Formel E Roborace: Die Rennserie mit autonomen Elektroautos

17.1.2019

In der Formel E werden zukunftsfähige Technologien rund ums Thema Elektromobilität getestet. Das gilt auch fürs Rahmenprogramm: Roborace ist die weltweit erste Rennserie für autonome Elektroautos.

Autonom fahrendes Rennauto Roborace
In Zukunft sollen Rennen ohne Fahrer möglich sein
  • Probelauf ab Frühjahr 2019
  • Künstliche Intelligenz im Einsatz
  • Zuschauer sollen mitmachen

 

Zwei Entwicklungen beschäftigen die Ingenieure in den Autoschmieden rund um den Globus gerade am meisten: Die Elektromobilität und das Autonome Fahren. Roborace bringt beides zusammen.

Den futuristischen Charakter unterstreicht schon das Rennauto. Der 4,80 Meter lange und 975 Kilo schwere Bolide sieht aus wie eine Mischung aus Torpedo und Schmetterling, liegt extrem flach über der Straße, alle Sensoren sind in der Karosserie versteckt, auf zusätzliche Leitbleche wurde verzichtet.

Das Einheitsfahrzeug stammt von der Firma Kinetik, entwickelt hat die prägnante Optik Roborace Chef-Designer Daniel Simon. Der 44-jährige Stralsunder hat bisher unter anderem Autos und Motorräder für VW und Bugatti sowie Rennwagen für die Formel 1 entwickelt – und auch Fahrzeuge für Hollywood-Produktionen wie „Captain America: The First Avenger“, „Tron: Legacy“ und „Oblivion“. Mit ihrem Chassis würde auch die Roborace-Maschine problemlos in einen Science-Fiction-Film passen.

Start von Roborace immer wieder verschoben

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Autodesigner Daniel Simon
Fahrzeugdesigner Daniel Simon hat den Roborace-Boliden entwickelt

Fiktion ist allerdings bisher auch der regelmäßige Rennbetrieb. Ursprünglich war Roborace als Begleit-Serie ab der dritten Formel E-Saison*, also ab Ende 2016/Anfang 2017, angesetzt. Die Einführung wurde aber immer wieder verschoben.

Als Lucas di Grassi, der seit der Formel E-Gründung als Pilot für Audi fährt und nebenher bereits einige Jahre Roborace-Gründer Denis Swerdlow beratend zur Seite stand, im September 2017 als Geschäftsführer einstieg, waren die ersten Einsätze der Roborace-Autos für 2018 geplant.

Aktuell sieht der Plan offenbar so aus: In diesem Frühjahr soll der erste Testlauf starten, wohl im Rahmen eines Europa-Rennens der Formel E im April oder Mai. Das soll den Auftakt in eine „Alpha“-Probe-Saison markieren, ab 2021 sollen die Rennen dann regelmäßig im Rahmen der Formel E-Meisterschaft ausgetragen werden.

Bilder: Der DevBot im Detail

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In der diesjährigen Test-Saison sollen die Autos aber erst einmal nicht voll autonom unterwegs sein. Im Spätherbst stellte Roborace eine überarbeitete Version des DevBots vor – das Auto wurde bisher für Entwicklungen genutzt und verfügt über eine Fahrerkabine, in der Piloten oder Techniker sitzen können. Auch der jetzt präsentierte DevBot 2.0 hat eine Fahrerkabine, ist vom Design her aber deutlich mehr als einsatzfähiger Rennwagen ausgelegt.

"Wir versuchen, Menschen und Computer in unserem Sport zu vereinen", erklärte di Grassi dann auch am Rande der TechCrunch-Messe in Berlin*. Die Rennen würden in diesem Jahr deshalb als Kombination aus menschlichen Fahrern und der autonom arbeitenden künstlichen Intelligenz ausgetragen.

"Es geht uns um das Prinzip, dass Mensch und Maschine zusammenarbeiten, um ein besseres Ergebnis zu erzielen", sagte di Grassi. Erst einmal werden sich Pilot und Auto also die Arbeit teilen: Im ersten Teil des Rennens sammelt das Fahrzeug Informationen, während der Fahrer die Kontrolle hat. Bei einem Boxenstopp steigt der Pilot dann aus, anschließend zeigt das Auto, was es gelernt hat.

