Chemiegeruch im Neuwagen: Gefahr für die Gesundheit?
Von Tanja Echter

Das neue Auto riecht auffällig chemisch und Sie fragen sich, ob das gesundheitlich bedenklich ist? Der ADAC hat die Ausdünstungen im Labor untersucht. Welche Faktoren die Stoffe im Innenraum beeinflussen und wann Sie reklamieren können.
Materialien im Neuwagen können intensiv ausdünsten
Temperatur und Fahrzeugalter beeinflussen die Stoffkonzentration
Für Autokäufer bleibt es schwierig, sich im Vorfeld umfassend zu informieren
Neuwagengeruch unter der Lupe
Hinter dem typischen Neuwagengeruch stecken Ausdünstungen von Klebern, Polstern und Kunststoffen, die durchaus intensiv sein können. Bei vielen Autokäufern wächst deshalb die Sorge, ob die verbauten Stoffe gesundheitsschädlich sein könnten.
Der ADAC ging dem auf den Grund und untersuchte in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) vier Neufahrzeuge. Die Studie zeigt, dass vor allem das Fahrzeugalter sowie die Belüftung im Innenraum eine entscheidende Rolle spielen.
Warum der ADAC jetzt untersucht
Für neu zugelassene Fahrzeuge wird ab dem 6. August 2027 ein Formaldehyd-Grenzwert von 0,062 mg/m³ (gemessen im Umgebungsmodus bei 23 °C, DIN ISO 12219-1) gelten. Aktuell gibt es nur einen Richtwert, der bei 0,10 mg/m³ liegt (Empfehlung des Ausschusses für Innenraumrichtwerte AIR).
Der ADAC wollte wissen, inwieweit die Hersteller den neuen gesetzlichen Anforderungen bereits nachkommen und wie hoch die Belastung im Neuwagen-Zustand tatsächlich ist. Zugleich fordert er klare Zuständigkeiten, damit Verbraucher künftig überhaupt nachvollziehen können, wer die Einhaltung des Grenzwerts überwacht.
Die Ausgangslage: Formaldehyd zeichnet sich durch einen stechenden Geruch aus, der von vielen Menschen bereits in geringen Konzentrationen wahrgenommen wird. Im Fahrzeuginnenraum tritt er vor allem aus verbauten Kunststoffen, Klebstoffen, Textilien sowie Sitzschäumen aus. Formaldehyd kann zu lokalen Reizungen von Augen und oberen Atemwegen führen und wird als krebserzeugend eingestuft.
Was wurde untersucht?
Überprüft wurden vier Neuwagen, die teilweise durch ihren intensiven Geruch im Innenraum auffielen.
VW Golf eTSI: 39 Tage alt; Nachmessung nach 200 Tagen
Dacia Spring: 92 Tage alt
BYD Seal 6 DM-i Touring: 116 Tage alt
Hyundai Kona Hybrid: 216 Tage alt
Die Ergebnisse der reinen Geruchsbewertung

Bei der sensorischen Geruchsbewertung unterschieden sich die Fahrzeuge nur geringfügig. Die Prüfer vergaben hier Schulnoten (nach VDA 270). Die Bedeutung der Noten reicht von "nicht wahrnehmbar" (Note 1) über "wahrnehmbar, nicht störend" (Note 2), "deutlich wahrnehmbar, aber noch nicht störend" (Note 3), "störend" (Note 4), "stark störend" (Note 5) bis zu "unerträglich" (Note 6). Gemessen wurde in zwei Situationen: bei moderaten 23 Grad (Umgebungsmodus) und nach einer Hitzephase im Stand (Parkmodus).
Der Dacia Spring erreichte in beiden Szenarien – wenn auch knapp – die besten Werte (2,5 im Umgebungsmodus, 3,0 im Parkmodus). Der BYD Seal 6 DM-i Touring schnitt im Alltagsbetrieb sowie bei Wärmebelastung im Parkmodus mit der Note 3,5 etwas schlechter ab. Der Hyundai Kona Hybrid liegt bei der Geruchsbewertung im Mittelfeld (Note 3,0 im Umgebungsmodus, 3,5 im Parkmodus).
Der Geruch im VW Golf eTSI (im neueren wie auch im älteren Zustand) verschlechterte sich von 3,0 im Umgebungsmodus auf 4,0 im Parkmodus. Auch bei der Nachmessung nach 200 Tagen roch das Fahrzeug nicht besser, obwohl die Konzentration der untersuchten Stoffe mit fortgeschrittenem Fahrzeugalter deutlich sank.
