Yamaha Ténéré 700 World Raid: Offroad-Bike mit Langstreckenkomfort

Die Yamaha Ténéré 700 World Raid merzt so manche kleine Schwäche des Basismodells aus
Die Yamaha Ténéré 700 World Raid merzt so manche kleine Schwäche des Basismodells aus© Yamaha

Die Yamaha Ténéré 700 World Raid macht abseits befestigter Straßen Spaß. Die Reiseenduro taugt aber auch für längere Fahrten auf Asphalt. Ein Detail ist allerdings misslungen. Fahrbericht, Daten, Bilder, Preis.

  • Einfacher aber zuverlässiger Motor

  • Puristische elektronische Ausstattung

  • Geeignet fürs Gelände und für die Straße

Vor drei Jahren brachte Yamaha mit der Ténéré 700 nicht nur einen legendären Namen wieder ins Spiel, vielmehr stellte die höchst geländetaugliche, puristische Maschine eine echte Alternative zu den ebenso beliebten wie beleibten großen Reiseenduros dar.

Das Konzept kam an, wie europaweit mehr als 30.000 verkaufte Ténérés unterstreichen. Jetzt legen die Japaner mit der Ténéré 700 World Raid nach, die dank einsatzgemäßer Ausstattung noch mehr Fernweh-Attitüde in sich trägt und nebenbei so manche kleine Schwäche des Basismodells ausmerzt.

Üppige 450 Kilometer Reichweite

Ténéré World Raid: Das Fassungsvermögen der beiden Tanks beträgt insgesamt 23 Liter © Yamaha

Als erstes fällt der wuchtige Vorbau ins Auge, eine Folge des größten Änderungswunsches der Ténéré-Gemeinde: Hier sitzen zwei separate Tanks, die mit einem Gesamtvolumen von 23 Liter auf langen Strecken und in einsamen Regionen Sorgen um die Reichweite beseitigen. Unter normalen Bedingungen sollte der Kraftstoff nämlich für rund 450 Kilometer reichen, bevor die beiden Hälften über eigene Einfüllstutzen betankt werden müssen.

Damit solche Mammutetappen müheloser abgespult werden können, ist der Übergang zur zweigeteilten Sitzbank flach gestaltet, was viel Bewegungsspielraum für die im Gelände benötigten Gewichtsverlagerungen bietet. Größere Fußrasten im Rally-Stil optimieren den Halt und verteilen den Druck beim Stehendfahren besser.

Im Ergonomie-Dreieck mit dem konischen Lenker und der griffigen Sitzbank bieten sie ein sehr kommodes, gleichsam aktives Plätzchen, auf dem auch Großgewachsene eine entspannte Haltung auf Dauer genießen. Wer unter 175 Zentimeter misst, sucht wegen der luftigen Polsterhöhe von 89 Zentimetern auf unebenem Untergrund mit den Fußspitzen nach sicherem Stand.

Das liegt an den hochwertigen Federelementen vom japanischen Spezialisten KYB: Die stabile 43er-Upside-Down-Gabel wie das Zentralfederbein mit Ausgleichsbehälter stellen mit 230 respektive 220 Millimetern nennenswerte Federwege bereit, mit denen sich auch ziemlich grobes Terrain meistern lässt. Beide lassen sich in der Zug- wie Druckstufendämpfung und in der Vorspannung auf Beladung, Fahrweise und Untergrund feinabstimmen, und schon wenige Klicks bewirken eine spürbare Veränderung der Auslegung.

73-PS-Motor, straffes Fahrwerk

Der Motor der Ténéré hat sich schon bei der MT-07 bewährt © Yamaha

Aus gutem Grund unverändert blieb die Kraftquelle, der bekannte CP2-Reihenzweizylinder, wie er im Ausgangsmodell und der MT-07 zum Einsatz kommt. Mit seinen 73 PS und 68 Newtonmeter ist er beileibe kein Kraftprotz, und der Verzicht auf ein elektronisches Drosselklappensystem erlaubt keine Assistenzsysteme wie verschiedene Fahrmodi oder eine Traktionskontrolle. Das macht jedoch nichts, denn zum einen geht das Allroundaggregat schon ab 2000 Umdrehungen druckvoll und antrittstark ans Werk. Zum anderen ist die Verbindung zwischen Gasgriff und Zug am Hinterrad sehr direkt, was den Leistungseinsatz mit sanftem, lastwechselfreierem Ansprechverhalten äußerst genau dosieren lässt.

Gerade auf unbefestigtem Untergrund wie im andalusischen Hinterland zahlt sich das aus, denn da hilft ein beherzter Gasstoß über manche tiefe Rinne und im Weg liegendes Geröll hinweg. Das macht das Aggregat so zuverlässig, dass es auf der World Raid selbst weniger Versierten schnell gelingt, das Hinterrad kontrolliert driften zu lassen. Die sehr gleichmäßige, ohne hinterlistige Drehmomentattacken homogen servierte Leistungsentfaltung sorgt für ein freudvolles unbefestigtes Zweiradleben.

