Die ideale Mobilitäts-App gibt's noch nicht

25.3.2019

Eine App, mit der man ohne Probleme von A nach B kommt, einfach, mit verschiedenen Verkehrsmitteln und vielleicht noch in verschiedenen Städten? Mit der man buchen und bezahlen kann und informiert wird, sobald Störungen auftreten? Ein Traum? Leider ja! Wir haben uns 32 Apps angesehen und festgestellt, dass Wunsch und Wirklichkeit beim Angebot an Mobilitätsplattformen noch gewaltig auseinander gehen.

Frau mit Handy im Bus
©iStock.com/franckreporter

Ohne eigenes Auto, Fahrrad etc. schnell und einfach von A nach B kommen: Wie geht das am besten? Ganz einfach: mit einer App auf dem Smartphone. Die sollte im besten Fall variantenreiche Vorschläge machen, die sich möglichst einfach in die Tat umsetzen lassen. Jeder fünfte Deutsche hat im Jahr 2017 eine solche Mobilitäts-App genutzt – ein im internationalen Vergleich sehr geringer Wert. Was sollen sie dem Nutzer bieten? Angebot und Nachfrage zusammenführen, verschiedene Angebote sinnvoll verknüpfen, Planungs- und Reiseinformationen sowie eine Buchungs- und Bezahlfunktion, außerdem sollten sie jederzeit einsetzbar sein und zwar mit nur einmaliger Anmeldung. 

Eine der Grundvoraussetzungen für eine solche service- und nutzerorientierte Mobilitäts-App ist Multimodalität, also die Einbindung möglichst vieler verschiedener Verkehrssysteme wie Bahn, ÖPNV, Taxi, Sharing-Angebote (free-floating und stationsgebunden). Mehr als sechs waren es bei einem Viertel der Apps, sowohl bei den überregionalen als auch den regionalen. Ein Drittel bot vier oder fünf Systeme zum Untersuchungszeitpunkt (August/September 2018). Der Rest: lediglich drei und damit nicht mehr akzeptabel. Zu Letzteren gehören die Hälfte der 20 regionalen Plattformen und ein gutes Viertel der zwölf überregionalen. Wer mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs ist, muss also häufig mehrere Mobilitäts-Apps nutzen.

Buchen & Bezahlen – Schwachpunkt der Mobilitäts-Apps

Das nächste, für den Verbraucher wichtige Kapitel: Buchung/Reservierung und natürlich Bezahlung.Bei einem Viertel war die Buchung für alle Verkehrsmittel möglich, bei knapp der Hälfte nur zum Teil, bei nicht ganz einem Drittel gar nicht. Gleich buchen konnte man bei acht der 20 regionalen Apps, aber nur bei einer der Überregionalen. Zum großen Teil konnte die Buchung allerdings nur für einen Teil der Verkehrsmittel durchgeführt werden, so dass eine weitere App benötigt wurde, zum Beispiel für Sharing-Dienste oder Taxis.

Wer bucht, möchte meist auch gleich zahlen. Das war bei knapp der Hälfte der 32 Apps gar nicht möglich. Ein Viertel behalf sich durch die Weiterleitung an einen Drittanbieter – was für den Nutzer allerdings zumeist mit dem Download weiterer Apps verbunden war, je nachdem, welches Verkehrsmittel gebucht werden sollte.

Erfreulich: Knapp drei Viertel der Apps boten sogenannte Push-Meldungen an, also Meldungen über Störungen, Verspätungen und dergleichen. Auch Echtzeitdaten, zum Beispiel die Mitteilung „Bus kommt in vier Minuten“, lieferte die überwiegende Mehrheit der Apps. Hier hatten die regionalen deutlich die Nase vorne. Im Café sitzen und die Anfahrt des Busses auf einer Live-Karte verfolgen? Macht Spaß, gab es aber nur selten: Fünfmal insgesamt, davon viermal bei den regionalen Plattformen.   

Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) oder Nutzungsbedingungen waren bei drei Viertel der Apps vorhanden. Fast alle verfügten auch über die erforderlichen Datenschutzinformationen. Allerdings entsprachen sie bei weit weniger als der Hälfte auch den rechtlichen Anforderungen.    

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Mobilitäts-Apps
Viele Angebote, aber das perfekte ist noch nicht dabei!

Mobilitäts-Apps: ein sehr dynamischer Markt

Die Ergebnisse geben den Stand zum Untersuchungszeitpunkt August/September 2018 wieder. Allerdings ist der Markt der Mobilitätsplattformen enorm dynamisch. Was heute ist, kann morgen schon ganz anders sein: Neue Apps kommen auf den Markt, andere verabschieden sich, werden auf- und manches Mal auch abgerüstet, Mobilitätsdienstleister fusionieren, Sharing-Dienste kommen hinzu. 

Ein paar Beispiele, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben: Der DB Navigator hat allein innerhalb eines Monats fünf neue Verkehrsverbünde einbezogen, und ist eine der Apps mit den meisten Updates. Citymapper, inzwischen auch mit Echtzeitdaten, ist im Bereich Sharing aktiv und bindet immer mehr dieser Angebote in verschiedenen Städten ein. Google Maps leitet jetzt an Verkehrsverbünde weiter, wodurch auch ÖPNV-Tickets gekauft und bezahlt werden können.

VRS Köln hat ebenso wie der NRW Navigator ein eigenes Bezahlsystem integriert, sodass der Kunde nicht mehr weitergeleitet werden muss. VRS Köln zeigt darüber hinaus jetzt Rolltreppen und Aufzüge an und hat ebenfalls weitere Sharing-Angebote aufgenommen. Beim München Navigator gibt es neue Ticketkauf- und Bezahlmöglichkeiten.

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Fazit

Unsere Untersuchung ist eine Momentaufnahme im extrem dynamischen Markt der Mobilitätsplattformen – mit schnellen Wechseln und Veränderungen bei Anbietern und Möglichkeiten. Unter dem Strich ist festzuhalten, dass die vielen einzelnen Anbieter und Angebote kaum miteinander vernetzt sind. Vom erklärten Ziel einer „digitalen Vernetzung der Mobilität“ – wie es Bundesregierung und Europäische Union formulieren – ist Deutschland entsprechend weit entfernt.

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So haben wir getestet

Was die derzeit relevanten Mobilitäts-Apps leisten und wie kundenfreundlich sie sind, worauf der Nutzer achten und was verbessert werden sollte, das haben wir in einem ersten Test von 32 Mobilitätsplattformen ermittelt.

Sowohl überregionale als auch regionale Mobilitäts-Apps getestet

Getestet wurden sowohl überregionale Apps (zum Beispiel Google Maps, DB Navigator, easy.GO) als auch regionale (zum Beispiel BVG in Berlin, HVV in Hamburg, MVV in München) in den größten deutschen Städten Berlin, Frankfurt, Hamburg, München, Köln, und Stuttgart. Die Mobilitätsplattformen mussten mindestens drei Verkehrssysteme anbieten, eines davon der öffentliche Personennahverkehr. Im Test standen demnach 32 verschiedene Mobilitäts-Apps. Insgesamt fanden mehr als 150 Tests statt.

Methodik gemäß Verbraucherschutzstandards

Mit der Durchführung des Inkognito-Tests beauftragten wir die Info Markt- und Meinungsforschung in Berlin. Sie wickelt pro Jahr mehr als eine Million Interviews und eine Vielzahl von Mystery-Shopping-Projekten auf dem Feld der Markt- und Meinungsforschung ab. Ein Schwerpunkt ist dabei der Themenkomplex Verkehrsforschung. 

