Test: Bike+Ride-Anlagen 2018

26.9.2018

Nach Angaben des Zweirad Industrie Verbands (ZIV) gab es 2017 in Deutschland rund 74 Millionen Fahrräder. Viele Menschen nutzen ihr Fahrrad für den Weg zur nächsten Bahnstation und steigen dort auf öffentliche Verkehrsmittel um. Aber wo lassen sie ihr Zweirad? Gibt es genügend gute und sichere Stellplätze für Pendler? Wir haben Bike+Ride-Anlagen in zehn deutschen Städten getestet.

Bike and Ride München OEZ
Eine gut ausgestattete Bike+Ride-Anlage ist wichtig für Fahrradpendler

Was der aktuelle Test zeigt: Bei Bike+Ride-Anlagen gibt es trotz einiger guter Ansätze noch viel zu tun. Nur eine einzige Haltestelle, nämlich Düsseldorf Flughafen Bahnhof, wurde mit „sehr gut“ bewertet. Knapp die Hälfte aller Haltestellen ist durchgefallen (12 Prozent mit "mangelhaft", 32 Prozent mit "sehr mangelhaft"). Die Kapazität vieler Anlagen ist nicht groß genug, Ausstattung und Service sind für Nutzer häufig nicht attraktiv genug.

Was die Tester beanstandet haben

Nachfrage größer als das Angebot

Immer wieder zeigte sich, dass einzelne Bike+Ride-Anlagen überfüllt waren - besonders häufig an den Hauptbahnhöfen. Bei über 30 Prozent der knapp 400 im Test überprüften Anlagen war kein einziger Platz mehr frei - vor allem in Berlin, Dresden, Frankfurt am Main und München gab es häufig mehr Räder als Stellplätze. Ganz anders in Leipzig, Nürnberg und Stuttgart, wo Radfahrer sich ihren Stellplatz oft bequem aussuchen konnten. Flächendeckend sehr mangelhaft schnitten dagegen alle Städte darin ab, größere Parkflächen für Lasten-, Liege- oder Erwachsenendreiräder anzubieten – der Trend zu Fahrrädern mit größerem Raumbedarf wurde bisher fast überall verschlafen.

Zu wenig Platz und kein Regenschutz

Ein weiteres Ärgernis: Stellplätze sind viel zu eng, die Räder haben keinen Platz, verhaken sich ineinander, beschädigen sich gegenseitig. In 45 Prozent der getesteten Bike+Ride-Anlagen fanden die Tester genau den Missstand vor, dass die Abstände zwischen den Radständern zu gering bemessen waren. Nur die Anlagen in Hannover und Bremen kamen in diesem Punkt auf einen guten bzw. sehr guten Durchschnittswert, Düsseldorf und Leipzig landeten immerhin noch bei "ausreichend". Alle anderen lagen darunter. Auch der Platz zum Manövrieren war bei 25 Prozent der Bike+Ride-Anlagen eingeschränkt. Als sehr gut bewerteten die Tester dagegen überall die Sauberkeit. Auch die Beleuchtung und die Einsehbarkeit der Bike+Ride-Anlagen bekamen Bestnoten, nur Nürnberg und Düsseldorf mussten sich mit einem "gut" begnügen. Was aber bei mehr als der Hälfte der Stellplätze fehlte, war eine ausreichende Überdachung als Schutz vor Wind und Wetter.

Zu wenig Service fürs und rund ums Fahrrad

Ein teures Fahrrad den ganzen Tag an einer Haltestelle offen herumstehen lassen? Für viele Radfahrer keine Option. Abhilfe schaffen können da nur besonders gesicherte Stellplätze oder abschließbare Fahrradboxen. Im Test gab es so etwas aber nur an 13 Prozent der Haltestellen. Und zwar in Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hannover, Leipzig und Stuttgart. Angebote zum Verschließen von Gepäck hatten nur Haltestellen in Berlin, Bremen, Düsseldorf, Leipzig, München und Stuttgart. Reparatur-Services fanden sich lediglich in Bremen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hannover, Leipzig, München sowie Stuttgart. In Berlin und in München ließen sich die Akkus von Pedelecs aufladen - ansonsten existierte dieses Angebot nirgends. Immerhin: Bei der Web-Information konnten die Testkandidaten punkten, denn die Internetseiten der meisten Städte oder Verkehrsverbünde bieten Hinweise auf die Bike+Ride-Anlagen.

