Die erste Frau in der Deutschen Motorradfahrer Vereinigung, dem Vorgänger des ADAC

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Die erste Frau im Automobilclub: Marie Reuschel schrieb Mobilitätsgeschichte als erfolgreiche und schlagfertige Rennfahrerin mit einem Händchen für Technik.

Marie Reuschl auf einem Cyklon-Motorrad © Nicht veröffentlichen

Viel ist nicht überliefert von Marie Reuschel, dabei mischte die Berlinerin in den Anfangszeiten der Motorisierung ganz vorne mit. So berichtet die Zeitschrift Der Deutsche Motorradfahrer (Vorläufer der ADAC Motorwelt), dass zur Zuverlässigkeitsfahrt in Oberursel am 9. Mai 1904 33 Fahrer am Start erschienen – und dazu die „schneidige Berlinerin, Fräulein Marie Reuschel“ auf einem Cyklon-Motorrad. Allerdings hat die Rennfahrerin Pech: Sie stürzt gleich nach der Ausfahrt aus Oberursel auf der aufgeweichten Straße und zieht sich eine Verletzung am Knie zu, die eine Weiterfahrt verhindert.

Sensationssieg in Stuttgart

Bei einer Zuverlässigkeitsfahrt im Taunus kämpft Marie Reuschel im gleichen Jahr auf ihrer Cyklon bei Regen und aufgeweichtem Boden gegen 36 männliche Teilnehmer. Sie tritt im „fessellangen Rock, hochgeschlossener Bluse und Seemannsmütze“ an und sorgt schon vor dem Start für erhebliches Aufsehen. Die einen beäugen Marie Reuschel mit Skepsis, andere Zuschauer bewundern die Motorrad-Amazone, wie Der Deutsche Motorradfahrer damals notiert.

Dann der Triumph: In Stuttgart gewinnt die Berlinerin 1904 vor 2000 Zuschauern das Rennen vom Westbahnhof zum Schloss Solitude. Auf der Strecke hatte sich die Steigung vom Westbahnhof zur Bismarckeiche als so steil erwiesen, dass die motorisierten Fahrräder an ihre Grenzen kamen. Den Sieg errang schließlich die leichteste Teilnehmerin: Marie Reuschel.

Mobilitätsgeschichte schreibt Marie Reuschel auch als erstes weibliches Mitglied in der Deutschen Motorradfahrer Vereinigung D.M.V., dem Vorgänger des ADAC. Ihre Mitgliedskarte trägt die Nummer 202. In der D.M.V. gilt sie als echte Bereicherung, schließlich nimmt sie nicht nur an Rennen teil, sondern gewinnt diese auch – übrigens fast zeitgleich mit der Britin Dorothy Levitt in England.

Frauen nur auf „Damenmaschinen“?

Dass Frauen an Rennfahrten teilnehmen, ist zu dieser Zeit eigentlich nicht vorgesehen. Das belegt ein Beitrag von Richard Koehlich in der Zeitschrift Das Motorrad im April 1904. In diesem präsentiert er eine ideale „Damenmaschine“: nur 50 Kilo schwer, mit Durchstieg fürs elegante Aufsteigen sowie einem 1,2-PS-Zweitaktmotor. Dieser Motor soll das Vorderrad antreiben, damit die Röcke der Damen nicht ankokeln. „Es kommt dazu, dass die Frau in technischen Dingen meist eine­ krasse Ignorantin ist, für die eine Motorstörung ein Buch mit sieben Siegeln sein wird“, giftet Koehlich in seinem Text.

Marie Reuschel kontert souverän: Sie lehnt den Vorschlag einer „Damenmaschine“ ab und schlägt statt einer technischen Lösung schlicht eine andere, praktischere Bekleidung vor: „Ich erkläre es mir nur mit der Antipathie, Damen in Beinkleidern zu sehen.“ Dann gibt sie noch Tipps, wie Reparaturen an einer Maschine der Marke Cyklon zu vermeiden sind: „Nachdem ich meinen Motor mit Benzin versehen, geölt, nach Kompression und Zündung gesehen und sonst alles in Ordnung gefunden habe, nehme ich meinen Treibriemen, ziehe damit den Motor an und lasse ihn leerlaufen. Geht derselbe nun, wie er muss, was man ja im Gehör hat, bringe ich ihn wieder mittels des Auspuffhebels zum Stehen, lege meinen Riemen auf, und fort geht es.“

Marie Reuschel wollte bei den „deutschen Damen die Lust am Motorradfahren wecken“. Das scheint ihr gelungen zu sein, die Fakten sprechen für sich: Heute hat der ADAC fast neun Millionen weibliche Mitglieder, ungefähr zwölf Prozent der Frauen haben einen Motorradführerschein – und sie fahren nicht in Röcken, sondern in Ledermontur.