Kerosin-Knappheit: Was das für den Urlaub bedeutet

• Lesezeit: 6 Min.

Von Sabrina Doschek

Feedback

Ein Flieger am Flughafen und ein LKW mit Kerosin
Weniger Flüge wegen teurem Kerosin? Airlines prüfen Einschnitte im Angebot© imago images/Sven Simon

Der Irankrieg sorgt auch in Deutschlands Reisebranche für Unruhe: Nach hohen Spritpreisen wächst die Sorge wegen eines Mangels an Kerosin – mit möglichen Folgen für den Flugverkehr im Sommer.

  • Bundestag senkt Ticketsteuer bei Flügen

  • Lufthansa streicht 20.000 Flüge

  • Ihre Rechte bei Flugausfall

Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte am Freitag, 17. April, dass mehrere europäische Länder in den kommenden Wochen mit einer beginnenden Kerosin-Knappheit zu rechnen haben. Wegen drohender Engpässe schlägt auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) Alarm und warnt vor möglichen Flugausfällen und steigenden Ticketpreisen.

Kerosin-Krise? Fliegen könnte deutlich teurer werden

Für Urlauberinnen und Urlauber dürfte sich die Lage vor allem beim Preis bemerkbar machen: Wer den Sommerurlaub noch nicht gebucht hat, muss sich vermutlich auf höhere Kosten einstellen. Nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) könnte der stockende Nachschub an Kerosin zu spürbaren Einschnitten im Flugangebot führen.

Es ist möglich, dass Airlines ihr Angebot ausdünnen oder einzelne Verbindungen streichen. Die Lufthansa hat bereits reagiert und legt angesichts der hohen Kerosinpreise Teile ihrer Flotte still. Betroffen sind vor allem Lufthansa und die Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline: Bis Oktober sollen rund 20.000 Kurzstreckenflüge gestrichen und so etwa 40.000 Tonnen Kerosin eingespart werden.

Auch im kommenden Winterflugplan sollen Strecken und Frequenzen weiter reduziert werden. Ziel sei eine konsolidierte Planung mit mehr Stabilität und besserer Planbarkeit für Reisende, wie ein Lufthansa-Sprecher jetzt mitteilte. Details nennt das Unternehmen nicht und spricht von einem "volatilen Prozess". Bereits jetzt ist absehbar, dass mehrere innerdeutsche Verbindungen betroffen sein werden: Vor allem Flüge ab Frankfurt – unter anderem nach Berlin, Hamburg und Düsseldorf – und Verbindungen nach Hannover, Leipzig/Halle und Dresden sollen seltener angeboten werden.

Steigende Preise: Bundestag senkt Ticketsteuer bei Flügen

Die Koalition hat aufgrund der steigenden Preise ein Vorhaben aus ihrem Vertrag umgesetzt: Die Steuer auf Flugtickets wird ab Juli 2026 gesenkt. Bei Flügen aus Deutschland sinkt die Abgabe künftig um 2,50 bis 11,40 Euro pro Flug. Das hat der Bundestag am 21. Mai beschlossen. Ob Airlines diesen Vorteil an die Passagiere weitergeben, ist jedoch fraglich – auch wegen der deutlich gestiegenen Kerosinpreise.

Für den Staat bedeutet die Senkung allerdings spürbare Einnahmeverluste: Für das laufende Jahr werden rund 185 Millionen Euro weniger eingeplant. Bis 2030 steigt der jährliche Fehlbetrag laut Gesetzentwurf auf 355 Millionen Euro. Wie stark die Steuer sinkt, richtet sich nach der Flugdistanz: Auf Kurzstrecken reduziert sie sich von 15,53 auf 13,03 Euro, auf Mittelstrecken von 39,34 auf 33,01 Euro und bei Langstrecken von 70,83 auf 59,43 Euro.

Fernreisen zu teuer, Buchungsnachfrage für Europa steigt

International haben Airlines ebenfalls auf den drohenden Kerosinmangel reagiert und höhere Ticketpreise aufgerufen, insbesondere auf Strecken zwischen Asien, Afrika und Europa. So erhebt Hong Kong Airlines etwa einen zusätzlichen Betankungszuschlag, Air New Zealand und Air France greifen zu vergleichbaren Maßnahmen.

Davon könnten südeuropäische und südwest­europäische Ziele profitieren, wenn Reisende ihre Fernreisepläne aufgeben. Besonders gefragt seien Spanien, Portugal, Griechenland und Italien. Buchungsdaten zeigen derzeit für Spanien einen Nachfrageanstieg von 32 Prozent im Jahresvergleich, für Italien, Griechenland und Portugal von jeweils rund 20 Prozent, so eine Studie von Allianz-Trade.

Kerosinmangel: Hohe Preise dämpfen Reiselust

Insgesamt dämpfen jedoch steigende Energiepreise, Inflation und eine verhaltene Konsumstimmung die Reiselust vieler Menschen.

