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ADAC-Reisemagazin London

Bleibt alles anders

TEXT: Katrin Parmentier


Einen Sommer wollten wir bleiben. Die Fahrt über Köln, Brüssel, Oostende war ein Zischen und Rattern. Die Sitze der Bahn hatten noch einen rostroten Kunstlederbezug, und auf der Fähre gab es den ersten Geschmack von England: Bohnen auf Margarine-Toast, Beans on Toast. An Deck tranken wir Tee, algengrünes Wasser spritzte, und der Wind blähte unsere Anoraks auf. Als meine Freundin Christine und ich im August 1983 an der Victoria Station ausstiegen, galt London als Sehnsuchtsort für Teenager. Die Magazine in Deutschland schrieben über kopfschmerzbunte Kinder, über Metallringe in Wangen und Nasen, bleiche Haare, Punkrock, Brighton, Teddyboys, Skinheads und Strandschlachten. Doch wir merkten schnell, dass London trotz des jugendlichen Elans eisern auf Traditionen achtete: Auch Skinheads trinken Tee mit Milch. Und: Ja, die Milch kommt zuerst in die Tasse. Die Mischung aus Tohuwabohu und Tradition war fesselnd. Am Ende blieb ich sechs Jahre.


  
Seitdem ist viel von diesem kühnen London verschwunden. Hier ein Haus, da ein Park, eine Straße, ein Hof. Sie wurden durch moderne Spielereien wie das London Eye, den Millennium Dome oder den Swiss-Re-Tower ersetzt, durch Bürofassaden mit silbern glänzenden Fenstern. Wer wie Wunderland-Alice hinter die Spiegel schaut, erkennt aber noch die fast verbuddelte Stadt. Der Linksverkehr, der ortsfremde Fußgänger bei jeder Straßenüberquerung in Gefahr bringt, und das britische Pfund sind nur die deutlichsten Zeichen dafür, dass die Stadt anders geblieben ist. Die Kraft der ungeschriebenen Gesetze wirkt im Verborgenen. Sie trotzt Veränderungen, selbst der Globalisierung, die weltweit Städte gleich erscheinen lässt. Schlangestehen ist ein Gebot, das Adlige und Rocker befolgen. Seit dem Bahnhofsbrand von King’s Cross 1987 gibt es zwar nur noch wenige der leicht entzündlichen Holzrolltreppen, die in schlauchartige U-Bahnhöfe hinunterführen. Aber auf allen „Escalators“ stehen die Fahrgäste rechts. Die Überholspur, auf der Banker im Dreireiher und verspätete Sekretärinnen vorbeihasten, ist anders als auf den Straßen links. Die fürs Auf- oder Abspringen offenen Hecks der Routemaster-Busse wurden aus Sicherheitsgründen abgeschafft. Vor den neuen Doppeldeckern steht ein Londoner an Haltestellen genauso zackig an wie vor den Museen, die ihre Schätze gratis zeigen. Vielleicht lachen die Londoner deshalb so gern, so viel und vor allem über sich. Wer versucht, in einer Schlange zu drängeln, sieht bestimmt ein Lächeln und hört: „Bitte, gehen Sie doch vor.“ So spricht ein Lederjackenmann mit blutroter Irokesen-Frisur und Schnauzermischling am Strick.
  
Ein Ritual, das schätzt, wer es sich leisten kann, ist die klassische Teatime. Seit dem 17. Jahrhundert sind die Regeln streng. Zuerst: kleine Sandwiches ohne Rinde, mit Butter und hauchdünnen Gurkenscheiben. Danach: Scones, ungesüßte Teebrötchen, serviert mit Himbeermarmelade und Clotted Cream, buttrigem Rahm. Dazu viel schwarzer Tee mit Milch. Zeitnot und Blackberry-Gebimmel unerwünscht. Mindestens eine entspannte Stunde und einige Pfund kostet der High Tea am späten Nachmittag. Serviert wird er in Luxushotels mit Brimborium, Piano und Spitzendeckchen. Oder in kleinen Teehäusern wie Bea’s of Bloomsbury in der Theobald’s Road. Tee wird auch in den Gentlemen’s Clubs getrunken, allerdings seltener. Hier regiert Härteres: rauchiger Whisky aus kleinen Destillerien, und die dürfen ruhig schottisch sein – gelebte Toleranz. Der legendäre Monty-Python-Spruch „Ist Weibsvolk anwesend?“ wurde lange Jahre stolz mit „Nein!“ beantwortet. Heute sind viele Clubs auch für Frauen geöffnet, wie der Chelsea Arts Club oder das Soho House, das fünf Filialen in London hat.

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