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Der ADAC

"Ich halte ein Verbot von Verbrennungsmotoren für falsch"

Portrait des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ∙ © ADAC/David Klein

Im ADAC Interview spricht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer über die Diskussion um ein Verbot von Autos mit Verbrennungsmotoren, die Chancen alternativer Antriebe und die neuen Klimaziele der EU-Kommission.

Was führt den sächsischen Ministerpräsidenten – einmal abgesehen von seinem Besuch beim ADAC - nach München?

Michael Kretschmer: Ein Termin bei MAN, einem Unternehmen, das große Sorgen hat - auch im Rahmen der Corona-Krise mit wegbrechenden Umsätzen und einer großen Restrukturierung. Zusätzlich stellt sich MAN wie allen anderen Kfz-Herstellern die Frage: Was sind die Antriebe der Zukunft? Es gibt ein MAN-Werk in Plauen, das die Restrukturierung womöglich nicht überleben wird. Da geht es um Arbeitsplätze in Sachsen.

Bei einer ADAC Studie zur städtischen Mobilität schnitten Dresden und Leipzig sehr gut ab. In ländlichen Regionen sieht es im Freistaat nicht so gut aus. Wie werden Sie in den kommenden Jahren angesichts von Landflucht und demografischem Wandel die Mobilität in ländlichen Regionen sichern?

Schön, dass Sie die guten Ergebnisse von Dresden und Leipzig erwähnen. Das zeigt, dass wir dort eine sinnvolle Verkehrspolitik für die Bürger umgesetzt haben. Unser erfolgreiches Konzept lautet: Ja zum ÖPNV, ja zum Rad, aber nicht zu Lasten des Autos. Das ist auch so von den Bürgern gewollt. Wir wollen die Menschen nicht erziehen.

Im ländlichen Raum haben wir uns auch vorgenommen, den ÖPNV zu stärken. Wir sind
durch Corona derzeit leider finanziell nicht in der Lage, alles so umzusetzen, wie wir es uns vorgenommen hatten. Aber wir werden trotzdem einiges bewegen: Es muss so sein, dass man mit Buslinien tagsüber und auch abends alle wichtigen Mobilitätsbedürfnisse bedienen kann.

In Sachsen wurden viele Bahnstrecken stillgelegt. Gibt es einen Plan, dieses Verkehrsmittel wieder zu stärken?

Ja, aber mit einer Einschränkung. Es gibt sachliche Gründe, warum es zu Stilllegungen kam – einige Strecken wurden nicht ausreichend genutzt, das ist ineffizient. Und Busse sind da oftmals flexibler einsetzbar. Jetzt, wo der Bus mit Batterie oder auch Wasserstoff betrieben werden kann, ist er auch im ländlichen Raum ein umweltfreundliches Verkehrsmittel.

In Sachen E-Mobilität ist Sachsen industriell ganz weit vorn. Was kann die Politik machen, um die Akzeptanz beim Verbraucher zu steigern?

Die eigentliche Verantwortung liegt bei den Unternehmen. Die Fahrzeuge sind noch zu teuer. Auf der anderen Seite macht das Fahren damit sehr viel Freude. Ich habe seit einigen Tagen den neuen VW ID3 zur Nutzung und das ist ein sehr positives Erlebnis: mit jeder Menge Fahrspaß, guter Reichweite, und das Laden an der Schnellladesäule hat auch funktioniert.

In ihrem Bundesland gibt es die ganze Bandbreite aktueller Antriebstechniken: Klassische Verbrenner von Porsche in Leipzig, Batterie-Bau in Kamenz, Produktion von BMW i3 in Leipzig  sowie VW ID3 oder Wasserstoff-Forschung in Dresden. Welche Technik hat die größten Chancen, sich durchzusetzen?

Die Politik muss klare Ziele vorgeben, hier die CO2-Reduzierung. Und dann muss es einen offenen Wettbewerb der Technologien geben. Mir ist wichtig, dass alle Technologien ehrlich und marktwirtschaftlich zum Einsatz kommen. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Bei den Plug-in-Hybriden ist es doch ein offenes Geheimnis, dass die CO2-Bilanz im praktischen Betrieb nicht so gut ist wie auf dem Papier. Da sehe ich dringenden Handlungsbedarf.

Derzeit wird vor allem die E-Mobilität massiv gefördert. Wie sehen Sie das?

Die Elektromobilität spielt eine wichtige Rolle. Ich habe aber den Eindruck, dass es in Deutschland eine zu starke Verengung auf das Thema Elektromobilität gibt. Und das ist aus meiner Sicht nicht sachgerecht. Denn auch der klassische Verbrenner hat eine Chance. Besonders, wenn wir an die Nutzung von E-Fuels, also synthetischen Kraftstoffen, denken.

Welche Chancen räumen sie diesen E-Fuels in Zukunft ein?

Es geht in der derzeitigen Debatte noch etwas unter, dass man mit E-Fuels, die regenerativ und klimaneutral hergestellt werden, einen beträchtlichen Beitrag zur CO2-Einsparung leisten könnte.

Wichtig ist aber, dass die Einsparungen dem Verkehr zugerechnet werden und nicht der Mineralölwirtschaft! Ein ähnlich großes Zukunftspotenzial sehe ich für den Einsatz der Wasserstoff-Technologie.

Was halten Sie von Verbrenner-Verboten, um die Klimaschutzziele zu erreichen? Aktuell wird ja das Jahr 2035 diskutiert.

Ich halte das für falsch. Das ist eine wirtschaftspolitische Haltung, die ich nicht verstehen kann. Verbrennungsmotoren – auch mit fossilen Treibstoffen – haben noch viel Potenzial. Da sind wir in Deutschland mit all seinen großen Automarken und Zulieferern führend, und ich weiß nicht, warum man das diskriminieren sollte.

Die EU-Kommission setzt sich für eine weitergehende CO2-Reduktion als aktuell beschlossen ein. Wie sehen Sie das?

Die EU ist für uns sehr wichtig, um einheitliche Regelungen durchsetzen zu können – gerade im Klimaschutz muss das im großen Maßstab geschehen. Wenn man Standards durchsetzen will, muss das europaweit entschieden werden. Wir haben gemeinsam CO2-Einsparziele vereinbart, die sind schon jetzt sehr ambitioniert, dabei sollte es aber auch bleiben. Eine weitere Verschärfung bringt eine große Unsicherheit in den Markt. Das ist schlecht für diejenigen, die Autos entwickeln müssen und es verunsichert auch die Verbraucher, die entscheiden müssen: Welches Auto soll ich mir jetzt kaufen?

Haben Sie selbst schon einmal die Hilfe der Gelben Engel in Anspruch genommen?

Seit ich den Führerschein besitze bin ich beim ADAC. Und ich habe die Pannenhilfe schon häufiger benötigt, in Deutschland, aber auch im Ausland. Die Mitgliedschaft im ADAC ist für mich ein Stück Sicherheit, das ich nicht missen möchte.