Fahrbericht Ducati Scrambler 1100

9.5.2019

Die Allrounder Ducati Scrambler 1100 geht nach dem Erfolg der Modelle mit 800 und 400 ccm Hubraum gegen die Retro-Rivalen wie BMW R nineT oder Triumph Thruxton ins Rennen. Unsere Tests zeigen, ob der Mehrpreis von 3900 Euro gerechtfertigt ist.

Freude bei Liebhabern des Retro-Styles: Endlich eine ”große“ 1100er Ducati Scrambler mit 86 PS, nicht nur 400 oder 800 Kubik mit maximal 73 PS. Zwischen 1962 und 1978 waren Ducatis Einzylinder-Scrambler beliebt und erfolgreich, vor allem auf dem US-Markt. 2015 dann die Rückkehr. Bisher läuft der Verkauf des jetzt zweizylindrigen Allrounders mit 46.000 verkauften Motorrädern extrem erfolgreich.

Höhergelegter Auspuff, längere Federwege, Stollenreifen und ein bequemer breiter Lenker: Die typischen Scrambler-Zutaten sind weitgehend geblieben. Damit ist die große Scrambler 1100 zwar weniger agil als die 800er, sie ist aber auch das deutlich erwachsenere Bike: Längerer Radstand (plus 69 mm), mehr Sitzhöhe und -breite (plus 20 bzw. plus 43 mm) und eine größere Fahrzeugbreite (plus 50 mm).

Hochwertige Materialien

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Typisch Scrambler: Breiter Lenker, Stollenreifen, höher gelegter Auspuff

In den drei Versionen Standard, Special und Sport kostet die Scrambler 1100 zwischen 13.090 und 15.090 Euro ab Werk. Das sind stolze Preise für ein 86 PS-Bike. Als klassische Retro-Beauty muss es die Italienerin mit Großkalibern wie BMW R nineT (110 PS, 15.350 Euro) oder Triumph Thruxton R (97 PS, 14.850 Euro) aufnehmen. Trotz der relativ schwachen Papierform: Unterm Strich schlägt sie sich sehr gut.

Natürlich ist es auch eine Frage des Geschmacks, ob der Nostalgie-Biker eher in Richtung Italien, Deutschland oder England tendiert. Die von uns gefahrene Ducati Scrambler 1100 Special zeichnet sich aus durch schwarze Speichenräder, Chrom-Auspuff, Aluminium-Schutzbleche, gebürstete Schwingen, goldene Gabelrohre, einen etwas niedrigeren Lenker und eine braune Sitzbank. Die bietet mit ihren Dimensionen und angenehmer Härte guten Komfort sowohl auf Kurzstrecke als auch bei stundenlangem Cruisen.

Die Ducati Scrambler bietet drei Fahrmodi

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Das Motorrad Ducati Scrambler, Nahaufnahme vom Tacho
Neu: Digitales Rundinstrument

Ein klassisches Rundinstrument beschränkt sich auf die digitale Anzeige der wichtigsten Infos – darunter Tempo, Gang, Drehzahl, Tankfüllstand und die drei Fahrmodi: ”Active“ lässt den V2 heftig ans Gas gehen, ”Journey“ ist am harmonischsten, ”City“ ist zum Beispiel für zeitweiligen Regen geeignet.

Dabei reduziert sich die Leistung auf 75 PS. Auf nasser Fahrbahn offenbart sich allerdings ein Nachteil des coolen Looks mit kurzen Schutzblechen: Helm und Rücken werden nass und schmutzig.

Nur fünf wesentliche Teile an der Scrambler 1100 sind aus Kunststoff, wie Ducati stolz vermeldet: Die Airbox, der Sitz-Unterbau, das Elektronikgehäuse und (bei der Standard-Version) das vordere und hintere Schutzblech – ansonsten verströmen überall Alu und Co. den Eindruck von Hochwertigkeit.


Der Chefingenieur von Ducati, Claudio FontiChef-Ingenieur Claudio Fonti

”Die Ducati Scrambler 1100 ist das deutlich erwachsenere Motorrad im Vergleich zur 800: Sie hat einen um 69 mm längeren Radstand, 20 mm mehr Sitzhöhe, ist um 50 mm breiter und bietet 1,5 Liter mehr Tankvolumen – und eine voll einstellbare Upside-Down-Vorderradgabel.“


Das überzeugt optisch und hält auch dem haptischen Test Stand, wenn man zum Beispiel die aufwendig geformten Schalen am 15-Liter-Tank als fein eloxierte Alu-Teile identifiziert. Schön auch: die Zahnriemen-Abdeckung aus gefrästem Leichtmetall oder das gebürstete Finish der Zweiarmschwinge.

