"Kollegen lachten über mein Engagement für Klimaschutz und Radverkehr“

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© ADAC Württemberg/Frank Eppler

Kein anderer Verkehrsminister ist so lange im Amt wie Winfried Hermann. Nach der Landtagswahl 2026 ist Schluss. Im Interview spricht er über seine ersten Tage im Amt, große Veränderungen auf Straßen und Schienen und verrät, wohin ihn die erste Radtour im Ruhestand führen soll.

Herr Hermann, wie fühlt es sich an, nach so vielen Jahren im Amt zu wissen „bald ist Schluss“?

Ich wollte immer aufhören, solange ich noch Spaß habe. Und bevor andere sagen: Hoffentlich geht der Alte bald. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Viele Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister müssen nach einer Legislaturperiode schon wieder abtreten. Ich hatte 15 Jahre, um tatsächlich etwas zu ändern. Jetzt ist es gut, wenn jemand mit neuen Ideen weitermacht.

Fürchten Sie um Ihr Erbe, wenn nach der Wahl eine andere Partei das Verkehrsministerium übernimmt?

Da mache ich mir keine Sorgen. Zu Beginn meiner Amtszeit musste ich mit zwei CDU-Abteilungsleitern und einer Belegschaft aus CDU-Zeiten klarkommen. Das hat funktioniert. Voraussetzung ist ein klarer Koalitionsvertrag mit dem Leitbild klimafreundliche, nachhaltige Mobilität. Im Ministerium arbeiten viele junge, engagierte Menschen, die für Nachhaltigkeit und Mobilität brennen. Die werden in diesem Sinne weitermachen. Sollte eine neue Ministerin oder ein neuer Minister eine Kehrtwende zurück zu alten Zeiten wollen, wird das hier nicht leicht.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Arbeitstag als Minister nach der Wahl 2011?

Das war damals wirklich spektakulär. Kaum jemand hätte sich träumen lassen, dass wir Grünen in einem CDU dominierten Land den Ministerpräsidenten stellen – und dann auch noch das Verkehrsministerium übernehmen. Das war in einer hochstrittigen Phase von Stuttgart 21. Zu der Zeit war unklar, ob das Volk über den Ausstieg aus dem Bahnprojekt abstimmen darf. Ich war pausenlos in den Medien und habe Interviews gegeben. Dabei hatte ich noch nicht mal ein richtiges Büro, nur einen kargen Schulungsraum mit Schreibtisch, Telefon und Fax.

Hatten Sie damit gerechnet, Verkehrsminister zu werden?

Als Abgeordneter in Berlin habe ich sieben Bundesverkehrsminister kommen und gehen sehen. Viele starteten unvorbereitet ins Amt. Gemessen daran fühlte ich mich wie ein ausgebildeter Verkehrspolitiker: Ich war lange Jahre im Verkehrsausschuss und zuletzt Vorsitzender des Verkehrsausschusses und Experte für Stuttgart 21.

© ADAC Württemberg/Frank Eppler

Sie waren früher Gymnasiallehrer. Warum sind Sie in die Politik gegangen?

Ich stamme aus einer politisch geprägten Generation und war schon in der Schule und dann als Kriegsdienstverweigerer aktiv und nahm an Demonstrationen teil. Ich studierte und wurde Lehrer. Neben Sport und Deutsch unterrichtete ich unter anderem Politikwissenschaft. Die Grünen hatten damals keine Bildungspolitik. Ich wollte, dass sich die Partei auch um die Schulen kümmert. Vor allem deswegen habe ich 1984 Wahlkampf gemacht – und wurde überraschend in den Landtag gewählt. Mit der Zeit habe ich mich dann stärker um die Themen Verkehr, Energie und Umwelt gekümmert.

Heute sind Sie der mit Abstand dienstälteste Verkehrsminister Deutschlands. Wie hat sich der Verkehr in den letzten 15 Jahren verändert?

