Richtig bremsen mit dem Motorrad

31.1.2019

Eine Notbremsung mit dem Motorrad ist immer eine nervenaufreibende Gratwanderung - zwischen möglichst kurzem Bremsweg und nicht blockierendem Vorderrad. Für das richtige Bremsen helfen Training und natürlich das Verständnis der technischen Zusammenhänge.

Bremse eines Motorrads
Richtiges Bremsen mit dem Motorrad muss trainiert werden, insbesondere eine Notbremsung verlangt fahrerisches Können.
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Bremsen in der Kurve

Stellen Sie sich beim Anbremsen von Kurven darauf ein, dass die Lenkkräfte bei betätigter Vorderradbremse und zunehmender Schräglage sehr hoch werden können. Deswegen sollten Sie besonders bei unbekannter oder anspruchsvoller Kurvenstrecke starke Bremsungen bis tief in Kurven hinein vermeiden. 

Bremsen Sie in Kurven nicht schlagartig mit der Vorderradbremse, da sich das Motorrad heftig aufrichten wird. Die Ausprägung dieses Effektes ist von Motorradtyp, Lenkgeometrie und Reifenkonstruktion abhängig. Aber: Zur Unterstützung von schnellen Schräglagenwechseln kann die Vorderradbremse gezielt eingesetzt werden, um den Lenkimpuls zu unterstützen.

Steigern Sie bei unvermeidlichen Bremsungen den Bremsdruck sanft und fangen Sie den Lenkimpuls durch bewusstes Festhalten des Lenkers oder sogar durch Gegenlenken (entgegen der Kurvenrichtung) ab.

Bewahren Sie auch bei dynamischer Fahrweise genügend Schräglagenreserven, um bei sich zuziehenden Kurven möglichst ohne Bremsung den Kurvenbogen mit etwas mehr Schräglage sauber fahren zu können.

Die Hinterradbremse können Sie bei Kurvenfahrt hervorragend zur Steuerung der Schräglage des Motorrades nutzen. So kann mit der Hinterradbremse stressfrei die Schräglage und der Kurvenradius korrigiert werden. Voraussetzung für eine schnelle Reaktion ist dabei, dass der Fuß bremsbereit auf dem Bremshebel liegt. Je nach den Eigenschaften der Hinterradbremse dürfen natürlich nur vergleichsweise sanfte Drücke eingesteuert werden. Probieren Sie es aus. Wenn die Schräglagenreserven des Reifens bereits voll ausgenutzt sind, sind die Bremsen tabu.

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Bremsen - eine Gratwanderung

Das starke und effektive Abbremsen eines Motorrades zur Vermeidung eines Unfalls zählt zu den schwierigsten Fahrmanövern auf dem Motorrad. Dabei ist gleichgültig, ob Sie eine dynamische oder eine ausgeprägt defensive Fahrweise bevorzugen. Unvorhersehbare Ereignisse können jeden Motorradfahrer in Sekundenbruchteilen zu einer Notbremsung zwingen.

Deswegen gilt: Regelmäßiges, konsequentes Üben hilft dem Fahrer, in plötzlichen Gefahrensituationen richtig zu bremsen. Diese Übungen sollen natürlich nur auf nicht-öffentlichem Gelände durchgeführt werden, am Besten im Rahmen eines Sicherheitstrainings. Dabei beginnt man mit niedrigen Verzögerungen, die nach und nach gesteigert werden.

Wer seine Bremsfähigkeiten verbessert, wird neben dem Spaß an der professionellen Bedienung des Motorrades ein sicheres und souveränes Fahrgefühl entwickeln.

Bremsen in zwei Schritten

Auch in Paniksituationen sollten Sie den Bremshebel nicht schlagartig ziehen, sondern anfangs vergleichsweise gefühlvoll aber dennoch zügig betätigen. Andernfalls besteht die Gefahr, das unbelastete Vorderrad zu überbremsen, bevor es überhaupt hohe Bremskräfte übertragen kann.

