Notbremsassistenten: So gut schneiden sie ab

31.1.2019

Euro NCAP hat die Funktion von Notbremsassistenten geprüft: Nicht alle Autos bremsten gleich gut. Und was passiert bei Glätte auf der Straße? Die Testergebnisse. 

Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet
Das Notbremssystem muss Fußgänger auch bei Nacht erkennen 

Assistenten bremsen automatisch, wenn ein Aufprall droht
Top: BMW X5, Mercedes A-Klasse und Audi A6
Aber: Bei Glätte funktionieren die Systeme nur eingeschränkt

 

Warum der Euro NCAP Crashtest so erfolgreich ist? Weil seine Prüfkriterien und Testmethoden weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen. In diesem Verbraucherschutz-Test gut abzuschneiden, ist für alle Autohersteller enorm wichtig: Sie wollen möglichst die begehrte Höchstnote von fünf Sternen erhalten. 

Wer beim Euro NCAP Crashtest 2018 im Gesamtranking am besten abschnitt oder gar ohne Stern glatt durchgefallen ist, finden Sie in der ADAC Bestenliste der sichersten Autos. 

ADAC Sonderauswertung: Notbremssysteme

Zoom-In
Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet
Computer steuern das Testauto und nehmen Messdaten auf

Ein wichtiger Bestandteil der Euro NCAP-Gesamtwertung ist der Test der aktiven Sicherheitssysteme. Denn Unfallvermeidung ist ganz klar die beste Option, um die Anzahl von Getöteten und Schwerverletzten im Straßenverkehr zu verringern. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Funktion des Notbremsassistenten, der vom ADAC, den europäischen Automobilclubs und weiteren Partnern für Euro NCAP getestet wird.

Leider geht der Test des Notbremsassistenten AEBS (Autonomous Emergency Breaking System) im Euro NCAP-Gesamtergebnis oft unter: Er bringt jeweils nur einen Teil der erzielbaren Punkte bei den Kriterien Insassenschutz, Fußgängerschutz und Aktive Sicherheit. Daher kann eine schlechte Bewertung der Notbremsfunktion durch Punkte in anderen Disziplinen zum Teil ausgeglichen werden.

Ein Grund mehr für den ADAC, in einer Sonderauswertung allein die Ergebnisse der Punkte für den Notbremsassistenten zu vergleichen. In vier Kategorien mit einer unterschiedlichen Gewichtung, die sich am Potenzial zur Reduzierung der Zahl der Getöteten und Verletzten im Verkehr orientiert:

  • City-Notbremsassistent: 20%
  • Notbremsassistent Fußgänger/Radfahrer: 50% (je 25%)
  • Notbremsassistent außerorts: 30%

Bestenliste: 20 Modelle im Notbrems-Test

Unsere Rangliste richtet sich nach dem Grad der Erfüllung der Euro NCAP-Anforderungen für Notbremsassistenten – unabhängig von der Fahrzeugklasse.

Bietet der ADAC zu dem getesteten Modell auch einen aktuellen Test oder Fahrbericht an, ist der Modellname in der Tabelle markiert. Mit einem Klick kommen Sie dann zu dem entsprechenden Artikel.

Modell ADAC Ergebnis
Notbremsassistent
Gesamt-Sterne
Euro NCAP
City-
Notbrems-
Assistent
Notbrems-
Assistent
Fußgänger/
Radfahrer
Notbrems-
Assistent
außerorts
BMW X5 98 %  ✶✶✶✶✶ 100 % 100 %  93 %
Mercedes A-Klasse            93,2 % ✶✶✶✶✶
100 % 98 %  80 %
Audi A6 91,4 % ✶✶✶✶✶
98 % 86 %  97 %
Audi Q3 91,1 % ✶✶✶✶✶
100 % 84 %  97 %
Lexus ES 91,1 % ✶✶✶✶✶
100 %
94 % 