Schadstoffe im Auto
Im Zentrum der Studie standen flüchtige organische Verbindungen (volatile organic compounds, kurz VOC). Dabei handelt es sich um chemische Stoffe, die bei Raumtemperatur in die Luft übergehen. In einem Neuwagen sind in der Regel über 150 verschiedene Substanzen messbar. Sie werden im TVOC-Wert (total volatile organic carbon) zusammengefasst, einem wichtigen Indikator für die Luftqualität.
Hohe VOC-Konzentrationen können einen stechenden Geruch, Kopfschmerzen sowie Schleimhautreizungen hervorrufen. Sie sind in unterschiedlichsten Materialien (u.a. Klebstoffen, Farblacken, Reinigungsmitteln) enthalten, können aber auch natürlichen Ursprungs sein.
Zusätzlich nimmt die Studie gesundheitlich besonders relevante Stoffgruppen in den Fokus – allen voran Carbonyle wie Formaldehyd sowie aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol, Xylole und Styrol. Einige dieser Verbindungen sind als krebserregend oder potenziell krebserregend eingestuft.
Für die Einordnung der Ergebnisse werden die Richt- und Leitwerte des Ausschusses für Innenraumrichtwerte (AIR) herangezogen:
Richtwerte: RW I = Vorsorgewert (unterhalb sind nach aktuellem Kenntnisstand keine gesundheitlichen Effekte zu erwarten), RW II = Gefahrenwert (ab hier besteht Handlungsbedarf).
Leitwerte sind Orientierungswerte, wenn die Datenlage nicht ausreicht. Für krebserzeugende Stoffe werden teils risikobezogene vorläufige Leitwerte genutzt.
Referenzwerte sind statistische Werte, die aus groß angelegten Untersuchungen abgeleitet wurden. Sie lassen keine Aussage über mögliche gesundheitliche Effekte zu.
Das sind die Prüfergebnisse

Die gute Nachricht zuerst: Bei moderaten Temperaturen im Umgebungsmodus unterschritten alle untersuchten Fahrzeuge den künftigen EU-Grenzwert für Formaldehyd von 0,062 mg/m³ sowie den aktuellen Richtwert (RW I) von 0,10 mg/m³. Bei Wärmebelastung (Parkmodus) lagen die Messwerte sowohl beim VW Golf eTSI wie auch beim Dacia Spring und dem BYD Seal 6 DM-i Touring über dem RW I.
Im Anfahrmodus mit aktiver Lüftung bewegen sich die Formaldehyd-Werte in allen Autos deutlich unterhalb des RW I. Das Fazit: Der Luftaustausch durch eine aktive Klimatisierung bewirkt eine deutliche Senkung der gemessenen Formaldehyd-Konzentration.
Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich für Benzol: Der VW Golf eTSI überschreitet im Umgebungsmodus den Leitwert (4,5 µg/m³). Mit aktiver Klimatisierung sinken die Werte deutlich.
Erhöhte Werte bei einem Modell
Der BYD Seal 6 DM-i Touring reißt die Hürde gleich zweimal. Zum einen liegt der getestete Neuwagen über dem Vorsorgerichtwert (0,10 mg/m³) für Xylole, flüchtige organische Lösungsmittel, die Augen und Schleimhäute reizen sowie Kopfschmerzen und Schwindel verursachen können.
Zum anderen liegt er vorn, was die Überschreitung des TVOC-Referenzwertes (0,95 mg/m³) angeht. Ebenso wie beim VW Golf eTSI (39 Tage) sind die Ergebnisse beim BYD Seal 6 DM-i Touring je nach Testmodus teilweise um das Fünffache erhöht. Im Umgebungsmodus liegen alle geprüften Neuwagen über dem Referenzwert. Während die TVOC-Konzentration jedoch bei den anderen Modellen durch eine aktive Lüftung sinkt, bleibt der Wert beim BYD Seal 6 DM-i Touring auf vergleichsweise hohem Niveau.
Die Ergebnisse im Überblick
Die Grafik ist interaktiv und zeigt die Messwerte für Formaldehyd, Benzol, Xylole und TVOC. In Grundeinstellung sehen Sie die Formaldehydwerte, mit Klick auf den jeweiligen Reiter werden die anderen Schadstoffe angezeigt. Fahren Sie mit der Maus (PC) oder dem Finger (Handy) über einen der Punkte, erscheint der konkrete Messwert dahinter.
