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ADAC-Reisemagazin Garmisch-Partenkirchen

König für einen Tag

Text: Franz Gernstl
Fotos: David Maupilé


Mich hat der Berg nicht gerufen. Ich bin zwar in Bad Feilnbach, am Fuße des Wendelstein, geboren, aber oben auf dem Gipfel war ich noch nicht. In meiner Familie ist keiner in die Berge gegangen. Wir sind in die Berge gefahren. Mit dem Auto. Auf einem Parkplatz mit Aussicht haben wir kalte Schnitzel gegessen, dann sind wir wieder runtergefahren. Vermutlich wurde mir die Unlust, mich nach oben zu quälen, vererbt. Der Redakteur des ADAC meinte: „Sie haben doch diese wunderbare Fernsehserie über die Alpen gemacht.“ Stimmt, aber was er übersehen hat: Ich habe dabei keinen einzigen Berg erklommen. Trotzdem. Heute werde ich in die Berge gehen, den Schachen bezwingen und herausfinden, warum Menschen nach oben wollen. Und weil ich nicht völlig gedanken- und orientierungslos auf diesem Berg herumirren möchte, nehme ich eine Wanderexpertin mit, meine Freundin Kathi. Sie ist den spanischen Jakobsweg gelaufen, bevor Hape Kerkeling auf dieselbe Idee kam. Sie hat zu Fuß die Alpen überquert. Und wenn sie zu Hause im Allgäu Appetit auf Käsespätzle hat, dann geht sie schnell mal fünf Kilometer den Berg hinauf zur Kronenhütte. Mit dieser Frau fahre ich sehr schnell im Auto nach Garmisch und möchte mich mental auf das Abenteuer einstimmen. Sie ist am Telefonieren und am Fluchen.


Irgendetwas, was ich nicht wissen will, klappt in ihrem Job nicht. Ich möchte mir schon mal Gedanken über den Sinn des Wanderns machen, aber das geht nicht bei 180 Stundenkilometern (der Fotograf wartet) und mit einer erregten Beifahrerin. Vorbei an Garmisch über die Mautstraße in die Elmau. Das Schloss Elmau war bis vor ein paar Jahren ein charmantes, verstaubtes Esoterikerhotel. Nachdem es abgebrannt war, wurde es als Luxury Spa & Cultural Hideaway wieder aufgebaut. Extrem schicker Schuppen. Ich parke das Auto auf dem Wanderparkplatz hinter dem Hotel. Dort wartet der Fotograf, ein schlaksiger Hamburger. Wir betreten den Königsweg. Von hier aus wurde König Ludwig II. gelegentlich zu seiner Hütte auf dem Schachen kutschiert. Den Weg hat man extra für ihn angelegt. Zehn Kilometer, 940 Höhenmeter, 3,5 Stunden Gehzeit, für Kinder ab zehn Jahren geeignet. Die Frage stellt sich: Ist dieser Weg auch für einen 59-jährigen, mäßig sportlichen Stadtmenschen und für einen schlaksigen Hamburger geeignet? Gleich vorweg: Es geht kontinuierlich bergauf, und die Gehzeit ist zu knapp veranschlagt. Aber der Hamburger hüpft ständig um uns herum, um uns von hinten, von vorn und von der Seite zu fotografieren. Beeindruckend. Aber wie soll ich mich dabei auf den Sinn des Wanderns besinnen?


Auf den ersten Metern der Wegstrecke versuche ich ihn auszuhorchen, wie er so zum Wandern steht, als bergloser Norddeutscher. Das klappt aber nicht, weil Kathi zwischen ihm und mir wandert und wir an einem Gebirgsbach entlanglaufen, der einen Höllenlärm macht. Von wegen Stille der Berge. Seine Wanderschuhe hat er seiner Freundin zuliebe gekauft, weil die in Südtirol wandern will, schnappe ich auf. Ich habe meine Wanderschuhe im Keller gefunden. Unbenutzt. Den Plan, in die Berge zu gehen, hatte ich wohl früher schon mal. Die Schuhe kommen mir jetzt ein bisschen zu groß vor. Vielleicht sind meine Füße kleiner geworden. Macht nix, sagt Kathi, die schwellen an im Lauf des Tages. Na, dann passt ja alles. Ich warte auf den Moment, in dem mich der Alltag loslässt und ich die frische Bergluft spüre, in dem ich mich auf die Landschaft einlasse und so weiter, aber das ist wohl noch zu früh. Ich spüre noch nichts Erhabenes. Nach 40 Minuten erreichen wir eine Abzweigung. Man könnte rechts zur Partnachklamm laufen, und das sollten Sie auch tun, wenn Sie es gemütlich haben wollen. Ich kenne die Partnachklamm, sie bietet ein wunderbares Naturschauspiel, der Weg dorthin dauert keine zwei Stunden. Danach machen Sie in Garmisch ordentlich Brotzeit und fahren mit dem Bus wieder nach Elmau, um ihr Auto zu holen. Ein gelungener Tag. Wir aber nehmen die Abzweigung nach links und folgen dem Königsweg.


Ich sehe Steinmandln. Die kannte ich bislang nur als geheime Zeichen in Indianerfilmen oder von Landschaftskünstlern, aber offensichtlich ist das Aufstellen von Steinmandln in den bayerischen Bergen in Mode gekommen. Zwei Damen in gesetztem Alter vermuten einen besonders großen Wunsch, weil ich zu lang zögere, auch einen Stein zu platzieren. Man darf sich dabei nämlich etwas wünschen, aber mir fällt immer nichts ein bei solchen Gelegenheiten. Gesundheit, schlagen die Damen vor. Bingo! Ich bin zwar gesund, darum ist mir der Wunsch nicht eingefallen, aber ich wünsche mir trotzdem Gesundheit. Die Damen wollen nichts verraten. Warum, frage ich, ob es etwas Unanständiges sei, was sie sich wünschten. „Mit 50 plus lebt man aus der Erinnerung“, sagt die eine, die andere protestiert. 

Franz Gernstl und Wanderfreundin Kathrin treffen bei ihrem Aufstieg einen Mountainbiker
Grand Canyon inmitten Bayerns: Blick vom Belvedere aus in ein gigantisches, graublaues Tal, das Reintal. An diesem Aussichtsplatz ließ sich König Ludwig II. gern mal seine Mahlzeiten servieren
Diese glückliche Katze hat ihr Revier auf der Schachenalpe.
Die Berggaststätte Schachenhaus lädt ein zu Rast und Ruh.

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