Die Yamaha Ténéré 700 World Raid in Bildern

Ein Schalter macht Probleme

Als kongenialer Partner beim Pflügen durchs andalusische Niemandsland erweist sich das straff abgestimmte Fahrwerk: Ob lose Steilpassagen, Auswaschungsrinnen oder Felsgebröckel, die World Raid steckt alle Herausforderungen inklusive sandiger Ramblas locker weg. Bei schnellerer Gangart – angesichts des mächtig vertrauenerweckenden Wesens der neuen Ténéré fast ein Automatismus – kommt der einstellbare Lenkungsdämpfer ins Spiel, der die Front auch bei üblen Schlägen sicher in der Spur hält.

Als willkommene Neuerung besitzt die World Raid einen zusätzlichen ABS-Modus fürs Grobe inklusive geänderter Bedienung: Zur kompletten Aktivierung und Deaktivierung gibt’s neuerdings einen Intermediate-Modus, der das ABS nur am Hinterrad deaktiviert – sehr hilfreich im Gelände. Das geht nur im Stand über das aus anderen Yamaha-Modellen bekannte Drück-Drehrad rechts am Lenker, was hier jedoch gründlich missraten ist: Aufgewirbelter Staub setzt das Rädchen zu, so dass es sich zum Ende der Testfahrt nur noch unter Aufbietung grober Daumenkräfte unsensibel bedienen lässt.

Motorrad & Roller: Neuheiten, Tests, Fahrberichte

Connectivity per Bluetooth

Das Display der Ténéré bietet drei unterschiedliche Anzeigemodi © Yamaha

Das ABS-Menü wird in einem neuen 5-Zoll-TFT-Display angezeigt, das drei unterschiedliche Darstellungen bietet: Neben dem "Explorer"-Bildschirmlayout mit allen wichtigen Betriebsdaten setzt der "Street"-Bildschirm den Drehzahlmesser als Rundinstrument ins Zentrum, im "Raid"-Modus erinnert er an ein typisches Roadbook aus dem Rallyesport mit zwei Countdown-Tripmetern. Via Bluetooth mit dem Handy verbunden, erlaubt es über die Yamaha MyRide-App das Auslesen weiterer Informationen oder Speichern der Route.

Die neue World Raid performt aber nicht nur offroad. Für ein Motorrad mit solch langen Federwegen saust die Yamaha unerwartet stabil über die extrem kurvigen Landstraßen, der ausgeglichenen Gewichtsverteilung und den famosen Pirelli Scorpion Rally STR-Pneus wegen, die viel Vertrauen und Grip geben.

Selbst beim Verzögern mit den ausgezeichnet dosierbaren Brembo-Zangen geht die Gabel wegen der straffen Fahrwerksabstimmung nicht in die Knie. Ein 15 mm höherer Windschild – aus der Community gewünscht – verbessert zusammen mit dem breiteren Vorbau den Schutz vor Wind und Wetter auf den nun möglichen Langstreckenabenteuern.

Technische Daten Yamaha Ténéré 700 World Raid

Herstellerangaben


Motor/Getriebe

Flüssigkeitsgekühlter Reihen-Zweizylindermotor, 689 ccm Hubraum, 54 kW/73,4 PS bei 9000 U/min, 68 Nm bei 6500 U/min; vier Ventile/Zylinder, dohc, Einspritzung, Sechsganggetriebe, Kette

Fahrleistungen und Verbrauch

Höchstgeschwindigkeit 186 km/h, 4,3 l/100 km

Fahrwerk

Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen; 43 mm USD-Telegabel vorne, komplett einstellbar, 230 mm Federweg; Aluminiumguss-Zweiarmschwinge hinten, Zentralfederbein komplett einstellbar, 220 mm Federweg; Speichenräder; Reifen 90/90-21 (vorne) und 150/70 R18 (hinten). 282 mm Doppelscheibenbremse vorne, 245 mm Einscheibenbremse hinten

Maße und Gewichte

Radstand 1595 mm, Sitzhöhe 890 mm, Gewicht fahrfertig 220 kg, Zuladung 174 kg; Tankinhalt 23 l

Assistenzsysteme

Abschaltbares ABS

Preis

12.874 Euro

Unterm Strich hat Yamaha die ursprüngliche Globetrotter-Idee einfach nur noch weitergedacht: Die Ténéré 700 World Raid ist nach wie vor essenziell und simpel, ausgezeichnet beherrschbar und nun noch besser geeignet, um bis in den letzten Winkel der Welt vorzudringen – nur die kostendämpfende Übernahme der Bedienungsmimik ist ein alsbald zu ändernder Fauxpas. Dafür würde man auch gerne etwas auf die verlangten 12.874 Euro drauflegen, denn der Rest ist rundum gelungen.

Text: Thilo Kozik/SP-X