Ethische Fragen rund um das automatisierte und vernetzte Fahren

19.11.2018

Das autonome Fahrzeug ist eine der größten Herausforderungen in der Gestaltung der Mobilität. Die rasante technische Entwicklung zwingt uns darüber nachzudenken, ob autonome Fahrsysteme als Endpunkt einer technischen Entwicklung aus ethischer Sicht nicht nur verantwortbar, sondern möglicherweise sogar geboten sind.

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Automatisiertes und vernetztes Fahren verspricht einen Zuwachs an Sicherheit im Straßenverkehr.

Die Kernfrage hierbei lautet: Welchen Grad der Abhängigkeit von technischen Systemen lassen wir als Menschen zu, um im Gegenzug mehr Sicherheit, Komfort und Mobilität im Straßenverkehr zu erlangen? In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwischen den oftmals synonym verwendeten Begriffen „automatisiert“ und „autonom“ eine klare Trennlinie zu ziehen. Zur Vereinfachung unterscheiden die ADAC Experten folgende Betriebsmodi: 

  • Unterstütztes Fahren – der Fahrer ist jederzeit für das Fahren zuständig, wird dabei von Fahrassistenten unterstützt.
  • Automatisiertes Fahren – der Fahrer darf sich von der Fahraufgabe und dem Verkehrsgeschehen abwenden, muss aber wahrnehmungsbereit bleiben und das Steuer nach Aufforderung wieder übernehmen.
  • Autonomes Fahren – der Fahrer kann die Fahrzeugführung komplett abgeben, er wird zum Passagier.

Bei der Entwicklung der Steuerungssysteme für autonom fahrende Fahrzeuge werden auch selbstlernende, neuronale Netze (sog. Künstliche Intelligenz KI) genutzt, um die Regelbasen für die Steuerung aufzustellen. In den Autos ist diese Regelbasis dann fixiert. Ein Szenario, in dem Fahrzeuge durch den Einsatz von KI zu individuellen „Persönlichkeiten“ mit einem eigenen, unkontrollierbaren „Charakter“ mutieren, der nicht mehr kontrollierbar ist, ist nicht denkbar.

Der aktuelle Status

Bis sich automatisiert fahrende Autos im Straßenverkehr durchgesetzt haben werden, dürfte es wohl noch einige Jahrzehnte dauern. Das wird aus der Prognos-Studie 2018 im Auftrag des ADAC ersichtlich, der zufolge frühestens ab 2050 eine größere Zahl automatisiert fahrender Autos im gesamten deutschen Straßennetz (also nicht nur auf Autobahnen) unterwegs sein wird. 

Dennoch ist es angebracht, sich bereits jetzt mit ethischen Fragen zu beschäftigen, die sich aus den bisherigen Erkenntnissen bei der Entwicklung vom unterstützten hin zum autonomen Fahren ergeben haben. Spätestens seit den tödlichen Unfällen mit Tesla-Testfahrzeugen in den USA ist vor allem die Frage nach der Sicherheit und auch nach der Haftung für alle Verkehrsteilnehmer in den Mittelpunkt gerückt.

Dies insbesondere unter der Voraussetzung, dass sich noch über einen längeren Zeitraum normale Fahrzeuge zusammen mit automatisierten oder autonomen Pkw im Mischverkehr auf den Straßen bewegen werden. Deutliche Sicherheitszuwächse sind somit in naher Zukunft nicht schlagartig zu erwarten, auch wenn die stets leistungsfähigeren Assistenzsysteme zur Verbesserung der Sicherheit beitragen.

Die Ethik-Kommission

Um Antworten auf wichtige ethische Fragen einerseits zu finden und verbindliche Leitlinien für die Entwickler automatisierter und autonomer Systeme andererseits festzulegen, konstituierte sich im Juni 2016 eine Ethik-Kommission im Auftrag des damaligen Verkehrsministers Alexander Dobrindt. Die interdisziplinär besetzte Kommission erhielt den Auftrag „die notwendigen ethischen Leitlinien für das automatisierte und vernetzte Fahren zu erarbeiten“. Im Juni 2017 wurde der Öffentlichkeit der Abschlussbericht mit 20 ethischen Regeln vorgestellt.