Bei meinem Amtsantritt waren Verkehrsministerkonferenzen reine Männerrunden. Heute sitzen viele Ministerinnen und Senatorinnen dabei. Als ich damals Klimaschutz und Radverkehr ansprach, lachten mich manche Kollegen aus. Heute sagen fast alle: Wir sind für nachhaltige Mobilität. Selbst die CDU vertritt heute andere Positionen. Ich glaube, wir haben auch deren Verkehrspolitik modernisiert.

Was war der schönste Moment in Ihrer Amtszeit?

Ich freue mich immer, wenn ich am Bahnhof bin. Statt alter, roter Züge stehen dort immer mehr neue, gelb-weiße im Baden-Württemberg-Design. Inzwischen gehören dem Land mehr als 350 Züge – und es werden immer mehr. Ich habe mich auch über jeden neuen Dienstwagen wie auch über meine Top-Dienstfahrräder gefreut. Anfangs musste ich noch einen Diesel fahren, danach waren alle Wagen elektrisch. Und natürlich habe ich jeden Radweg gefeiert, den ich eröffnen konnte.

© Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg

Und was war der schwierigste Moment?

Der Volksentscheid zu Stuttgart 21. Ich wollte auch Verkehrsminister werden, weil ich sicher war, eine Mehrheit für die Beendigung des Bahnprojekts zu bekommen. Als das Volk dann anders entschied, war das eine ziemliche Enttäuschung. Aber es war besser, als wenn Stuttgart 21 im Koalitionsvertrag als Kompromiss gestanden hätte. Dann hätte man mich vermutlich als Verräter bezeichnet.

Das Bahnprojekt hat Sie während Ihrer gesamten Amtszeit begleitet. Ist Ihnen eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben?

Auf der Neubaustrecke war im Planfeststellungsverfahren kein Halt zwischen Stuttgart und Ulm vorgesehen. Dann kamen mehrere Bürgermeister von der mittleren Alb ins Ministerium und forderten vom Grünen Minister einen Bahnhof. Sie waren reichlich spät dran, aber ich sagte meine Unterstützung zu. Am Ende war der Halt in Merklingen sogar zwei Jahre früher fertig als die Neubaustrecke. Das war ein Glückserlebnis. Bei der Einweihung des Bahnhofs wurde das richtig gefeiert.

Ihr Großvater war Bahnspediteur. Als Kind verbrachten sie viel Zeit am Güterbahnhof. Hat das Ihre Einstellung zum Schienenverkehr geprägt?

Das und meine Märklin-Eisenbahn. Meine Eltern hatten mir zum dritten Geburtstag erst eine Holzeisenbahn geschenkt. Aber ich wollte unbedingt eine Märklin. Meine Mutter erzählte bis zu ihrem Lebensende gern, wie ich vier Wochen ab Weihnachten in meinem Zimmer verschwand und nur noch Eisenbahn spielte. Das hat mich affin gemacht für die Schiene.

Als Verkehrsminister haben Sie das Angebot im Schienenverkehr ausgebaut. Heute rollen mehr und modernere Züge durchs Ländle. Alte Strecken wurden elektrifiziert. Trotzdem sind viele Fahrgäste frustriert. Können Sie das verstehen?

Wenn ich mit der Bahn nach Berlin fahre, bin ich auch gespannt, wann ich ankomme. Die Bahn ist aber nicht so schlecht wie die Geschichten über sie. Der Nahverkehr ist deutlich pünktlicher und zuverlässiger als der Fernverkehr. Wir haben alles getan, damit die Menschen umsteigen: mehr Züge bestellt, die Taktung verbessert. Doch wir leiden an der schlechten Infrastruktur. Es ist ein Dauerärgernis, wenn Züge ausfallen, weil irgendwo gebaut wird, eine Weiche klemmt oder ein Stellwerk nicht funktioniert. Die Sanierung wird den Betrieb noch jahrelang stören. Das muss die Bahn besser organisieren.

