Angst beim Autofahren: Woher sie kommt und was dagegen hilft

2.7.2018

Dichter Verkehr, düstere Tunnel, enge Baustellen oder Dunkelheit: In solchen Situationen haben viele Autofahrer ein mulmiges Gefühl, doch bei manchen wird daraus echte Fahrangst. Was viele nicht wissen: Es gibt Hilfe. Betroffene und Experten erzählen ihre Geschichte und klären auf

Fahrangst im Stadverkehr
Speziell betreute Fahrtrainings helfen Betroffenen, ihre Angst zu überwinden.

Wenn sich die Autobahn in einer Baustelle kilometerlang auf zwei schmale Spuren verengt, die Verkehrsteilnehmer dichter auffahren und Lkw auf Tuchfühlung gehen, wird manchem Autofahrer mulmig zumute. Doch bei Janina war es anders, sie bekam Panikattacken. Herzrasen,Schweißausbrüche und die Angst vor Ohnmachtsanfällen waren 20 Jahre lang ihre ständigen Begleiter. Janina leidet unter Fahrangst, auch bekannt als Amaxophobie.

Autobahn oder Stadtverkehr – Angst kann überall lauern

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Fahrangst in der Baustelle
Baustellen auf der Autobahn: Horrorszenario für viele Betroffene

"Der Schwindel kam aus dem Nichts. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich gefangen", sagt die 40-Jährige über jenen Moment, in dem Autofahren für sie zum ersten Mal zur Bedrohung wurde. "Besonders auf mehrspurigen Fernstraßen und an Baustellen hatte ich Panik und Angstsymptome." In den darauffolgenden Jahren schlich sich die Furcht immer mehr in ihr Leben ein, bis sie sich gar nicht mehr auf die Autobahn traute.

Regine durchlebte Ähnliches. Die Mutter zweier Kinder war immer eine routinierte Fahrerin und beruflich viel unterwegs. Ihre Angst kam plötzlich: Sie fürchtete, die Kontrolle über ihr Auto zu verlieren. "Allein auf der Autobahn, hohe Geschwindigkeiten, der Weite ausgeliefert, links und rechts ist nichts – das wurde der blanke Horror für mich", sagt sie. Brücken, Tunnel und Dunkelheit waren besonders schlimm.

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Diese Formen der Fahrangst gibt es

Viele Betroffene haben Angst, beim Autofahren Fehler zu machen. Die Ursache ist in den meisten Fällen Unsicherheit oder mangelnde Praxis. Diese Form der Furcht kann bei Führerschein-Neulingen aber auch bei routinierten Autofahrern auftreten, die lange nicht mehr hinterm Steuer saßen.

Auslöser sind oft auch schlimme Ereignisse, zum Beispiel das Erleben oder Beobachten eines Verkehrsunfalls. Diese Form der Angst bezieht sich meist auf bestimmten Orte und Situationen, wie Tunnel, Brücken oder Fahrten durch die Innenstadt. Im Laufe der Zeit wird diese Art der Furcht oft schlimmer, irgendwann trauen sich die Betroffenen gar nicht mehr hinters Steuer.

In Deutschland gibt es Tausende Betroffene

Sich das Problem einzugestehen kostete Janina und Regine viel Kraft. "Ich wollte das anfangs gar nicht wahrhaben. Nicht Auto fahren zu können – das finden die meisten peinlich. Dabei haben doch viele Menschen irgendeine Phobie", sagt Regine.

Tatsächlich leiden in Deutschland Tausende unter Fahrangst, die Dunkelziffer ist hoch. Aber die Panik hinterm Steuer lässt sich bekämpfen, weiß Alexandra Bärike, Diplompsychologin und Fahrlehrerin. Deutschlandweit hilft sie Betroffenen mit Konfrontationstrainings. "Ich arbeite mit Wiedereinsteigern nach langer Fahrpause, aber auch mit Personen, die früher gern Auto gefahren sind, wie Sie und ich. Bei vielen tritt die Fahrangst plötzlich in unterschiedlichen Situationen auf – beim einen im dichten Stadtverkehr, beim anderen auf der Autobahn. Es ist wichtig, den Betroffenen Mut zu machen", erklärt sie.

Janina und Regine meiden beispielsweise Fernstraßen, haben aber keinerlei Probleme bei Fahrten im dichten Verkehr. "In der Innenstadt habe ich mich behütet gefühlt. Da sind überall Autos um mich herum, da bin ich nicht allein. Je voller, desto besser. Außerdem sind die Geschwindigkeiten nicht so hoch wie auf der Autobahn", erklärt Regine.

Fahrlehrer können mit Trainings helfen

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Fahrlehrer im Auto mit Angsthase auf dem Fahrersitz
Frank Müller betreut "Angsthasen" in seiner Fahrschule

Auch der Fahrlehrer und Diplomsoziologe Frank Müller ist Angstexperte. Er bietet Trainings an und arbeitet mit Therapeuten zusammen. In seiner Berliner Fahrschule kümmert er sich um seine "Angsthasen" und hat eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. "Die Mehrzahl der Betroffenen ist weiblich, männliche Angsthasen gibt es aber auch", sagt Müller. Sie bräuchten oft nur länger, um sich ihr Problem einzugestehen.

Wie der 30-jährige Felix. Trotz Führerschein nutzte er lieber öffentliche Verkehrsmittel. "Fahrradfahrer, parkende Autos, große Kreuzungen – der Stadtverkehr ist krass. Es gab immer irgendeine Situation, die mich bei meinen Autofahrten gestresst hat", sagt er. Von Mal zu Mal mochte er den Platz hinterm Steuer weniger, und die Abstände zwischen seinen Fahrten wurden stets größer.

