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ADAC-Reisemagazin London

Das flüssige Herz

TEXT: Hans H. Krüger
FOTOS: Steve Vidler

Braun und salzig wälzt sich der Fluss durch eine riesige Stadtlandschaft. Rechts und links breitet sich eine sonderbare Zivilisation aus, viktorianische Paläste glänzen neben kastenförmigen Abscheulichkeiten, eintönige Reihen von Backsteinhäusern werden von futuristischen Glastürmen überragt. Die Elektrostecker sind dreipolig, Tapeten tragen Blümchen, und alle fahren auf der falschen Seite. Selbst die einstige geografische Zuordnung des Wasserlaufs klingt wie ein Kuriosum: Während der letzten Eiszeit, als England noch zum europäischen Kontinent gehörte, war der Strom ein Nebenfluss des Rheins.


Die Kelten nannten den Fluss Tems, die Römer Tamesis. Bei den Einheimischen firmiert er als Thames, und wir kennen ihn als Themse. In den nächsten zwei Tagen werden der Fotograf Steve Vidler und ich den Fluss erkunden. Immer am Ufer entlang, eine Wanderung vorbei an den Hinterlassenschaften des Empires, an alten Attraktionen und neuen Sehenswürdigkeiten, auf der Suche nach dem wahren Wellenschlag Londons. Westminster bis Tower BridgeGraue Wolken schieben sich über den Fluss, die Möwen kreischen, als hätten sie etwas Wichtiges mitzuteilen. Es ist Freitag, neun Uhr morgens, und am Westminster-Palast hält sich das Besucheraufkommen noch in Grenzen. Die Wachpolizisten tragen grelle Warnwesten, als wären sie bei der Autobahndirektion beschäftigt. Das Parlament, Heimat von Oberhaus und Unterhaus, ist ein imposanter Klotz mit rund 1100 Hallen, Zimmern und Räumen. Errichtet im wahrhaft christlichen Architekturstil, also der Neugotik. Türme und Türmchen, Zinnen, Pfeiler und Spitzbögen – alles strebt dem Himmel entgegen. „Nur die Politik bewegt sich immer mehr in den Keller“, meint der englische Begleiter schmähend. Gegenüber, am Eingang von Westminster Abbey, wartet schon eine lange Schlange darauf, 15 Pfund zu bezahlen für den Eintritt in ein Gotteshaus, in dem seit Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1066 – bis auf zwei Herrscher – jeder englische Monarch gekrönt wurde. Drinnen ruhen sie alle: Eduard der Bekenner, Maria Stuart, Georg II. Manche Nationen erkennen ihre Vergangenheit an ihren Gräbern.


Über die Westminster-Brücke geht es ans Südufer. Wer einst hier leben durfte, bejubelte sein Glück: „London, du bist die Blume aller Städte“, schrieb im Mittelalter der schottische Dichter William Dunbar. Um 1725 schwärmte der Schweizer Reisende César de Saussure: „Nichts ist attraktiver und charmanter als die Themse an einem schönen Sommerabend; die Konversationen, die man hört, sind höchst unterhaltsam.“ Heute drängen sich Touristen aus aller Herren Länder, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, die sich ab jetzt in geballter Form präsentieren: die County Hall, früher Sitz des Groß-Londoner Stadtrats, seit der Privatisierung barocke Adresse für Hotels und Restaurants, das London Aquarium, eine Galerie mit Werken von Dalí, daneben dreht sich London Eye, Europas höchstes Riesenrad. In den Jubilee Gardens passieren wir menschliche Statuen, afrikanische Artisten und schottische Dudelsackpfeifer. Vor der Royal Festival Hall verteilen zwei junge Japanerinnen Werbezettel für ein chinesisches Sushi-Restaurant. Im Graffiti-verseuchten South Bank Centre treffen sich die Skateboarder, unter der Waterloo-Brücke verkaufen Händler am Wochenende gebrauchte Bücher.


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