SPD und FDP: Reisen darf kein Luxus sein

SPD Politiker Bernd Rützel und FDP Politiker Marcel Klinge im Interviewformat
Bernd Rützel (SPD, links) und Marcel Klinge (FDP) ∙ © imago images/Future Image (2) [M]

Die Bundestagsabgeordneten Marcel Klinge (FDP) und Bernd Rützel (SPD) sind die Tourismus-Experten ihrer Fraktionen. Hier diskutieren sie über Reisen nach Corona, Flugpreise und die Zukunft der Tourismusbranche.

ADAC Redaktion: Corona hat das Reisen auf den Kopf gestellt. Wann werden wir wieder so reisen wie vor der Pandemie?

Marcel Klinge: Pandemien werden uns auch künftig begleiten. Ich glaube nicht, dass sich der Städte- und Messetourismus so schnell wieder erholen wird. Auch die Stadthotels erleben massive Einbrüche. Im Freizeit- und Urlaubstourismus sieht es immerhin ein bisschen besser aus.

Bernd Rützel: Es wird keinen Bereich geben, in dem es wieder eins zu eins wird wie vor Corona. Hygienemaßnahmen sind ohnehin wichtig, und wenn es irgendwo eng wird, sind Masken zu tragen. Es hilft uns nichts, wenn wir im Herbst wieder da sind, wo wir vor Kurzem waren.

Zur Person

Dr. Marcel Klinge (FDP, 41) vertritt seit 2017 den Schwarzwald-Baar-Kreis und das Obere Kinzigtal. Der Sozialwissenschaftler ist Tourismuspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Mitglied im Ausschuss für Tourismus sowie Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie.

Bernd Rützel (SPD, 53), Beamter, lebt in seiner Heimatstadt Gemünden am Main (Bayern, Unterfranken), gelernter Maschinenschlosser bei der Bahn, heute Technischer Oberamtsrat a.D. bei der Bahn. Rützel ist Mitglied im Ausschuss für Tourismus sowie im Ausschuss für Arbeit und Soziales.

Sollten Menschen, die nicht geimpft sind, die gleichen Rechte wie Geimpfte haben?

Rützel: Wenn alle Impfwilligen ein Impfangebot erhalten haben, wird man das entscheiden müssen. Es ist notwendig und richtig, dass die Geimpften ihre Rechte zurückbekommen. Wenn die Pandemie es erforderlich macht, müssen die anderen möglicherweise länger mit Einschränkungen leben.

Klinge: Es geht nicht um Privilegien, sondern um Grund- und Freiheitsrechte. Ob man sich impfen lässt, ist eine individuelle Entscheidung. Ich persönlich werbe für die Impfung, bin aber gegen eine Impfpflicht. Wir sollten auf die vielen guten Argumente setzen, die für eine Impfung sprechen.

Rützel: Nein, eine Impfpflicht darf es nicht geben. Aber wer nicht geimpft ist, kann dadurch eben auch Nachteile haben.

Dürfen Nichtgeimpfte dann nicht fliegen?

Klinge: Ein privates Unternehmen, ob Airline, Busunternehmen oder die Bahn, kann eine Impfung oder einen Test fordern, das würde ich akzeptieren. Da sollte sich der Staat nicht einmischen.

Rützel: Das sehe ich auch so. Es gibt ja keinen gesetzlichen Anspruch, fliegen zu dürfen.

Wir haben sehr viele Hilfen auf den Weg gebracht, aber es gibt Lücken. Ich weiß von Jugendherbergen, die immer noch leer ausgehen.

Bernd Rützel, SPD©DBT/Stella von Saldern

Tui und Lufthansa wurden vom Staat gerettet. Wurde auch für Hotels, Gaststätten, Tourenanbieter und andere genug getan?

Rützel: Wir haben sehr viele Hilfen auf den Weg gebracht, auch für Kleine. Aber es gibt Lücken. Ich weiß von Jugendherbergen, die immer noch leer ausgehen. Die ganz Großen haben wir gerettet, weil es hier um viele Arbeitsplätze und Kundenbeziehungen geht. Ein Aus der Lufthansa wäre für den Standort Deutschland eine Katastrophe.

Klinge: Es war richtig, die Großen zu retten. Aber ich hätte mir gewünscht, dass der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier einen Tourismusgipfel einberuft. Das hätte auch den kleinen und mittleren Betrieben signalisiert, dass man an sie glaubt und schnell helfen will. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass wir im weltweiten Vergleich als Land sehr gut geholfen haben.

Der Strand bei Ahlbeck im Sommer
Endlich wieder Urlaub: Deutsche reisen gerne im eigenen Land, zum Beispiel auf die Ostseeinsel Usedom ∙ © iStock.com/ewg3D

Herr Rützel, waren Sie als Regierung zu langsam?