Erst wenn sich die Bremsbeläge voll angelegt haben, der Druckpunkt am Bremshebel klar zu spüren ist, und die erhöhte Vorderradlast den Reifen satt auf den Untergrund drückt, kann der Bremsdruck der Situation angepasst schnell gesteigert werden. Die genannten Abläufe und Beobachtungen sollten Sie immer weiter verinnerlichen und schrittweise beschleunigen, so dass das mehrstufige Bremsen zur absoluten Gewohnheit wird.

Dieses Vorgehen gilt auch für Maschinen mit ABS. Allerdings kann der anfängliche Druckanstieg schneller erfolgen als bei Motorrädern ohne ABS.
 

Konzentration auf die Vorderradbremse

Mit steigender Verzögerung parallel zur Radlastverschiebung nach vorne die Bremskraftverteilung von beiden Bremsen zur Vorderradbremse verlagern. Ein blockierendes Hinterrad trägt meist wenig zur Gesamtverzögerung bei, führt andererseits aber zur Instabilität des Motorrades, die kontrolliert werden muss, und zu erhöhtem Reifenverschleiß. Deswegen sollte ein Blockieren des Hinterrads möglichst vermieden werden, auch wenn die volle Aufmerksamkeit der Vorderradbremse gilt.

Bei Maschinen mit ABS kann die Hinterradbremse durchgängig betätigt werden. Bei einigen Modellen mit Kombibremse wird die Hinterradbremse ohnehin auch über den Vorderradbremshebel angesteuert. Außerdem wird die Hinterrad-Abhebe-Erkennung erst voll wirksam, wenn auch die Hinterradbremse angesteuert wird.
 

Kupplung ziehen und die Reifenreaktionen beachten

Bei einer Vollbremsung wird selbstverständlich zeitgleich mit der Bremsbetätigung die Kupplung voll gezogen, um das Verzögern des Hinterrades durch das Motorbremsmoment und das Abwürgen des Motors bei niedriger Geschwindigkeit auszuschließen. Während der eigentlichen Bremsphase mit hohen Verzögerungen können die Reifenreaktionen (wie Profilgeräusche oder Kratzgeräusche auf Schotter) wichtige Informationen über die Haftgrenze geben, denn schließlich ist eine Vollbremsung mit dem Motorrad immer eine Gratwanderung.

Bereits bei den geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades müssen Sie den Bremsdruck reduzieren. Nur auf rutschigem Untergrund sollten Sie die Bremse vollständig öffnen.

Die verheerende Wirkung eines blockierenden Vorderrades besteht nicht nur in dem meist plötzlichen Zusammenbruch der Seitenführungskräfte am Vorderreifen, sondern auch im schlagartigen Wegfall des stabilisierenden Kreiseleffektes des nicht mehr drehenden Vorderrades.

Die Bremsen von ABS-Maschinen können in dieser Phase geschlossen bleiben, da ja der Reifenschlupf geregelt und eine Blockade der Räder verhindert wird. Trotzdem müssen die Fahrzeugreaktionen beachtet werden.
 

Bei hohen Verzögerungen Überschlag vermeiden

Auf trockenem, griffigem Straßenbelag wird meist gegen Ende der Bremsung bei niedrigen Geschwindigkeiten das Hinterrad "sehr leicht", bis es abhebt. Dies gilt besonders für Motorräder mit hohem Schwerpunkt und langen Federwegen (Enduros, Super-Motos). In dieser Situation, die vielfach zu spät erkannt und erspürt wird, sollten Sie den Bremsdruck geringfügig reduzieren. Wegen der meist niedrigen Geschwindigkeit verlängert sich der Bremsweg hierdurch nur wenig. Mit ansteigendem Hinterrad steigt auch der Schwerpunkt des Motorrades, wodurch eine mögliche Überschlagtendenzzusätzlich verstärkt wird. Je früher SIe dem steigenden Hinterrad entgegenwirken, desto unkritischer bleibt die Situation.

Halten Sie Ihren Blick auch wegen der Überschlagtendenz so weit wie möglich nach vorne gerichtet. Damit erkennen Sie die Fahrzeugbewegung früher und können schneller reagieren.

