Interview mit Fahrsicherheitstrainer: "Vielen Autofahrern sind Gefahren nicht bewusst"

Fahrsicherheitstraining in Nohra
ADAC Fahrsicherheitstraining: Gefahrlos im Grenzbereich üben ∙ © ADAC/Sebastian Zintel

Der Fahrsicherheitstrainer Rainer Jung über fehlende Sensibilität für Fehler im Straßenverkehr und wie ein ADAC Fahrsicherheitstraining hilft . Ein Gespräch zum Tag der Verkehrssicherheit.

Zu dichtes Auffahren, zu schnell oder abgelenkt am Steuer – das sind die Fehler, die ADAC Fahrsicherheitstrainer Rainer Jung im Alltag häufig auffallen. Zum Tag der Verkehrssicherheit erläutert er in einem Interview die Gründe und erklärt, wie auch erfahrene Autofahrer in einem ADAC Fahrsicherheitstraining lernen, bewusster zu fahren, Gefahren besser einzuschätzen und in kritischen Situationen richtig zu reagieren. Der 59-jährige ehemalige Fahrlehrer hat Hunderte Trainings geleitet und organisiert heute die Aus- und Weiterbildung von ADAC Fahrsicherheitstrainern.

ADAC Redaktion: Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Fehler von Autofahrern?

Rainer Jung: Ich fahre täglich von meinem Heimatort mit dem Auto 60 Kilometer zur Arbeit und abends wieder zurück. Was ich dort vor allem erlebe, sind zu geringer Abstand und eine sehr großzügige Auslegung der Geschwindigkeitsregeln. Außerdem gibt es viele Fahrer, die – oft unbewusst – abgelenkt sind.

Wie äußert sich das?

Ich mag mir nicht vorstellen, dass jemand bei 100 km/h absichtlich so dicht auf mein Auto auffährt, dass ich sein Kennzeichen nicht mehr sehen kann. Ich glaube, dass er das unbewusst tut. Dem Fahrer ist in diesem Moment nicht klar, was da passieren kann, und wie gefährlich die Situation ist. Er denkt gerade an ganz andere Dinge oder ist abgelenkt, durch ein Telefonat, ein Gespräch mit dem Beifahrer oder die Kinder auf der Rückbank – die Liste der Möglichkeiten ist lang.

Warum fehlt das Gefahrenbewusstsein?

Rainer Jung ist Fahrsicherheitstrainer und gibt Anweisung via funkgerät
Hat Hunderte Trainings geleitet: ADAC Fahrsicherheitstrainer Rainer Jung ∙ © ADAC/Beate Blank

Dieses Bewusstsein wird zwar in den Fahrschulen vermittelt, aber schleicht sich im Fahralltag bei vielen Menschen allmählich wieder aus. Das ist so eine Art erlernte Sorglosigkeit. Denn meistens passiert ja nichts.

Gibt es Altersgruppen, die besonders anfällig sind für Fehler?

Wenn man auf die Statistik schaut, sind es die 18- bis 25-Jährigen. Besonders bei jungen Männern ist die Risikokompetenz noch nicht so ausgeprägt und der Drang des Ausprobieren-Wollens stark.

Das heißt, ältere und erfahrene Fahrer machen alles richtig?

Nein (lacht). Da fasse ich mich an meine eigene Nase. Auch ich tue oft Dinge, die ich nicht tun sollte. Zum Beispiel auf langen Fahrten einen Apfel essen. Das ist auch eine Form von Ablenkung. Ich habe nur eine Hand am Steuer, und der Apfel kann ja mal runterfallen. Solche Sachen sind im Sinne der Verkehrssicherheit natürlich nicht gut. Das gilt auch für den Blick auf das Navi. Bis ich mich dann wieder voll auf den Verkehr konzentriere, sind ein paar Sekunden vergangen.

Wie gehen Sie bei einem Sicherheitstraining gegen diese Sorglosigkeit am Steuer an?