Rützel: Wirtschaftsminister Altmaier ist nicht in die Gänge gekommen. Es hätte viel schneller und besser laufen können. Es gab unzählige Autogipfel, aber keinen Tourismusgipfel. Wir haben die Kanzlerin sehr oft darauf hingewiesen, aber sie hat sich geweigert. Dabei ist der Tourismus einer der größten und wichtigsten Wirtschaftsbereiche in Deutschland. Aus diesem Grund genügt es auch nicht, dass der Staatssekretär Thomas Bareiß neben vielen anderen Dingen auch für den Tourismus zuständig ist.

Klinge: Herr Rützel legt den Finger in die Wunde. Wir brauchen eine Bündelung der Kompetenzen für den Tourismus, der drittgrößten Wirtschaftsbranche in Deutschland. Dahinter stehen nicht nur knapp drei Millionen Beschäftigte, sondern eine riesige Wertschöpfungskette, Zulieferer, Busunternehmen, Taxifahrer, Wäschereien ... Notwendig ist ein Staatssekretär, der sich nur um Tourismus kümmert.

Es gibt viele Menschen, die nicht über den ganz dicken Geldbeutel verfügen. Und es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, dass sich auch diese Menschen Urlaub leisten können.

Marcel Klinge, FDP©imago images/Christian Spicker

Sollten Flüge teurer werden?

Klinge: 20-Euro-Reisen nach Mallorca braucht niemand. Aber ich finde die Diskussion um eine Verteuerung der Flüge schwierig. Es gibt viele Menschen, die nicht über den ganz dicken Geldbeutel verfügen. Und es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, dass sich auch diese Menschen Urlaub leisten können. Wir finden klügere Wege, etwas für das Klima und die Umwelt zu tun, als nur an der Preisschraube zu drehen.

Rützel: Reisen darf niemals zum Privileg werden. Urlaub ist dringend notwendig zur Erholung, aber auch, um den eigenen Blickwinkel auszuweiten und die Welt kennenzulernen. Es kann nicht sein, dass nur noch Reiche fliegen können und die anderen mit dem Fahrrad am Main entlangfahren. Wir müssen uns überlegen, ob manche Flüge ersetzt werden können, etwa durch Nachtzüge. Natürlich sollte es einen Flug nicht für 20 Euro geben. Ich bin keiner von gestern, aber ich möchte hier mal an frühere Zeiten erinnern: Da gab es diese Schnäppchen nicht. Schnäppchen sind Mist, weil irgendjemand für sie bezahlt.

Klinge: Dass die Bahn eine tolle Alternative sein kann, sieht man an der ICE-Strecke München–Berlin. Der Flugverkehr auf der Strecke ist massiv zurückgegangen. Wenn wir gezielt investieren und die Bahn stärken, wird sich das Problem mit innerdeutschen Flügen zwangsläufig entspannen. Gleichzeitig sind die regionalen Flughäfen in Deutschland attraktive Arbeitgeber, und man kommt einfach nicht überall mit dem Auto oder mit dem Zug hin. Also: Wir brauchen beides, aber bitte keinen Feldzug gegen Luftreisen.

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Wie bewerten Sie den Aktionsplan zur Nationalen Tourismusstrategie, den das Wirtschaftsministerium jetzt endlich vorgelegt hat?

Rützel: Der Aktionsplan ist ein wichtiger Schritt, aber er kommt viel zu spät. Wir haben die im Koalitionsvertrag vereinbarte Tourismusstrategie immer wieder angemahnt. Aber da sind wir als SPD gegen die Wand gerannt. Da kam vom Wirtschaftsminister und auch vom Tourismusbeauftragen nur viel heiße Luft. Eine nationale Tourismusstrategie muss zu den vordringlichen Aufgaben einer neuen Regierung zählen.

Klinge: Als zu wenig, und das auch noch zu spät. Was das Bundeswirtschaftsministerium vorgelegt hat, sind 44 großzügig bebilderte Seiten. Mit den Inhalten war man hingegen knauserig. Statt einer zukunftsweisenden Roadmap gibt es eine lange Sachstandsbeschreibung nebst Eigenlob über die Corona-Maßnahmen. Der Aktionsplan selbst besteht aus vielen Allgemeinplätzen und Auflistungen bereits bestehender Programme. Konkrete Angebote an die Branche, wie die gewaltigen Herausforderungen gemeistert werden können, sucht man vergeblich. Wie können wir kleine und mittelständische Betriebe für künftige Pandemien so aufstellen, dass denen die Luft nicht ausgeht? Dafür brauchen wir eine Strategie, wie auch für Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Der Bundeswirtschaftsminister hat so wenig Interesse an dieser großartigen Branche, dass es einem schon fast das Herz zerreißt.

Man muss im Tourismus ordentlich Geld verdienen können, sonst fehlt schnell das Personal.

