Mobilitätsindex: Baden-Württemberg

Luftaufnahme einer kurvigen Strasse, die durch Weinberge und Wald führt
Straße durch die Weinberge: Ländliche und städtische Regionen wechseln sich in Baden-Württemberg ab© stock.adobe.com/Stefan Schurr

Hohe Wirtschaftskraft und viel Verkehr: Was ist in Baden-Württemberg besser, was schlechter geworden? Die Antworten im ADAC Mobilitätsindex.

  • Luftverschmutzung und Lärm gingen zurück

  • Der Anteil der E-Autos an den Pkw-Zulassungen steigt

  • Deutlich weniger Schwerverletzte im Verkehr

Baden-Württemberg gehört zu den wirtschaftlich stärksten Bundesländern. Dies zeigt sich nicht nur an einer hohen Wertschöpfung pro Kopf; die Menschen in Baden-Württemberg verfügen auch über überdurchschnittlich hohe Einkommen. Nur die Bayern und Hamburger verdienen mehr.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten

Wirtschaftsstarke Metropolen

Eine wichtige Grundlage dieser Wirtschaftskraft sind die übers ganze Land verteilten Ballungsgebiete, allen voran die Landeshauptstadt Stuttgart. Auch Mannheim, Freiburg und Karlsruhe haben große Einzugsbereiche.

Ähnlich wie zum Beispiel in Rheinland-Pfalz gibt es in Baden-Württemberg grenzüberschreitende Verflechtungsräume – vor allem mit Bayern (Ulm/Neu-Ulm), Hessen (Rhein-Main-Neckar) und der Schweiz (Lörrach/Basel). Darüber hinaus pendeln viele Arbeitnehmer nach Frankreich. Neben diesen Metropolregionen gibt es in Baden-Württemberg auch dünn besiedelte Landesteile wie den Schwarzwald und die Schwäbische Alb.

Baden-Württemberg ist in Nord-Süd-Richtung durch drei Autobahnen (A5, A7, A81) sehr gut mit den angrenzenden Regionen verbunden. Die Autobahnen sind dabei so günstig verteilt, dass sie ausgedehnte Gebiete erschließen. Die Ost-West-Verbindungen konzentrieren sich hingegen auf die Metropolregionen Stuttgart und Heilbronn im Norden und verbinden sie mit Hessen und Bayern. In Stuttgart schneiden sich besonders viele dieser Verbindungen und bilden so ein enges Netz um die Stadt.

Auch das Schienennetz in Baden-Württemberg ist bis in die ländlichen Räume hinein ausgesprochen gut ausgebaut. Neben den Fernverkehrsstrecken zwischen den Metropolen gibt es viele Nahverkehrsverbindungen, die von den Metropolen aus das Umland erschließen.

Beim Fernverkehr sind die Nord-Süd-Richtungen besser als die Ost-West-Verbindungen. Wie gut die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut ist, zeigt sich auch an ihren Ausmaßen. Nur in drei Bundesländern ist ihr Anteil an der Siedlungsfläche höher.

Viele Autos, viel Verkehr

Trotz guter Bahnverbindungen hat Baden-Württemberg eine überdurchschnittliche Motorisierungsquote. Daraus folgt eine hohe Verkehrsdichte – und viele Staus: Auf einen Autobahnkilometer kommen in Baden-Württemberg 182 Staukilometer. Nur in Nordrhein-Westfalen liegt dieser Wert in einem Flächenland noch höher.

Eine weitere Folge der vielen Pkw: Baden-Württemberg ist nach Hessen das Flächenland mit den höchsten Stickstoffdioxid-Belastungen. Daran ändert auch der hohe Anteil reiner E-Fahrzeuge im Bestand nichts. Denn er reicht bei Weitem noch nicht aus, um die Emissionen des Verkehrs erkennbar zu senken. Neben der Elektrifizierungsquote ist auch die Anzahl der Carsharing-Fahrzeuge pro Kopf für ein Flächenland hoch.

So entwickelt sich der Mobilitätsindex für Baden-Württemberg

Baden-Württemberg entwickelt sich stärker in Richtung einer nachhaltigen Mobilität als der Bundesdurchschnitt. Der Länderindexwert des Bundeslandes kletterte bis 2019 auf 105. Grund dafür sind die im Vergleich zu 2015 deutlich positiveren Ergebnisse in zwei Bewertungsdimensionen.

Zunächst können im Bereich der Verkehrssicherheit Erfolge bescheinigt werden. Die hohe Verkehrsdichte rund um die Ballungsräume führt zwar weiterhin zu vielen Unfällen. Deren Folgen wurden aber überdurchschnittlich entschärft: Während die Zahl der Getöteten sich mit einem Rückgang um zehn Prozent ungefähr so entwickelte wie im Bundesdurchschnitt, sank die Zahl der Schwerverletzten um 15 Prozent. In Gesamtdeutschland sank diese Zahl nur um vier Prozent.

