Kaffeefahrten-Abzocke: Nicht mit mir!

16.9.2019

Fünf Millionen Deutsche nehmen Schätzungen zufolge jährlich an Busfahrten mit Verkaufsveranstaltungen – sogenannten Kaffeefahrten – teil. Deren Veranstalter haben häufig nur ein Ziel: Den Teilnehmern überteuerte Waren zu verkaufen. Wie Sie sich schützen können, erfahren Sie hier.

Frau verkauft Produkte bei einer Kaffeefahrt
Die Veranstalter von Kaffeefahrten arbeiten mit vielen Tricks.
  • Pauschalreiserecht schützt bei mehrtägigen Kaffeefahrten 
  • Käufer von Waren haben ein 14-tägiges Widerrufsrecht
  • Geld zurück bei Kauf von „Wundermitteln“


Was ist eigentlich eine Kaffeefahrt? Schon der Name ist irreführend. Es geht den Veranstaltern natürlich nicht um einen schönen Ausflug mit gemütlichem Kaffeetrinken, sondern fast immer darum, Produkte wie Kochtöpfe, Laptops, Rheumadecken, Vitaminpillen oder andere Heilmittelchen überteuert zu verkaufen. Der günstige Tages- oder Mehrtagesausflug dient dabei nur als Rahmen. Unseriöse Geschäftemacher scheffeln mit diesen Werbe- oder Verkaufsfahrten Millionen.

Wie laufen Abzocke-Kaffeefahrten in der Regel ab?

Zielgruppe dieser Verkaufs- oder Werbefahrten sind oft ältere Personen. Bei ihnen steht der Wunsch nach Geselligkeit und Abwechslung für wenig Geld meist ganz oben. Viele Reiselustige nehmen deshalb in Kauf, dass auch eine Verkaufsveranstaltung auf dem Programm steht. Häufig werden die künftigen Teilnehmer durch Werbeschreiben in Zeitungen und Hauswurfsendungen mit niedrigen Preisen, kleinen Geschenken, einem leckeren Mittagessen und natürlich vielen Schnäppchen bei der Verkaufsshow gelockt. Im Nachhinein stellt sich aber fast immer heraus, dass die erworbenen Produkte ihr Geld nicht wert sind. 

Auch der Ausflug entspricht in den wenigsten Fällen den Erwartungen, selbst wenn der Preis auf den ersten Blick niedrig ist. Die von den Kaffeefahrt-Veranstaltern angepriesenen Ausflugsziele werden in der Regel überhaupt nicht angesteuert. Stattdessen landen die Teilnehmer in abgelegenen Landgasthöfen und werden dort gezwungen, an einer mehrstündigen Verkaufsveranstaltung teilzunehmen. Weder davor noch danach findet sich Zeit für das ursprünglich versprochene Reiseziel.

Diese dreiste Masche gehört bei den Kaffeefahrten ebenfalls häufig dazu: Die Teilnehmer müssen für Leistungen (z. B. Busfahrt oder Essen) zahlen, die entweder gar nicht oder als kostenlos angekündigt waren.

Warum fallen so viele Gutgläubige darauf rein? 

Die Verkäufer gehen rhetorisch derart geschickt vor, dass selbst skeptische Teilnehmer bereit sind, etwas zu kaufen. Die Geschäftsprofis nutzen überdies skrupellos die Sorgen von Senioren um Gesundheit und Wohlergehen aus.

Unser Tipp: Bei Werbe- und Verkaufsfahrten aller Art sind erhöhte Wachsamkeit und Skepsis angezeigt. Schnäppchen-Angebote oder Gewinnversprechen sind in vielen Fällen nicht seriös. Denn eins ist klar: Kein gewerblicher Anbieter hat etwas zu verschenken. Er hat stets seinen finanziellen Vorteil im Blick!

Was muss ich bei Kaffeefahrten unbedingt beachten?

Vorabinfo über den Veranstalter und den Ablauf einholen

Das Angebot einer Kaffeefahrt – besonders das Kleingedruckte – sollten Sie vor Buchung einer Fahrt sehr sorgfältig lesen! Sämtliche Kosten – auch zusätzliche Extras – und sonstige Teilnahmebedingungen vorher ermitteln und prüfen! Bei Ungereimtheiten lieber zuhause bleiben oder bei der Verbraucherzentrale nachfragen, ob der Veranstalter generell als seriös eingeschätzt wird. Übrigens: Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn Sie zu einem Abschluss der Reise gedrängt werden!

Nicht unter Druck setzen lassen

Wenn die Veranstalter Sie daran hindern wollen, den Verkaufssaal zu verlassen, oder gar die Türen blockieren, sollten Sie sich nicht scheuen, über den Notruf 110 die Polizei zu alarmieren.

