BMW C evolution: Elektroroller im Langzeittest

2.7.2019

Ein Elektroroller mit gut 100 km Reichweite für fast 15.000 Euro. Was soll das bringen? Viel Fahrspaß, Alltagstauglichkeit und impulsive Beschleunigungs-Erlebnisse, fanden wir im Maxi-Scooter-Dauertest mit dem BMW C evolution heraus

Immer und immer wieder möchte man es tun: Den Stromgriff des BMW "C evolution" weit aufdrehen, um die impulsive Kraftentfaltung des Maxi-Rollers zu genießen. Zahlen können das Erlebnis kaum beschreiben, wie der Elektro-Scooter seine Besatzung nach vorne beamt. Wir versuchen es trotzdem: Von 0 auf 50 km/h in 2,8 Sekunden. Aber auch dieser Wert drückt nur annähernd aus, wie vehement das 275-Kilo-Bike loslegen kann, wenn man es drauf anlegt. Und das ist längst nicht alles, was den ”C evolution” zu einem vielversprechenden Elektromobil macht, wie unser Langzeittest zeigt.

Führerscheinklasse A1 reicht

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Display des BMW C evolution
Immer wieder überraschend: Das Fahrerlebnis auf dem C evolution

Hinter der Beschleunigung steckt ein Phänomen aller Elektromotoren: Ihr maximales Drehmoment liegt ab der ersten Umdrehung an, während der Verbrenner seine höchste Schubkraft erst ab einigen 1000 U/min erreicht. Die ersten 20 Meter ist BMWs Maxi-Scooter deshalb ein nahezu konkurrenzloser Sprinter.

Der Überraschungseffekt ist enorm beim Motorradfahrer-Nachbarn an der Ampel. Kommt man als C-evolution-Pilot mit so einem Biker ins Gespräch oder lässt ihn gar eine kurze Proberunde drehen, ist das ungläubige Staunen groß – über die Leistungsentfaltung des "permanenterregten Synchronmotors" und besonders über die eigene Wahrnehmung. Denn erstaunlicherweise vermisst kaum jemand den Krach aus dem Auspuff. Stattdessen empfindet und genießt man in der Stille umso mehr die Fahrdynamik.

Dabei ist der BMW-Roller ein echter Tiefstapler: Die offizielle Nennleistung beträgt harmlos klingende 11 kW/15 PS und führt dazu, dass der Gesetzgeber etwas streng genommen grob Fahrlässiges zulässt: Wegen dieser geringen Nennleistung darf man das Strom-Geschoss als 16-Jähriger mit Führerschein-Klasse A1 fahren. Oder als Best Ager, der seinen alten Führerschein der Klasse 3 vor dem 1. April 1980 erworben hat – kein Aprilscherz.

Wir raten dringend, die tatsächliche Maximal-Leistung des C evolution von 35 kW/48 PS und die 72 Nm Drehmoment anzuerkennen und den wuchtigen Sprinter nur mit angemessener Zweirad-Erfahrung zu pilotieren. In jedem Fall beruhigend: Feinste Fahrwerkszutaten wie eine Upside-Down-Gabel aus BMWs Motorrad-Baukasten und eine sensibel ansprechende ABS-Bremse sorgen für gute und sichere Fahrbarkeit.

Maxi-Scooter im Vergleich

  BMW C evolution (Elektro) Yamaha TMAX SX Sport Edition (Benzin)
Leistung 48 PS  46 PS
Drehmoment 72 Nm  53 Nm
Preis 14.900 Euro + NK  12.995 Euro + NK

Ein Elektroroller auch für den Winter

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Wenn kein Salz auf der Straße liegt, ist der Roller ein Ganzjahresfahrzeug

Unabhängig von den Fähigkeiten des Fahrers: Elektromobilität wird sich vermutlich in kaum einem Segment so schnell durchsetzen, wie bei Maxi-Scootern vom Schlage des C evolution. So lautet unser Fazit nach einem halben Jahr mit dem Stromer, der sich selbst im tiefsten Winter mit deutlichen Minusgraden rundum bewährt hat.

Beispiel: Nach gut fünf Wochen in der bitterkalten Garage liegt die Restreichweite des Elektro-Rollers exakt bei jenen 79 km, mit denen er zuvor abgestellt wurde. Offenbar halten die aus dem BMW i3 stammenden Lithium-Ionen-Batterien die Energie auch im Winter komplett aufrecht. Fährt man bei knapp 10 Grad plus, erhöht sich im Vergleich zu wärmerem Wetter zwar der kWh-Verbrauch merklich, aber nicht extrem: Die Reichweite sinkt von 110 auf 89 km. 

Insgesamt stehen vier Fahrprogramme zur Auswahl: "Road" mit Standard-Performance und -Reichweite, "Eco-Pro" mit weniger Leistung und dafür bis zu 20 Prozent mehr Reichweite, "Sail" für besonders unbeschwertes Dahingleiten ohne Rekuperation und somit auch ohne Bremswirkung des Motors. Und schließlich "Dynamic": Volle Leistung und starke Rekuperation, die jegliches Bremsen nahezu überflüssig macht.

