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ADAC skimagazin 2011

Über den Dächern Europas

Heliskiing gibt es nicht nur in den Rocky Mountains: Das Monte-Rosa-Massiv im Grenzgebiet zwischen Italien und der Schweiz ist der ideale Spielplatz für Freerider. Julia Hruska war auf unberührten Steilhängen und Tiefschneeabfahrten unterwegs.

Text: Julia Hruska

Fotos: Udo Bernhart


Also die kleine Schwester von Hermann Maier bist du ganz bestimmt nicht“, sagt Carlo Cugnetto und lacht mich an. Das Urteil ist treffend und so scharf wie die Kante meines Tiefschnee-Skis, aber Carlo, der drahtige Italiener mit dem 3-Tage-Bart, muss es ja wissen: Er ist Chef der Bergführer im Gressoney-Tal und hat bereits Mitglieder des Kennedy-Clans über die Hänge des Monte-Rosa-Massivs geführt. Seine Analyse: Ich habe keine Gene des österreichischen Doppel-Olympiasiegers in mir.
Wir stehen an der Gipfelstation des Skigebiets Passo de Salati. Carlo gönnt unserer Gruppe nur einen kurzen Moment Pause, stößt dann die Stöcke in den Schnee, biegt schon nach wenigen Metern von der Piste ab und wählt die Freeride-Variante mitten durchs Gelände. „Lockeres Einfahren“ würden Carlo und meine sehr talentierten Begleiter eine solche Abfahrt wohl nennen. Ich bleibe aber oben an der Kante stehen, meine Knie sind weich, und der Puls pocht. Erst nach drei Minuten gebe ich mir einen Ruck und fahre in den Hang ein. Mut tut not: Es ist schließlich die erste Übung für ein großes Abenteuer.


Das Gressoney-Tal erschließt den italienischen Teil des Monte-Rosa-Skigebiets. Die Bergregion gilt als mächtigstes Massiv der Alpen. Immerhin vier der zehn Gipfel reichen über 4500 Meter hoch: Dufourspitze, Nordend, Zumsteinspitze, Signalkuppe – obwohl das Berg-Monster zu zwei Dritteln in Italien und nur zu einem Drittel in der Schweiz liegt, klingen die Gipfelnamen in meinen Ohren vertraut. Ein Erbe der deutschsprachigen Walser.

Das Monte-Rosa-Massiv ist das Dach Europas. Ganz nach oben kommt man hier nicht mit Gondel und Sessellift, sondern nur mit dem Hubschrauber. Hier gibt es Abfahrten, die den berühmten Tiefschnee-Spots der Rocky Mountains und des Kaukasus in nichts nachstehen. Für mich geht mit der Heliski-Tour ein Traum in Erfüllung. Umso größer meine Enttäuschung, als sich kurz nach unserer Anreise dunkle Schneewolken und dichter Nebel um die Gipfel der Granitwolkenkratzer legen. Kein Pilot würde in dieser Suppe starten, erklärt Carlo, „das wäre viel zu gefährlich“. Den ersten Tag verbringen wir also auf Varianten gleich neben der Piste und malerischen Waldabfahrten. Mir ist das recht – Einfahren für den Ernstfall –, doch ich bete gleichzeitig für Sonnenschein,blauen Himmel und günstige Winde. Nicht dass man ohne Helikopter in Passo de Salati keinen Spaß haben könnte: Carlo Cugnetto ist in dem Gebiet aufgewachsen, kennt jeden Felsen und jede Rinne. Dicht an dicht stehen die dünnen, nadellosen Lärchen, auf deren kahlen Ästen noch frischer Neuschnee liegt. Ich blicke mich um, sehe keine Piste und nicht einmal eine einsame Spur. Premiere im Pulverschnee.


Dieser Text ist ein Auszug aus der Reportage „Über den Dächern Europas“. Die vollständige Reportage lesen Sie im ADAC skimagazin 2011.

 


 

Autorin Julia Hruska duckt sich beim Start des Hubschraubers.

Foto: Udo Bernhart

Der Skisport in seiner einsamsten und schönsten Form. Ein Freerider zieht die erste Spur in einen unberührten Hang.

Foto: Udo Bernhart

Julia Hruska genießt die atemberaubende Aussicht auf die Gipfel des Monte-Rosa-Massivs.

Foto: Udo Bernhart

Ready for Takeoff: Auf 3200 Metern gibt Ski-Guide Carlo Cugnetto dem Piloten das Startsignal.

Foto: Udo Bernhart

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