Mit Hand und Herz für inklusive Sportarten

ADAC Blog

© RSG Hannover ’94 e.V/Foto Dirksen

Die Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover ’94 e.V. bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Zudem entwickelt und etabliert der Verein und ADAC Ortsclub deutschlandweit laufend neue inklusive Sportarten wie Rollstuhlhandball oder Inklusionskart. Die Vorsitzende Dr. Meike Lüder-Zinke erzählt, was diese Aufgabe zum Herzensprojekt macht.

Dr. Meike Lüder-Zinke (oben im Bild bei ihrer Leidenschaft Rollstuhlhandball, den sie als Nicht-Behinderte betreibt) führt ein arbeitsintensives Doppelleben: Neben ihrem Beruf als Betriebsärztin der Stadt Hannover ist sie Vorsitzende der Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover ’94 e.V, die 2007 in die ADAC Ortsclubs aufgenommen wurde.

Gegründet hat den Verein Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover ’94 e.V ihr Ehemann Detlef Zinke und hat in dem Bereich Pionierarbeit geleistet. Nach seinem Tod im Jahr 2018 wurde sie zur neuen Vorsitzenden gewählt.

Besonderes Engagement bei den ADAC Ortsclubs

In den ADAC Ortsclubs engagieren sich Ehrenamtliche für Motorsport und Klassik, setzen sich für Inklusion ein oder organisieren Benefiz-Events. Vielfalt spielt in den Clubs eine große Rolle, vereint arbeiten dort Menschen mit einem gemeinsamen Ziel. Die Mitgliedschaft als ADAC Ortsclub ist kostenfrei. Interessierte Clubs müssen lediglich aus mindestens 30 ADAC Mitgliedern bestehen und sich in den Bereichen Mobilität, Motorsport, kraftfahrttechnisches Kulturgut, Verkehrssicherheit oder Tourismus engagieren. Auf unserem Blog stellen wir einige ADAC Ortsclubs mit besonderen Projekten vor – und die Menschen, die dahinterstehen.

Hier geht es zur Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover ’94 e.V

Bis in die 1990er-Jahre kaum Inklusionssport in Deutschland

Die Handbiker der RSG Hannover nehmen bundesweit an Rennen teil, mit Streckenzwischen 10 km und 42 km © RSG Hannover ’94 e.V

Als Detlef Zinke 1994 die Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover ’94 e.V gründete, wollte er auch anderen Rollstuhlfahrern den Spaß am Sport möglich machen. Der leidenschaftliche Sportler war nach einem Unfall selbst auf den Rollstuhl angewiesen. Zu einer Zeit, in der es in Deutschland so gut wie kein Angebot an Inklusionsportarten gab.

„Sport für jeden kennzeichnet bis heute unsere Philosophie“, erzählt Meike Lüder-Zinke. Dabei reicht das inklusive Sportangebot von Drachenboot, Handbiking, Kinder- und Jugendsport, Karate, Kartsport, Rollstuhlhandball, Rollstuhl-Hockey, Rehasport, Segeln und Stand-up-Paddling.

Sport soll verbinden

Meike Lüder-Zinke mit Ministerpräsident Stephan Weil bei der Eröffnung der ersten deutsch-holländischen Meisterschaft im Rollstuhlhandball © RSG Hannover ’94 e.V

Die RSG Hannover machte es sich um Ziel, abwechslungsreiche Sportarten anzubieten. So holte Detlef Zinke zum Beispiel Rollstuhl-Hockey nach Deutschland und etablierte es deutschlandweit. Mit großem Zuspruch – der Verein hatte schon kurz nach der Gründung über 300 Mitglieder. Mittlerweise leitet die RSG drei Fachbereiche beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband DRS: Kartsport, Rollstuhl-Hockey und Rollstuhlhandball. „Es geht darum, dass Menschen mit und ohne Behinderung ihre Leidenschaft für Sport gemeinsam ausüben können“, sagt Meike Lüder-Zinke.

„Eigentlich kam ich aus einem anderen Bereich. Als ich zum RSG Hannover dazu stieß, gab ich als Vorsitzende eines Karatevereins Kurse in Rollstuhl-Karate und wollte Kurse für Kinder und Menschen mit Behinderung anbieten“, blickt Meike Lüder-Zinke zurück. Sie wuchs dabei immer mehr in den Verein hinein und übernahm die Verantwortung für Sportentwicklung und Fördermittelanträge. „So habe ich schließlich meine Leidenschaft für den Rollstuhlsport entdeckt.“ Für dessen Förderung sie mit der RSG Hannover echte Pionierarbeit geleistet hat.