Unter Übungsbedingungen sind auf trockener Straße je nach Qualität von Reifen und Straßenbelag Geradeaus-Verzögerungen von bis zu 10 m/s² möglich, im realen Verkehrsgeschehen sind Verzögerungen um 8 bis 9 m/s² als hervorragende Werte zu sehen.

Moderne Motorräder mit ABS haben eine fein abgestimmte und wirksame Hinterrad-Abhebe-Verhinderung (Rear Wheel Lift Off Protection abgekürzt: RLP), die über den Hinterradbremsdruck und die Raddrehzahl die Last am Hinterrad erkennen kann. Durch leichtes Absenken der Verzögerung kann das Hinterrad am Boden gehalten werden, wodurch die Bremsdynamik gezügelt wird. Die verbleibende Bremsdynamik um die Querachse kann meist über einzelne Modi eingestellt werden.

Da nicht alle ABS-Systeme das Abheben des Hinterrades erkennen und entsprechend reagieren, sollten auch ABS-Maschinen besonders bei guten Gripverhältnissen und hohen Verzögerungen mit dem nötigen Respekt gebremst werden. Auch unterscheiden sich unterschiedliche ABS-Modi in der Begrenzung der Abhebetendenzen.
 

Beste Übungsmöglichkeit: Sicherheitstraining

Die Komplexität dieser Zusammenhänge können Sie am einfachsten im Rahmen eines Sicherheitstrainings auf abgesperrter Strecke erfahren. Das Ziel der Fahrübungen ist es, die Koordination der Wahrnehmungen und des eigenen Handelns soweit zu optimieren, dass ein echtes Sicherheitsgefühl entsteht. Der Fahrer soll erfahren, welch hohe Verzögerungen unter optimalen Bedingungen möglich sind. In extremen Verkehrssituationen kann er dann das gesamte Potenzial moderner Bremsen optimal nutzen.

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Bremsen richtig pflegen

Damit Sie in einer Notbremssituation das Maximum herausholen können, müssen die Bremsen natürlich technisch in Ordnung sein.

Bremsen reinigen

Reinigen Sie z.B. vor einer Radmontage, bei der die Bremszangen auf die Scheiben aufgeschoben werden, die Bremsscheiben mit einem geeigneten Bremsenreiniger. Besonders beim Aufziehen der Reifen kann Montagepaste auf die Scheiben gelangt sein. Beide Seiten der Bremsscheiben sollten auch im Rahmen der Fahrzeugwäsche regelmäßig mit Bremsenreiniger abgewischt werden. Beachten Sie dabei die spezifischen Eigenschaften des Bremsenreinigers (Produkthinweise auf der Spraydose).

Bremsflüssigkeit

Prüfen Sie regelmäßig den Stand der Bremsflüssigkeit in den Ausgleichsbehältern. Ein Absinken des Flüssigkeitsstands ist meist ein deutlicher Hinweis auf fortgeschrittenen Verschleiß der Bremsbeläge. Hierzu auch die Hinweise in der Bedienungsanleitung beachten. Verwenden Sie zum Nachfüllen nur Bremsflüssigkeit mit der vom Hersteller vorgeschriebenen Spezifikation. Mischen Sie keine unterschiedlichen Bremsflüssigkeitsarten!

Bremsflüssigkeit nimmt im Laufe der Alterung Feuchtigkeit auf und muss deshalb regelmäßig alle zwei Jahre gewechselt werden. Diese Alterung, die im Extremfall zu Blasenbildung führen kann, macht sich vielfach auch durch Verfärbung der Flüssigkeit und durch einen schwammigeren Druckpunkt bemerkbar. Auch wenn Luft in das eigentlich geschlossene Hydrauliksystem der Bremse gelangt ist, geht der deutliche Druckpunkt bei der Hebelbetätigung verloren. Der Hebel kann dann mit wenig Kraft relativ weit, in extremen Fällen bis zum Anschlag durchgezogen werden. Da die Alterung und die damit verbundenen Änderungen am Bremshebel sukzessive erfolgen, werden sie von vielen Fahrer nur undeutlich wahrgenommen. Den Wechsel der Bremsflüssigkeit sollten Sie in einer Fachwerkstatt vornehmen lassen. Herstellerhinweise in den Bedienungsanleitung sind unbedingt zu beachten.

