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ADAC-Reisemagazin Sizilien

Auf großer Fahrt

TEXT: Niclas Müller


Schwarz reicht das Meer bis zum Horizont. Nur der Mond zaubert einen silbernen Pfad auf das Wasser, als wolle er anzeigen, woher das Schiff gekommen ist. Ein salziger Wind weht über das Heck, wo Sigrid Artmann und Alexander Friederich an der Reling stehen. Sie sagt: „Das Meer zieht mir die Gedanken nur so aus dem Kopf.“ Er erklärt: „Wir sind keine typischen Kreuzfahrer.“ In wenigen Stunden wird die AIDA bella mit rund 2000 Urlaubern Sizilien erreichen. In Palma de Mallorca begann ihre Fahrt nach Tunis, Malta, Palermo, Neapel, Rom, Korsika, Valencia. Eine zehntägige Reise mit Wiederkehr: bei jedem Sonnenaufgang ein anderes Land, eine neue Geschichte. Und trotzdem dasselbe Zimmer, derselbe Pool und das Kaninchen in Biersoße im Büfett-Restaurant. Odysseus, der einst auf Sizilien gestrandet war, könnte die Runde mit seiner Irrfahrt verwechseln. Wer Kreuzfahrten bucht, sieht die halbe Welt. Und fühlt sich doch geborgen und verankert wie zu Hause. Artmann und Friederich schauen in die Nacht. Es ist ihre achte Kreuzfahrt. „Man darf nur nicht dem Bord-Programm folgen“, sagt sie, „wenn man sein eigenes Ding macht, ist es wunderbar: das Meer und die Eindrücke an Land.“
Als ein Nebelschleier vorüberweht, malt der Mond für Sekunden den Umriss Siziliens auf die Wellen. Können Kreuzfahrer anders, als die Insel oberflächlich und flüchtig zu sehen? Am Morgen treffen Sohlen auf gelochtes Stahlblech. Die Passagiere erreichen den Pier über eine scheppernde Gangway. „Das ist also Sizilien“, spricht einer. Gruppenleiterin Sarah warnt: „Passen Sie auf Ihre Taschen auf. Palermo ist heikel.“ Die Kreuzfahrer verlassen das sichere Schiff. Und laufen in den unsicheren Hafen. Hinter der Anführerin marschieren 40 Frauen, Männer und Kinder zu einem Reisebus. Fahrer Jimmy drückt jedem einen briefmarkengroßen Sticker in Textmarker-Rot auf die Brust. Er tut dies Gewissenhaft, auch bei den Damen. Teilnehmer Andreas Niebergall sagt: „Ich habe kaum Urlaub. Da ist es angenehm, dass ich mich um nichts kümmern muss.“ Jimmys Kollege Giacco Pojero, der sich Gino nennt, beginnt mit der Fremdenführung. Er hat bis zum Mittagessen an Bord vier Stunden, um die Gäste für seine Heimat zu begeistern. Durchreisende gehören zu Sizilien wie der Schirokko. Die Griechen waren da, dann Karthager, Römer, Byzantiner, Sarazenen, Normannen, Staufer, Franzosen, Spanier. Niemand, der im Mittelmeer etwas auf sich hielt, kam an der Insel vorbei. Die Griechen nannten Palermo „pan ormos“: alles Hafen. Heute kleben die Costa Concordia, die MSC Fantasia und die AIDA bella an der Stadt wie Wohnblocks, die vom Ufer ins Meer gekippt sind. Wären sie weniger weiß, gingen sie als Bausünden durch.
Das Trio bildet ein Stadtviertel mit knapp 12 000 Fremden. Genug für eine Invasion. Doch die Flotte ist freundlich und nur ein vorüberschwimmendes Phänomen. 2010 landen in Palermo 470 000 Kreuzfahrer an. Vor fünf Jahren waren es 190 000. Die Reiseform boomt. Gemeinsam ist allen Seereisenden, dass ihre Uhren rückwärts ticken, sobald sie ihr Schiff verlassen: noch sechs Stunden bis zum Ablegen des Dampfers, noch vier, noch zwei … Gino weiß um die Zwänge und empfiehlt eine Fußgängerzone in Hafennähe: „Wenn Sie später Eis essen wollen, haben Sie hier Ihr Schiff im Blick. Wenn es noch da ist.