Wir orientieren uns erst mal an den Erlebnissen, Wünschen und Fragen der Teilnehmer. Zum Beispiel: War es richtig, dass ich dem Reh ausgewichen bin? Solche Fragen nehmen wir gerne auf und gucken uns dann gemeinsam an, wie man in den entsprechenden Situationen optimal reagiert. Im zweiten Schritt machen wir bewusst, welche Gefahrenpotenziale in der jeweiligen Situation liegen und welche Handlungsmuster es gibt. Darüber sprechen wir mit den Teilnehmern und lassen sie das ausprobieren, also trainieren. Deshalb heißt es ja Fahrsicherheitstraining. Nach dem Bewusstmachen kommt das Training.

Also zum Beispiel mal eine richtige Vollbremsung üben?

Ja, denn wenn etwa plötzlich ein Reh auf die Straße läuft, muss ich schnell reagieren und bremsen.

Ausweichen ist also keine Option?

Beim Ausweichen kann das Auto ausbrechen – und rechts ist der Baum, links der Gegenverkehr. Auf der Bremse bleiben und vielleicht ein Tier umfahren will man natürlich nicht. Doch genau das ist leider oft die einzige Option, die mir in dieser Situation bleibt. Alles andere ist zu gefährlich.

Gilt das grundsätzlich?

Es gibt keine Pauschallösungen: Wenn statt eines Rehs ein Mensch auf der Fahrbahn steht, sieht die Sache anders aus. Dann heißt es bremsen und ausweichen. Was aber immer gilt: Zum Nachdenken bleibt nicht viel Zeit. Und: Je schneller ich bin, desto weniger Zeit habe ich zum Reagieren. Am Ende zählt jeder Stundenkilometer.

So eine richtige Vollbremsung macht man im Alltag fast nie.

Fahrsicherheitstraining in Augsburg
Eine Vollbremsung gehört zum Programm eines Fahrsicherheitstrainings ∙ © ADAC/Sebastian Zintel

Ja, daher ist es wichtig, bei uns auf dem Trainingsplatz mal gefahrlos eine Vollbremsung zu üben. Dann erlebt man, wie sich ein Auto verhält: Die starke Verzögerung, das pulsierende Bremspedal, das ABS – wer das erfahren hat, erschrickt nicht mehr so sehr in der realen Situation im Straßenverkehr.

Und was übt man noch beim Fahrsicherheitstraining?

Nach dieser Trainingsphase sensibilisieren wir die Teilnehmer für Gefahrensituationen. Denn diese Sensibilität fehlt im Alltag oft. Wir tasten uns an die Grenze ran, fahren eine Übung mal ein paar km/h schneller. Dabei merkt man, ob das eigentlich gute Handlungsmuster immer noch funktioniert und spürt, wo die Grenzen der Fahrphysik sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Etwa das Fahren in einer Kurve. Wenn ich im Grenzbereich unterwegs bin und die Reifen schon quietschen, sollte mir klar sein, dass ich nicht noch schneller werden kann, trotz guter Reifen und ESP. Anders als im realen Straßenverkehr kann ich auf der Kreisbahn auf dem Trainingsgelände gefahrlos ausprobieren, was in diesem Fall passiert.

Das heißt, der Trainer freut sich, wenn ein Teilnehmer mit dem Auto mal wegrutscht?

Nein (lacht), auch wenn das zu einem Training dazugehört – zu erfahren, wo die Grenzen sind und zu spüren, dass man das im normalen Straßenverkehr besser lassen sollte.

Können auch erfahrene Autofahrer bei einem Training noch etwas lernen?

Auf jeden Fall. Ich habe schon oft von älteren Teilnehmern gehört, sie hätten nicht gedacht, dass sie noch so viel lernen können. Wenn wir es am Ende gut gemacht haben als Trainer, sind die Menschen in der Lage, sich selbst quasi einen Verhaltensvorsatz zu formulieren: Das will ich künftig anders machen. Dann gibt es weniger Autofahrer wie die, die mich auf nasser Fahrbahn auf der Landstraße mit 120 km/h oder mehr überholen. Ich will kein Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger sein, aber hier wäre eine Sensibilisierung für die Gefahren gut für die Verkehrssicherheit.

Wo Sie ein ADAC Fahrsicherheitstraining machen können, erfahren Sie hier.

Christof Henn
Redakteur
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