Die Testmethodik wurde auf Basis rechtlicher und fachlicher Grundlagen sowie der ADAC Verbraucherschutzstandards entwickelt. Sie wurde vorab im Rahmen eines Fachbeirats den Hauptakteuren auf dem Gebiet der Mobilitätsplattformen präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Umfangreiche Prüfung aller Services mit Checklisten

Die Tester überprüften die Apps im August/September 2018 werktags von 9.30 bis 17 Uhr mit dem Betriebssystem Android, in einigen Fällen auch mit iOS. Die Experten riefen zunächst jeweils auf den ausgewählten Mobilitätsplattformen einer Stadt eine vorgegebene Route auf und hielten das Ergebnis fest. Die Testroute verlief von Ost nach West, Mittelpunkt war der Hauptbahnhof. Um alle Möglichkeiten der betreffenden App auszuschöpfen, haben die Tester das Ziel danach abgeändert, um sich zum Beispiel auch eine ICE-Verbindung anzeigen zu lassen und sich nicht auf Verkehrsmittel innerhalb der Stadt zu beschränken. Daneben ließen sie sich Hotels, Restaurants, Tankstellen, e-Ladesäulen und Sehenswürdigkeiten vorschlagen.

Dabei arbeiteten die Tester eine Checkliste ab. Deren Grundlage war in erster Linie das Personenbeförderungsgesetzt (PBefG), aber auch zum Beispiel die Richtlinie 2010/40/EU des Europäischen Parlaments und des Rates zur Einführung intelligenter Verkehrssysteme im Straßenverkehr und deren Schnittstellen zu anderen Verkehrsträgern sowie deren Ergänzung zur Bereitstellung EU-weiter multimodaler Reiseinformationsdienste. Die Checkliste gliedert sich in die Kategorien Handhabung, Information, Anzahl der eingebundenen Verkehrsmittel sowie Buchung und Bezahlung. 

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Darauf sollten Sie bei Mobilitäts-Apps achten

Welche App eignet sich wofür?

  • Wer auf höchstmögliche Flexibilität setzt, sollte eine App laden, die viele verschiedene Verkehrsmittel anzeigt, also neben dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auch die Bahn, Sharing-Dienste, Taxis und dergleichen, und sie möglichst miteinander kombiniert.

Wie gut Rollersharing und Bike and Ride in Deutschen Städten ist, haben wir für Sie auch getestet.

    • Google Maps zeigt die gewünschte Verbindung mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln, Auto (inklusive Taxi und Mitfahrgelegenheit), Fahrrad oder zu Fuß an, für weite Reisen auch Bahn oder Flugzeug. Entscheidend hierbei ist das „oder“: Die verschiedenen Optionen werden nämlich nicht kombiniert. Ähnlich funktionieren unter anderem Moovel und Ally. Beide beinhalten auch Car- und Bikesharing, allerdings nicht den Bahnfernverkehr.   
    • Der DB Navigator ist nicht nur für Zug-Fernreisende eine Option, sondern auch für die, die in den jeweiligen Städten mit dem ÖPNV unterwegs sein wollen. Ähnliches bieten unter anderem auch Here We Go und easy.GO sowie viele regionale Verkehrsverbünde, die ebenfalls den Bahnfernverkehr integriert haben – oftmals aber ohne Buchungsmöglichkeit, weshalb eine zusätzliche App nötig wird. 
    • Wer viel im In- und Ausland unterwegs ist, kann auf überregionale Apps wie Citymapper oder Moovit zurückgreifen.
    • Auch die Apps der jeweiligen lokalen Verkehrsverbünde und -unternehmen wie etwa VRS Auskunft in Köln, RMV in Frankfurt, HVV in Hamburg, BVG Fahrinfo in Berlin, VVS in Stuttgart oder MVG Fahrinfo in München bieten mittlerweile mehr als nur ÖPNV. Neben einer Bezahlfunktion werden immer häufiger Sharingdienste integriert. Untereinander vernetzt sind die Angebote derzeit allerdings noch nicht – man arbeitet daran.   