Wenn trotz erneuerter Bremsflüssigkeit der Druckpunkt schwammig ist, kann dies auch an gealterten Bremsschläuchen liegen. Deshalb sollten Sie auch diese regelmäßig einer Sichtprüfung unterziehen und auf Risse, Blasen oder sonstige Beschädigungen achten. In den Herstellervorgaben ist oft auch ein Zeitraum für den Wechsel der Bremsschläuche vorgegeben. Ob diese Vorgaben strikt einzuhalten sind, sollten Sie im Zweifel mit einer Fachwerkstatt nach Sichtprüfung der Bremsleitungen klären. Bei einem Austausch der serienmäßigen gummierten Bremsschläuche sollte ggf. auf Stahlflex-Leitungen umgerüstet werden. Für viele Motorradmodelle werden sie als fertiges Leitungsset angeboten.

Bremsbeläge

Prüfen Sie regelmäßig den Verschleißzustand der Bremsbeläge. Auch hierfür eignet sich z.B. die Radmontage im Zusammenhang mit Reifenwechseln. Die Beläge sind vor dem Aufsetzen der Zangen auf die Scheiben gut sichtbar. Bis zu welchen Verschleißmarkierungen der Belag genutzt werden darf, ist in der Bedienungsanleitung Ihrer Maschine beschrieben. Bei Bremsbelägen sollte nicht gespart werden.

Vergleichen Sie auch den Verschleiß der Beläge einer Bremszange und - wenn vorhanden - zwischen den Belägen der beiden Zangen am Vorderrad. Ungleichmäßiger Verschleiß ist ein Hinweis auf Funktionseinschränkungen der Bremszangen oder -sättel, selbst wenn diese im Fahrbetrieb nicht deutlich werden. Zu prüfen ist, ob alle Bremskolben oder die Zange der Schwimmsattelbremse frei beweglich sind. Beim geringsten Zweifel an der vollen Funktion der Bremse sollten Sie die Maschine zu einer Fachwerkstatt bringen, um den Mangel beseitigen zu lassen.

Bremsscheibe

Prüfen Sie auch den Verschleißzustand der Bremsscheibe. Starke Riefenbildung und Einlaufkanten an den Scheibenrändern deuten auf fortgeschrittene Abnutzung hin. Auf den Bremsscheiben ist auch das Mindestmaß für die Stärke der Scheibe eingestanzt. Dieses Maß darf nicht unterschritten werden und wird im Zweifelsfall im Rahmen der HU gemessen. Ersatzbremsscheiben sind im Vergleich zu Pkw-Bremsscheiben relativ teuer. Für gängige Motorradmodelle werden auch im freien Zubehör zugelassene Bremsscheiben angeboten, die teilweise deutlich günstiger sind als die Originalersatzteile.

Weitere Tipps

Prüfen Sie entsprechend der Herstellervorgaben die Spiele an den Bremshebeln. Stellen Sie wenn möglich die Position und die Griffweite der Bremshebel auf Ihre Bedürfnisse ein. Schmieren Sie die Gelenke der Bremshebel mit geeignetem Fett.

Prüfen Sie die Funktion und ggf. Einstellung der Bremslichtschalter.

Zu Beginn jeder Fahrt beide Bremsen bzw. deren Wirkung kurz testen, um die einwandfreie Funktion zu überprüfen. Intakte Bremsen erhalten und verbessern durch regelmäßige Nutzung ihre Eigenschaften. Hier spielen ausreichend hohe Temperaturen und Reinigungseffekte eine Rolle.

Für Bremsen gilt der Grundsatz: Bei häufiger Nutzung bleibt der Reibwert zwischen Scheibe und Belag und damit auch die Bremsleistung auf hohem Niveau.

