Stiftungs-Vorständin: "Mit uns lernen 800.000 Schüler, Leben zu retten"

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Von Christof Henn

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Christina Tillmann im Interview-Format
Christina Tillmann, Vorständin der ADAC Stiftung© ADAC/Sung-Hee Seewald [M]

Reanimationsunterricht in Schulen, Hilfe für Unfallopfer und Mobilitätsbildung – im Interview spricht Vorständin Christina Tillmann über die Aktivitäten der ADAC Stiftung.

ADAC Redaktion: Die ADAC Stiftung feiert zehnjähriges Bestehen. Wo sind die Schwerpunkte?

Christina Tillmann: Die großen Themen der ADAC Stiftung sind Lebensrettung, Luftrettung und Mobilität. Wir arbeiten viel mit Kooperationen. Weil wir überzeugt sind, dass die Probleme und Herausforderungen so groß sind, dass einer alleine sie nicht lösen kann.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Mit anderen Stiftungen, mit den ADAC Regionalclubs und mit Bundesländern. Hier ist uns das Thema Reanimation extrem wichtig. Wir setzen uns dafür ein, dass wir das alle besser können und es auch tun. Es geht um 10.000 Leben, die jedes Jahr nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand gerettet werden könnten, wenn schnell gehandelt wird. Mittlerweile haben wir Kooperationen mit fünf Bundesländern abgeschlossen: Bayern, NRW, Berlin, Saarland und Bremen – so erreichen wir jedes Jahr mehr als 800.000 Kinder, die Leben retten lernen.

Wie läuft so eine Kooperation?

Wir stellen unser Wissen zur Verfügung, unterstützen bei den Unterrichtskonzepten. Dann prüfen wir, ob alles funktioniert, steuern bei Bedarf nach. Und wir sorgen zum Beispiel dafür, dass Reanimationspuppen da sind, an denen die Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse einmal im Jahr üben können.

Kernpunkt ist, dass sie lernen, wie man eine Herzdruckmassage macht. Angeleitet von ihren Lehrerinnen und Lehrern, die entweder von uns oder von Hilfsorganisationen für diesen Unterricht ausgebildet werden.

Im Moment liegt der Fokus auf der siebten, achten und neunten Jahrgangsstufe. Aber wir hoffen, dass es auch danach noch weitergeht.

Schüler lernen in einem Reanimierungskurs die Wiederbelebung einer verunfallten Person
Kinder lernen, Leben zu retten: Im Reanimationsunterricht üben Schülerinnen und Schüler an Puppen eine Herzdruckmassage© ADAC/Rasmus Kaessmann

Wie wird der Reanimationsunterricht angenommen?

Wir kriegen super Feedback. Weil es gelingt, Kinder erleben zu lassen, dass sie in einer Krise nicht einen Schritt zurückgehen und darauf hoffen, dass irgendjemand anders was tut. Sondern dass sie selbst in der Lage sind zu helfen. Es geht uns darum, Kindern und Jugendlichen beizubringen: Es kommt auf dich an, du kannst etwas tun.

Wo ist die Stiftung noch aktiv?

In der Mobilitätsbildung, die mehr ist als Verkehrssicherheit. Es geht auch um nachhaltige Mobilität und um rücksichtsvolles Verhalten auf dem Schulweg. Wir sind die größte außerschulische Anbieterin von Mobilitätsbildungsprogrammen in Deutschland. Und wir haben einen runden Tisch mit allen Anbietern initiiert. Es ist uns wichtig, dass wir voneinander lernen. Sehr eng arbeiten wir mit den 18 ADAC Regionalclubs zusammen.

Zur Person

Seit April 2022 führt Christina Tillmann (46) als Vorständin die ADAC Stiftung, zu der als 100-prozentige Tochter die ADAC Luftrettung gehört. Darüber hinaus engagiert sich Tillmann als Aufsichtsrätin der ADAC SE sowie als Stiftungsrätin der Maecenata Stiftung, die sich für die Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft einsetzt. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Strategieberaterin im öffentlichen Sektor in Deutschland und den USA, ab 2016 leitete sie bei der Bertelsmann Stiftung das Programm "Zukunft der Demokratie".

Welche Programme organisiert die Stiftung?

Das fängt bei den Kleinsten in der Kita mit "Aufgepasst mit ADACUS" an. ADACUS ist eine Handpuppe, ein Rabe, mit dem die Moderatorinnen und Moderatoren arbeiten. Sie bringen den Kindern etwa bei, wie sie über einen Zebrastreifen gehen und mit wem sie Blickkontakt aufnehmen sollten, um sicher über die Straße zu kommen.

Für Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klassen haben wir das Programm "Achtung Auto", wo es um den Bremsweg geht. Das ist faszinierend, weil auch wir Erwachsene immer falschliegen bei der Schätzung, wie lange es dauert, bis ein Wagen zum Stehen kommt.

Außerdem haben wir das Programm "Roller Fit". Da werden Lehrkräfte von Grundschulen ausgebildet. Wir kommen mit unserem "Roller Fit-Mobil" in die Schulen. An Bord sind normale Roller, keine E-Scooter.

Mit den Rollern lernen Kinder sicheres Fahren. Und sie bewegen sich. Die WHO empfiehlt für Kinder mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag. Das schaffen nur 11 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Jungs. Wenn wir uns volkswirtschaftlich angucken, was für Probleme das hervorruft, leistet Roller Fit einen Riesenbeitrag für mehr Gesundheit. Auch hier haben wir Kooperationen mit Kultusministerien abgeschlossen.

An wen richtet sich die Einzelfallhilfe der Stiftung?

Menschen, die nach einem Unfall bedürftig sind, können sich an uns wenden. Wir helfen dann individuell. Das kann ein Handbike oder die Umrüstung eines Autos für Menschen sein, die ihre Beine nicht mehr bewegen können, ein Hausumbau oder Physiotherapie. Also Dinge, die Unfallopfern helfen, wieder am Leben teilzuhaben. Das ist etwas, worauf wir richtig stolz sind.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Wir haben 2025 eine große Studie mit dem Titel "Zwischen Frust und Freiheit“ veröffentlicht. Dafür haben wir junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren gefragt, was sie von der Mobilität der Zukunft erwarten. Diese Altersgruppe wird viel zu wenig gehört, auch in der Verkehrspolitik.

Die jungen Menschen bewegen sich viel multimodaler als Ältere, sind mit drei oder vier Verkehrsmitteln unterwegs, wechseln vom Roller in die Bahn oder in ein Carsharing-Auto. Sie wollen schnell und verlässlich ans Ziel kommen.

Nachhaltigkeit spielt eine Rolle, ist aber im Alltag oft nachrangig gegenüber Funktionalität. Gleichzeitig ist die Unzufriedenheit mit dem Status quo hoch: Nur rund jede/r Zehnte ist mit den bestehenden Angeboten zufrieden. Viele wünschen sich mehr Wahlfreiheit und alltagstaugliche Alternativen, die funktionieren.