Ein großes Versprechen im letzten Koalitionsvertrag war die Mobilitätsgarantie. Alle Orte sollten von frühmorgens bis spätabends mindestens stündlich mit dem ÖPNV erreichbar sein. Warum wurde das Ziel verfehlt?

Wir sind an der begrenzten Schieneninfrastruktur gescheitert. Etwa 85 Prozent der Mobilitätsgarantie haben wir eingelöst. Die letzten Prozente bekommen wir auf die Schnelle nicht hin. Dazu müssen zusätzliche Gleise gebaut werden, zum Beispiel im Rheintal. Drei größere Projekte werden in den nächsten Jahren mehr Kapazität bringen: die geplante Regional-Stadtbahn Neckar-Alb, der Ausbau der Hochrhein- und der Bodenseegürtelbahn und der Brenzbahn. Ein großer Erfolg sind unsere Regiobusse. Sie fahren dort, wo keine Schienen liegen, und verbinden Regionen mit Bahnhaltepunkten. Inzwischen gibt es ein landesweites Netz mit über 50 Buslinien.

© ADAC Württemberg/Frank Eppler

Wie steht es um die Straßen im Land?

Wir sind kein Entwicklungsland, wo man ständig neue Straßen bauen muss. Schon im ersten Koalitionsvertrag haben wir festgelegt, dass Erhalt und Sanierung vor Aus- und Neubau gehen. Das haben wir über drei Legislaturperioden hinweg durchgehalten. Heute steht das auf Bundesebene sogar im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD. Dank dieser Schwerpunktsetzung steht Baden-Württemberg bei der Infrastruktur nicht schlecht da. Allerdings wurden zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren sehr viele Straßen und Brücken gebaut, die nun saniert werden müssen. Dafür wird das Geld nicht reichen, obwohl wir heute doppelt so viel ausgeben wie zu Beginn meiner Amtszeit. Der Sanierungsstau ist die größte Herausforderung der nächsten Jahre.

Sie sind als leidenschaftlicher Radfahrer bekannt. Wie hat das Ihre Verkehrspolitik beeinflusst?

Wer selbst Rad fährt, blickt anders auf die Radinfrastruktur. Man merkt, wo es klemmt. In den letzten Jahren haben wir hier viel erreicht. Kürzlich kam eine Delegation von 20 Niederländern zu einem Radkongress in Baden-Württemberg. Das verstehe ich als Auszeichnung. Eine der größten gesetzgeberischen Leistungen dieser Legislaturperiode ist das Landesmobilitätsgesetz. Für den Radverkehr bedeutet es: Jede Stadt, jeder Kreis bekommt eine Radkoordinatorin oder einen Radkoordinator. Um Platz für Radfahrende zu schaffen, müssen Parkplätze weichen. Das ist ein schwieriger Kampf, den nicht das Land, sondern die Kommunen führen müssen.

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Baden-Württemberg gilt als Vorreiter der Verkehrswende. Trotzdem sind E-Autos hierzulande oft Ladenhüter. Woran liegt das?

Ich würde gerne sagen: In Baden-Württemberg fährt jedes zehnte Auto elektrisch. Doch so weit sind wir noch nicht, auch wenn wir deutlich über dem bundesweiten Schnitt liegen. Die Debatte um das Aus vom Verbrenner-Aus hat die Kundschaft verunsichert. Ein Teil der Automobilchefs wackelt, dabei wissen alle, dass es keine bessere Technik gibt.

Was muss sich ändern?

Wenn wir ein Autoland bleiben wollen, das weltweit Autos verkauft, müssen wir die besten Elektroautos bauen – und zwar bezahlbare. Außerdem benötigen wir genügend öffentliche Ladesäulen. Die Befreiung von der Kfz-Steuer und die Mautfreiheit für Elektro-LKW sind wichtige Signale. Ich bin außerdem dafür, den Strompreis an Ladestationen zu deckeln. Viele in der Autoindustrie begreifen noch nicht, dass die Konkurrenten in Kalifornien und China sitzen. Wir können nur bestehen, wenn wir unser Wissen teilen und gemeinsame Projekte entwickeln. Nicht nur in Baden-Württemberg, sondern deutschland- und europaweit. Wir brauchen zum Beispiel eine europäische Batterie- und Ladeinfrastruktur und eine Batterie- und Ressourcenstrategie.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird es 2050 in Baden-Württemberg auf den Straßen und Schienen aussehen?