Nur wenig Bargeld mitnehmen

Lassen Sie EC-Karten oder Kreditkarten zuhause und nehmen Sie nur kleine Mengen an Bargeld mit. Dann kommen Sie erst gar nicht in Versuchung, ein überteuertes Produkt zu kaufen. Ein No-Go: Das Angebot annehmen, sich zu einer Bank fahren zu lassen, um Geld abheben zu können. 

Per Lastschrift bezahlen

Sollten Sie während der Verkaufsveranstaltung ein Produkt erwerben, so vereinbaren Sie nach Möglichkeit eine Bezahlung im Lastschriftverfahren. Denn dann kann der von Ihrem Konto abgebuchte Betrag innerhalb von acht Wochen ab Abbuchung von Ihrer Bank zurückgeholt werden. Bei einer Überweisung ist das nicht möglich, geschweige denn bei einer Barzahlung. Leider verlangen die Kaffeefahrt-Verkäufer meistens eine Barzahlung. 

Keine Anzahlungen leisten

Das Geld ist meistens nicht zurückzubekommen, wenn der Vertrag später rückgängig gemacht werden soll. 

Den Kaufvertrag sorgfältig prüfen

Unterlagen, die zur Unterschrift vorgelegt werden, müssen Sie unbedingt auf Richtigkeit prüfen: Unterschreiben Sie nichts, was Sie nicht genau verstanden haben! Eine geleistete Unterschrift ist grundsätzlich bindend und keine reine Formsache. Ganz besonders genau hinsehen sollten Sie beim Datum des Kaufvertrages. Unseriöse Anbieter versuchen oft, das 14-tägige Widerrufsrecht durch die Rückdatierung eines Vertrages auszuhebeln. Befindet sich auf dem Vertragsformular keine Anschrift des Verkäufers (inkl. Straße und Hausnummer), sondern lediglich eine Postfachadresse oder eine Adresse im Ausland, ist das ein Indiz dafür, dass Sie es mit einem unseriösen Anbieter zu tun haben. Achten Sie auch darauf, dass Sie eine Durchschrift der Abmachung erhalten.

Personalausweis des Verkäufers zeigen lassen

Lassen Sie sich bei Unterzeichnung des Kaufvertrags zumindest den Personalausweis des Verkäufers vorlegen, damit Sie vergleichen können, ob der Verkäufer wirklich die Person ist, die er mit seiner Unterschrift auf dem Kaufvertrag vorgibt zu sein. Verweigert er Ihnen die Vorlage seines Personalausweises, so ist davon auszugehen, dass er seinen wahren Namen nicht nennen möchte.

Zusagen und Versprechungen schriftlich bestätigen lassen

Preist der Verkäufer das auserwählte Produkt mit ganz bestimmten Angaben an, so lassen Sie sich von ihm eine schriftliche Bestätigung geben, dass das verkaufte Produkt tatsächlich diese Eigenschaften hat. Verweigert der Verkäufer Ihnen diese Bestätigung, so lassen Sie unbedingt die Finger davon!

Angebote vergleichen

Haben Sie ein Smartphone dabei, informieren Sie sich im Internet über die üblichen Preise. So wird schnell deutlich, was wirklich günstig ist.

Diese Rechte haben Opfer von Kaffeefahrten-Abzockern

Opfer von Kaffeefahrten-Abzockern müssen sich nicht alles gefallen lassen. Jedem Geprellten steht es zu, sich von Verbraucherschutzorganisationen über das weitere Vorgehen beraten zu lassen. Damit Polizei, Ordnungsamt oder Rechtsanwälte etwas gegen Betrüger unternehmen können, brauchen sie genügend Beweise und am besten Zeugen, z. B. andere Mitreisende. Da Wirte und Busunternehmen beziehungsweise Busfahrer häufig von der Betrugsmasche profitieren, scheiden diese als Zeugen meist aus.

Vertraglich vereinbarte Leistung

Veranstalter oder Busfahrer dürfen beispielsweise eine zuvor zugesicherte, kostenfreie Rückfahrt nicht verweigern, wenn nichts gekauft oder bestellt wurde. Bei Problemen sollten Sie die Namen des Busunternehmers und des Fahrers sowie das Kennzeichen des Busses für eine Beschwerde notieren. Pochen Sie auf Ihr Recht und bestehen auf die Mitnahme bei der Rückfahrt!  Ebenso hat der Teilnehmer einen Anspruch auf die Verpflegung, wenn dies vertraglich vereinbart wurde. Zusätzliche Kosten darf er rundum ablehnen. 

