Elektroautos in der Tiefgarage: Probleme beim Laden

25.1.2019

Bei Wohnanlagen, Reihenhäusern oder Eigentumswohnungen müssen Miteigentümer dem Einbau von Ladekabeln und Strom-Infastruktur für Elektroautos zustimmen. Eine große Hürde für die Elektromobilität.

ADAC E-Mobilität 2018
Start oder Stop: Bis zum Durchbruch der Elektromobilität muss noch einiges geschehen 
  • Bei Stellplätzen auf Höfen und in Tiefgaragen fehlen Stromanschlüsse
  • Die Kosten für Stromkabel schrecken viele Elektroauto-Interessenten ab
  • Die Große Koalition hat eine Reform des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG) angekündigt
  • Das soll den Einbau von Ladestationen für Mieter und Besitzer von Eigentumswohnungen erleichtern

Bernd Müller und seine Frau Angelika Witt-Müller sind umweltbewusst, Dieselskandal und Klimawandel treiben sie um. Im Herbst 2016 beschließen sie: Elektroautos sollen ihre beiden Diesel ersetzen.

Die beiden wohnen im Kieler Blücherviertel, Parkplätze sind hier Mangelware. Die Müllers haben Glück: Ihr Vermieter besitzt mehrere Garagen auf einem Hinterhof, dort stehen auch ihre Fahrzeuge. Die drei wenden sich an die Kieler Stadtwerke, um Strom in die Garage zu bekommen. Die Elektroautos sollen über Nacht geladen werden – bei Bedarf aber auch schnell und mit hoher Leistung.

18.000 Euro für eine Stromleitung

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Dr. Bernd Müller und Angelika Witt-Müller vor ihrer Kieler Garage

Die erste Auskunft: Eine Leitung könne nur gelegt werden, wenn die Garage eine Hausnummer habe. Hat sie natürlich nicht. Alternative: Eine Verbindung vom nächstgelegenen Haus, das ja bereits eine Nummer hat. Das hätte aber komplizierte Baumaßnahmen bedeutet – und die Frage aufgeworfen, wie der abgezapfte Strom abgerechnet werden kann.

Außerdem, so der Mitarbeiter der Stadtwerke, müsse ein Kabel zum weit entfernten Hauptanschluss gelegt werden – die Stromleistung vor Ort reiche nicht für e-Autos. Kosten: über 10.000 Euro pro Steckdose und Garage.

Bei allem Umweltbewusstsein ist das Mietern und Vermieter viel zu teuer, sie haken nach. Anfang März 2017 entschuldigen sich die Stadtwerke für die "wenig zielführende Beratung“. Ein neues Angebot kommt. Der Anschlusspreis sinkt auf 1000 bis 1500 Euro. Der Haken: Dieser Preis bezieht sich nur auf die letzten Meter zur Garage. Für die Leitung zum Hauptanschluss ist eine andere Abteilung der Kieler Stadtwerke zuständig, die SW Kiel Netz GmbH. Und die ruft im September 2017 stolze 18.000 Euro für den Anschluss auf – zu zahlen vom Eigentümer des Garagenhofs. Die Müllers legen ihre Elektroauto-Pläne auf Eis.

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Elektromobilität: Viele Stromversorger sind nicht vorbereitet

Kiel ist kein Einzelfall. Bei den Stromversorgern hat man sich nicht darauf eingestellt, dass plötzlich Menschen anrufen, die sich noch nie Gedanken über Stromstärke, Lastmanagement und Reserveleistung gemacht haben – aber davon träumen, ihren Elektroflitzer schnell vollzuladen. Die Folge: Man redet aneinander vorbei, die Kunden sind irritiert vom Expertenkauderwelsch und den enormen Kosten.

Man habe das Problem erkannt, sagt der Sönke Schuster, Pressesprecher der Stadtwerke in Kiel. Mitarbeiter würden für die neuen Kundenbedürfnisse geschult, passende Angebote für die Stromkunden seien in der Entwicklung. Aber um E-Autos laden zu können, müssten manche Anschlüsse verstärkt werden – und diese Kosten habe der Kunde zu tragen. "Deshalb brauchen wir eine unkomplizierte Förderung." Doch die gibt es noch nicht.

