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Der ADAC

Corona-Effekt: Die Krise als Chance sehen!

Mobilitätsexperte Prof. Dr. Roman Suthold vom ADAC Nordrhein
Prof. Dr. Roman Suthold hofft auf die richtigen Lehren aus der Corona-Krise ∙ © ADAC Nordrhein/Christopher Köster

Die Corona-Krise ändert unser Mobilitätsverhalten massiv: das Fahrrad profitiert, ÖPNV und Sharing-Modelle verlieren. ADAC Mobilitätsexperte Prof. Dr. Roman Suthold erklärt, warum das so ist und welche Lehren die Gesellschaft daraus ziehen sollte.

Die vergangenen Jahre waren geprägt von zahlreichen Versuchen, das individuelle Mobilitätsverhalten der Menschen weg vom Pkw hin zu umweltfreundlicheren Verkehrsträgern zu bringen. Jeder Prozentpunkt, der dem Pkw im Modal Split abgetrotzt werden konnte, wurde gefeiert. Insgesamt war man auf einem guten Weg. Die Anteile von ÖPNV und Radverkehr stiegen insbesondere in den Ballungsräumen kontinuierlich an.

Doch dann kam die Corona-Pandemie und ein dramatisch gesunkenes Mobilitätsverhalten. Beim Pkw-Verkehr gab es in den ersten Wochen Einbrüche, wie es sie in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen höchstens während der Ölkrise Anfang der 1970er Jahren gab. Grenzschließungen, Kontaktsperren, Ausgangssperren, Home Office, Home Learning und ein extrem eingeschränkter Freizeitverkehr sorgen für einen faktischen Stillstand im Personenverkehr.

Stau auf den NRW-Autobahnen während der Corona-Krise
Die Staus auf den NRW-Autobahnen sind durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens massiv zurückgegangen ∙ © ADAC Nordrhein/Christopher Köster

Das spiegelt sich auch in den Stauzahlen des ADAC wider. In der 13. Kalenderwoche (23. bis 29. März) gab es laut ADAC Verkehrsdatenbank lediglich 629 Staumeldungen in NRW. Das sind fast 83 Prozent weniger als zwei Wochen zuvor (3662), als es noch keine Einschränkungen des öffentlichen Lebens gegeben hatte. Die Gesamt-Staulänge sank von 5587 auf 572 Kilometer, ein Minus von insgesamt 89 Prozent in zwei Wochen. Diese überdurchschnittlichen Rückgänge zeigen, dass NRW als Stau- und Pendlerland stark vom Corona-Effekt “profitiert”.

Großer Verlierer der Corona-Krise ist jedoch – aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos und der starken Ausdünnung des Angebotes – der Öffentliche Personenverkehr. Auch Sharing-Angebote werden nicht mehr so gut angenommen, und einige Anbieter haben ihr Angebot in Europa eingestellt, nachdem die Nutzungsquoten um 80 Prozent eingebrochen sind. Flixbus hat seinen Busverkehr sogar komplett runtergefahren. Kein gutes Signal an die Verbraucher, und Pendlern mit kurzen Arbeitsweg kann man nur empfehlen, öfter auch mal Fahrrad und Pedelec zu nutzen. Gegenüber dem ÖPNV hat das Fahrrad neben dem geringeren Infektionsrisiko Zeitvorteile und positive Effekte für die Gesundheit. Und auf kurzen Strecken ist man oft sogar schneller am Ziel als mit dem Auto.

Steckbrief Prof. Dr. Roman Suthold

Prof. Dr. Roman Suthold (48) ist seit 2004 beim ADAC und seit 2006 Leiter des Fachbereichs „Verkehr und Umwelt“ beim ADAC Nordrhein. Der gebürtige Kölner lehrt zudem als Honorarprofessor an der Hochschule Fresenius (Köln) zum Thema „Mobilitätsmanagement“ und ist als Lehrbeauftragter an der Hochschule Bochum („Verkehrssysteme und -konzepte“) tätig. Seine Spezialgebiete sind Mobilität in Ballungsräumen, kommunale Verkehrsplanung und Digitalisierung im Mobilitätsbereich.

Mit der erzwungenen Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit besteht jedoch auch die historische Chance, die Mobilitätsroutinen der vergangenen Jahre zu überdenken und aufzubrechen. Die steile Lernkurve beim Thema Home Office zeigt es. Die Krise kann somit als globales Realexperiment zur Transformation der Mobilität hin zu mehr Nachhaltigkeit interpretiert werden. Werden Kreuzfahrten und Fernreisen in Zukunft nicht mehr attraktiv sein? Erleben wir eine Renaissance der Nahmobilität? Ob langfristig Pendler- und Freizeitverkehre wirklich abgesenkt werden können, bleibt abzuwarten.

Wir sollten die Corona-Krise aber aus mehreren Gründen auch als Chance sehen:

  • Die aktuelle Situation zeigt, wie groß das Potential für eine Reduzierung des Pendlerverkehrs und damit der Staus ist, wenn Arbeitgeber – wo es möglich ist – stärker auf flexiblere Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und Home Office setzen. In Zukunft sagt uns vielleicht ein Algorithmus, dass wir morgens erstmal unsere E-Mails checken sollten, um danach staufrei zur Arbeit fahren können.

  • Es ergeben sich neue Geschäftsfelder: Der Fahrdienst Uber hat in der Not seinen Essensliefer-Service Uber Eats in seiner App integriert und stark ausgebaut.

  • Der innovative Autobauer Tesla hat seine Prozesse auf kontaktlose Übergabe der Neuwagen an die Kunden erweitert. Not macht halt erfinderisch.

  • Die Stickoxidwerte sind in den letzten Wochen an vielen Hotspots so dramatisch gesunken, dass Fahrverbote erstmal vom Tisch sind.

  • Es kooperieren Branchen miteinander, die sonst reichlich wenig miteinander zu tun haben. So helfen Mitarbeiter von Fast-Food-Ketten in Supermärkten aus oder Automobilhersteller betätigen sich als Krisenhelfer bei der Herstellung von Medizinprodukten.

  • Der Eisenbahngüterverkehr erweist sich als krisensicher und sichert die grenzüberschreitende Logistik, während Lkw an den Grenzen im Stau stehen. Diese Tatsache sollte in Zukunft berücksichtigt werden. Eine einseitige Optimierung des Lkw-Verkehrs gefährdet die Versorgungssicherheit.

  • Autonome Klopapier-Bots wurden vor der Corona-Krise noch belächelt. Jetzt sind sie innovative Ideen, die auch für andere Lieferdienste in Frage kommen.

Insgesamt werden neue Verhaltensweisen und innovative Technologien durch die Corona-Pandemie angestoßen. Wir sollten sie nutzen!

Hinweis: Die erste Kolumne von Roman Suthold zum Thema "Ein staufreies Nordrhein-Westfalen wird es nicht geben" finden Sie hier.

Prof. Dr. Roman Suthold
Leiter Verkehr und Umwelt ADAC Nordrhein
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