte meist früh über Änderungen. Eine Stunde vor Abfahrt erwies sie sich hingegen als nicht immer zuverlässig. Bei 66 Prozent stimmten die Angaben weitgehend, bei 30 Prozent fuhr der Zug im Schnitt 25 Minuten später als angekündigt, bei 4 Prozent sogar früher.
Während der Fahrt fühlten sich die Testenden dann aber gut informiert – über Anzeigen und Durchsagen im Zug sowie über die App. In Störfällen haperte es: Infos kamen oft verspätet oder nur bruchstückhaft, Alternativen musste man sich selbst suchen.
Deutsche Bahn: Gute Noten für Komfort und Service

Es gibt auch positive Nachrichten. Das Anfang 2026 gestartete Sofortprogramm der Bahn zeigt Wirkung: Bordbistro (96 Prozent) und WCs (98 Prozent) waren bei fast allen Fahrten verfügbar, die Züge überwiegend sauber (95 Prozent), Steckdosen meistens funktionsfähig (91 Prozent). Klima und Heizung funktionierten stets, WLAN-Verbindungen erwiesen sich während der drei Messzeitpunkte als weitestgehend stabil (94 Prozent) und Sitzplatzreservierungen als meist verlässlich (92 Prozent).
Auch beim Thema Erstattungen gab es wenig Probleme: Von 14 gestellten Anträgen im Zuge des Tests wurden bis auf einen alle vollständig bewilligt. Zum Hintergrund: Bei Verspätungen ab einer Stunde besteht bei der Bahn Anspruch auf 25 Prozent Erstattung, ab zwei Stunden auf 50 Prozent (mit Ausnahmen etwa bei externen Ursachen).
Nutzen Sie die DB-Navigator-App und achten Sie auf Durchsagen
Prüfen Sie vor Fahrtantritt, ob Ihr Zug pünktlich ist oder ggf. ausfällt
Kontrollieren Sie, ob die Wagenreihung geändert wurde oder der Zug von einem anderen Gleis abfährt
Falls ein Anschlusszug benötigt wird: Unbedingt ausreichend Puffer einplanen und in der DB-Navigator-App die gewünschte Umstiegszeit einstellen (Optionen/Umstiegszeit)
Wurde die Verbindung storniert oder ist der Zug stark verspätet: Lassen Sie sich von einem DB-Mitarbeitenden den Vorfall möglichst schriftlich bestätigen. Machen Sie von relevanten Meldungen in der App (z.B. "Zugbindung aufgehoben") einen Screenshot. Das kann bei Erstattungsforderungen hilfreich sein
So hat der ADAC getestet
Geschulte Testerinnen und Tester absolvierten zwischen dem 19. Januar und dem 5. Februar 2026 an allen Wochentagen und zu unterschiedlichen Zeiten insgesamt 104 ICE-Fahrten im gesamten Bundesgebiet. 92 Fahrten wiesen eine Fahrzeit von zwei bis vier Stunden auf, 12 Fahrten gingen über die gesamte Strecke, etwa von Hamburg nach München.
Ihre Fahrkarte und Platzreservierung für die 2. Klasse buchten die Testenden über die DB-Navigator-App. Eine Stunde vor Fahrtbeginn checkten sie in der App die aktuellen Infos zum Reiseverlauf.
Am Bahnsteig dokumentierten sie Durchsagen und Bildschirmansagen zu Verspätungen, Gleisänderungen oder Wagenreihung und verglichen diese mit den Infos der App. Im Zug nahmen sie, wenn möglich, die reservierten Plätze ein.
Während der Fahrt prüften sie Sauberkeit und Zugänglichkeit der Toiletten am Ende und Anfang des reservierten Abteils, Öffnung und Angebot des Bordbistros, die Zuverlässigkeit des WLANs sowie die Durchsagen und Bildschirm-Infos unter anderem zu Fahrtverlauf, Verspätungen und Anschlusszügen.
Beim Aussteigen kontrollierten sie, ob der fiktive Anschlusszug erreicht worden wäre. Bei massiven Verspätungen wurde im Nachgang das Prozedere der Rückerstattung überprüft.
Infrastruktur stabilisieren und Streckensanierung konsequent nutzerorientiert umsetzen
Die DB InfraGo muss die hohe Störanfälligkeit des Netzes (z.B. aufgrund von Weichen-, Signal- und Gleisdefekten) durch eine termintreue und wirksam koordinierte Streckensanierung nachhaltig reduzieren. Dabei ist sicherzustellen, dass Bauphasen und alternative Betriebskonzepte so geplant werden, dass zusätzliche Verspätungen und Ausfälle für Fahrgäste minimiert und die Netzstabilität spürbar verbessert werden.
Pünktlichkeitskennzahlen transparent und differenziert darstellen
Die Deutsche Bahn muss ihre Pünktlichkeitsstatistik vollständig und nachvollziehbar ausweisen, indem auch ausgefallene und vorzeitig beendete Züge berücksichtigt werden. Ergänzend sollten Verspätungen nicht nur binär über die 6‑Minuten-Grenze erfasst werden, sondern die tatsächlichen Verspätungsminuten in differenzierten Kategorien offengelegt werden – auch im Bereich unter sechs Minuten.
Verlässliche Personal‑, Einsatz- und Instandhaltungsplanung sicherstellen
Die Deutsche Bahn muss Personaldisposition, Fahrzeugbereitstellung und Wartung so aufstellen, dass ausreichend Kapazitäten vorhanden sind und Züge vollständig, funktionsfähig und pünktlich bereitgestellt werden. Dazu gehören besonders eine ausreichende Personalreserve, die rechtzeitige Bereitstellung von Ersatzzügen sowie eine intensivere Wartung von Fahrzeugen und Infrastruktur, um verspätete Abfahrten und vorzeitige Fahrtabbrüche deutlich zu reduzieren.
Fahrgastrechte und Sitzplatznutzung konsequent verbessern
Die Deutsche Bahn muss sicherstellen, dass reservierte Sitzplätze bei Zugausfällen oder -änderungen – einschließlich Fällen mit reduzierter Kapazität, etwa bei fehlenden Zugteilen – automatisch auf alternative Verbindungen übertragen werden können.
Ist ein gleichwertiger Sitzplatz verfügbar, muss eine entsprechende Ersatzreservierung bereitgestellt werden. Ist dies nicht möglich, muss die Zugbindung unkompliziert aufgehoben oder müssen Fahrgäste angemessen für den erheblichen Komfortverlust entschädigt werden, auch unabhängig von zusätzlichen Verspätungen.
Bei Flex-Tickets muss die enthaltene oder gebuchte Sitzplatzreservierung flexibel auf den tatsächlich genutzten Zug übertragbar sein. Eine Reservierung, die bei freier Zugwahl nicht angepasst werden kann, ist nicht kundenfreundlich und verfehlt ihren Zweck.