Risiken und Chancen

Autonomes Fahren bietet viele Vorteile für die Nutzer: mehr Sicherheit durch Verringerung der Unfallwahrscheinlichkeit, mehr Komfort, Zeitgewinn und physische wie psychische Entlastung für den Fahrer. Aber auch Risiken gerade im gemischten Verkehr sind nicht von der Hand zu weisen. Es gilt, Haftungs- und Überwachungsfragen zu überdenken und vor allem auch, sogenannte Dilemma-Situationen zu betrachten.

ADAC Präsident und Ethik-Kommissions-Mitglied Dr. August Markl ist überzeugt: „Automatisiertes Fahren birgt deutlich mehr Chancen als Risiken, sowohl für die Verkehrssicherheit als auch für die persönliche Mobilität des Einzelnen. Wichtig bleibt bei allen Innovationen auch in Zukunft, dass die Menschen selbstbestimmt mobil unterwegs sein können, etwa was das Thema Datensicherheit und Datenschutz angeht.“

Die Kernaussagen der Ethik-Kommission

  • Das automatisierte und vernetzte Fahren ist ethisch nur dann vertretbar, wenn die Systeme weniger Unfälle verursachen als menschliche Fahrer. Anders ausgedrückt, automatisierte Systeme müssen eine positive Risikobilanz aufweisen.
  • Sachschaden geht immer vor Personenschaden: In Gefahrensituationen hat der Schutz menschlichen Lebens stets höchste Priorität. Daraus ergibt sich für die Programmierung der Systeme, dass in einer sogenannten Dilemma-Situation Tier- oder Sachschäden in Kauf zu nehmen sind, wenn damit Personenschäden zu vermeiden sind. 
  • Bei der Auslegung und Programmierung der Fahrzeuge ist im Sinn einer erheblichen Steigerung der Verkehrssicherheit vorzugehen. Die Steuerungssysteme müssen demnach für eine defensive und vorausschauende Fahrweise programmiert werden. 
  • Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung von Menschen nach persönlichen Merkmalen unzulässig (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution). Eine Aufrechnung von Menschenleben ist untersagt.
  • In jeder Fahrsituation muss klar geregelt und erkennbar sein, wer zu welchem Zeitpunkt für die Fahraufgabe zuständig ist: Der Mensch oder der Computer. Wer fährt, muss dokumentiert und gespeichert werden (u. a. zur Klärung möglicher Haftungsfragen bei Unfällen).
  • Im Fahrzeugbetrieb selbstlernende Systeme dürfen nur dann eingesetzt werden, wenn sie die 20 Regeln der Ethik-Kommission nicht aushebeln. 
  • Der Fahrer muss grundsätzlich selbst über Weitergabe und Verwendung seiner Fahrzeugdaten entscheiden können (Datensouveränität und informationelle Selbstbestimmung).

Gesetzliche Pflicht?

Auch die Fragestellung einer gesetzlichen Pflicht zur Nutzung automatisierter und autonomer Verkehrssysteme wurde von der Ethik-Kommission diskutiert. Denn eine verpflichtende Einführung derartiger Systeme würde den Menschen im Rahmen seiner freien Entfaltungsmöglichkeiten deutlich einschränken. Die zu erwartenden Sicherheitspotenziale in den nächsten Jahrzehnten begründen aber keinesfalls eine verpflichtende Einführung des autonomen Fahrens und als Folge daraus ein Verbot des eigenhändigen Fahrens.

Wichtig an dieser Stelle ist vielmehr der Einsatz aktiver Sicherheitssysteme wie Notbremsassistent, Spurhalteassistent oder automatisches Ausweichen, ganz gleich ob das Fahrzeug von einem Automaten oder einem Menschen gesteuert wird.