77 %

Volvo V60/S60 85,1 % ✶✶✶✶✶
100 %
74 %  93 %

Volvo XC40

81,6 % ✶✶✶✶✶
100 %
69 %  90 %

VW Touareg

81,3 % ✶✶✶✶✶
93 % 78 %  80 %
Jaguar I-Pace 76 %  ✶✶✶✶✶
100 % 60 %  87 %
Ford Focus 75,2 % ✶✶✶✶✶
100 %1)
58 %  87 %
Nissan Leaf 73,6 % ✶✶✶✶✶
100 %
59 %  80 %
Hyundai Santa Fe 73,3 % ✶✶✶✶✶
100 %
57 %  83 % 
Peugeot 508 72,7 % ✶✶✶✶✶
100 %
63 %  70 %
Ford Tourneo Connect 70,6 % ✶✶✶✶ 100 %
49 %  87 %
Hyundai Nexo 70,4 % ✶✶✶✶✶ 100 %
51 %  83 %
Mazda 6 66 % ✶✶✶✶✶
100 %
40 %  87 %
Peugeot Rifter 47 % ✶✶✶✶
85 % 30 %  50 %
Suzuki Jimny 23,3 % ✶✶✶
0 % 7 %  67 %
Jeep Wrangler 0 %  ✶ 0 % 0 %  0 % 
Fiat Panda 0 %  - 0 % 0 %  0 %


1) In der Euro NCAP Wertung hier 0 Prozent aufgrund schlechter Ergebnisse im Schleudertraumatest ("Whiplash 1. Sitzreihe") 

Es gibt durchaus nennenswerte Unterschiede des Sicherheitsniveaus auch innerhalb der 5-Sterne-Flotte. Der BMW X5 besticht mit einem Erfüllungsgrad von 98% in allen Tests des Notbremsassistenten, gefolgt von der Mercedes A-Klasse (93%) und dem Audi A6 (91%).

0 Prozent Erfüllungsgrad "erreichten" der Fiat Panda und der Jeep Wrangler aus dem Fiat-Chrysler-Konzern: Sie bieten serienmäßig überhaupt keinen Notbremsassistenten an!

Prinzip: Das System soll so spät wie möglich bremsen

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Bremsassistent Test auf dem ADAC Testgelände
Gut gemacht: Das Auto kommt rechtzeitig zum Stehen

Beim Euro NCAP-Test des City-Notbremsassistenten fährt das Testfahrzeug mit schrittweise steigender Geschwindigkeit von 10 bis 50 km/h auf eine stehende Fahrzeugattrappe zu und muss durch eine selbstständige Bremsung den Aufprall vermeiden. Die Versuche finden dabei ausschließlich auf trockener Oberfläche mit griffigem Reibwert und bei Temperaturen zwischen 5°C und 40°C statt.

Die Auswertung der von Euro NCAP in 2018 getesteten Modelle zeigt, dass die Anforderungen an den City-Notbremsassistent von rund zwei Dritteln der Modelle mit voller Punktzahl und einem Erfüllungsgrad von 100 Prozent geschafft wird. Ein gutes Beispiel ist der Audi A6: Bei voller Überdeckung kann er bis zu einer maximalen Testgeschwindigkeit von 50 km/h den Aufprall komplett vermeiden. 

Die Bremsstrategie des Audi entspricht dabei dem Standard: Um nervige Fehlwarnungen zu minimieren, wird die selbstständige Bremsung vom System möglichst spät eingeleitet – dann aber sehr stark am Grenzbereich, den das ABS-System gerade noch meistern kann. Im Prinzip ist die Strategie gut, weil sie dem Fahrer möglichst viel Freiheit zum eigenständigen Reagieren lässt.

Nachteil: Eingeschränkte Funktion im Winter und bei Glätte

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Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet
Zu spät gebremst: Bei Glätte kracht der Audi in den Dummy

Doch funktionieren die Systeme auch dann, wenn die Straßenoberfläche weniger griffig ist wie beim Euro NCAP Test-Szenario? Wir haben es mit dem guten, winterbereiften Audi A6 ausprobiert und Teile des Tests mit 25 km/h und 45 km/h bei winterlichen Bedingungen wiederholt: Außentemperatur -10C, die Fahrbahn rutschig.

Das Ergebnis: Der Audi bremst, kommt aber bei beiden Geschwindigkeiten ins Rutschen und kollidiert mit dem stehenden Fahrzeugdummy – allerdings mit abgemilderter Geschwindigkeit.

Das beweist, Umweltparameter wie Außentemperatur, Nässe oder Eisglätte fließen beim automatischen Notbremsassistenten nicht in die Berechnung des Bremswegs ein. Denn sonst hätte der Audi den Zeitpunkt, die Vollbremsung auszulösen, früher eingeleitet.

Allerdings wäre es technisch durchaus möglich, zum Beispiel über vorhandene Einrichtungen wie die ESP-Sensorik, die den Radschlupf auf der Straße messen, den Regensensor oder den Außentemperaturfühler auswertbare Rückschlüsse auf das Bremsverhalten zu führen, das unter diesen Bedingungen erwartbar ist, und den Bremszeitpunkt entsprechend anzupassen. 