Karin Birthelmer, Verkehrsreferentin beim ADAC Nordbaden, sieht aber weiteres Verbesserungspotential: "Gemeinsam mit Land und Kommunen arbeitet der ADAC an der "Vision Zero", um die Zahl der Verkehrstoten langfristig auf null zu senken." Und ergänzt: "Für die nächsten Jahre sehen wir Potenzial in der Weiterentwicklung von Fahrerassistenzsystemen und der Verbreitung des automatisierten und autonomen Fahrens."

Noch stärker nach oben weicht die Entwicklung bei Klima und Umwelt vom Bundesdurchschnitt ab. Das hat mehrere Gründe: Der Energieverbrauch des Verkehrs stieg nur moderat, die Treibhausgasemissionen sanken leicht. Entscheidender für den sehr guten Teilindexwert sind aber die lokalen Emissionen des Verkehrs. So liegt die Stickoxid-Belastung mittlerweile 26 Prozent unter dem Niveau von 2015.

Trotz dieser Fortschritte fordert Reinhold Malassa, Vorstandsmitglied für Verkehr und Technik beim ADAC Südbaden, weitere Maßnahmen: "Die Emissionen von CO₂ und Stickstoffdioxid sind immer noch sehr hoch. Deshalb sind weitere Anstrengungen nötig, um den beobachteten Fortschritt zu verstärken. Die Klimaziele können nur erreicht werden, wenn der Wandel des Verkehrssystems beschleunigt wird."

Auch die Entwicklung beim Verkehrslärm ist positiv: Seit 2015 sank die Zahl der von ihm belasteten Menschen deutlich stärker als auf Bundesebene.

Das Land Baden-Württemberg gehört zu den Vorreitern einer nachhaltigen Mobilität. Es sind allerdings weitere Anstrengungen nötig, um bezahlbare Alltagsmobilität mit Klimaschutz und Verkehrssicherheit in Einklang zu bringen. Investitionen in die Infrastruktur, politische Anreize und attraktive nachhaltige Angebote sind dabei wichtige Hebel, um den Mobilitätsbedürfnissen einerseits und den klimapolitischen Zielen andererseits gerecht zu werden.

Dieter Roßkopf, Vorsitzender des Vorstands, ADAC Württemberg©Frank Eppler

Ausblick

Die Entwicklung in Baden-Württemberg ist im Ländervergleich positiv zu bewerten, bei Klima und Umwelt gibt es deutliche Verbesserungen. Allerdings war die Belastung am Beginn des Erhebungszeitraums auch besonders hoch – und ist es immer noch. Deshalb sind weitere Anstrengungen nötig. Die überdurchschnittlich hohe Elektromobilitätsquote und das gut ausgebaute Schienennetz bieten dafür gute Ansatzpunkte.

Alle Bundesländer in der Übersicht

Wie wird der ADAC Mobilitätsindex berechnet?

Der ADAC Mobilitätsindex ist eine Kennzahl, zu der mehrere Kenngrößen verdichtet wurden. Insgesamt wurden dafür 1535 individuelle statistische Merkmale erfasst, das entspricht über 143.000 individuellen Datenreihen. Alle Daten sind zu fünf Bewertungsdimensionen zusammengefasst: Verfügbarkeit, Verkehrssicherheit, Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit sowie Klima und Umwelt. Diese Bewertungsdimensionen bestehen wiederum aus mehreren Leitindikatoren. Sowohl Bewertungsdimensionen als auch die Indikatoren wurden im Juni 2021 vom ADAC Verkehrsausschuss und vom ADAC Arbeitskreis Verkehr und Umwelt in ihrer Bedeutung gewichtet und fließen damit in unterschiedlicher Stärke in den ADAC Mobilitätsindex ein.

Was sagt der Mobilitätsindex aus?

Das Ergebnis des Index wird in einer einzigen Zahl ausgedrückt. Dieser Wert ermöglicht Rückschlüsse darauf, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität seit einem bestimmten Jahr verbessert oder verschlechtert hat. Dieser Zeitpunkt wird als Index-Basisjahr bezeichnet und liegt beim ADAC Mobilitätsindex im Jahr 2015. Da das Bezugsjahr der Veröffentlichung 2019 ist, sind Aussagen darüber möglich, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität im gesamten sowie in den untergeordneten Dimensionen von 2015 bis 2019 verändert hat.

Aus welchen Daten wird der Mobilitätsindex ermittelt?