Die Ursachen von Angst beim Autofahren

Felix ist nicht der Einzige, bei dem die Angst mit der Zeit zunahm. Viele Betroffene sind in einem Teufelskreis. "Furcht führt dazu, dass Autofahren immer häufiger vermieden wird. Und wer kaum oder gar nicht mehr fährt, erlebt auch nichts Positives hinterm Steuer", erläutert Fahrlehrer Müller.

Die Ursachen für Fahrangst sind unterschiedlich: ein traumatisches Erlebnis wie ein Unfall, das Ausmalen von Worst-Case-Szenarien oder die Angst, andere zu gefährden. Auch Dauerstress kann ein Grund für Fahrangst sein. "Er ist ein Nährboden für körperliche und psychische Probleme. Bei dem einen verursacht er Burn-out oder Depressionen, bei dem anderen Angstzustände", sagt Psychologin Bärike. In solchen Fällen reichen betreute Trainings oft nicht aus, Betroffene sollten sich therapeutische Hilfe suchen.

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Symptome und Auswirkungen

Körperliche Symptome von Fahrangst sind beispielsweise Herzrasen, beschleunigtes Atmen, Schweißausbrüche, Augenzucken und Nervosität. Zu den psychischen Auswirkungen zählen unter anderem Stressempfinden, Unwohlsein und der Drang, der Situation entfliehen zu wollen.

Die Furcht hinterm Steuer ist sehr ernst zu nehmen, insbesondere wenn sie Panikattacken auslöst. Zum einen begeben sich Betroffene dann in Gefahr, weil sie die Fahrsituation nicht mehr richtig kontrollieren können. Zum anderen kann sich die Panik immer mehr ausbreiten, beispielsweise im Flugzeug oder im Supermarkt. In solchen Fällen ist es ratsam, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Fahrtraining: Schritt für Schritt rein in die Gefahr

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Fahrangst in Tunnel. Fahrer fährt durch Tunnel
Gefahrensituation Tunnel: Psychologin Bärike trainiert mit einem Betroffenen.

Janina, Regine und Felix stellten sich ihrer Angst und entschieden sich für ein Training – mit Erfolg: Nach einem intensiven Vorgespräch ging es im Fahrschulauto raus in die "freie Wildbahn". Mit dem Fahrlehrer an der Seite tasteten sich die Betroffenen langsam an ihre Angstzonen heran: Felix startete beispielsweise in einem ruhigen Gebiet mit breiten Straßen, bevor er sich in den dichten Stadtverkehr begab.

"Im nächsten Schritt steigen wir auf das Fahrzeug des Angsthasen um. Da kann ich auch nicht mehr eingreifen", erklärt Müller. Unterhaltungen und Entspannungsübungen lindern die Nervosität. Die Anzahl der Fahrstunden wird individuell festgelegt. Nach dem Training müssen die Betroffenen am Ball bleiben, indem sie potenzielle Gefahrensituationen in ihren Fahralltag integrieren und sich ihnen so oft wie möglich stellen. "Angst geht zwar nicht einfach weg. Aber fleißiges Training hilft, damit umzugehen", sagt Bärike.

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Hilfe und Anlaufstellen

Hier finden Sie weitere wichtige Infos zum sicheren Fahren. Um selbst an einem betreuten Fahrtraining teilzunehmen, können Sie Alexandra Bärike* oder Frank Müller* kontaktieren. Informationen zu weiteren Fahrlehrern, die sich auf Fahrangst spezialisiert haben, finden Sie bei der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V.* Für therapeutische Hilfe können Sie sich beim Bundesverband Niedergelassender Verkehrspsychologen* informieren.

Übung macht den Meister

Felix fühlt sich inzwischen viel sicherer. Durch die Stadt zu fahren ist kein Problem mehr. Auch Regine muss längere Autotouren nicht mehr tagelang planen. Und Janina übt weiter, weil sie mit ihren Kindern mit dem Auto in den Urlaub will: "Ich bin stolz auf mich. Ich kann endlich fahren. Die Angst taucht zwar manchmal wieder auf, aber ich lasse mich von ihr nicht mehr unterkriegen."

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Was Sie bei Fahrangst tun können 

"Es ist wichtig, dass Betroffene lernen, sich ihre Fahrangst einzugestehen. Denn sie sind damit nicht allein", sagt Nina Wahn, Verkehrspsychologin beim ADAC. Ehrlich zu sich selbst sein, Gespräche mit Familie und Freunden sowie Angsttagebücher können dabei helfen.

Fühlt sich jemand aufgrund mangelnder Fahrpraxis unsicher, können bereits Auffrischungskurse oder Fahrsicherheitstrainings die Lösung sein. Viele Fahrschulen bieten entsprechende Kurse mit speziell geschulten Fahrlehrern an. Allgemein lindern Unterhaltungen sowie Atem- und Muskelentspannungsübungen die Nervosität beim Fahren. Lautes Sprechen beruhigt beispielsweise die Atmung.

Geht die Angst jedoch über ein Unwohlsein hinaus, können betreute Trainings oder Selbsthilfegruppen von Experten wie Bärike oder Müller helfen. "Bei Angststörungen, die auf Dauerstress und tiefer gehende psychische Ursachen zurückzuführen sind und sich in Panikattacken äußern, sollten sich Betroffene allerdings an einen Verkehrspsychologen wenden", empfiehlt Nina Wahn.

Fotos: ADAC/Christoph Michaelis, ADAC/Uwe Rattay, Thekla Ehling (2). (acfo) 

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