Fazit: Es bleibt noch Entwicklungspotenzial

Die Sieger des ADAC Notbremsassistenten-Ranking der Euro NCAP Crashtests 2018 zeigen, dass viele Hersteller sich nicht damit zufriedengeben, nur die Mindestpunktzahl für eine Top-Bewertung von 5 Sternen zu erreichen. 

Das Ranking zeigt weiter, dass hohe Fahrzeugsicherheit nicht allein eine Domäne der Oberklassefahrzeuge sein muss, sondern auch in modernen Autos der Mittelklasse erhältlich ist. Fahrzeugsicherheit und Insassenschutz sind also erschwinglich.

Doch die Untersuchung des Notbremsassistenten außerhalb der Prüfbedingungen von Euro NCAP – bei weniger guten Straßenverhältnissen – beweist: Auch bei einem Erfüllungsgrad von 100 Prozent im Euro NCAP müssen die Hersteller verstärkt modernste Sicherheitsassistenten in vollem Umfang serienmäßig einsetzen. 

Denn nur so lassen sich Unfälle in möglichst allen realistischen Fahr- und Umgebungssituationen zu verhindern. Und winterliche Straßenbedingungen sind ja nicht unbedingt ungewöhnlich.

Die Euro NCAP-Testkriterien

Im Jahr 2018 wurden 20 aktuelle Fahrzeugmodelle mit verschärften Prüfkriterien getestet – analog zu den technischen Möglichkeiten. So wurde eingeführt, beim Notbremsassistenten die Fußgängererkennung auch nachts zu prüfen und zu untersuchen, ob auch Radfahrer sicher erkannt werden. Der Spurhalteassistent sollte nun auch in der Lage sein, nicht markierte Fahrbahnränder zu erkennen.

Die Tests der autonomen Notbremssysteme AEBS im Detail

City-Notbremsassistent

Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet

Die Notbremsassistenten für die Stadt werden bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und unter diversen Versatzwinkeln zum Dummy- oder Zielfahrzeug getestet. Ist der Fahrer des auffahrenden Fahrzeugs abgelenkt und bemerkt daher nicht, dass das Fahrzeug vor ihm gestoppt hat, greifen sie durch die automatische Bremsbetätigung ein, um den Aufprall zu verhindern.

Das Testfahrzeug wird in drei Szenarien mit einer Geschwindigkeit zwischen 10 und 50 km/h mit versetztem Kollisionswinkel gegen das Heck eines "Dummy"-Fahrzeugs gefahren. Dabei müssen die Sensoren des Testfahrzeugs die Seite des Ziels "sehen" können. 

Beim Test des autonomen City-Notbremsassistenten ist das Zielobjekt, ein überfahrbares, wiederverwendbares 3D-Modell eines gegnerischen Fahrzeugs, stationär auf einer Plattform installiert. Der Fahrer unterlässt absichtlich Bremsversuche, damit die Verringerung der Aufprallgeschwindigkeit durch das System gemessen und bewertet werden kann. 

Um die effektivsten Lösungen auszuzeichnen, wird die maximale Punktzahl nur verliehen, wenn das System eine Kollision vermeidet. Allerdings werden auch Punkte vergeben, wenn die Aufprallgeschwindigkeit und damit das Unfallausmaß durch das System vermindert werden, da selbst eine geringere Geschwindigkeitsverminderung das Verletzungsrisiko deutlich reduziert.

Notbremssystem für Fußgänger

Viele Fahrzeughersteller bieten heute autonome Notbremssysteme an, die auch ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer erkennen und das Fahrzeug sicher zum Stehen bringen oder zumindest die Aufprallgeschwindigkeit reduzieren.

Zur Fußgängererkennung verwendet Euro NCAP Versuchsszenarien, bei denen Fußgänger den Weg des Fahrzeugs kreuzen oder sich in Fahrtrichtung des Fahrzeugs bewegen. All diese Szenarien stehen für Situationen, bei denen der Fußgänger tödlich verletzt werden könnte, wenn das Fahrzeug den Aufprall nicht verhindern oder zumindest abmildern kann. 

Die Szenarien für sich kreuzende Wege sind: Ein Erwachsener, der von der Fahrerseite her das Fahrzeug kreuzt, ein Erwachsener, der von der Beifahrerseite kommt, und ein Kind, das von der Beifahrerseite her zwischen parkenden Fahrzeugen auf die Straße rennt. 

Im Längsrichtungsszenario werden zwei Tests durchgeführt: Bei einem befindet sich der Fußgänger auf der Mittellinie des Fahrzeugs, beim anderen am Straßenrand. 

