Platooning als virtuelle Deichsel: Lkw bald ohne Fahrer?

10.8.2018

Das Automatisierte Fahren wird auch bei Lkw konkreter. Beim Platooning fahren mehrere Trucks hinter einem Führungs-Lkw in Kolonne – die Technik wird bereits im realen Verkehr getestet

LKWs fahren durch Platooning hintereinander her
Platooning im Test: Zwei MAN-Sattelzüge auf der A9 zwischen München und Nürnberg
  • Lkw fahren automatisiert hintereinander her, und in fernerer Zukunft sogar autonom
  • Bis zu 10 Prozent sollen dadurch beim Verbrauch gespart werden
  • Vom Lastwagenfahrer zum Logistiker – das Berufsbild wird sich ändern

 

Lkw, die in Kolonnen hintereinanderfahren? Für Autofahrer kein neues Phänomen. Schließlich kennt jeder die schier endlosen Lkw-Schlangen, die sich auf der rechten Autobahnspur entlangschieben. Daher wird den wenigsten Pkw-Fahrern auf der A9 zwischen München und Nürnberg auffallen, dass man hier gerade die Zukunft erprobt: MAN und DB Schenker testen das sogenannte Platooning. Dabei verbinden sich mehrere Lkw, die auf der gleichen Strecke unterwegs sind, zu einer Einheit.

Der Fahrer des ersten Lkw gibt Tempo und Richtung vor, alle anderen folgen ihm automatisiert, lenken und bremsen selbsttätig im Takt des Führungsfahrzeugs. Abstand: jeweils 15 Meter. Unter normalen Umständen wäre das viel zu wenig. Doch weil die Fahrzeuge im Platoon (engl. für "militärischen Zug") via W-Lan miteinander verbunden sind, reagieren die hinteren ohne Zeitverzögerung und würden so auch bei einer Notbremsung des ersten Lkw nicht aufeinander auffahren.

10 % weniger Verbrauch durch Platooning

Zoom-In
LKW fährt durch Platooning hinter anderem LKW her
So sehen 15 Meter Abstand aus der Fahrersicht aus

Einen Fahrer für die folgenden Lkw braucht es dennoch. "Die Fahrzeuge nutzen die bereits bekannten Sensoren, um andere Autos und die Fahrspuren zu detektieren," sagt Peter Strauß, technischer Projektleiter Platooning bei MAN. Mit Kamera, Laser, GPS und Radar sind die Lkw zwar gut bestückt, aber erst auf Level 2 der Skala des automatisierten Fahrens unterwegs. Das heißt: Völlig selbsttätig können und dürfen sie noch nicht fahren.

Eine Hand hat immer am Lenkrad der gekoppelten Fahrzeuge zu sein, der Fahrer muss stets aufmerksam bleiben und eingreifen können. Drängt sich zum Beispiel ein Pkw in die kleine Lücke zwischen den Brummis, wird die virtuelle Deichsel gekappt – und der Fahrer muss wieder übernehmen.

Und warum das Ganze? Weil die Lkw im Windschatten fahren, sollen sie bis zu 10 Prozent sparsamer sein. Da nur die hinteren Fahrzeuge davon etwas hätten, wechselt das Führungsfahrzeug regelmäßig durch. Bis Januar 2019 testet MAN auf der A9 mit einer Ausnahmegenehmigung im ganz normalen Verkehr mit ganz normaler Fracht – aber mit speziell geschulten Lkw-Fahrern.

Das Fernziel: Fahrerlose Lkw

Zoom-In
LKW-Fahrer muss wegen Platoonings nicht mehr selbst lenken
Der Fahrer darf das Lenkrad nur für ein paar Sekunden loslassen

Herausfinden wollen die Entwickler vor allem, wie es um die Akzeptanz der anderen Verkehrsteilnehmer steht, und welche Auswirkungen das Platoon auf den hinterherfahrenden Lkw-Fahrer hat.

Schließlich ist sein Sichtfeld durch den geringen Abstand eingeschränkt. Und wie schnell wird ihm langweilig, wenn er nicht mehr viel zu tun hat? Wird er mit der Zeit unaufmerksamer? Das überprüft die Hochschule Fresenius während der Fahrt mit neurophysiologischen Messungen.

Die Logistikbranche ist vor allem daran interessiert, ob sich in der Praxis tatsächlich 10 Prozent Kraftstoff sparen lässt – und dadurch Geld.

Die Gefahr, dass künftig ellenlange Gespanne die rechte Spur blockieren und Pkw Mühe haben, zur Ausfahrt zu kommen, sieht Projektleiter Peter Strauß nicht: "In verkehrsreichen Ländern wie Deutschland sind nur Platoons von zwei bis drei Fahrzeugen sinnvoll". Und dann auch nur auf der Autobahn. Hier sei der Einspareffekt durch gleichmäßige Fahrweise am größten. Aber in Flächenländern wie Kanada oder Australien mit endlosen Weiten und langen Strecken kann er sich auch mehr vorstellen. "Sechs bis acht Fahrzeuge sind technisch machbar", sagt Strauß

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LKW Display zeigt Platooning an
Das Display zeigt an, wie weit der gekoppelte Lkw entfernt ist

Wird der Beruf des Lkw-Fahrers also bald überflüssig? Peter Strauß glaubt das nicht: "Das Berufsbild könnte sich in Zukunft aber verändern." Wenn technisch Level drei oder vier möglich ist und die Lkw im Platoon weitgehend ohne den Fahrer auskommen, könnte der sich anderen Tätigkeiten widmen. Papiere ausfüllen, Termine machen, Routen planen – der bloße Chauffeur wird so zum Logistiker.

Doch das ist noch Theorie. Wenn die Testphase beendet ist, will MAN die Erfahrungen mit anderen Lkw-Herstellern teilen. Das Ziel sind herstellerübergreifend einheitliche Standards, damit sich ein MAN auch mit einem Scania oder einem Mercedes koppeln kann.

Erlaubt sind Platoons derzeit noch nicht. Strauß hofft aber, dass sich die Gesetzgebung bis zum Jahr 2020/21 ändert – dann will er mit Serienfahrzeugen starten.

Denkbar sei auch, dass es dann eine App gibt, über die sich Lkw verschiedener Speditionen zu Platoons "verabreden" können, wenn sie an einem bestimmten Tag die gleiche Strecke fahren. Das Interesse in der Branche sei da, bestätigt Strauß.

 

Diese Technik steckt dahinter

Graphik zum LKW Platooning
Die technischen Komponenten unterscheiden sich kaum vom Pkw

Fotos: PR (3), ADAC/Wieler (3).

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(acfo)