ADAC Sommerempfang 2026: Warum Vereine die Demokratie tragen
Von Redaktion Südbayern

Wer würde die Jugend trainieren, Feste organisieren, Nachbarschaften zusammenbringen oder gesellschaftliche Interessen vertreten, wenn sich niemand mehr engagiert? Was wäre unsere Gesellschaft ohne Vereine, Verbände und Ehrenamt?
Genau diese Frage stand im Mittelpunkt des diesjährigen Sommerempfangs des ADAC Südbayern. Als Gastredner begrüßte der Club den ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Udo Di Fabio. Vor Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sprach er über die Bedeutung von Vereinen für Zusammenhalt, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung.
Mehr als 22 Millionen Mitglieder – und doch vor allem ein Verein
Die Themenwahl mag im ersten Moment überraschen, denn in der öffentlichen Wahrnehmung wird der ADAC häufig vor allem mit den Gelben Engeln und der Pannenhilfe in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist der Club jedoch weit mehr als ein Mobilitätsdienstleister. „Auch wir als ADAC sind ein Verein - mit ziemlich vielen Mitgliedern - und es ist eine Herausforderung diese Mitgliederinteressen unter einen Hut zu bringen und zu verstehen”, führt Dr. Gerd Ennser, Vorsitzender des ADAC Südbayern e.V. als Gastgeber der Veranstaltung aus.
Neben seinen Mobilitätsdienstleistungen steht der ADAC für die Interessen seiner Mitglieder ein, benennt Missstände und setzt sich als Verbraucherschützer für sichere, bezahlbare und verlässliche Mobilität ein. Diese Rolle als unabhängige Interessenvertretung ist eng mit seinem Vereinsstatus verbunden. „Mit über 22 Millionen Mitgliedern sind wir uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Unsere Stärke wächst aus dem Engagement unserer Mitglieder. Das Ehrenamt spielt für uns im ADAC aber auch für die Gesellschaft eine zentrale Rolle", so Dr. Ennser weiter.
Der Verein in der freiheitlichen Gesellschaft
In seinem Vortrag machte Di Fabio deutlich, dass Vereinen eine verfassungsrechtliche Rolle zukommt: Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der freiheitlichen Ordnung und ermöglichen die Ausübung grundrechtlich gewährleisteter Freiheiten. Anders als ein Gesellschaftsbild, das vor allem das Individuum und den Staat in den Mittelpunkt stellt, beruht die deutsche Verfassung auf dem Gedanken einer freien und aktiven Bürgergesellschaft. Menschen schließen sich freiwillig zusammen, verfolgen gemeinsame Ziele und gestalten Entwicklungen aktiv mit. Der Staat soll diese Freiheit schützen, aber nicht steuern.
Vereine schaffen Zusammenhalt
Deutschland ist ein Land der Vereine und Organisationen. Hunderttausende eingetragene Vereine und Verbände, zahlreiche Stiftungen sowie Initiativen und gemeinnützige Organisationen prägen das gesellschaftliche Leben. Ob Sportverein, Wohlfahrtsverband, Naturschutzorganisation oder Automobilclub – sie alle schaffen Gemeinschaft, vermitteln Werte und ermöglichen Teilhabe. Zu den größten Vereinen Deutschlands zählen neben dem ADAC (22,7 Millionen Mitglieder, Stand 2025) beispielsweise der Deutsche Fußball-Bund (mehr als 8 Millionen Mitglieder, Stand 2025), der Deutsche Alpenverein (1,6 Millionen Mitglieder, Stand 2025) und die großen Sozialverbände. Gemeinsam leisten sie einen Beitrag, den staatliche Institutionen allein nicht erbringen können. Sie bringen Menschen zusammen.