Reisemangel

Ist die Erbringung einer Leistung mangelhaft, kommt eine Reisepreisminderung in Betracht. Voraussetzung ist die Buchung einer Pauschalreise, d. h., mindestens zwei verschiedene Reiseleistungen wie z. B. Busfahrt und Hotel müssen enthalten sein. Für die meisten Kaffeefahrten kommt eine Reisepreisminderung aber nicht in Frage, denn: Das Pauschalreiserecht gilt nicht für Reisen, die weniger als 24 Stunden dauern, keine Übernachtung umfassen und maximal 500 Euro kosten. Das heißt konkret: Tagesausflüge ohne Übernachtung sind durch das Reiserecht nicht geschützt.

Widerrufsrecht

Der Verbraucher kann den Kaufvertrag widerrufen, wenn dieser außerhalb von Geschäftsräumen geschlossen wurde. Möglich ist die Ausübung des Widerrufsrechts (schriftlich mit Zugangsnachweis!) innerhalb von 14 Tagen, bei nicht erfolgter oder nicht ordnungsgemäßer Widerrufsbelehrung sogar länger, da die Widerrufsfrist nicht zu laufen beginnt.

Anfechtung wegen Täuschung

Ist ein Verbraucher über ein Produkt getäuscht worden, z. B. weil die Anpreisungen dafür nicht stimmen, kommt eine Anfechtung der Willenserklärung in Betracht. Aber: Die Beweispflicht liegt beim Käufer.

Nichtigkeit wegen Wucher

Ein Rechtsgeschäft kann beispielsweise nichtig sein, wenn ein Unternehmer die Unerfahrenheit eines Käufers ausnutzt und ein sehr überteuertes Produkt verkauft. Aber: Ob ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung und damit Wucher vorliegt, muss im Einzelfall beurteilt werden.

Gewinnzusage

Werden von einem Unternehmer Gewinne in Aussicht gestellt und nicht ausgezahlt, kann der Verbraucher diesen Preis einfordern. Voraussetzung für eine erfolgreiche Klage ist aber, dass die Formulierungen eindeutig sind. 

Anzeige erstatten

Wenn die Veranstalter Sie daran hindern wollen, den Verkaufssaal zu verlassen, oder gar die Türen blockieren, kann das Freiheitsberaubung sein. Eine Nötigung kann zum Beispiel vorliegen, wenn die Veranstalter die Teilnehmer zum Kauf eines Produktes zwingen. Übrigens: Wenn der Verkäufer unzulässigerweise behauptet, ein Produkt könne schwere Krankheiten heilen ("Wundermittel"), so ist dies nicht erlaubt. Nach Informationen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ist die krankheitsbezogene Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln oder Lebensmitteln verboten. Kommt daraufhin ein Vertrag zustande, ist er unwirksam und der Käufer muss den Kaufpreis nicht bezahlen. Hat er bereits gezahlt, kann er das Geld zurückverlangen, so die Verbraucherzentrale. Allerdings gilt auch hier wieder: Der Käufer muss im Zweifelsfall den gesetzlichen Verstoß, das heißt die Werbeaussagen des Verkäufers, nachweisen.

Kaffeefahrten-Abzocke im Ausland

Zoom-In
Teppichhändler in der Türkei
Werbe- und Verkaufsfahrten im Ausland führen nicht selten in Teppichfabriken.

Bei Verträgen, die in Deutschland geschlossen werden, findet grundsätzlich deutsches Recht Anwendung. Schließt der Verbraucher bei einer Verkaufsfahrt im Ausland einen Vertrag mit einer ausländischen Firma ab und wählen die Vertragsparteien kein anderes Recht, gilt das Recht des ausländischen Staates. Hat der Käufer etwa in der Türkei einen Teppich erstanden, beurteilt sich ein möglicher Widerruf nach türkischem Recht – auch wenn der Teppich nach Deutschland geliefert werden soll. Nach deutschem Recht kommt ein Widerruf eines im Ausland geschlossenen Vertrages nur dann in Betracht, wenn einer der folgenden Aspekte zutrifft:

  • Der Verkäufer hat die Reise mit dem Ziel herbeigeführt, den Verbraucher zum Vertragsabschluss zu veranlassen.
  • Der Besuch einer Verkaufsstätte gehört zum Gesamtprogramm der Pauschalreise und kann vom Reisenden nur durch Erstattung von Sonderkosten vermieden werden (OLG Stuttgart, Urteil vom 18.5.2015, Az.: 5U 147/14).

 

Rechte bei Pauschalreisen

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