Der Großteil der Daten für den Mobilitätsindex stammt aus öffentlich zugänglichen Statistiken etwa des Bundesamts für Statistik (DESTATIS), des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), des Bundes-Verkehrsministeriums und des Kraftfahrt-Bundesamts. Insgesamt wurden mehr als 1500 Datensätze recherchiert und für die Bildung der Indikatoren sowie die Analyse und die Erläuterung der aufgezeigten Entwicklungen herangezogen.

Wie wurde der Index entwickelt?

Die Entwicklung erfolgte in mehreren und aufeinander aufbauenden Schritten. Zunächst wurde definiert, welche Inhalte durch den Index abgebildet und zusammengefasst werden sollen, bevor daraus die notwendigen Bewertungsdimensionen abgeleitet wurden. In den nächsten Schritten wurden Daten recherchiert und ihre Qualität geprüft, bevor über ihre Zusammenstellung und Gewichtung entschieden wurde. Abschließend wurden mehrere Qualitätsprüfungen durchgeführt.

Weshalb werden die Bewertungsdimensionen unterschiedlich gewichtet?

Zwischen den einzelnen Bewertungsdimensionen können Zielkonflikte herrschen. So führen möglicherweise eine hohe Zuverlässigkeit und eine hohe Verfügbarkeit zu erhöhten Schadstoffausstößen, die dann die Entwicklung der Bewertungsdimension Klima und Umwelt negativ beeinflussen. Durch die Gewichtung können nun die Erwartungen an die Entwicklung der Dimensionen berücksichtigt werden. Das heißt, dass die Relevanz der einzelnen Dimensionen gegeneinander abgewogen wird, um unerwünschte Effekte von einzelnen Entwicklungen zu verringern.

Zur Ermittlung der unterschiedlichen Gewichte wurde ein Kreis von Expertinnen und Experten definiert, der sich aus den Mitgliedern des ADAC Verkehrsausschusses und dem ADAC Arbeitskreis für Verkehr und Umwelt zusammensetzte. Als Ergebnis dieses Prozesses wird die Verkehrssicherheit mit 30 Prozent am stärksten berücksichtigt, darauf folgen mit 25 Prozent Klima und Umwelt sowie mit jeweils 15 Prozent Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Alle Infos zu den Methoden bei der Erarbeitung finden Sie auch auf den Seiten des Prognos Instituts.

Warum endet der Index mit dem Jahr 2019?

Das Jahr 2019 ist das Bezugsjahr für die Erstveröffentlichung des Mobilitätsindex. Für 2019 gibt es einen vollständigen Datenbestand für alle Index-Indikatoren, während für 2021 beispielsweise noch nicht alle Statistiken der Ämter und anderer Datenquellen vorliegen. Außerdem zeichnet es sich als ein normales Jahr auf der Zeitachse aus, das letzte ohne coronabedingte Einflüsse. Somit ist es für das Startjahr des Mobilitätsindex eine sichere Grundlage.

Warum hat der ADAC den Mobilitätsindex erstellt?

Mit dem ADAC Mobilitätsindex wurde erstmalig eine wissenschaftlich basierte Grundlage erstellt, mit der die nachhaltige Entwicklung der Mobilität in Deutschland umfassend beobachtet und analysiert werden kann. Damit soll zur Versachlichung der in Politik und Gesellschaft kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Thema beigetragen werden. Zugleich stellt sich der ADAC damit seiner gesellschaftlichen Verantwortung für Verkehrssicherheit, Klima und Umwelt sowie für die Zukunft der Mobilität.

Wie kann der Mobilitätsindex optimiert werden?

Der ADAC ist überzeugt, mit dem Mobilitätsindex ein fundiertes und methodisch innovatives Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Mobilität entwickelt zu haben. Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit gibt es jedoch auch Punkte, die weiter optimiert werden können. Dazu gehören etwa die teilweise ausbaufähige Datenverfügbarkeit insbesondere auf der Kreisebene oder auch im Zeitverlauf. Bei verbesserter Verfügbarkeit der Daten – etwa vom Bundesamt für Statistik – kann der Index künftig potenziell weiter ausgebaut werden.

Wer hat den Mobilitätsindex erarbeitet?

Mit der Entwicklung des ADAC Mobilitätsindex wurde die Prognos AG beauftragt. Prognos ist ein unabhängiges Wirtschaftsforschungsunternehmen mit Hauptsitz in Basel. Ziel war es, zusammen mit den Experten des ADAC die Veränderung der Mobilität wissenschaftlich gesichert zu ermitteln und verständlich darzustellen.

Alle Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex

Die vollständigen Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex und Details zu seiner Methodik finden Sie in diesem PDF zum Download:

Der ADAC Mobilitätsindex
PDF, 10,5 MB
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