Was die Tester gelobt haben

Gute Anbindung ans Radnetz

Positiv zu vermerken ist die Tatsache, dass so gut wie alle Bike+Ride-Anlagen sicher ans Radverkehrsnetz angebunden waren und dafür Bestnoten erhielten. Auch die Erreichbarkeit der Anlagen erwies sich als durchweg gut bis sehr gut. Kleiner Wermutstropfen in Bremen, Dresden, Düsseldorf, Hannover und Leipzig: Die Wege von den Stellplätzen zu den Eingängen der Bahnhöfe oder Straßenbahnen waren in manchen Anlagen zu weit.

Zoom-In
Bike+Ride-Anlage München-Pasing

Anlagen mit Vorbildfunktion

Bei der Gestaltung etlicher Bike+Ride-Anlagen haben sich auch viele gute Ideen durchgesetzt:

Bremen:
Am Hauptbahnhof befindet sich eine große Fahrradstation. Da die Zahl der Sonderfahrräder mit größerem Raumbedarf ständig steigt, gibt es für sie extra ausgewiesene Stellplätze. Die Bike+Ride-Anlage ist sicher ans vorhandene Radnetz angebunden, gut erreichbar und bietet sogar einen direkten Zugang zu den Bahnsteigen. Mietfahrräder, Schließfächer, Videoüberwachung und ein Reparaturservice werten die Anlage zusätzlich auf. Um Fahrräder besser vor Diebstahl, Beschädigungen und Umfallen zu schützen, gibt es an allen von uns getesteten Stationen in Bremen keine Vorderradhalter mehr (dasselbe gilt übrigens auch für Hannover). Stattdessen ist es an allen Stellplätzen möglich, den Fahrradrahmen und ein Laufrad festzuschließen.

München:
Am Bahnhof München-Pasing hat man auf die gestiegene Zahl der Fahrradpendler reagiert und wettergeschützte Doppelstockplätze installiert. Sowohl die ebenerdigen Bereiche der Bike+Ride-Anlagen als auch die unterirdischen Stellplätze sind kostenfrei, komfortabel und frei zugänglich. Zusätzlicher Service: Mieträder sowie Ladestationen für Pedelec-Akkus.

Leipzig:
Am Hauptbahnhof sowie an den S-Bahnhöfen Gohlis und Connewitz kann man nicht nur sein Fahrrad sicher abstellen, sondern auch Mieträder ausleihen, Elektrofahrzeuge aufladen oder ein Carsharing-Auto mieten.

Nürnberg:
An den Endhaltestellen der U-Bahnstationen Nordwestring und Gustav-Adolf-Straße gibt es optisch ansprechende, zum Teil überdachte Bike+Ride-Anlagen mit sicheren Rahmenhaltern. Besonders die Langzeitparker unter den Fahrradpendlern profitieren vom guten Witterungsschutz der Stellplätze.

Stuttgart:
An Knotenpunkten der U- und S-Bahnen gibt es Fahrrad-Service-Stationen mit folgendem Angebot: sichere, überdachte Stellplätze sowie Fahrradpflege, -wartung und -verleih zu großzügigen Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 7 bis 20 Uhr. Hier kooperiert die Stadt mit einem sozialen Träger.