Prognosen zeigen zwei Szenarien: Entweder alles bleibt gleich, nur elektrisch und mit noch mehr Autos. Oder es gelingt tatsächlich eine Mobilitätswende. Die Menschen merken, dass geteilte Autos sinnvoller sind. Es gibt mehr Raum zum Verweilen, für schöne Plätze, für Stadtbegrünung, für Fußgängerinnen und Fußgänger und für Radfahrerinnen und Radfahrer. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem. Aber die Städte werden definitiv anders aussehen als heute.

In Ihrer Autobiografie bekennen Sie, ein Autonarr gewesen zu sein. Was bedeutete das eigene Auto für den 18-jährigen Winfried?

Ich fuhr einen Ford Taunus 12M. Meine Generation hat total darauf hingefiebert, den Führerschein zu machen. Da waren Umwelt- und Klimaschutz noch kein Thema. Das änderte sich erst im Studium. Wir waren fünf befreundete Studenten, jeder mit eigenem Auto. Irgendwann merkten wir, das ist Schwachsinn. Wir schafften die Hälfte der Autos ab und organisierten eine Art privates Carsharing.

Welches Verkehrsmittel nutzen Sie heute am liebsten?

Wenn möglich das Fahrrad. Manchmal lasse ich es aber bewusst stehen und gehe zu Fuß. Ich versuche, täglich 5.000 Schritte zu schaffen, besser noch 10.000. Dienstlich fahre ich neben Bus und Bahn viel Auto. Nach Berlin fahre ich mit der Bahn. Ich bin grundsätzlich nicht gegen das Fliegen, wenn es zeitlich nur so geht. Ich bin ja Aufsichtsratsvorsitzender von zwei Flughäfen. Für mich besteht moderne Mobilität aus allen Verkehrsmitteln. Die Herausforderung liegt darin, sie sinnvoll zu kombinieren. Und jedes sollte möglichst klimaverträglich sein.

Und über welches Verkehrsmittel haben Sie sich zuletzt geärgert?

Ich ärgere mich regelmäßig über stinkende, laute Zweitakter. Diese Motorroller und Motorräder würde ich am liebsten nicht mehr auf den Straßen sehen. So ein Fahrzeug macht mehr Dreck als hundert moderne Autos. Und dabei gibt ja auch längst saubere und leise elektrische Alternativen.

Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

Bis zu meinem Amtsende will ich erst nochmal powern. Danach möchte ich gerne einen längeren Urlaub machen. Radtouren am Fluss reizen mich auch, entlang von Neckar, Tauber oder Jagst. Es gibt viele schöne Strecken. Außerdem werde ich mich weiterhin den großen Themen widmen, die mich mein Leben lang beschäftigt haben: Klimaschutz, Mobilität, Frieden. Ich bin Pazifist und sehe mit Sorge die Aufrüstung und Remilitarisierung von Politik und Gesellschaft. Auch unsere Demokratie ist in Gefahr. Ich will alles tun, um rechten Parteien und Ideologien den Boden zu entziehen.

Wenn Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin einen einzigen Rat geben dürften, welcher wäre das?

Sei ungeduldig und habe genügend Geduld. Diesen Rat habe ich mir selbst immer wieder gegeben. Man braucht Ungeduld, um Dinge voranzubringen. Gleichzeitig läuft vieles im Verkehr zäh. Wer keine Geduld hat, gibt auf. Ich glaube, das ist ein Stück weit das Geheimnis meines Erfolgs: Ich habe Dinge nie aus den Augen verloren, selbst wenn es nur langsam und zäh voranging.

Das Interview führte Christine Frischke im Auftrag des ADAC Württemberg.