Von dieser hohen Qualität weichen leider einige Details ab: Die modernen Schalter an den Lenkerenden wollen so gar nicht zum Retro-Flair passen. Oder die recht lieblose Gabelbrücke, die ständig im Blickfeld des Fahrers liegt.

Und schließlich die geradezu tollkühn verlegte vordere Bremsleitung: Sie verläuft in hohem Bogen über dem Zentralinstrument. Das soll offenbar nostalgisch an die Gaszüge früherer Modelle erinnern, kommt aber bei vielen Betrachtern nicht so gut an.

Design von gestern – Technik von heute

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Das Motorrad Ducati Scrambler von der Seite, Nahaufnahme vom Motorblock
Retro, aber mit neuester Sicherheitstechnik

So erwachsen und muskulös, wie die 1100 aussieht, so fühlt sie sich insgesamt an. Der 1,1-Liter-V2 meldet sich sofort kräftig, aber unaufdringlich zum Dienst. Er brabbelt und pladdert, wie es Fans des klassischen L-Twin aus Borgo Panigale so mögen. Druckvoll genug und doch angenehm weich geht der Motor stets zu Werke.

Dank modernster Elektronik (Kurven-ABS, Traktionskontrolle) kommt die Kraft jederzeit berechenbar auf die Straße. Das Zusammenspiel mit dem klaglos agierenden Getriebe funktioniert vorbildlich. Das Profil der ab Werk aufgezogenen Pirelli MT 60 RS ist nicht mehr ganz jung, doch die moderne Gummi-Mischung passt zur Scrambler 1100.

Die Standardeinstellung des Fahrwerks fühlt sich zumindest für leichtere Menschen sehr straff an: Kurze Wellen in Kurven sind da ziemlich unangenehm. Doch die Upside-Down-Gabel ist voll, das hintere Federbein in Vorspannung und Zugstufen-Dämpfung einstellbar. Die Brembo-Bremsen der Ducati packen beherzt zu, da darf man vorne nicht allzu viel von der Straffheit wegregulieren. Der Kniewinkel ist für Menschen über 1,90 m recht eng, der Rest passt auch für sie. Und der breite Lenker: Er fühlt sich an wie ein Präzisionswerkzeug, mit dem man Feinstarbeit leisten kann.

Fazit und technische Daten

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Das Motorrad Ducati Scrambler von vorne, Nahaufnahme vom Vorderlicht
Rundscheinwerfer mit metallenem X hinter dem Glas

Am Ende bleibt die Frage: Rechtfertigen 13 Extra-PS bei gleichzeitigem Mehrgewicht den großen Preissprung zwischen Scrambler 800 und 1100? Die Kleine gibt‘s ab 9190 Euro, der Einstieg in die Welt der 1100er liegt um 3900 Euro darüber.

Wer sich auf der kleineren Scrambler wohl fühlt und vor allem Wert auf wieselflinke Agilität legt, kann sich die deutlich höhere Investition wohl sparen.

Wer aber ein maskulineres und größeres Motorrad sucht, wird bei der Ducati Scrambler 1100 fündig: ein überzeugender Retro-Allrounder, der noch dazu charmant die Ehre des unvergleichlich klingenden Zweiventil-V2 hochhält.

Steckbrief
Ducati Scrambler 1100
Motor Luftgekühlter Viertakt-V2-Motor im 90 Grad-Winkel, Leistung 63 kW/86 PS bei 7500 U/min, max. Drehmoment 88 Nm bei 4.750 U/min, alternativ für Führerscheinklasse A2 ab Werk mit 35 kW/48 PS, Sechsganggetriebe, Kette
Fahrwerk Stahl-Gitterrohrrahmen, vorn voll einstellbare Upside-Down-Telegabel von Marzocchi mit 45 mm Tauchrohrdurchmesser, hinten Kayaba-Zentralfederbein verstellbar in Vorspannung und Zugstufendämpfung 
Bremsen  Vorn Doppel-Scheibenbremse 320 mm mit radial montierten Vierkolben-Bremssätteln, hinten eine Scheibenbremse gelocht 245 mm, Bosch Kurven-ABS, Reifen vorn 120/80 ZR18, hinten 180/55 ZR17 (Pirelli MT 60 RS)
Maße und Gewichte
Radstand 1514 mm, Tankinhalt 15 Liter, Gewicht fahrfertig 211 kg
Verbrauch Normverbrauch kombiniert: 5,0 l/100 km
Preis ab 13.090 Euro (plus 305 Euro Liefernebenkosten)

 

Text: Ralf Schütze. Fotos: Ducati.

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