Hier finden Sie alle Ergebnisse im Detail
Hier können Sie die Ergebnistabelle herunterladen (PDF-Download1,41 MB)

Forderung für die Zukunft

Zu wenige Stellplätze, kein Platz für die Räder, kaum Angebote zum sicheren Parken von hochwertigen Bikes: Gründe, nicht zum Fahrradpendler zu werden, gibt es leider noch zu viele. Es gibt noch viel zu tun, um der ständig wachsenden Zahl von Stadt-Radlern zeitgemäße Park-Angebote zu machen. Dabei sollten die vorsintflutlichen Felgenklemmer, die unsere Tester vor allem noch in München und Nürnberg vorfanden, mit als erstes verschwinden.

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Empfehlungen für Radfahrer

  • Fahrrad an kippsicheren Stellplätzen parken. Rahmen und Laufrad mit einem guten Schloss am Stellplatz anschließen und so gegen Diebstahl schützen. Sofern vorhanden, videoüberwachte bzw. von außen einsehbare Stellplätze wählen.
  • Besonders guten Schutz bieten Fahrradboxen, Sammelschließanlagen und Parkhäuser. Überdachte Bike+Ride-Anlagen bewahren Fahrräder vor widrigem Wetter.
  • Bei vorhandenen kipp- und diebstahlsicheren Stellplätzen lieber längere Wege zum Bahnhofseingang oder zur Haltestelle in Kauf nehmen als das Fahrrad in unsicheren Vorderradhaltern abstellen. 
  • Hinweisschilder beachten, um erklärungsbedürftige Stellplätze wie etwa Doppelstockplätze nutzen zu können.
  • Bei zu wenig freien Stellplätzen die Stadtverwaltung und die örtliche Politik auf den Mangel hinweisen und größere Kapazitäten einfordern.
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Empfehlungen an die Politik

  • Neue Bike+Ride-Anlagen auf der Basis eines übergreifenden Konzepts planen, in das städtische Radwegenetz einbinden und bereits bestehende Angebote für den Berufs- und Ausbildungsverkehr berücksichtigen.
  • Aus- und Neubauten von Bike+Ride-Anlagen weitgehend auf den Vorplätzen der Bahnhöfe und im unmittelbaren Umfeld von ÖPNV-Haltestellen realisieren und dafür sorgen, dass Fußverkehr und fließender Verkehr dadurch möglichst wenig beeinträchtigt werden.
  • Anlagen zur Vermeidung von Wildparken ausreichend groß konzipieren, bei Platzmangel Doppelstockplätze zum Parken auf zwei Ebenen anbieten.
  • Sicheres, komfortables und wettergeschütztes Parken ermöglichen durch Anlehnbügel, gute Beleuchtung und Einsehbarkeit von außen, genügend Rangierfläche und Überdachung. 
  • Schrotträder mindestens einmal jährlich nach Ankündigung und im Wissen oder Beisein der Polizei entfernen.
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Die optimale Anlage

Ankommen, Rad absperren, in die Bahn einsteigen – schnell und unkompliziert möchten Fahrrad-Pendler auf den Nahverkehr umsteigen. Und nicht nur das: Sie wollen ihr Rad auch sicher aufgehoben wissen und bei Bedarf zusätzliche Services nutzen können. Was sehr gute Bike+Ride-Anlagen auf jeden Fall leisten sollten:

Standort

  • Vom Radweg zum Rand der Anlage keine oder möglichst kurze Schiebestrecke
  • Kurze Wege: nach dem Abstellen am besten bis zu 20 Meter, möglichst aber nicht mehr als 50 Meter Fußweg zum Eingang von Bahnhöfen. Zur Straßenbahn am besten zehn Meter, möglichst aber nicht mehr als 30 Meter 
  • Keine Barrieren wie Hauptverkehrsstraßen oder Bahnschranken zwischen Anlage und Bahnhof oder Haltestelle

 