Bernd Rützel, SPD ©DBT/Stella von Saldern

Rützel: Es geht nicht nur um Umweltschutz und die Verzahnung von Fördermöglichkeiten, vom Radweg über Schleusen, Denkmäler bis hin zur Landwirtschaft. Wichtig sind auch gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne. Man muss im Tourismus ordentlich Geld verdienen können, sonst fehlt schnell das Personal.

Wie gewinnen wir mehr junge Menschen, mehr Fachkräfte für eine der tollsten Branchen der Welt? Nicht zuletzt hat sich durch Corona eine Abwanderungswelle von Fachkräften aus dem Tourismus eingestellt. Das wirkungsvoll zu adressieren ist ein zwingendes Thema für eine Nationale Tourismusstrategie.

Marcel Klinge, FDP ©imago images/Christian Spicker

Klinge: Ich bin sehr dankbar, Bernd, dass du das angesprochen hast. Wie gewinnen wir mehr junge Menschen, mehr Fachkräfte für eine der tollsten Branchen der Welt? Nicht zuletzt hat sich durch Corona eine Abwanderungswelle von Fachkräften aus dem Tourismus eingestellt. Das wirkungsvoll zu adressieren ist ein zwingendes Thema für eine Nationale Tourismusstrategie.

Wie nachhaltig muss Urlaub sein?

Klinge: Wenn man das Haus verlässt, fallen Emissionen an. Egal, ob ich mit dem Auto, Flugzeug oder der Bahn reise. Aber das kann man ja mittlerweile kompensieren. Ich glaube, dass Reisen sehr nachhaltig sein kann. Da sollte man den Blick weiten. In Afrika kann Tourismus auch im besten Sinne etwas bewirken. Wenn durch die Einnahmen Infrastruktur geschaffen wird und in Bildung investiert werden kann. Das ist für mich auch Nachhaltigkeit.

Rützel: Ich halte sehr viel von Nachhaltigkeit. Aber wir sollten sie nicht wie eine Monstranz vor uns hertragen. Denn der Tourismus ist ein riesengroßer Wirtschaftsfaktor. Was hilft, ist eine gute Vernetzung der Verkehrsträger, dass ich mir am Urlaubsort ein Fahrrad leihen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen kann.

Camping wird immer beliebter. Was kann die Politik für Camper tun?

Rützel: Bei uns in Gemünden gibt es einen wunderschönen Campingplatz, der sehr gut ausgelastet ist. Wir haben jetzt im Stadtrat mehrere Wohnmobilstellplätze ausgewiesen. Das ist ein Zukunftstrend, der auch Kommunen hilft, die keinen Campingplatz haben.

Klinge: Ich bin selbst begeisterter Camper. In den letzten zehn Jahren hat sich ja auch die Zahl der zugelassenen Wohnmobile um fast 700.000 verdoppelt – das sieht man logischerweise auch auf der Straße. Wir als FDP würden bei zwei Punkten gerne ansetzen: Es gibt ja das Überholverbot für Lkw und Wohnmobile zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen. Das sollten wir aufheben. Und wir brauchen mehr Park- und Stellplätze.

Wasserwanderer und Freizeitskipper fahren in die Diemitzer Schleuse (Mecklenburgische Seenplatte) ein
Rund 40.000 Boote passieren jährlich die Schleuse Diemitz an der Müritz-Havel-Wasserstraße ∙ © imago/BildFunkMV

Ein Masterplan für Europas größtes Wassersportrevier

Deutschland ist ein Paradies für Wassersportler, Freizeitschiffer und Hausbooturlauber: Das größte zusammenhängende Wassertourismusrevier Europas erstreckt sich über Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin. Aber die Schleusen sind im Schnitt mehr als 100 Jahre alt, oft defekt oder sanierungsbedürftig. Der Masterplan Freizeitschifffahrt des Bundesverkehrsministeriums soll helfen, die Infrastruktur der rund 7300 Kilometer Binnenwasserstraßen zu modernisieren – vor allem die für den Tourismus relevanten 2800 Kilometer Nebenwasserstraßen.

Bernd Rützel freut sich, „dass hier endlich etwas passiert“. Neben Investitionen in die Schleusen hält er mehr Tankstellen (Kraftstoff und Strom), Anlegeplätze und bessere Radwege entlang der Wasserstraßen für wichtig.

Marcel Klinge sieht in dem Masterplan „ein ganz klares Bekenntnis zum Wassertourismus“. Wichtig sei jetzt, dass im Bundeshaushalt die Gelder für Haupt- und Nebenwasserstraßen in getrennten Töpfen seien. „Sonst besteht die Gefahr, dass die Mittel vor allem in die Infrastruktur für die Güterschifffahrt fließen.“

ADAC Tourismusstudie: Reisen nach Corona