Rekuperation bedeutet, dass im Stile eines Fahrrad-Dynamos Strom zurück in die Akkus wandert, weil der Motor kurzfristig als Generator die Bremsenergie umwandelt. Der Dynamic-Modus beschert den höchsten Fahrspaß, solange die Reichweite nicht entscheidend ist. Aber: Von einem typischen Stadtfahrzeug wie dem C evolution werden meist nicht mehr als die realistischen 100 km erwartet, die er im schlechtesten Fall bietet – etwa um ins Büro und wieder nach Hause zu fahren und sich zwischendurch in der Garage wieder frischen Strom zu holen.

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Strom für 100 km kostet 2 Euro

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BMW C evolution wird geladen
Geladen wird hinter der linken Verkleidung

An Schnell-Ladestationen (16 A Ladestrom) reichen bei leerem Akku rund drei Stunden zur vollen Aufladung. An haushaltsüblichen Steckdosen dauert dies zwar deutlich länger, aber mit Voraussicht ist auch diese Ladezeit zumutbar.

Konkret: Wir hängten den Elektro-Roller um 14:43 Uhr bei 48 Prozent und 61 km Restreichweite ans Stromnetz. Gut zweieinhalb Stunden später um 17:16 Uhr waren 96 Prozent und 111 km erreicht. Schade: Zwar hat das Ladekabel in einem von zwei Ablagefächern hinter der Verkleidung Platz. Aber nur mit Mühe. Deshalb blockiert es in der Praxis meist das große Helmfach unterm Sitz.

Der Preis für den BMW C evolution erscheint zunächst maximal abgehoben: Erst ab 14.900 Euro ist er zu haben. Aber: Ein ähnlich starker und somit vergleichbarer Maxi-Scooter kostet im Falle des Yamaha TMAX SX Sport Edition immerhin auch 12.995 Euro (bei nur 53 Nm Drehmoment).

Dazu kommen die Treibstoffkosten: Den Elektro-Roller lädt man bei aktuellen Strompreisen (ca. 27 Cent/kWh) für etwas mehr als 2 Euro von leer auf voll für rund 100 km Reichweite. Beim Yamaha TMAX kostet die selbe Reichweite rund 7,50 Euro. Der WMTC-Normverbrauch des C evolution von 8,2 kWh erscheint absolut realistisch: Wir kamen bei zurückhaltender Fahrweise sogar mit 6,6 kWh aus, flott waren's nicht mehr als 7,6 kWh.

Dem elektrischen Rollerfahren steht also nicht viel im Weg. Wer ohnehin einen der kostspieligen Maxi-Scooter im Auge hat, sollte unbedingt eine Probefahrt mit dem BWM C evolution einplanen – dann gibt es wieder eines jener Aha-Erlebnisse, die impulsive Strom-Power dem Elektro-Neuling meist beschert ...

Tipp Icon

Long Range Version: Noch teurer, noch weiter

Um der Kritik am begrenzten Radius des C evolution zu begegnen, bietet BMW mittlerweile auch eine "Long-Range"-Variante mit größerem Akku an. Statt 8 kWh/60Ah stehen darin 12,5 kWh/94 Ah an Kapazität zur Verfügung. Die Münchener versprechen eine Steigerung der Reichweite von 100 auf 160 Kilometer. Unser Testfahrer wollte es wissen und kam bei flüssiger Überlandfahrt immerhin auf echte 145 Kilometer – bei vorausschauender Fahrweise und ohne Ausreizen der möglichen Spitze von 129 km/h. BMW ruft 1495 Euro extra für das Reichweiten-Plus auf. Nimmt man dann noch die empfehlenswerte Griffheizung und die Komfortsitzbank hinzu, kratzt der Long-Range-Roller bereits an der 17.000-Euro-Marke.     

Steckbrief BMW C evolution

Technische Daten   BMW C evolution
Motor Permanenterregter Synchronmotor, Leistung 35 kW/48 PS bei 4650 U/min, max. Drehmoment 72 Nm bei 0 bis ca. 4650 U/min
Fahrwerk Hybridfahrwerk mit tragendem Batteriegehäuse aus Aluminium-Druckguss, vorn Upside-Down-Teleskopgabel (ø 40 mm), hinten Einarmschwinge mit direkt angelenktem Federbein, Federbasis manuell in 7 Stufen einstellbar
Bremsen Vorn hydraulisch betätigte Doppelscheibenbremse (270 mm) mit Doppelkolben-Schwimmsattel, hinten hydraulisch betätigte Einscheibenbremse (270 mm), BMW Motorrad ABS
Bereifung Vorn 120/70 R15, hinten 160/60 R15
Maße/Gewichte Batteriekapazität 8 kWh/60 Ah, Sitzhöhe 765 mm, Gewicht fahrfertig 275 kg, zulässiges Gesamtgewicht 445 kg, Zuladung 170 kg
Messwerte
Höchstgeschwindigkeit 120 km/h (elektronisch abgeregelt), 0-50 km/h 2,8 s, 0-100 km/h 7,0 s, Kraftstoffverbrauch (WMTC) kombiniert: 8,5 kWh
Preis
ab 14.900 Euro, Longe-Range-Variante ab 16.395 Euro (jeweils plus Nebenkosten)

Text: Ralf Schütze, Ulf Böhringer/SP-X. Fotos: Daniel Kraus (4), Ralf Schütze (6).

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