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ADAC-Reisemagazin Sizilien

Und immer brennt der Berg

Morgens im Institut schaut er sich immer zuerst die Linien an, die Linien und die Kurven und die bunten Punkte. Er hat die Post noch unterm Arm und die Autoschlüssel noch in der Hand, aber der Computer fährt bereits hoch, und dann sind die ersten Diagramme auf dem Bildschirm zu sehen. Boris Behncke weiß, dass er nichts Gravierendes entdecken wird – in so einem Fall hätten ihn die Kollegen aus der Nachtschicht im Kontrollraum aus dem Bett geholt. Er weiß aber auch, dass sich große Dinge in dieser Region der Welt gern ganz klein ankündigen. Beziehungsweise: ohrenbetäubend laute mit einem kaum hörbaren Grummeln. Und dass es deswegen wichtig ist, vernachlässigbar scheinende Details gedanklich zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Die gelben, blauen und roten Punkte auf der Landkarte zum Beispiel: sehen aus wie Konfetti, markieren aber die Erdbeben der letzten Tage. Und die Zackenlinie da, wie eine EKG-Kurve von links nach rechts: misst das Rumoren im Innern des Berges. Behncke klickt sich durch Diagramme, Tabellen, Grafiken. Schaut sich die Fotos der Webcams an, die Temperaturvergleiche, die Gasstatistiken. Und wenn er das alles kontrolliert hat, die Linien und die Kurven und die Prozentzahlen, dann geht er hinauf aufs Dach des Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia. Die Forschungsanstalt ist in einem alten Palazzo im Zentrum Catanias untergebracht, um sie herum röhrt und knattert und hupt der ganz normale Wahnsinn eines sizilianischen Großstadtmorgens. Aber wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, dann kann man zwischen den Dächern hinten am Horizont eine weiße Schneekuppe sehen. Das Forschungsobjekt. Das Sorgenkind. Den Vulkan. Den Ätna.


Als ob man hinter die Stadt eine Leinwand gehängt hätte, auf der in blassen Farben ein ziemlich großer Berg getuscht ist, so wirkt der Hintergrund Catanias am Fuß des Vulkans. 3329,6 Meter ist der Ätna momentan hoch. Vielleicht aber auch nicht, denn seine exakte Höhe ändert sich mit jedem noch so kleinen Ausbruch. Weil um ihn herum alles flach ist, wirkt er noch mächtiger. Der Vulkan ist allgegenwärtig in diesem Teil der Insel. Er steht vor einem, wenn man aus dem Parkhaus fährt. Hockt zwischen den Hauswänden am Ende einer Gasse. Lässt sich vom Wind aus den Wolken schälen, drängt sich ins Bild wie ein Partygast, der unbedingt auf jedes Gruppenfoto möchte. Wenn man nachts das
Hotelfenster schließt, schimmert sein Gipfelschnee im fahlen Licht des Mondes. Und die zarten Wolken, die ganz oben an ihm herumlungern: Die sehen aus wie fein gezupfte Wattebäusche. „Das sind keine Wolken“, sagt Behncke, „das sind Gase.“ Er ist Vulkanologe. Schon als Junge hatten ihn Vulkane fasziniert, vor allem der Ätna, „so richtig mit Zeitungsschnipsel- Sammeln und allem“, sagt er. Und dann brach der Vulkan bei seinem allerersten Sizilienbesuch prompt aus, und natürlich hat Behncke das als Fingerzeig des Schicksals verstanden. Also ist er nach seinem Geologiestudium hierhergekommen. Jetzt ist er seit 15 Jahren da. Und hat seitdem den Ätna im Blick.


Und das ist kein Berg, den man aus den Augen verlieren sollte. Italiens größter Vulkan hat den Ruf eines unberechenbaren Cholerikers: Kaum ein Jahr vergeht ohne größere Zwischenfälle. 2001 spie der Ätna 21 Millionen Kubikmeter Lava. 2002 erwischte es eine Skistation und ein Hotel auf dem Piano Provenzana, einer bis dahin lieblichen Hochebene, die durch 60 Millionen Kubikmeter Lava in eine Landschaft verwandelt wurde, die jetzt optisch an Mordor aus dem „Herrn der Ringe“ erinnert. 2004 bis 2005 dauerte der Ausbruch ein halbes Jahr, 2006 spuckte der Vulkan fünf Monate lang Lava, 2008 gab es ebenfalls heftige Ausbrüche. Eigentlich, sagt Behncke, könne man fast die Uhr danach stellen. Er kneift die Augen ein bisschen zusammen, als wolle er sich die Gase oben am Gipfel gern genauer ansehen. Was tritt da denn eigentlich aus? „Wasserdampf. Und Kohlendioxid.“ Aha. Aber nur ein bisschen, oder? „200 000 Tonnen. Am Tag.“ Ein paar Stunden später ist oben am Gipfel von den Gasen nichts mehr zu sehen. Hier oben bläst es wie im Windkanal eines Automobilherstellers. Der Schirokko fegt über das Meer aus Nordafrika heran. Und weil der Ätna das erste Hindernis ist, das sich dem Sturm in den Weg stellt, trifft er ihn mit voller Wucht. Dementsprechend blass sehen die Touristen aus, die aus den schwankenden Kabinen der Seilbahn torkeln und nun in Allradbusse Richtung Gipfel steigen sollen. Was etwas Zeit braucht, weil die Angestellten der Bergstation ihre Besucher erst noch zu überzeugen versuchen, dass es bei fünf Grad über null und Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde vielleicht keine so gute Idee ist, in Shorts und T-Shirt zum Gipfelsturm anzurücken. Was die meisten Touristen natürlich nicht einsehen wollen, schließlich sind sie auf Sizilien, und schließlich ist kein Winter. „Bella Italia, you know?!“, ruft einer dem Personal am Schalter für Bergschuhe und Winterjacken zu. Entgegen der sonst üblichen sizilianischen Preisgestaltungspraxis kostet die Ausleihe der Ausrüstung nur zwei Euro. Die meisten laufen trotzdem schnurstracks weiter. Und hinaus in die Kälte. Männer in Sandalen, Frauen in Flip-Flops. Und vorneweg eine Gruppe Koreaner, die anschließend offensichtlich geradewegs zum Sundowner in die Hotelbar will. Anders lassen sich Leinenjacketts, Sommerkleider und Ballerinas nicht erklären. Entsprechend fassungslos müssten eigentlich die Bergführer schauen, die ihre Schützlinge weiter oben an der Bushaltestelle in Empfang nehmen. Tun sie aber nicht. Stattdessen schauen sie wie Männer, die schon alles gesehen haben. Der Sturm hier oben ist so stark, dass eine Verständigung nur schreiend möglich ist. „Bleiben!Sie! Zusammen! Und! Hinter! Mir!“, brüllt der Bergführer. Und dann geht es in einer langen Reihe hinüber zu den Kratern. Schon nach wenigen Schritten müssen ältere Besucher von jüngeren gestützt und bei Pausen festgehalten werden, anscheinend hat man Angst, dass es sie sonst hinunterwehen würde.


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Seilbahnfahrt mit Blick auf den Vulkan.

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