Interesse wächst: Hamburg und München handeln 

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Die Stromversorger in einigen Großstädten gehen noch weiter, investieren bereits in die neuen Anforderungen der Elektromobilität. So hat die Stromnetz Hamburg GmbH damit begonnen, sich auf die Elektromobilität vorzubereiten: Bis 2030 rechnen die Verantwortlichen mit 100.000 Elektroautos im Stadtgebiet – und einer zusätzlichen Stromnachfrage von 500 Gigawatt im Jahr. Bastian Pfarrherr, Innovationsmanager des Unternehmens, sagt: "Wenn wir nichts tun, dann hält unser Stromnetz diese Veränderung nicht aus."

Deshalb rüstet sein Unternehmen in den kommenden Jahren gut 1000 der insgesamt 6000 Transformatoren im Stadtgebiet um. Mit ihnen wird Mittelspannungs-Strom in Niedrigspannung umgewandelt und dann an die Endverbraucher weitergeleitet.

Bisher waren die Transformatoren relativ dumm: Sie konnten nur diese eine Aufgabe erledigen. Künftig sollen sie auch messen können, wie viel Strom gerade nachgefragt wird – und dann auf die steigende und schwankende Nachfrage durch e-Autos reagieren: Wenn, zum Beispiel am frühen Abend, viele Elektroautos gleichzeitig laden, sollen sie die Stromabgabe an diese Fahrzeuge reduzieren. Und sie nachts, wenn die Stadt schläft und wenig Elektrizität gebraucht wird, wieder erhöhen.

Einen Schritt weiter sind die Stadtwerke München (SWM). Sie haben ein e-Mobilitäts-Angebot für Mehrfamilienhäuser entwickelt, bei dem die SWM auf eigene Kosten den Hausanschluss auf die neuen Anforderungen vorbereitet und Stromleitungen in der jeweiligen Tiefgarage verlegt.

Die Kunden können dann eine Strom-Flatrate abschließen, abhängig von der Batteriekapazität: Die Preise reichen von 24 Euro im Monat für einen Plug-in-Hybrid wie den Toyota Prius bis zu 54 Euro für einen Opel Ampera-e oder einen Tesla. Obendrauf kommen 45 Euro im Monat als Nutzungspauschale.

Die größte Hürde: Das Wohnungseigentumsgesetz (WEG)

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Der Weg zum Stromanschluss in der Garage ist weit

Ein Angebot, das, abhängig von der persönlichen Fahrleistung, durchaus interessant sein kann. Wäre da nicht eine große Hürde: Das Wohnungseigentümergesetz, kurz WEG. Mit ihm hat Dr. Lutz Neubauer zu kämpfen. Der Münchner denkt über den Kauf eines E-Autos nach, er ist begeistert von Beschleunigung und Laufruhe der Stromer.

Der Bauträger der Anlage, in der sich seine Eigentumswohnung und die Tiefgarage befinden, macht ihm Hoffnung: Es reiche, ein Stromkabel vom Verteilerkasten zum Stellplatz des Autos zu ziehen. Zwar müsse das Kabel durch eine Brandschutzmauer geführt werden, doch die Kosten sollten im Rahmen bleiben. Von der Hausverwaltung erfährt Neubauer: Einen Anschluss darf er nur legen, wenn alle Miteigentümer – 60 Parteien – zustimmen.

Tatsächlich fordert das WEG, dass bei Umbauten am Gemeinschaftseigentum die Miteigentümer zustimmen. Eine hohe Hürde – zumal sich die Eigentümer in der Regel nur einmal jährlich treffen. Ist nur einer dagegen, bedeutet das Wiedervorlage im nächsten Jahr.

Bei Haus und Grund, einer Interessenvertretung für Immobilienbesitzer, plädiert die Rechtsreferentin Julia Wagner dafür, das WEG zu ändern. Zahle ein Eigentümer den Anschluss an seinem Stellplatz allein, solle er auch ohne Zustimmung loslegen dürfen. Wenn alle Eigentümer beteiligt werden, müsse weiterhin abgestimmt werden – allerdings ohne Einstimmigkeit.

Das Bauministerium prüft derzeit, wie das WEG an die Elektromobilität angepasst werden könnte. Und die Süddeutsche Zeitung berichtet, das Justizministerium habe einen Diskussionsentwurf für eine Reform des WEG entwickelt. Dort sei ein Anspruch auf die Erlaubnis zum Einbau von Lademöglichkeiten vorgesehen. Sogar gegen den Willen der Miteigentümer. Einen Zeitplan gebe es aber noch nicht.  Der Weg zum Stromanschluss in die Stadt: Er ist auch weiterhin ziemlich weit.

Foto: Sebastian Weimar, Alexander Eiländer.