Entwicklung bei Roborace nimmt Fahrt auf

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Entwicklungsauto Devbot fahrend
Im DevBot hat auch ein menschlicher Fahrer Platz

Einen ersten Test in diesem Format hat es bereits beim Formel E-Rennen in Berlin im Juni des vergangenen Jahres gegeben. Damals traten die TU München und die Universität Pisa in der sogenannten "Human and Machine Challenge" gegeneinander an – wenn auch nicht direkt, sondern im Kampf um die schnellste Runde. Jeweils eine Runde lang saß ein Pilot am Steuer, bevor für eine Runde das Fahrzeug selbst übernahm. Die Münchner hatten am Ende die Nase vorne.

Und noch einen weiteren öffentlichkeitswirksamen Erfolg konnte Roborace im vergangenen Jahr verbuchen: Das Rennauto schaffte im Juli als erstes autonomes Fahrzeug den Hillclimb beim Goodwood Festival of Speed. Nach einigen Testläufen meisterte der Bolide vor 55.000 Zuschauern die enge, von Mauern, Heuballen und Bäumen begrenzte Strecke ohne Schwierigkeiten.

Alles in allem also für di Grassi Grund genug, trotz des mehrmaligen Aufschubs des Serienstarts  mit dem jüngsten Entwicklungsverlauf zufrieden zu sein. Man habe das vergangene Jahr mit einem 20-prozentigen Performance-Rückstand auf einen menschlichen Fahrer begonnen.

"Inzwischen ist die künstliche Intelligenz nur noch sechs Prozent langsamer", sagt di Grassi. Das Ziel sei aber, dass die Maschine schneller werde als der Mensch – erst dann steige das Vertrauen in den Nutzen der Technologie auf der Straße. Und schließlich war das eines der Hauptziele für die Gründung von Roborace: Dass Teams ihre Software für das autonome Fahren testen können.

Di Grassi wirbt für die neue Serie

Formel E Fahrer Di Grassi
Rennfahrer Lucas di Grassi glaubt an die Zukunft von Roborace

Allerdings hat die Sache genau da auch bisher noch einen der größten Haken: ”Die Automobilhersteller hätten Angst, weil ihre Software noch nicht so weit ist”, meint di Grassi. Deshalb haben bisher zwar einige Universitäten und Hochschulen Interesse an der Rennserie, namhafte Autobauer haben sich – anders als in der Formel E – bisher aber nicht gemeldet.

Ursprünglich waren zehn Teams mit jeweils zwei Autos geplant, eines davon als sogenanntes Crowd-Sourced-Community-Team, in dem sich Entwickler aus aller Welt, unterstützt von privaten Investoren austoben dürfen. Bisher haben laut di Grassi aber erst zwei Teams fest zugesagt, der Start der Rennserie dürfte daher in einem eher bescheidenen Rahmen stattfinden.

Und mehr noch: Nicht nur, dass ursprünglich angepeilte Interessenten wie Google, Uber, Continental, Bosch und die großen Autobauer bisher nicht anspringen – neuerdings gibt es auch noch Konkurrenz für Roborace. Die Amazon-Tochter AWS bietet Entwicklern im Rahmen ihrer "DeepRacer"-Initiative autonome Fahrzeugmodelle im Maßstab 1:18, mit denen auch Rennen ausgetragen werden können.

Zuschauer sollen sich bei Roborace aktiv beteiligen

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Entwicklungsauto Devbot fahrend
In der Testphase kommt eine modifizierte Version des DevBots zum Einsatz

Di Grassi glaubt trotzdem an den Erfolg von Roborace. Schließlich seien autonome Fahrzeuge eine Mischung aus mehreren Technologien. Kunden seien im Moment hauptsächlich Firmen wie Nvidia, Qualcomm oder Intel. Und wenn die Serie dann mal den Betrieb aufgenommen hat, könnte es spaßig werden für die Zuschauer.

Denn wie schon die Formel E will auch Roborace auf Interaktion setzen. Laut die Grassi ist unter anderem geplant, dass die Fans von den Tribünen aus virtuelle Hindernisse auf die Strecke werfen können, denen die Fahrzeuge dann ausweichen müssen. Wer also gerne Mario Kart auf dem Nintendo spielt, könnte künftig auch an einem Besuch an der echten Rennstrecke seine Freude haben.

Text: Fabian Herrmann. Fotos: PR.

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