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Weitere Tipps zu Bremsungen

  • Auf den ersten Metern jeder Fahrt sollten Sie durch einen kurzen, prüfenden Griff bzw. Tritt die "Tagesform" der Bremsen checken. Dies gilt besonders nach längerer Standzeit der Maschine.
  • Vollbremsungen besonders aus hohen Geschwindigkeiten bedeuten Stress und erfordern entschlossenes Handeln, vor allem, wenn sie im öffentlichen Straßenverkehr durch plötzliche Ereignisse erzwungen werden. Je routinierter die Abläufe bei starken Bremsungen ablaufen, desto höher sind die Chancen, alle Möglichkeiten der Unfallvermeidung zu nutzen. Dies gilt ganz besonders für Fahrten mit Beifahrer/-in. Sie sollten also auch das Bremsen mit Beifahrer trainieren, um den Sozius mit den einwirkenden Kräften vertraut zu machen.
  • Im Idealfall wird möglichst zügig ein hohes Verzögerungsniveau erreicht. Eine hohe Verzögerung zu Beginn der Bremsung verkürzt den Bremsweg am effektivsten. Dabei allerdings die Bremse nicht schlagartig einsetzen.
  • Vor Vollbremsungen möglichst eine "gesammelte", gerade Sitzhaltung einnehmen. Unterkörper mit den Beinen gut am Tank, Arme mit leichter Beuge auf entspannten Händen abstützen. Während der Bremsung möglichst nicht nach vorne in Richtung Tank rutschen.
  • Bei Geradeausbremsung darauf achten, dass auf beide Lenkerenden die gleichen Kräfte wirken. Brems- und Kupplungshebel müssen ohne Einschränkungen zu betätigen sein. Deshalb besonders Bremshebellage und Griffweite vor Fahrtbeginn prüfen und ggf. korrigieren. Bei der Bedienung des Bremshebels möglichst den Gasgriff nicht geöffnet "einklemmen", damit der Motor nicht unbelastet hochdreht.
  • Die Bremsung selbst möglichst mit der Fußbremse beginnen. Dadurch überträgt sich der Drehimpuls des Hinterrades auf die gesamte Maschine, das Vorderrad wird schneller belastet, die Vorderradbremse kann schneller voll eingesetzt werden.
  • Der Blick sollte nicht nur beim Bremsen geradeaus und nicht direkt vor das Vorderrad gerichtet sein. Kritische Situationen, die Vollbremsungen erzwingen, können so in vielen Fällen früher erkannt werden, der verfügbare Verkehrsraum für Unfall verhütende Maßnahmen wird größer. Wenn der Blick oben bleibt, kann zudem ein Abheben des Hinterrades schneller erkannt werden.
  • Was tun, wenn eine Vollbremsung erzwungen wird? 
    Überblick bewahren, Fluchtwege ausloten, Straßenbelag prüfen!
    Die Bremsbetätigung kann somit an wechselnde Untergründe angepasst werden. Vielfach finden sich neben Verschmutzungen bzw. Asphalt- oder Bitumenflicken auch Straßenbereiche, die ausreichenden Grip für eine starke Bremsung versprechen.
  • Bei Fahrten in Gruppen abhängig von den Geschwindigkeiten die Abstände anpassen. Versetzt fahren, um Situationen möglichst schnell erfassen zu können. Durch zu geringe Abständen in einer Gruppe können schnell sogenannte Bremswellen entstehen. Während der erste Fahrer nur schnell das Gas schließt und damit relativ schwach verzögert, müssen die nachfolgenden Fahrer wegen des kürzer werden Verkehrsraumes umso mehr Bremsen, je weiter hinten sie in der Gruppe fahren. Der letzte Fahrer "kämpft" dann oft mit hoher Verzögerung, um nicht auf den Vordermann aufzufahren.
