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Mercedes Vision AVTR: Daimlers Nachhaltigkeits-Utopie

Autor ist begeistert vom Mercedes Vision AVTR Concept Car, ein Auto aus der Zukunft
Nachhaltig und luxuriös: So sieht die Zukunftsvision AVTR von Mercedes aus ∙ © Mercedes

Nachhaltig Autofahren im Einklang mit der Natur? Diese Vision verfolgt Mercedes mit der Studie Vision AVTR. Unterstützung kam dabei aus Hollywood. Autor Thomas Geiger war mit dem abgefahrenen Konzeptauto auf Testfahrt.

Die Corona-Pandemie, der Kostendruck und die Sorge ums Klima – es gab schon mal mehr zu Lachen bei Mercedes. Doch statt Schwarz zu sehen, malt man in Stuttgart die Zukunft in rosigen Farben – mit Hilfe von Regielegende James Cameron und seinen blauen Fabelwesen "Navi" vom Planeten Pandora aus dem Science-Fiction-Film Avatar.

Binnen zwei Jahren entwickelten das Filmteam und Mercedes-Designchef Gorden Wagener die Studie Vision AVTR. Die sieht nicht nur ziemlich abgefahren aus, das Team will damit auch für ein friedliches Miteinander von Mensch, Umwelt, Natur und Technik werben. "Das ist unsere Vorstellung von nachhaltigem, verantwortungsvollem Luxus“, sagt Wagener und lenkt den Blick auf einen mehr als fünf Meter langen Silberling, der die aktuelle Modellpalette ziemlich alt aussehen lässt.

Mercedes Vision AVTR: Das Auto scheint zu leben

Obwohl die Studie ursprünglich nur für einen großen Auftritt zur CES in Las Vegas im Januar 2020 vorgesehen war, wurde sie nicht eingemottet, sondern fit gemacht für eine erste Ausfahrt im Geist von übermorgen. Deshalb steht der Bote einer fernen Zeit plötzlich im Hier und Heute und lässt für die Jungfernfahrt seine libellenartigen Flügeltüren aufschwingen.

Weil das Auto in dieser Vision keine Maschine mehr ist, sondern zu einem lebenden Wesen wird, gibt es zahlreiche Details, mit denen die Designer die Natur zitieren: Von den "Wood Sprites" auf den von innen beleuchteten Ballonreifen, die an den Baum des Lebens aus dem Film erinnern, bis hin zu den über 30 beweglichen Klappen auf dem Heck, inspiriert vom Rückenpanzer eines Reptils.

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © Nicht veröffentlichen

Bildschirme? Die sind Schnee von gestern

Vor allem im Innenraum nimmt der AVTR Abschied vom technischen Ambiente, wie wir es heute kennen. Es gibt weder Bedienelemente noch Bildschirme. Stattdessen nur noch vier bequeme Sitze und ein paar helle Konsolen, die sich wie eine weiche Landschaft um die Passagiere legt. Erst wenn die Hand des Fahrers auf den Mitteltunnel fällt, hebt sich dort wie von selbst ein Silikon-Knubbel, der Mensch und Maschine vereinen will.

Wie von selbst überträgt sich der Herzschlag des Fahrers aufs Fahrzeug, Lichtblitze zucken im Takt des eigenen Pulses über das, was vom Armaturenbrett noch übriggeblieben ist, und der AVTR wacht auf – bereit, seine Insassen in ferne Welten zu entführen. Die wählt man nicht mehr mit Sprachkommandos oder gar mit Schaltern an, sondern mit einer fernen Form der Gestensteuerung: Denn die eigene Handfläche wird plötzlich zum Display des Bediensystems und wenn man die Finger schließt, ist ein Menüpunkt ausgewählt.

Auch das Fahren hat etwas ausgesprochen Natürliches. Denn der AVTR beherrscht nicht nur den üblichen Stil einer S-Klasse und gleitet auf seinen riesigen Ballonrädern überraschend entspannt und gelassen über die Teststrecke. Sondern weil alle vier Räder gleichzeitig um bis zu 30 Grad eingeschlagen können, fährt der Viersitzer auch im Krebsgang und bewegt sich wie ein Insekt kreuz und quer, längs und diagonal über den Asphalt. Zwar muss sich der Fahrer daran erst ein wenig gewöhnen und fühlt sich zunächst wie in einem Fahrgeschäft auf der Kirmes. Doch so wendig haben wir ein Auto von mehr als fünf Metern noch nicht erlebt.

Die Batterien kommen auf den Kompost

Zwar kann niemand ernsthaft vorhersagen, mit welcher Technik das Auto von Über-Über-Morgen wirklich kommt. Die Studie jedenfalls fährt mit der Technik von heute und wird von Elektromotoren mit zusammen 350 kW angetrieben. Allerdings träumt Daimler zumindest von nachhaltigen Batterien mit Strom für 700 Kilometer Reichweite: Sie brauchen keine seltenen Erden mehr und bestehen nicht aus Lithium-Ionen-Zellen, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen und können nach der letzten Fahrt einfach auf den Komposthaufen – schöne neue Welt!

Innen: Fasern aus Lianen, Recycling-Kunststoff

Natürlich ist das Innenleben des AVTR vegan, das gibt’s aber beim Mercedes EQC schon heute. Doch was auf dem Boden nach Holz aussieht, ist aus Fasern von Lianen gefertigt, deren Ernte die Urwälder entlastet und wieder freier Atmen lässt. Die Kunststoffe des AVTR sind aus recycelten PET-Flaschen gewonnen, die zuvor aus den Ozeanen gefischt wurden.

Nachhaltig, verantwortungsbewusst und mit der Welt im Reinen – die Schwaben machen gemeinsam mit ihren neuen Freunden in Hollywood Hoffnung auf ein Happy End fürs Auto. Doch bis es soweit ist, wird es noch dauern. Und zwar ziemlich lange – denn Avatar spielt erst in der Mitte des nächsten Jahrhunderts.

Text: Thomas Geiger