Genau darin sieht Di Fabio ihre besondere gesellschaftliche Bedeutung. Vereine seien weder bloße Interessenvertreter noch Ersatzparlamente. Sie sind Orte demokratischer Beteiligung, gelebter Verantwortung und gesellschaftlicher Selbstorganisation. Hier werden aus individuellen Interessen gemeinsame Ziele. Ihr Wert bemisst sich nicht allein an ihrem Zweck und ihren Zielen, sondern auch daran, dass Bürger ihre grundrechtlich gewährten Freiheitsrechte aktiv ausüben und gemeinschaftlich gestalten. So entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt von unten heraus. Damit leisten Vereine einen Beitrag zu den kulturellen und moralischen Voraussetzungen für eine freiheitliche Demokratie.
Demokratie braucht mehr als Gesetze
Ein zentraler Gedanke des Vortrags: Demokratie lebt von Voraussetzungen, die der Staat nicht selbst schaffen kann. Vertrauen, Verantwortung, Gemeinsinn und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. All das entsteht nicht durch Gesetze, sondern durch Erziehung, Kultur und gesellschaftliches Engagement.
Doch die Demokratie steht heute vor tiefgreifenden Herausforderungen. Digitalisierung, gesellschaftliche Polarisierung und der Verlust traditioneller Bindungen verändern die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren und sich organisieren.
Traditionelle Institutionen wie Parteien, Kirchen, Gewerkschaften oder klassische Medien haben an Bindungskraft verloren. Durch den Rückgang jener sozialen Bindungen, die Menschen Orientierung und Zusammenhalt bieten, entstehen Unsicherheit und gesellschaftliche Spannungen. Umso wichtiger sind Institutionen, die Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen und individuelle Freiheit mit gemeinschaftlicher Verantwortung verbinden. Dadurch entsteht Raum für Dialog sowie die Fähigkeit zur demokratischen Mitwirkung.
Ehrenamt bleibt unverzichtbar
Für eine lebendige Vereinskultur reicht eine hohe Mitgliederzahl allein nicht aus. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen und Gemeinschaft mitzugestalten. Doch genau diese Bereitschaft sinkt. Diese Herausforderungen beschäftigen auch Vereine im Freistaat Bayern und weit darüber hinaus. Viele Organisationen berichten von Schwierigkeiten, langfristig aktive Mitglieder und Ehrenamtliche für verantwortungsvolle Aufgaben zu gewinnen. Die Idee, sich zu binden und zu verbinden muss in der Gesellschaft wiederbelebt werden. Dies ist ein Gedanke, den Di Fabio in seinem Vortrag mehrfach hervorhob. Dafür müsse die ursprüngliche Idee eines Vereins stets neu durchdacht werden.
Das gilt auch für den ADAC, der gezielt in die Zukunft des Ehrenamts investiert. Mit neuen digitalen Angeboten speziell für Ehrenamtliche und der Initiative „Unsere Zukunft als Verein“ arbeitet der Club daran, mehr Menschen für eine aktive Mitgestaltung zu gewinnen und das Vereinsleben für kommende Generationen attraktiv zu gestalten.
Orientierung geben und Verantwortung übernehmen
Vereine sollten nicht lediglich gesellschaftliche Stimmungen spiegeln, sondern auch Orientierung geben. Sie müssen den Mut besitzen, ihre Ziele zu formulieren, Positionen zu entwickeln und ihren Beitrag zum Gemeinwohl sichtbar zu machen. Für den ADAC heißt das, die Zukunft der Mobilität aufmerksam zu begleiten, Chancen und Risiken frühzeitig zu erkennen und die Anliegen seiner Mitglieder in die öffentliche Debatte einzubringen. Als starke Stimme der Zivilgesellschaft.
Der Sommerempfang 2026 hat deutlich gemacht: Eine moderne Gesellschaft braucht leistungsfähige Institutionen und einen handlungsfähigen Staat. Vor allem aber braucht sie Menschen, die sich engagieren. Vereine, Verbände und Ehrenamt sind keine Randerscheinungen des gesellschaftlichen Lebens, sondern eine seiner wichtigsten Grundlagen.
Alle Bilder der Veranstaltung finden Sie in dieser Galerie.