Im besten Fall erwartet die Reisebranche für das Jahr 2026 eine solche Stagnation bei der Zahl der Passagiere. Im ungünstigsten Fall könnte es an einzelnen Flughäfen allerdings zu einem Kapazitätsrückgang von bis zu zehn Prozent kommen. Hochgerechnet würde dies rund 20 Millionen Fluggäste betreffen, so ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Die Folgen wären spürbar: Einige Ziele könnten vollständig aus dem Flugplan verschwinden, andere würden seltener und zu deutlich höheren Preisen bedient.

Eine Entspannung sei kurzfristig nicht zu erwarten. Selbst wenn ausreichend Treibstoff verfügbar ist, könnten viele Verbindungen zu diesen Kosten wirtschaftlich nicht mehr betrieben werden.

Kerosinmangel: Ihre Rechte bei Flugausfall oder Insolvenz

Wird ein Flug gestrichen, behalten Reisende grundsätzlich ihren Anspruch auf Beförderung. Das heißt, die Airline muss entweder einen Ersatzflug anbieten oder den Ticketpreis erstatten. Unter Umständen können auch Ausgleichszahlungen fällig werden. Ob ein Kerosinmangel als "höhere Gewalt" gilt, muss jedoch womöglich noch gerichtlich geklärt werden. Unterkünfte oder Mietwagen am Zielort sollten daher nur mit ausreichenden Stornierungsmöglichkeiten gebucht werden.

Wird eine Fluglinie insolvent, finden die geplanten Flüge nicht statt und die Kunden müssen sich selbst um Ersatz kümmern, zunächst auch auf eigene Kosten. Eine vergleichbare Sicherung wie bei Pauschalreisen gibt es nicht. Entstandene Mehrkosten können später bei einem etwaigen Insolvenzverfahren eingebracht werden. Reisende sind aber keine bevorrechtigten Gläubiger, warnt die Verbraucherzentrale. Die Aussichten auf Erstattung sind entsprechend gering.

Pauschalreisen können teurer werden

Auch lange im Voraus gebuchte Pauschalreisen können sich nachträglich verteuern. Reiseveranstalter dürfen den Preis etwa bei gestiegenen Treibstoffkosten erhöhen, wenn dies spätestens 20 Tage vor Reisebeginn angekündigt wird. Das gilt auch für Kreuzfahrten. Übersteigt die Erhöhung acht Prozent, ist ein kostenloser Rücktritt vom Vertrag möglich, so das Europäische Verbraucherzentrum.

Die großen deutschen Reiseveranstalter gaben hierzu Entwarnung und wollen trotz der steigenden Kerosinpreise Kunden und Kundinnen nicht nachträglich zur Kasse bitten. Man werde die Preise für bereits gebuchte Reisen nicht nachträglich erhöhen, berichteten beispielsweise Tui, Alltours und Dertour dem "Tagesspiegel" in einer Umfrage. Für zukünftige Buchungen könnte dies allerdings angesichts des Preisanstiegs anders aussehen.

Bei einer Pauschalreise haben Betroffene mehr Absicherung als bei einer Individualreise. Die rechtlichen Unterschiede lesen Sie hier:

Wenn ein Veranstalter vor Reisebeginn in die Pleite rutscht, können Betroffene ihre Ansprüche gegen den Deutschen Reisesicherungsfonds (DRSF) geltend machen. Auch während des Aufenthalts sind Reisende vor Zahlungsengpässen ihres Veranstalters geschützt, weil der Versicherer eintreten muss.

Flugtickets: EU warnt vor Kerosinzuschlägen nach Kauf

Wurde nur ein Flug gebucht, besteht ein verbindlicher Beförderungsvertrag, nach dem der Flugpreis grundsätzlich feststeht. Eine nachträgliche Preiserhöhung ist nur zulässig, wenn sie wirksam vertraglich vereinbart wurde, etwa durch eine entsprechende Klausel in den Beförderungsbedingungen. Ob diese Klausel wirksam ist, muss im Einzelfall geprüft werden. Bei ausländischen Airlines kann zudem ausländisches Recht gelten.

Deshalb warnt die EU‑Kommission Airlines, wegen gestiegener Kerosinpreise nachträglich Zuschläge auf bereits gebuchte Flugtickets zu erheben. Der Endpreis müsse beim Kauf feststehen und alle vorhersehbaren Kosten enthalten. Der Anstieg der Treibstoffpreise sei seit Wochen absehbar gewesen und hätte bereits in die Tarifkalkulation einfließen können.

Urlaubstipps und Reiseinspirationen. Kostenlos vom ADAC

Wie stark sich die Kerosinmangelsituation zuspitzt, hängt von der weiteren Entwicklung im Irankrieg ab. Mehr als die Hälfte des importierten Kerosins stammt laut der Londoner Beratungsfirma Energex aus dem Nahen Osten und wird größtenteils durch die Straße von Hormus transportiert.

Mit Material von dpa.