  • Bei Fahrten in Fahrzeugkolonnen so viel wie möglich den rückwärtigen Verkehr beobachten. Gute Motorradbremser überfordern die meisten hinterherfahrenden Autofahrer bei schnellen und gekonnten Bremsungen. Dies gilt besonders bei schneller Fahrt auf der Autobahn, wenn der Abstand des nachfolgenden Fahrzeugs sehr gering ist. Ein schnelles Motorrad verzögert – je nach Motorisierung – allein durch Schließen des Gasgriffes wegen des höheren Luftwiderstandes und des niedrigeren Gewichts deutlich stärker als ein Pkw. In dieser Situation wird es für den Fahrer des nachfolgenden Pkw, der kein Bremslicht zu sehen bekommt, schnell sehr eng. Solche Situationen kann der Motorradfahrer entschärfen, indem er möglichst den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug vergrößert und vor dem Schließen des Drosselklappen kurz den Fußbremse antippt, um ein Signal nach hinten zu geben.
  • Kritisch wird eine erzwungene schnelle Bremsbetätigung im direkten Anschluss an eine Beschleunigungsphase, z.B. während des Anfahrvorganges oder bei Überholmanövern. Durch die Beschleunigung wird das Vorderrad stark entlastet und kann die Bremskräfte nicht oder nur begrenzt übertragen. In solchen Situationen den Fuß auf dem Bremshebel in Bereitschaft bringen, damit die Fußbremse schnell und intensiv betätigt werden kann, die Vorderradbremse möglich erst einsetzen, wenn das Vorderrad wieder satt belastet ist.
  • Der verfügbare Grip auf regennassen Straßen ist für jeden Motorradfahrer nur schwer abzuschätzen. Hier hilft nur eines: Fahrgeschwindigkeit reduzieren, Abstände vergrößern, Bremsungen sanfter vornehmen ... oder eine Maschine mit ABS fahren! Zur Prüfung der Reibverhältnisse kann eine angepasste Hinterradbremsung dienen. Kritisch sind bekanntlich die Reibwerte bei einsetzendem Regen. Verschmutzungen, die auf trockener Fahrbahn unauffällig sind, können bei wenig Feuchtigkeit bereits rutschig werden. Deswegen besonders zu Beginn eines Regenschauers vorsichtig fahren und bremsen. Nach länger anhaltendem Regen verbessern sich meist die Reibwerte der Straße.
  • Nach längeren Regenfahrten, während denen die Scheibenbremsen nur mäßig genutzt wurden, kann die Bremswirkung trotz trockener Scheiben schlechter sein, als es vor der Regenfahrt war. Die Bremse fühlt sich dann etwas stumpf an. Erst nach einzelnen stärkeren Bremsungen "regeneriert" sich die Bremse wieder. Die Erfahrung, dass eine Bremse mit intensiverer Benutzung wirksamer wird und meist besser anspricht, kann jeder Fahrer oder jede Fahrerin nach zügigen Rennstreckenrunden mit häufigen starken Bremsungen machen.
  • ABS-Maschinen werden grundsätzlich wie Motorräder ohne ABS gebremst, also in mindestens zweiSchritten (siehe Abschnitt "Bremsen - eine Gratwanderung"). Der einzige Unterschied bei Geradeausbremsungen: Nach dem Anlegen der Bremsbeläge kann der Bremsdruck zügiger und stärker erhöht werden, als bei Motorrädern ohne ABS. Bei Geradeaus-Notbremsungen sollte in den ABS-Regelbereich hineingebremst werden. Trotzdem gilt: Kein Klammergriff am Vorderradbremshebel. Gegen Ende der Bremsung auf das Heck des Motorrades achten: Ein Ansteigen möglichst früh durch leichtes Reduzieren des Bremsdruckes abfangen. Die Möglichkeiten des ABS sind die besten Voraussetzungen, um Geradeausbremsungen auf hohem Niveau zu üben, natürlich nur auf nicht öffentlichen Strecken.
  • Jede Bremsung dient auch als Funktionsprüfung der Bremsanlage. Sollte sich die Bremse bei einer starken Bremsung ungewohnt verhalten haben, einen Check der Anlage durchführen.
  • Dabei kann die Umrüstung auf Stahlflex-Leitungen wirtschaftlich und technisch am sinnvollsten sein. Auch kleine Abweichungen vom "Idealzustand" ernst nehmen und ggf. Wartungsarbeiten vornehmen lassen.

    Foto: © Shutterstock/PopTika