Wie wurde untersucht?
Ziel der ADAC Studie war, Ausdünstungen im Fahrzeuginnenraum unter kontrollierten Bedingungen messbar und zwischen unterschiedlichen Fahrzeugtypen vergleichbar zu machen. Für die Untersuchung kamen Neuwagen in eine Prüfkammer, in der drei alltagstypische Zustände simuliert wurden:
Umgebungsmodus (23 °C)
Parkmodus (Sonne/Hitze, starke Aufheizung durch Infrarotstrahler)
Anfahrmodus mit aktiver Lüftung/Klimatisierung
Methodisch orientiert sich die Studie am internationalen Standard zur Bestimmung von flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) in Fahrzeugkabinen (DIN ISO 12219-1). Die Luftproben werden dabei über Schläuche an einer festgelegten Position im Fahrzeuginneren entnommen.
Fazit und Forderungen des ADAC
Unterm Strich geben die Messungen Entwarnung: Von keinem der untersuchten Fahrzeuge geht eine unmittelbare Gesundheitsgefahr aus. Erhöhte Temperaturen treiben die Belastung im Fahrzeuginnenraum jedoch nach oben. Vor allem nach dem Parken in der prallen Sonne. Bei Neuwagen lässt dieser Effekt aber in der Regel innerhalb der ersten Monate nach.
Die Hersteller sind also insgesamt auf Kurs. Gleichzeitig zeigen einzelne Ausreißer: Bei bestimmten Stoffen muss noch konsequenter nachgeschärft werden, gerade mit Blick auf vulnerable Personengruppen. Der ADAC fordert deshalb, dass Hersteller einschlägige Empfehlungen zu Innenraumemissionen ab Werk konsequent einhalten.
Der neue Formaldehyd-Grenzwert ist ein wichtiger erster Schritt. Ob der Wert künftig eingehalten wird, bleibt jedoch für Verbraucherinnen und Verbraucher schwer nachvollziehbar. Der ADAC fordert deshalb klare Zuständigkeiten und Ansprechpartner für mehr Transparenz.
Neuwagen wegen Geruch zurückgeben?
Auch wenn ein Neuwagen bei Schadstoffmessungen innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegt, kann ein stark unangenehmer Geruch ein Sachmangel sein. Juristisch wird zwischen Gesundheitsgefahr (Schadstoffe) und Belästigung (Geruch) unterschieden. Ein gewisser Neuwagengeruch ist normal, eine Geruchsbelästigung, die deutlich darüber hinausgeht und die Nutzung beeinträchtigt, aber nicht.
Riecht das Auto auch nach einigen Wochen noch auffällig stark, sollten Sie den Mangel schriftlich beim Händler reklamieren. Zunächst hat der Verkäufer das Recht auf Nacherfüllung, um die Ursache zu beseitigen. Scheitert das, kommen Minderung oder im Einzelfall sogar der Rücktritt vom Kauf in Betracht. Die Bewertung hängt allerdings oft vom subjektiven Empfinden ab und kann durch Gutachter oder Gerichte anders als die eigene ausfallen.
Was tun gegen Chemiegeruch im Auto?
Unangenehme Gerüche im Neuwagen? Mit diesen Tipps werden Sie sie schneller los.
Stoßlüften vor der Fahrt: Nach längerer Standzeit alle Türen für etwa zwei Minuten auf Durchzug öffnen.
Frischluft während der Fahrt: Frischluftzufuhr statt Umluft wählen; ein guter Innenraumluftfilter hilft, Einträge von außen (z.B. Abgase, Feinstaub) zu reduzieren.
Besonders bei Hitze: Hohe Innenraumtemperaturen sind besonders für Schwangere, Babys und Kleinkinder besonders kritisch, deshalb vor dem Einsteigen konsequent lüften.
Geruchsquellen im Innenraum vermeiden: Reifen, Kraftstoffkanister, große Plastiktüten sowie Zubehör wie Fußmatten oder Kofferraumwannen können schnell unangenehme Gerüche verbreiten.
Beim Autokauf: Unternehmen Sie eine Probefahrt im Wunschmodell und achten Sie auf Gerüche im Fahrzeug.