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ADAC-Reisemagazin London

Grüner wirds nicht

TEXT: Barbara Esser
FOTOS: Andrea Artz


Es sei jedes Mal wie ein Aufatmen, sagt Pat Pritchard. Wenn sie morgens durch das große, schmiedeeiserne Tor fährt, eintaucht in die zartgrüne Hügellandschaft des Richmond Park, die sich auf rund 1000 Hektar auffaltet: Dann verflüchtigen sich Londons Dunst und Lärm, als habe sie eine Tür hinter sich geschlossen. Ruhig ist es hier, obschon Autos den Park im Schleichtempo passieren dürfen. Pat Pritchard leitet das Parkbüro in einer kleinen Backstein-Lodge. Seit zwölf Jahren arbeitet sie in diesem entrückten Kosmos, und das Aufatmen hat sich nicht abgenutzt: „Es ist ein einzigartiger Ort.“
An diesem Morgen gehen die Nebelfäden fließend in nadelfeinen Nieselregen über, fast wie in den schottischen Highlands oder in einem Rosamunde-Pilcher-Setting. Wäre da nicht – ganz unvermutet gerät sie plötzlich in einer Senke in Sicht – die imposante Herde der Rot- und Damhirsche. 650 auf einem Fleck. Synchron recken sie ihr Geweih und erwidern stoisch den Blick der staunenden Besucher. Die meisten Gäste kommen der Tiere wegen und weil dieser Park in seiner unfassbaren Weitläufigkeit so viel Naturmacht aufweist, wie sie niemand am Rande einer Metropole vermuten würde. Manche der monströsen Eichen haben gut 650 Jahre auf dem grünen Buckel. Wie Monumente stehen sie da, der Blättersaum vom äsenden Wild linealgerade abgezupft, stolze Zeugen einer Landschafts- und Gartenkultur, die einmalig ist auf der Welt.


Gut ein Viertel der Fläche Londons ist mit Natur bedeckt. Kleinere Plätze und Gärten mitgezählt, beherbergt die Stadt etwa 100 öffentliche Grünareale. Allein die acht Königlichen Parks überziehen eine Gesamtfläche von fast 2000 Hektar und verbuchen jährlich mehr als 30 Millionen Besucher. „Für die Londoner ist der Park Teil ihrer urbanen Identität“, sagt Sara Lom, Leiterin der Royal Parks Foundation, die seit acht Jahren private Spenden für die Anlagen sammelt. Auch Sara Lom gerät ins Schwärmen, wenn sie die Faszination der Stadtgärten beschreiben soll. „Wir können uns glücklich schätzen, so viel Grün zu haben. Es dient Londons Gesundheit – und der seiner Einwohner“, sagt sie. „Nur wenige Minuten nach Betreten eines Parks sinkt die Pulsfrequenz, und der Stresslevel fällt – das haben Studien bewiesen. Und das Beste ist: Diese grüne Therapie kostet nichts.“


Es sei denn, man lässt sich die Parks ganz bewusst etwas kosten. Immer mehr Londoner tun das, gut drei Millionen Euro sammelte Loms Stiftung im vorletzten Jahr. Mancher Spender übernimmt Baum-Patenschaften, andere widmen ihrer großen Liebe eine Rose aus dem Regent’s Park; ein betuchter Jogger hat jüngst gar einen schicken Trinkwasserbrunnen für den Hyde Park gestiftet.
In Sachen Parkkultur sind die Briten Europas Festlandbewohnern weit voraus. Nicht nur der schieren Fläche wegen, auch weil ihre gekrönten Häupter viel früher damit begannen, die vormals königlichen Jagdreviere ihren Untertanen zugänglich zu machen – freilich nicht ganz ohne Druck. Als König Charles I. im Jahre 1637 den Richmond Park durch eine 13 Kilometer lange Backstein-Mauer einfassen ließ, um das darin befindliche Wild an der Flucht zu hindern, erntete er wütenden Protest der ausgesperrten Landbevölkerung. Der König musste vormalige Landbesitzer entschädigen und Leitern an der Mauer aufstellen lassen, über die die Anwohner in den Park klettern konnten, um dort Brennholz zu sammeln. Sein Sohn Charles II. (1630–1685) ließ, beeindruckt vom Landschaftsbau der Franzosen, den St. James’s Park im formellen französischen Stil herausputzen. Deren Gartenkunst hatte er im Exil kennengelernt. Den Green Park brachte er gleich dazu unter seine Kontrolle, weil er auf dem Heimweg vom Hyde Park in den Buckingham Palace ungern königlichen Boden verlassen wollte.
Mit jedem neuen Throninhaber wandelte sich die Physiognomie der Parks. William III. etwa fürchtete sich auf dem dunklen Weg vom neu bezogenen Kensington Palace zum St. James’s Park derart, dass er Ende des 17. Jahrhunderts 300 Öllampen aufstellen ließ – und damit die erste künstlich illuminierte Straße Englands schuf. Königin Caroline, Gattin von George II., verpasste dem Hyde Park im 18. Jahrhundert ein neues Antlitz und ließ den Serpentine-See anlegen, in dem Wasserfreunde heute schwimmen gehen – und zwar ganzjährig. Der praktisch veranlagte George III. wiederum, im Volksmund „Bauer George“ genannt, widmete kurz darauf die ornamentale Blumen-Landschaft der Kew Gardens in Ackerland um und ließ Hafer, Gerste und Rüben anbauen.


Mehr zu lesen im aktuellen Reisemagazin London

Regent’s Park – der Romantische

Lage: Innenstadt, Bezirke Westminster und Camden

Größe: 166 Hektar

Stil: elegante Anlage mit ornamentaler Blumenpracht und Kuschelgelegenheiten für Verliebte

Geöffnet: täglich ab 5 Uhr früh, die Schließungszeiten variieren je nach Saison zwischen 16.30 (Nov.–Dez.) und 21.30 Uhr (Mai–Juli)

Tipp: an einem Werktagmorgen ein Ruderboot mieten, händchenhaltend zwischen Rosenbeeten flanieren oder zwei Liegestühle mieten, zusammenrücken und die Beine hochlegen

Richmond Park – der Wilde

Lage: etwa 16 Kilometer südwestlich des Zentrums, Stadtbezirke Richmond upon Thames und Kingston upon Thames

Größe: 1000 Hektar

Stil: rund 1200 uralte Bäume, vor allem Eichen, 140 Vogel- und 1000 Käferarten, 650 Rot- und Damhirsche

Geöffnet: 7 Uhr (Sommer) bzw. 7.30 Uhr (Winter) bis zur Dämmerung

Tipp: ein Fahrrad am Bahnhof oder ein Pferd in einem der fünf umliegenden Reitställe mieten und den Park vom Sattel aus erkunden

Hyde Park – der Städtische

Lage: Innenstadt, Bezirk Westminster

Größe: 142 Hektar

Stil: weitläufige Grasflächen, breites Wegenetz, 4000 Bäume und der schmucke Serpentine-See

Geöffnet: täglich von 5 Uhr früh bis Mitternacht

Tipp: rechtzeitig Karten für eines der Top-Rockkonzerte im Sommer reservieren – die Termine stehen Anfang des Jahres fest

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