“ Eine andere Fraktion streift Sizilien nur. Bei Filterkaffee und mild gesäuerter Butter berät eine Familie, was zu tun sei: „Zu viel Mafia“, sagt der Clanchef und beschließt, erst übermorgen in Rom von Bord zu gehen. Hinter dem voll besetzten Sonnendeck nippt ein Gast der Anytime Bar an seinem Bier, blickt auf die Stadt und sagt: „Hier gefällt’s mir am besten.“ Er zitiert damit den Vordenker der deutschen Kreuzfahrer: Goethe. Nach vier Tagen Seekrankheit hatte der Dichter über seine Ankunft in Palermo notiert: „Anstatt ungeduldig ans Ufer zu eilen, blieben wir auf dem Verdeck, bis man uns wegtrieb; wo hätten wir einen gleichen Standpunkt, einen so glücklichen Augenblick so bald wieder hoffen können!“
Das war am 2. April 1787 und spricht für diejenigen, denen Sizilien am Heck vorbeigeht. Zumal die Aussicht 223 Jahre später ungleich erhebender ist. Jedenfalls für alle, die von Deck 12 nach hinten auf
das Häusermeer und den Monte Pellegrino blicken. Ein kleines und zugleich riesiges Ärgernis liegt backbord: „Da dachte ich, unser Schiff ist groß. Und dann das!“, sagt Passagier Frank Augustin im Schatten der MSC Fantasia. Die Nachbarin liegt noch fetter im Hafen als die AIDA bella. Niemand mag es, wenn Menschen in Badehose auf einen herabsehen. In der Stadt sammelt sich Ginos Gruppe vor der Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert. Die Normannen, auch Wikinger genannt, sorgten für die Zinnen auf dem Dach. Die verspielten Elemente aus schwarzem Vulkanstein in der Fassade sind arabischen Ursprungs. Gino sagt: „Arabischnormannisch – das passt wie Kuh und Wal. Diesen Stil gibt es nur auf Sizilien.“ Etwas Bleibendes zu hinterlassen ist für Kreuzfahrer schwierig. Durchschnittlich geben sie 50 Euro pro Landgang aus. Zu wenig für ein Vermächtnis. Außerdem hatten ihre Vorbilder mehr Zeit. Goethe, nachdem er doch von Bord gegangen war, blieb sechs Wochen.
Bei den Wikingern waren es vier Generationen. Der letzte Normannen- König, Wilhelm II ., ließ in Monreale einen Dom errichten. Die Kreuzfahrer schauen auf gut 6000 Quadratmeter Blattgold an den Wänden und auf die segnende Hand Jesu, die 1,98 Meter lang ist. Da Wilhelm kinderlos blieb, musste seine Tante den Deutschen Heinrich von Hohenstaufen heiraten. Sie gebar mit 40 einen Sohn: Friedrich II . Das Wunderkind, genannt „Staunen der Welt“, liegt in Palermos Kathedrale begraben. Gino sagt: „Er sprach Arabisch, das hatte er hier in den Straßen gelernt. Er besuchte den Sultan und kaufte ihm Jerusalem einfach ab. Der erste Kreuzzug, bei dem kein Mensch starb.“ Auch heute überleben alle. Im Vollbesitz ihrer Taschen, Portemonnaies und Kameras kommen die Kreuzfahrer zurück in den Hafen. Als die Sonne orange glühend hinter den Bergen abtaucht, versammeln sich Landgang-Verächter, Tourenteilnehmer und Stadtstreuner an Deck, um Lebewohl zu sagen. Unterstützt von dramatischer Musik ergreift die Kreuzfahrt-Gemeinde Wehmut. Die Schiffsschrauben zeichnen
ein Muster aus Schaum ins Meer, das aussieht wie Marmor. Als Sizilien nur noch ein Strich am Horizont ist, beginnt auf dem Pooldeck die Schlagerparty. Vielleicht, um den Abschiedsschmerz zu lindern. Sigrid Artmann sagt: „Das Auslaufen hat immer etwas Endgültiges. Aber auch etwas Hoffnungsfrohes.“ Ein neuer Hafen ist wie ein neues Leben.

 

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