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Interview

„Speichern ist Silber, Tauschen ist Gold“


Beim Thema Digitalisierung in der Logistik führt an ihm kein Weg vorbei: Professor Dr. Michael ten Hompel. Der Leiter des Fraunhofer-Institutes für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund und Institutsleiter des Fraunhofer ISST entwickelt praxisorientiert an der Schnittstelle von Logistik, Intralogistik und Transport zur IT. 


Herr Professor ten Hompel, Daten sind das neue Gold in der Logistik. Wie sollte man mit ihnen umgehen?
Es kommt darauf an, einen konkreten Nutzen aus seinen Daten zu ziehen oder ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen. Google und Facebook sind Beispiele dafür. Weil jeder glaubt, die eigenen Daten seien wertvoll, verschanzt man sich gerne in seinen Datenburgen. Aber genau dann sind die Daten weniger wert. Nur wer Daten tauscht, der profitiert und schafft möglicherweise ein neues Geschäftsmodell. Wer auf seinen Daten sitzen bleibt, der hat kein Gold, sondern bestenfalls Kleingeld.

Kann man aus den eigenen Daten nicht auch guten Mehrwert erzielen?
Speichern ist Silber, Tauschen ist Gold. Ich habe es ganz selten erlebt, dass Unternehmen einen Mehrwert ziehen, wenn sie nur die eigenen Daten erheben und interpretieren. Genau da beginnt die Quadratur des Kreises: Einerseits will man sein Datengold nicht aus der Hand geben, andererseits werden Daten eben erst wertvoll, sobald man sie teilt.

Was bedeutet das für Logistikdienstleister?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die zentrale Anforderung der Industrie 4.0 ist es, in immer kürzeren Intervallen echtzeitnah zu planen. Egal, ob man die Telemetriedaten von Fahrzeugen interpretiert, um damit zu verhindern, dass eine Bremse plötzlich ausfällt oder ob man eine Supply Chain-Chain effizienter vorausplant, zunächst benötigt man einen Algorithmus, den man mit Daten füttert. Algorithmen arbeiten umso besser, je mehr Daten man hineingibt, zum Beispiel über die Verkehrslage, das Wetter, aber auch Echtzeitinformationen aus den Systemen der beteiligten Partner. Die Daten, um zum Beispiel eine Supply Chain effizienter zu steuern, sind also nur dann etwas wert, wenn die Beteiligten sie entlang der logistischen Kette austauschen.

Wie kann man sicherstellen, dass geteilte Daten nicht missbraucht werden?

Ich habe großes Verständnis dafür, dass Unternehmen wissen möchten, wer mit ihren Daten Geld verdient. Deshalb sollte man sein Gold einerseits nicht ohne Sicherheiten aus der Hand geben und andererseits darauf achten, welchen Mehrwert man davon hat. Wir entwickeln deshalb in der Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsam mit zwischenzeitlich schon 50 namhaften Unternehmen zurzeit den Industrial Data Space, der die digitale Souveränität der Daten gewährleistet und vor allem transparent macht, wer welche Daten für welchen Zweck nutzt.

Daten allein sind aber noch kein Gold, man muss sie auch interpretieren können.
Das ist richtig. Software und Algorithmen sind der wahre Rohstoff der Logistik. Warum ist Amazon erfolgreich? Weil ihr Algorithmus die Kundendaten besser interpretiert. Warum ist Google erfolgreich? Weil sie den besseren Suchalgorithmus haben. Daten zu beherrschen, das muss der Ansatzpunkt für die Logistik sein.

Haben Sie den Eindruck, dass die Branche das bereits erkannt hat?
Ich habe eher den Eindruck, dass viele Logistikdienstleister wie Kaninchen vor der Schlange sitzen, weil sie die IT vor Jahren als Commodity outgesourct haben und sich jetzt in der Materie nicht mehr auskennen. Manche Unternehmen glauben auch, die Weiterentwicklung ihrer IT-Systeme sei schon Digitalisierung. Das ist ein Irrglaube. Ich plädiere dafür, die Chancen zu sehen. Wir erleben gerade einen tiefgreifenden Wandel, der bestehende Geschäftsmodelle von Grund auf verändert, und Software spielt dabei eine zentrale Rolle. Im Rückblick werden viele einmal sagen „hätten wir damals nur die Chance genutzt, wir hatten es in der Hand.“.

Sie meinen also, Transportunternehmen sollen sich stärker mit Softwareentwicklung beschäftigen?
Ich gebe zu, dass sich das auf den ersten Blick ungewöhnlich anhört. Aber erstens ist Softwareentwicklung oder eine App zu programmieren heute keine Raketenwissenschaft mehr und zweitens kann man sich einen Partner ins Boot holen. Wir befinden uns mitten in einer digitalen Transformation und egal welche Branche, egal welche Tätigkeit, egal, ob es sich um Apps, autonome Fahrzeuge oder eben auch Pannenhilfe handelt, alles wird künftig mit Software zu tun haben. Die Logistikdienstleister haben es selber in der Hand, mithilfe von Software neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder interne Prozessverbesserungen zu erreichen.

Gilt das auch für kleine Transportunternehmen?
Ein Grundverständnis von Softwareentwicklung wird im digitalen Zeitalter genauso wichtig wie Lesen und Schreiben.


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