Ausstattung

  • Kippsicheres Anlehnen des Fahrrads an allen Stellplätzen
  • Schutz vor Diebstahl: an allen Stellplätzen Absperrmöglichkeiten von Rahmen und Laufrad, möglichst auch gesicherte Stellplätze in Fahrradgaragen oder -boxen
  • Wetterschutz durch ein mindestens 2,25 Meter hohes und mindestens 50 Zentimeter über den Zugang reichendes Dach
  • Gute Beleuchtung, gute Einsehbarkeit von außen, fester Bodenbelag ohne Kanten von mehr als sechs Zentimeter Höhe
  • Orientierungshilfen bei großen Anlagen mit mehr als 300 Stellplätzen zum leichteren Wiederfinden des eigenen Fahrrads
  • Bei mehrgeschossigen Anlagen: möglichst kurzer Weg zum Bahnsteig

 

Stellplätze und Kapazität

  • Ausreichend Platz zum Ein- und Ausparken: Bei senkrecht gestellten Rädern mindestens 1,80 Meter, bei diagonal gestellten mindestens 1,30 Meter
  • Abstände zwischen den Stellplätzen für ein Rad nicht weniger als 70 Zentimeter, bei Stellplätzen für zwei Räder nicht weniger als einen Meter, bei Hoch-Tief-Stellplätzen nicht unter 50 Zentimeter
  • Anlage tagsüber nur zu maximal 90 Prozent ausgelastet

 

Zusätzliche Services

  • Schließfächer, Ladestationen, stationsbasierte Mietfahrräder und Reparatur- oder Wartungsservices vorhanden
  • Informationen über die Anlage im Internet abrufbar
  • Ausschilderung als Bike+Ride-Anlage und - falls erforderlich - verständliche Erklärungen zur Nutzung der Anlage
  • Reservierungsmöglichkeit von gesicherten Stellplätzen sowohl für Dauerkunden als auch für Gelegenheits- oder Kurzzeitkunden

So haben wir getestet

Tests an insgesamt hundert Bike+Ride-Haltestellen

Im Fokus standen Bike+Ride-Anlagen in Städten mit den höchsten Radverkehrsanteilen und mehr als 500.000 Einwohnern: Berlin, Bremen, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hannover, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart. In jeder der ausgewählten Städte wurden zehn Haltestellen auf ihre Fahrradfreundlichkeit für Pendler überprüft: der Hauptbahnhof, sechs Endhaltestellen und drei Stationen, an denen sowohl S-Bahnen als auch U- oder Straßenbahnen fuhren. Einbezogen in den Test waren alle öffentlich nutzbaren Abstellplätze im Umkreis von 100 Metern rund um die Bahnhöfe (60 Meter bei Straßenbahnhaltestellen), so dass unsere Experten pro Bike+Ride-Anlage bis zu 19 Teilanlagen bewerteten. Durchgeführt wurden die Tests vor Ort im Zeitraum von Ende September 2017 bis Anfang März 2018. Mit der Durchführung war die Hannoveraner Planungsgemeinschaft Verkehr PGV-Alrutz GbR betraut.

Besonders wichtig für radelnde Umsteiger: Nähe, Ausstattung, freie Plätze

Untergliedert wurde der Test in vier Kategorien: Standort (30 Prozent), Ausstattung (30 Prozent), Kapazität (30 Prozent) und Service (10 Prozent). Für jede der Kategorien vergaben die Tester Punkte. Die Ergebnisse des Tests drücken sich in den ADAC Urteilen „sehr gut“, „gut“, „ausreichend“, „mangelhaft“ und „sehr mangelhaft“ aus.

Nur Vorderradhalter? Ein eindeutiges K.o.-Kriterium

Eine ausreichende Bewertung erzielten Bike+Ride-Anlagen, wenn sie die Mindestanforderungen erfüllten. Dazu gehörten kurze Entfernungen zwischen Stellplätzen und Bahnstationen, sichere Abstellmöglichkeiten, genügend Raum zum Rangieren und ausreichend viele Parkmöglichkeiten. Hart bestraft wurden Anlagen mit ausschließlich Vorderradhaltern, weil diese weder genug Sicherheit vor Beschädigung oder Umfallen der Räder noch vor Dieben bieten. Im Test wurde in solchen Fällen ein K.o.-Kriterium mit null Punkten für die betroffenen Teilanlagen wirksam.

 

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