Das Längsrichtungsszenario und eines der Szenarien mit kreuzendem Fußgänger werden bei schwachem Umgebungslicht wiederholt, denn viele Unfälle mit Fußgängern ereignen sich unter diesen Bedingungen.

Der speziell entwickelte Fußgänger-Dummy weist Gliedmaßen mit Gelenken auf, um die Bewegung eines Menschen zu simulieren. Und auch wenn das autonome Fußgänger-Notbremssystem den Zusammenstoß nicht vollständig vermeiden kann und deshalb nicht die volle Punktzahl erhält: Euro NCAP honoriert auch, wenn die Fußgänger-Kollisionstests zeigen, dass das Fahrzeug mit einem geeigneten Frontdesign das Verletzungsausmaß reduziert.

Notbremssystem für Radfahrer

Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet

Für die Erkennung von Radfahrern verwendet Euro NCAP zwei Testszenarien: In einem kreuzt der Radfahrer den Weg des Fahrzeugs, im anderen bewegt sich der Radfahrer in dieselbe Richtung wie das Fahrzeug. Beide Szenarien sind typische Situationen, die zu Unfällen mit Todesfolge zwischen Autos und Radfahrern führen.

Für diese Tests wird ein speziell entwickeltes Radfahrerziel verwendet. Hierbei ist ein Fahrrad auf einer beweglichen Plattform montiert, auf dem ein Radfahrer-Dummy mit Gliedmaßen und Gelenken die Pedalbewegungen eines Menschen simuliert. 

Die Erkennung eines Radfahrers ist im Vergleich zur Fußgängererkennung eine technische Herausforderung, da er mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs ist. Damit das System korrekt über Notbremsungen entscheiden kann, benötigt es Sensoren, die ein breiteres Sichtfeld abdecken und kürzere Verarbeitungszeiten haben. 

Euro NCAP vergibt Bestnoten, wenn eine Kollision vollständig vermieden wird. Wenn das AEB- oder Notbremssystem das Fahrzeug jedoch nicht rechtzeitig per Notbremsung zum Stehen bringt, gibt es trotzdem einige Punkte zu gewinnen: Denn jede Reduzierung der Geschwindigkeit senkt das Verletzungsrisiko signifikant.

Notbremssystem für höhere Geschwindigkeiten

Bremsassistenzsysteme werden vom ADAC getestet

Die interurbanen AEB- oder Notbremssysteme arbeiten bei höheren Geschwindigkeiten und helfen dem Fahrer bei der Vermeidung von Auffahrunfällen: Entweder durch rechtzeitige Warnungen oder – als Bremsassistent – durch das Erhöhen der Bremsleistung oder im besten Fall durch das eigenständige Abbremsen des Fahrzeugs.

Euro NCAP bewertet die automatische Bremsfunktion sowie die Frontalaufprall-Warnfunktion in drei verschiedenen Fahrsituationen: Bei der Annäherung an ein stehendes Fahrzeug (mit Tempo 30 bis 80 km/h), bei der Annäherung an ein langsamer vorausfahrendes Fahrzeug (Tempo 30 bis 80 km/h) sowie beim Folgen eines vorausfahrenden Fahrzeugs, das bei Tempo 50 plötzlich sanft bzw. scharf bremst (50 km/h, Bremsen). 

Zwei Szenarien – stehendes Zielfahrzeug und langsamer fahrendes Zielfahrzeug – werden mit Versatzwinkeln nach links und rechts wiederholt, bei denen die Mittellinien von Test- und Zielfahrzeug voneinander abweichen. Damit die Sensoren des Testfahrzeugs die Seite des Zielfahrzeugs in diesen Versatzwinkeltests auch "sehen" können, wurde hierfür ein spezielles, ferngesteuertes 3D-Dummyfahrzeug entwickelt.

Hohe Punktzahlen erhalten Systeme, die einen Aufprall bei allen drei Testszenarien vermeiden oder aber zumindest die Aufprallwucht deutlich reduzieren können. Allerdings gilt es stets zu bedenken, dass das AEB oder der Notbremsassistent nur ein unterstützendes System darstellt, auf das sich der Fahrer nicht komplett verlassen sollte. Denn in kritischeren Situationen kann der AEB-Eingriff unzureichend sein oder zu spät erfolgen, um einen Aufprall gänzlich zu vermeiden. 

Fotos: ADAC/Uwe Rattay(5)/Thorsten Rother, ADAC/Test und Technik.