Gaffer nach einem Verkehrsunfall: „Wir sehen das bei jedem Einsatz“

Nach einem Verkehrsunfall auf der A8 bei Bernau am Chiemsee filmten vor wenigen Wochen zahlreiche Autofahrer den Unfallort – statt weiterzufahren. Der Vorfall zeigt, wie sehr sogenannte Gaffer inzwischen zum Alltag von Polizei und Rettungskräften gehören. Im Interview erklärt Polizeioberkommissar Florian Ager, warum dieses Verhalten so gefährlich ist und welche Konsequenzen drohen.
Immer häufiger müssen Einsatzkräfte nicht nur Verletzte versorgen, sondern sich gleichzeitig mit Schaulustigen auseinandersetzen. Auf vielen Autobahnen in Südbayern führt das regelmäßig zu gefährlichen Situationen, blockierten Rettungswegen und zusätzlichen Risiken für alle Beteiligten. Polizeioberkommissar Florian Ager, Dienstgruppenleiter bei der Verkehrspolizeiinspektion Traunstein, schildert in einem Interview, wie verbreitet das Problem inzwischen ist – und was Gaffer rechtlich erwartet.
Interview mit Polizeioberkommissar Florian Ager

Was bedeutet „Gaffen“?
„Wir sprechen von „Gaffen“ wenn Unbeteiligte an einer Unfallstelle oder an einem Einsatzort aus reiner Neugier oder aus Sensationslust sehen wollen, was passiert ist. Häufig fahren „Gaffer“ mit ihrem Auto extra langsam an einer Unfallstelle vorbei oder bleiben sogar stehen, um zu sehen was passiert ist.“
Wie oft begegnen Ihnen gaffende oder filmende Personen bei einem Verkehrsunfall?
„Eigentlich beobachten wir das Phänomen zwischenzeitlich bei jedem Einsatz. In den letzten Jahren hat es sich in unserer Wahrnehmung leider nicht verbessert. Immer noch gibt es viele Autofahrer, die mit dem Handy in der Hand an einer Unfallstelle vorbeifahren und Fotos oder Videos machen.“
In welchen Situationen wird Gaffen für Verletzte oder Rettungskräfte besonders gefährlich?
„Für die Verletzten wird es dann besonders gefährlich, wenn durch das „Gaffen“ die Arbeit der Einsatzkräfte behindert wird. Regelmäßig kommt es vor allem auf der Autobahn vor, dass auch auf der Gegenfahrbahn, die vom Unfall gar nicht betroffen ist, der Verkehr zum Erliegen kommt, weil die Autofahrer langsam an einer Unfallstelle vorbeifahren. Dann ist auch schon die Anfahrt von Rettungsdienstfahrzeugen erschwert, immer wieder auch dann, wenn es für Verletzte um jede Minute geht.“
Richtiges Verhalten nach einem Unfall
Rettungsgasse bilden und freihalten, solange der Verkehr stockt.
An Unfallstellen, an denen noch keine Rettungskräfte vor Ort sind: Unfallstelle absichern, Notruf absetzen und ggf. Erste Hilfe leisten
An Unfallstellen mit bereits laufender Hilfe: zügig und vorsichtig vorbeifahren, nicht stehen bleiben, nicht drängeln oder überholen.
Rettungskräfte nicht behindern und Anweisungen von Polizei und Einsatzkräften befolgen.
Keine Fotos oder Videos vom Unfall machen.
Welche rechtlichen Konsequenzen drohen Gaffern?
„Häufig überschreiten „Gaffer“ mit ihrem Fehlverhalten nicht nur moralische Grenzen. Wenn man zum Beispiel extra langsam an einer Unfallstelle vorbeifährt, um Fotos zu machen und dabei den nachfolgenden Verkehr behindert, kann das eine Verkehrsordnungswidrigkeit oder vielleicht sogar Nötigung im Straßenverkehr darstellen. Wenn ein „Gaffer“ dann zum Beispiel ein Bild von einer bewusstlosen Person fertigt, die auf der Straße medizinisch behandelt wird, können weitere Straftatbestände erfüllt sein. In Extremfällen, wenn ein „Gaffer“ durch sein Verhalten verhindert, dass jemand gerettet wird, kommen auch Körperverletzungs- oder Tötungsdelikte in Frage. Unter welchen Tatbestand das jeweilige „Gaffen“ fällt, trifft schlussendlich die Staatsanwaltschaft.“
Welche Maßnahmen funktionieren aus Ihrer Sicht am besten, um Gaffer zurückzudrängen?
„Das ist situations- und einzelfallabhängig; unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass sich die Autofahrer oftmals schämen, wenn sie angehalten und mit ihrem Verhalten konfrontiert werden.“
Wenn Sie der Öffentlichkeit nur eine einzige Botschaft zum Thema Gaffen mitgeben könnten: Welche wäre das?
„Macht den Perspektivwechsel und stellt euch vor, ihr seid verletzt: Würdet ihr das wollen?“
ADAC in Bayern: Klare Haltung gegen Gaffen
Der ADAC in Bayern bezieht deutlich Stellung gegen Gaffer und setzt sich für mehr Respekt gegenüber Einsatzkräften und Unfallopfern ein. Mit der 2019 gestarteten Kampagne „Gaffen Geht Gar Nicht“ reagierte der Club gemeinsam mit BAYERN 3, der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG) und dem Landesfeuerwehrverband Bayern (LFV) auf die wachsende Zahl von Schaulustigen, die Rettungsarbeiten behindern oder Unfallopfer filmen. Mehr als eine Million verteilte Aufkleber, starke Medienpräsenz und prominente Unterstützung machten die Initiative schnell weithin sichtbar. 2021 wurde sie mit dem German Brand Award ausgezeichnet – ein eindrucksvoller Beleg für ihre nachhaltige Wirkung.