Erste Rollstuhlhandball-Meisterschaft in Deutschland

Seit 2017 leitet der Verein den Fachbereich Rollstuhlhandball bei der Deutschen Rollstuhlsportgemeinschaft mit dem Ziel, Rollstuhlhandball in Deutschland populär zu machen. Am 11. September 2021 war ein Meilenstein erreicht: Die RSG Hannover ’94 e.V. richtete die erste deutsch-holländische Meisterschaft im Rollstuhlhandball aus. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil übernahm die Schirmherrschaft und eröffnete sie persönlich. „In den nächsten Schritten geht es um den strukturellen Aufbau von Rollstuhlhandball in Deutschland. Wir möchten innerhalb von drei Jahren einen deutschen Spielbetrieb aufgebaut haben.“

Inklusion im vollem Umfang

Rollstuhlhandball ist eine moderne Spielart des Handballs unter der Verwendung eines zusätzlichen Sportgeräts, dem Sportrollstuhl © RSG Hannover ’94 e.V

„Warum mich Rollstuhlhandball so sehr begeistert? Weil dieser Sport Platz für alle bietet“, sagt Meike Lüder-Zinke. „Egal, ob Frauen oder Männer. Egal, wie alt die Spieler sind oder ob die Sportler eine Behinderung haben oder nicht. Aktuell liegt bei uns der Anteil an Nicht-Behindertensportlern bei 50 Prozent.“ Alle können mitmachen und die Leidenschaft zum Handball miteinander teilen. Spieler mit Knieproblemen genauso wie Spieler, die querschnittgelähmt oder nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt sind.

Ohne Kompromisse Rennluft schnuppern

Kartspaß ohne Barriere mit dem Doppelsitzerkart © RSG Hannover ’94 e.V/Foto Dirksen

Beim Motorsport zeigt sich besonders deutlich, was Inklusionsarbeit bewegen kann. Menschen mit Mobilitätseinschränkung schien es vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar, aktiv am Motorsport teilzunehmen. Auch hier hat die RSG Hannover Meilensteine gesetzt. Der Verein hat über die Jahre eine große Flotte von 15 Karts – auch dank des ADAC – aufbauen können. Darunter Fuß- und Handgaskarts sowie ein Doppelsitzerkart, mit dem auch Schwerstbehinderte als Beifahrer ganz sicher fahren können.

Die RSG Hannover ’94 hat ein besonderes Stand-up-Paddle-Boot, in denen die Menschen in ihrem eigenen Rollstuhl bleiben können. Foto: RSG Hannover ’94 e.V

Sport für alle – auch zu Wasser

Die RSG Hannover ’94 hat ein besonderes Stand-up-Paddle-Boot, in denen die Menschen in ihrem eigenen Rollstuhl bleiben können © RSG Hannover ’94 e.V

Zu den außergewöhnlichen Projekten der RSG Hannover zählt ein spezielles SUP-Board, das auch Rollstuhlfahrer aufs Wasser bringen kann. „Um mit diesem SUP auf den Maschsee zu fahren, haben wir viele Jahre um eine Genehmigung gekämpft“ ,erzählt Meike Lüder-Zinke. Heute sei das Stand-up-Paddle-Boot der Hit für die Mitglieder. Auf dem Boot können bis zu vier Rollstuhlfahrer über den See fahren, ohne dass sie ihren Rollstuhl verlassen müssen. Das sei für Menschen mit Behinderung sehr wichtig.

Das Vereinscenter am Maschsee ermöglicht Menschen im Rollstuhl den Zugang zum Wasser. Foto: RSG Hannover ’94 e.V

Perle am Maschsee

Das Vereinscenter am Maschsee ermöglicht Menschen im Rollstuhl den Zugang zum Wasser © RSG Hannover ’94 e.V

Auf die Frage, ob sie bei ihrer Arbeit auch auf Barrieren stoße, nennt Meike Lüder-Zinke Schwierigkeiten, die sich bei der Finanzierung der Projekte ergeben, zumal es kaum staatliche Förderungen gäbe. Aber es sei die Mühe wert, denn mit der RSG Hannover und dem Vereinscenter im Detlef-Zinke-Haus direkt am Maschsee habe man eine Perle geschaffen. Ihr Wunsch für die Zukunft? „Dass wir viele Leute auf uns aufmerksam machen können. Dann haben wir die Möglichkeit, möglichst vielen Menschen mit und ohne Behinderung einen Sport anzubieten, den sie ohne Einschränkungen auszuüben können. Schließlich soll dem Spaß am Sport nichts im Weg stehen.“