Formel E: Pascal Wehrlein im Interview

6.3.2019

Pascal Wehrlein wurde 2015 der jüngste DTM-Champion aller Zeiten. Der Sprung in die Formel 1 und die Rückkehr in die DTM verliefen nur mäßig erfolgreich. Nun startet er für Mahindra in der Formel E.

Portrait Pascal Wehrlein
In seiner Karriere hat der 24-jährige Pascal Wehrlein schon einige Stationen hinter sich

ADAC Motorwelt: Herr Wehrlein, fehlen Ihnen Sound und Benzingeruch ihrer alten Rennwagen, oder haben Sie sich schon mit dem Elektroauto angefreundet?

Pascal Wehrlein: Man gewöhnt sich schnell dran. Ein paar Runden – und schon denkt man da nicht mehr dran, sondern versucht einfach, so schnell wie möglich zu fahren, das Auto zu verbessern, sich selbst zu verbessern. Ich komme gut zurecht, konnte von Anfang an guten Speed zeigen. Also ich fühle mich sehr, sehr wohl.

Was reizt Sie an der Formel E?

Ich wollte einfach einen Wechsel, etwas anderes machen, wieder zurück in den Formel-Sport. Und da gab es keine bessere Option als die Formel E. Ich bin megaglücklich über diesen Schritt. Die Formel E ist eine super Rennserie, fährt in den coolsten Städten der Welt. Es sind alles Stadtkurse, die Rennen sind extrem spannend, und es sind sehr viele Hersteller in der Serie – nächstes Jahr werden es sogar noch mehr. Auch das Niveau der Fahrer ist extrem hoch. Und dadurch, dass wir mit Einheitsautos fahren, die man nur in gewissen Bereichen verändern darf, haben die Teams nicht zu viel Möglichkeiten, sich Performance durch Budget zu erkaufen. Deshalb sind alle Teams relativ nah zusammen – das macht es sehr spannend für die Fahrer.

"Wir fahren in Rom, Paris, New York und Berlin"

Gibt es einen Stadtkurs, auf den sie sich besonders freuen? Das Heimrennen in Berlin vielleicht?

Ich freue mich auf alle. Es gibt wirklich sehr coole Orte, an denen wir fahren: Rom, Paris, New York, Berlin. Das sind alles große Namen und sehr schöne Städte.

Welchen Eindruck haben Sie von der Kulisse bei den Rennen?

Also bei den Rennen, bei denen ich jetzt gefahren bin, war immer relativ viel los, gerade in Mexiko, aber auch in Chile. Klar, weil wir eben auch mitten in der Stadt sind, das macht es den Menschen leichter, zu kommen – was schön ist.

Mahindra startet ja nur noch in der Formel E und will dort seine Bekanntheit steigern. Setzt Sie das unter Druck, das Aushängeschild sein zu müssen?

Ich bin froh, bei Mahindra zu sein. Das war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Das Team steht voll hinter mir, wir haben ein super Verhältnis. Ich durfte ja das erste Rennen nicht fahren letztes Jahr. Und trotzdem hat das Team das akzeptiert und mich unter Vertrag genommen. Von daher passt wirklich alles. Und ich kann zusätzlich auch noch bei Ferrari Simulator-Fahrer sein. Dadurch habe ich sehr viel zu tun, aber eben etwas, das mir Spaß macht.

Die Formel E hat Vorrang vor dem Simulator

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Formel E Rennen
Pascal Wehrlein in seinem ersten Arbeitsgerät: Dem Mahindra

Dass Sie künftig auch Simulator-Fahrer bei Ferrari sind, wurde im Februar bekannt. Was fühlt sich denn besser an, ein simulierter Formel 1-Ferrari oder ein echter Elektro-Mahindra?

Das habe ich noch nie miteinander verglichen. Am meisten Spaß macht es natürlich immer, Rennen zu fahren und gegen andere anzutreten.

Kollidiert das Engagement als Simulator-Fahrer nicht mit ihrem Job als Formel E-Pilot?

Nein. Also bei den Rennen, die sich überschneiden – das sind insgesamt sechs – werde ich natürlich an der Formel E teilnehmen. Da hat Ferrari auch nichts dagegen, das war kein Problem. Und bei den anderen Rennen bin ich bei Ferrari.

Beim Rennen in Mexiko waren sie drauf und dran, ihren ersten Sieg zu holen, bis ihrem Auto 50 Meter vor dem Ziel der Saft ausging. Wie frustrierend ist so etwas?

Natürlich war das ärgerlich. Aber überhaupt nicht frustrierend. Die Performance, die wir momentan haben, ist viel besser als wir hätten erhoffen können. Ich meine, für mich sind das die ersten Rennen – und ich war schon einmal auf dem Podium, habe eine Pole Position geholt, ein komplettes Rennen angeführt bis zur letzten Runde. Die 50 Meter waren einfach Pech. Aber frustrierend ist das falsche Wort. Ich muss da einfach noch viel lernen. Aber das ist normal und ich bin sicher, dass ich dieses Jahr noch einige Male die Chance haben werde, gute Rennen zu zeigen.

"Ich möchte nicht mehr um Platz 18 fahren"

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Interview Pascal Wehrlein
Durch die Formel E hat Pascal Wehrlein neues Selbstbewusstsein gewonnen

Also ist der erste Sieg nur noch eine Frage der Zeit?

Das weiß man nie. Aber ich werde alles dafür geben.

Wo wollen Sie sich denn noch verbessern, und wo kann vielleicht auch ihr Rennstall noch zulegen?

Ich glaube, das meiste Potenzial liegt bei mir, weil für mich alles neu ist: Die ganzen Strecken, das Auto, die Rennen mit Energiesparen... Beim letzten Rennen haben wir ja schon die Pole Position geholt. Natürlich wird das nicht jedes Wochenende klappen. Aber wir haben ein konkurrenzfähiges Auto, das einem erlaubt, vorne mitzufahren. Wir haben vielleicht nicht das stärkste Auto, da gibt es andere Teams wie Audi oder BMW, die haben ein sehr, sehr gutes Paket. Aber ich glaube, wenn wir uns hier und da noch ein wenig verbessern, dann sind wir sehr gut.

Können Sie sich jetzt, wo sie sich ein wenig eingefahren haben, vorstellen, länger in der Formel E unterwegs zu sein – oder bleibt das große Ziel die Formel 1?

Da kann ich mir definitiv vorstellen. Momentan bin ich so glücklich wie schon sehr lange nicht mehr und freue mich einfach jedes Wochenende aufs Neue darauf, ins Auto zu steigen und zu wissen, dass ich ein gutes Auto habe, mit dem ich gute Leistungen zeigen kann. Das habe ich in den vergangenen zwei, drei Jahren vermisst, weil ich in der Formel 1 nie in einem konkurrenzfähigen Team fahren konnte. Das prägt einen natürlich: Man fährt zu den Wochenenden und weiß, Platz 18 ist das Maximum, wenn alles normal läuft. Da hat man selbstverständlich lieber ein gutes Team um sich, wie jetzt in der Formel E, wo man um Pole Positions und Siege mitkämpfen kann. Das ist ein ganz anderes Gefühl und ein ganz anderer Spaßfaktor. Deshalb: Ja, die Formel 1 ist weiter mein Ziel, aber nicht mehr um jeden Preis. Die Umstände müssen einfach passen. Ich möchte nicht mehr um Platz 18 fahren.

Interview: Fabian Herrmann. Fotos: Formula E/Boris Streubel (3), Sam Bloxham/LAT Images.

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