Praktische Tipps

  • Um die Routenabfrage zu erleichtern, kann man in den Einstellungen vieler Apps Verkehrsmittel, die man nicht nutzen will, abwählen.
  • Wer sich nicht nur informieren, sondern seine Pläne gleich in die Tat umsetzen will, der sollte eine App wählen, die auch das Buchen und Bezahlen von Tickets ermöglicht.
  • In vielen Apps ist es noch nicht möglich, die Leistungen von Mobilitätspartnern des jeweiligen Anbieters zu bezahlen. Bei der Kombination verschiedener Verkehrsmittel wird deshalb manchmal nur der Teil des Ticketpreises angezeigt, den man über die entsprechende App direkt bezahlen kann. Für die anderen Teile muss man dann auf die Apps der Partner wechseln.
  • In den Apps gekaufte Tickets werden oft unmittelbar mit dem Kauf entwertet. Bei späteren Abfahrten ist dann das jeweilige Ticket möglicherweise nicht mehr gültig. 
  • Alle Apps erfassen im Hintergrund Daten, werten sie aus oder leiten sie eventuell auch an andere Dienstleister weiter. Wer das nicht möchte, sollte sich mit den jeweiligen Datenschutzinformationen befassen. In manchen Fällen kann der Nutzer entscheiden, was er zulassen will und was nicht.
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So sieht die ideale Mobilitäts-App aus

„Eine Lösung für alle Wege. Eine Registrierung. Eine App. Eine Buchungsplattform. Eine Rechnung“, so sieht das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur die Zukunft von Mobilitätsplattformen, auf denen alle möglichen, verschiedenen Mobilitätsangebote einer Region zusammengefasst dargeboten werden. Mobilität aus einer Hand für die gesamte Reisekette. 

Das bietet eine Mobilitäts-App idealerweise

  • Die App integriert verschiedene Angebote, also nicht nur die des öffentlichen Personennahverkehrs, sondern auch die der Bahn, von Sharing-Diensten (zum Beispiel Auto, Roller, Fahrrad – sowohl Free-Floater als auch stationär), von Taxis oder Anbietern von Mitfahrdiensten. 
  • Die App deckt die gängigsten Mobilitätsangebote einer Stadt ab, um für Bewohner und Besucher gleichermaßen bestmöglichen Service zu bieten.
  • Die App verlangt für Partner-Dienstleistungen keine höheren Preise als die originalen Partner-Apps. Vergünstigungen wie zum Beispiel über die Bahncard bleiben in der App erhalten.
  • Die App zeigt den Routenverlauf sowie die Wege zu und von den Haltestellen zum jeweiligen Ziel.
  • Die App liefert auf dem Markt verfügbare Echtzeitdaten der entsprechenden Verkehrsmittel und/oder Livekarten, auf denen sich die Anfahrt verfolgen lässt.
  • Die App informiert live über Umstiege, den Weg zum nächsten Verkehrsmittel, Störungen und zeigt rechtzeitig den bevorstehenden Ausstieg an.
  • Die App bietet einen Pool weiterführender Informationen an, wie etwa Sehenswürdigkeiten, Tankstellen, e-Ladesäulen, Parkplätze oder Park+Ride-Plätze. 
  • Die App erfüllt die gültigen Anforderungen des Datenschutzes wie zum Beispiel: Informationen über die Verarbeitung personenbezogener Daten und Verantwortlicher; Angaben zu Zweck, Rechtsgrundlagen, Empfänger personenbezogener Daten und Dauer der Datenverarbeitung; und schließlich Hinweise auf Nutzerrechte wie etwa Auskunft, Einschränkung der Verarbeitung oder Löschung der Daten.
  • User müssen sich nur ein einziges Mal registrieren (single sign-on), um sämtliche Mobilitätsangebote nutzen zu können, auch die von eventuellen Drittanbietern. 
  • User können alle gewünschten Verkehrsmittel direkt buchen und reservieren.
  • User können direkt über die App bezahlen. Eine zeitnahe Abrechnung weist transparent die Kosten aus und sorgt damit für eine klare Übersicht der entstandenen Aufwendungen.
  • User können Präferenzen festlegen, also zum Beispiel: schnellste, günstigste, barrierefreie, umstiegsfreie Verbindung, bevorzugtes Verkehrsmittel oder individuelle Laufgeschwindigkeit. 

So könnte die Mobilität der Zukunft in den Städten und Metropolen aussehen