Vision Urbanetic: Mercedes autonom

4.3.2019

Das autonome Elektroauto Vision Urbanetic von Mercedes ist Personen- und Güterfahrzeug in Einem. Wir konnten in Las Vegas testen, was der visionäre Kleinbus kann. Plus: Video, Daten und Technik des Prototyp

  • Der vielseitige Vision Urbanetic soll Infrastruktur und Städte entlasten
  • Die Fahrplattform kann mit Personenmodul oder Cargocontainer bestückt werden
  • Innovative Technik, futuristisches Design, per App bestellbar

 

Egal, ob Berlin, München oder Köln – der Verkehrsalltag in deutschen Städten ist chaotisch. Wenn es nach Autoherstellern geht, gehören solche Situationen bald der Vergangenheit an. Stau, genervte Pendler und hohe CO2-Emissionen waren gestern, künftig kommen Personen entspannt und Güter nachhaltig und unkompliziert von A nach B.

Klingt erstmal gut, aber wie soll das funktionieren? Bei Mercedes heißt die Lösung "Vision Urbanetic". Die Idee dahinter: Auf einer unveränderten Straßeninfrastruktur sollen mehr Personen und Güter mit weniger Fahrzeugen befördert werden können.

Gut vier Monate nach der Weltpremiere in Kopenhagen, surrt der Mercedes Urbanetic in Las Vegas elektrisch über die sechsspurige Casino-Magistralen und stiehlt den vielen Stretchlimousinen die Schau. Das tut er nicht allein mit seinem auffälligen Design, das sehr futuristisch daherkommt, sondern vor allem mit seiner Technik.

Zweifache Nutzung: Als Transporter und Pkw

Mercedes Urbanetic verschiedene Modul
Cargo- und Personenmodul können auf das "Skateboard" gesetzt werden (v.l.)

Die Fahrplattform kann mit zwei unterschiedlichen, Container-ähnlichen Aufsätzen bestückt werden. Das Gefährt soll Level 5 des autonomen Fahrens beherrschen – wenn es denn je auf den Markt kommt.

Mit dem People-Mover Modul ist das System für die Personenbeförderung gerüstet, mit dem Cargo-Modul für den Gütertransport. Diese Teile können in wenigen Minuten können diese Teile automatisch oder manuell ausgetauscht werden.

Im fahrenden Untersatz, auch "Skateboard" genannt, sind alle Funktionen untergebracht, sodass er auch ohne Aufbau zum nächsten Einsatzort rollen kann.

Schickes Design: Lounge auf vier Rädern

Mercedes Urbanetic Innenraum
Zurückziehen oder Aussicht genießen? Der Innenraum ist zweigeteilt

Wie fahrerlose Taxis sollen die Wagen in der Stadt der Zukunft unterwegs sein. Ob von der Arbeit nach Hause, zu einem Geschäftstermin oder zum Essen mit Freunden – die Ride-Sharing-Fahrzeuge können per App zu Ort und Stelle bestellt werden.

Lenkrad und Pedale sucht man im Gefährt vergebens und dort, wo bislang der Chauffeur gesessen hat, ist eine bequeme Bank montiert, auf der drei Passagiere Platz finden. Dazu gibt es fünf, wie in der Sauna nach oben gestaffelte Sitzplätze auf Lederstufen gegenüber und in der Mitte vier Stehplätze für Mitfahrer, die nur kurz an Bord bleiben.

Im vorderen Fahrzeugteil bieten großflächigen Fenster und ein Panoramadach weiträumige Aussichten. Wer sich mehr für Details über die Route interessiert oder aktuelle Nachrichten sehen will –  ein 360-Grad-Display an der Decke macht’s möglich.

Safety first – für Mitfahrer und Fußgänger

Mercedes Urbanetic mit Cargo Modul
Cargotransport: Weil es keine Fahrerkabine gibt, bleibt mehr Platz für Waren

Für den Gütertransport wird ein Cargo-Modul mit flexiblem Ladeboden eingesetzt. Es kann in zwei Ebenen unterteilt werden und bietet Platz für bis zu zehn herkömmliche Europaletten.

Insgesamt hat das rund fünf Meter lange Fahrzeugsystem eine Laderaumlänge von 3,70 Metern, sodass maximal 10.000 Liter reinpassen. So kann der Wagen zum Beispiel auch als mobile Packstation bestellte Ware an Kunden ausliefern.

Um die Sicherheit während der Fahrt müssen sich Passagiere keine Sorgen machen, sagt Mercedes. Die Geschwindigkeit der Personen-Variante ist auf 60 km/h begrenzt, Gurte seien deshalb nicht nötig. Außerdem schont das geringe Tempo die Batterie. Für den Einsatz als Cargo-Fahrzeug ist maximal Tempo 80 vorgesehen.

Auch andere Verkehrsteilnehmer dürfen sich auf die Sicherheitstechnik des autonomen Mehrzweckfahrzeugs verlassen. Mit Hilfe von farbigen Lichtsignalen und Animationen auf einem Frontdisplay am Kühlergrill kommuniziert der Van mit der Außenwelt. Will etwa ein Fußgänger einen Zebrastreifen überqueren, signalisiert das Fahrzeug dem Wartenden mit  grünem Licht, dass die Sensoren ihn erkannt haben.

Fazit: Spektakulär unspektakulär

Mercedes Urbanetic stehend
Außen spacig und futuristisch, im Innenraum viel Platz und Komfort

Auf den ersten Blick wirkt das Kozept von Daimler sinnvoll und schlüssig. Allerdings gibt Mercedes keine technischen Details der futuristischen Erfindung heraus, auch konkrete Jahreszahlen für einen möglichen Start am Markt sind noch geheim.

Die erste Ausfahrt Richtung Nahverkehr der Zukunft im Las Vegas erweist sich als spektakulär unspektakulär. Denn erstens fährt der Urbantic so langsam, dass selbst der Gesetzgeber aufs Anschnallen verzichtet, zweitens geht es auf dem Strip der Spielermetropole die meiste Zeit geradeaus und die anderen Autofahrer halten ehrfürchtig Abstand von diesem Raumschiff auf Rädern. Und drittens ist man aus normalen Bussen ohnehin ein vergleichsweises autonomes Fahren gewöhnt.  

Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis wir via fahrerlosem Kleinbus von A nach B kommen oder die bestellte Pizza autonom ins Haus geliefert wird. Spannend ist das Konzept auf jeden Fall.

 

Text: Thomas Geiger, Sarah Kurz. Fotos: PR.