Vernetzte Autos: Mehr Sicherheit oder mehr Ablenkung?

Display eines Autos mit vielen App Icons
Noch Zukunftsmusik: die vollständige Vernetzung des Autos ∙ © Shutterstock/Gabriel Nica

Auf der IAA diskutiert: Vernetzung bringt moderne Information und Unterhaltung ins Auto – damit einhergehende Probleme werden jedoch eher verschwiegen. ADAC Verkehrsexperte Stefan Gerwens klärt die Sachlage auf. Lesen Sie das aktuelle Interview 

Online-Redaktion: Beschränkt sich das Thema Vernetzung im Auto auf die Nutzung von Social Media-Plattformen oder ist da noch viel mehr möglich?
Stefan Gerwens: Es geht zunächst mal um die Smartphone-Integration im Auto. Früher konnte nur der Audiokanal, also Musik oder Telefonate, über ein Kabel oder eine Bluetooth-Verbindung im Auto wiedergegeben werden. Bei Apple Carplay oder Android Auto laufen die Anwendungen, wie zum Beispiel Facebook, weiterhin auf dem Smartphone, aber das Auto stellt die gesamte Nutzerschnittstelle, also Bildschirm, Lautsprecher, Mikrofon, Antenne und Bedienung zur Verfügung. Es sind also die bekannten Social Media- oder Infotainment-Anwendungen, die im Auto dargestellt werden. Aber natürlich ist technisch noch mehr möglich.

Was wäre das zum Beispiel?
Die Premium-Hersteller bauen inzwischen Mobilfunk-Schnittstellen in ihre Autos ein und bieten eine eigene, vernetzte Navigation, eCall, Pannenhilfe und weitere Dienste an. Im Moment nutzen sie Betriebssysteme, auf denen nur ihre eigenen Anwendungen funktionieren. Die Hersteller können dadurch auf Betriebsdaten des Autos zugreifen und übertragen diese, etwa für ihre Pannenhilfe, auf eigene Server. Der Kunde kann über die Hersteller-App für sein Auto auf diese Server zugreifen und beispielsweise überprüfen, ob die Fenster geschlossen sind oder die Batterie schon vollgeladen ist.

Das klingt doch super....
Ja schon, die Sache hat aber eine problematische Seite. Der Kunde schließt nämlich mit seinem Auto-Hersteller einen Datennutzungsvertrag ab, um diese Services nutzen zu können. Aufgrund der Integration der vernetzten Anwendungen im Auto kann der Kunde sie nur von seinem Hersteller beziehen.

Es geht um die Rechte der Autofahrer

ADAC Experte Stefan Gerwens (l.) im Interview ∙ © ©ADAC/Beate Blank

Inwiefern ist das ein Problem?
Insofern dass ein konkurrierender Anbieter, der einen Dienst anbieten möchte, nicht auf die Daten im Auto des Kunden zugreifen kann. Damit ist jeder andere Dienstleister ausgeschlossen. Für den ADAC ist entscheidend, dass die Verbraucher die Hoheit über ihre Daten haben. Sie müssen frei darüber entscheiden dürfen, wie mit ihnen umgegangen wird. Uns geht es darum, dass der Autofahrer die Wahl hat zwischen ganz unterschiedlichen Anbietern, zum Beispiel bei Diensten rund um die Wartung. Die Autokonzerne sollten Dritten Zugriff auf Daten aus dem Auto ermöglichen, damit der Wettbewerb offen bleibt.

Stimmt es, dass durch Vernetzung Autos von außen manipuliert oder ferngesteuert werden können?
Alle spektakulären Hacker-Angriffe auf fahrende Autos wurden von Sicherheitsfachleuten inszeniert, die damit auf Software-Schwachstellen hinweisen wollten. Anders ist es bei den Fahrzeugdiebstählen durch manipulierte Funkschlüssel. Das ist eine reale existierende Gefahr durch Hacking. Es ist wichtig, dass die Hersteller die Datenschnittstellen ihrer Autos nach dem Stand der Technik absichern und sicherheitskritische Fahrzeugfunktionen noch einmal gesondert schützen. Auch die vorsätzliche Manipulation des Kilometerstands oder der Motorkennfelder durch die Kunden selbst muss wirksam verhindert werden.

Gibt es noch anderes Gefahrenpotential, das vielleicht weniger offensichtlich und weniger spektakulär ist als Hacking?
Den ADAC treibt die Sorge um, dass die Hersteller den IT-Support für ihre Fahrzeuge einstellen könnten, lange bevor diese ihr ‚mechanisches‘ Lebensende erreicht haben. Es ist unklar, inwieweit das Fahrzeug und all seine Funktionen dann noch nutzbar bleiben würden. Auf jeden Fall sollte eine Regelung gefunden werden, die die IT-Sicherheit über die Lebensdauer des Fahrzeugs gewährleistet.

Positiv an vernetzten Autos ist, dass sie die Verkehrssicherheit verbessern können. Welche Möglichkeiten stechen für Sie dabei heraus?
Die Kommunikation von Fahrzeug zu Fahrzeug. Es handelt sich dabei momentan noch um Insellösungen, das heißt, die Fahrzeuge können nur mit anderen Fahrzeugen des gleichen Herstellers oder sogar nur der gleichen Baureihe kommunizieren. Auch werden erst wenige Gefahrenszenarien abgebildet. Aber es gibt eine Vision, dass irgendwann einmal alle Autos untereinander und auch mit nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern und mit Ampeln und Verkehrszeichen kommunizieren. Dadurch könnten Unfälle weitgehend verhindert werden.

Moderne Fahrzeuge haben zwar weniger Schalter, dafür mehr Touch-Bildschirme und viel mehr Funktionen und Einstellungen als früher. Trägt die Vernetzung dazu bei, dass die Fahrer immer häufiger von der Fahraufgabe abgelenkt sind?
Es stimmt, dass Autos heute leichter zu fahren sind; gleichzeitig nehmen die Zahl und die Komplexität der Assistenz- und Komfortfunktionen zu. Zusätzliche Reize oder Informationen, ob sie jetzt von einem Mitfahrer, dem Radio, einem Assistenzsystem, dem Telefon oder einer vernetzten Anwendung im Auto kommen, beanspruchen den Fahrer und können ihn von der Fahraufgabe ablenken.

Sollte daher die Funktionsvielfalt eingeschränkt werden?
Die Vernetzung an sich führt ja nicht unmittelbar zu mehr Ablenkung. Entscheidend ist die Gestaltung der Nutzerschnittstelle. Idealerweise sollten alle Informationen über ein sogenanntes Work-Load-Management priorisiert und gegebenenfalls unterdrückt werden, so dass der Fahrer nur so viele Informationen erhält, wie er auch verarbeiten kann. Ganz praktisch muss der Fahrer selbst entscheiden, welche Informationsquellen er während der Fahrt nutzen kann und will. Die Hersteller sollten sicherstellen, dass nur unabdingbare Bedienhandlungen während der Fahrt durchgeführt werden können; ein Großteil der Konfiguration eines Autos sollte nur im Stillstand möglich sein.

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