"Wir sind Europameister bei der E-Mobilität"

Portrait von Hildegard Müller in der ADAC Interviewoptik
VDA-Präsidentin Hildegard Müller will keine Dauersubventionen für die Autohersteller ∙ © Dominik Butzmann

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), über Elektromobilität, synthetischen Treibstoff und das Konzept der neuen IAA.

ADAC Redaktion: Sie stehen seit Februar 2020 an der Spitze des VDA. Worauf sind Sie rückblickend stolz?

Hildegard Müller: Ich kam neu in eine Autoindustrie, die sich in einer großen Transformation in Richtung E-Mobilität, Vernetzung, Digitalisierung und emissionsfreies Fahren befindet – und all das in Coronazeiten. Besonders stolz bin ich daher auf die VDA-Mitglieder und meine Kolleginnen und Kollegen, die in schwierigen Zeiten die Situation so toll angenommen haben, dass wir Öffentlichkeit und Politik über die Lage der Autoindustrie informieren konnten.

Hat die Autobranche in gewisser Weise auch von der Corona-Krise profitiert?

Beim Blick auf die dramatischen Schäden für die Gesundheit, die vielen Toten und die wirtschaftlichen Konsequenzen verbietet es sich für mich, von Profit zu sprechen. Eines hat sich aber gezeigt: In dieser Zeit hat das Auto für viele an Bedeutung gewonnen. Die Menschen fühlen sich im eigenen Auto oft sicherer als in Bus und Bahn. Das ist aber keine Dauerlösung: Wir brauchen einen guten ÖPNV und eine intelligente Vernetzung von Auto, Rad, Bussen, Bahnen sowie allen anderen Verkehrsmitteln.

Wie sieht für Sie das ideale Fortbewegungsmittel aus?

Ich nutze fast alle Arten der Fortbewegung. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, fahre ich einen Plug-in-Hybrid. Der verbindet für mich das Beste aus beiden Welten: Ich kann mich elektrisch auf kurzen Strecken fortbewegen und auch längere Wege, auf denen es leider noch wenige Ladesäulen gibt, sicher überbrücken.

Würden Sie einem Bekannten guten Gewissens zu einem reinen Elektroauto raten?

Aber natürlich! Ich rate jedem genau zu analysieren, für welche Strecken man ein Auto benötigt. Zudem zeigen die hohen Wachstumsraten beim Elektroauto, wie attraktiv die Modelle sind. Wir sind Europameister bei der E-Mobilität: Niemand bringt mehr neue E-Autos auf den Markt als Unternehmen aus Deutschland.

Hildegard Müller: Zur Person

Geboren am 29. Juni 1967 in Rheine, Mutter einer Tochter

  • Ausbildung zur Bankkauffrau, BWL-Studium, Abteilungsdirektorin bei der Dresdner Bank

  • 2002 - 2008: Mitglied im Deutschen Bundestag

  • 2005 - 2008: Staatsministerin im Bundeskanzleramt

  • 2008 - 2016: Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft

  • 2016 - 2019 Chief Operating Officer Grid & Infrastructure bei innogy SE

  • seit Februar 2020 Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie e.V. (VDA)

Welche Rolle spielt dabei die Ladeinfrastruktur?

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur gehört ganz oben auf die Agenda. Wir brauchen einen Stecker "an jeder Milchkanne". Da fehlt leider noch einiges, um das nötige Verbrauchervertrauen zu bekommen. Ebenso wichtig ist uns: Wir brauchen 100 Prozent Ökostrom im Ladenetz, denn so kann Elektromobilität wirksam zum Klimaschutz beitragen. Und das ist ja das Ziel.

Muss die Autoindustrie Ladesäulen aufstellen und finanzieren?

Das Schnellladenetz IONITY*, an dem unsere Hersteller beteiligt sind, zeigt, wie ein kundenfreundliches System aussehen muss. Hier ist die Autoindustrie in Vorleistung gegangen. Grundsätzlich gilt aber: Der Aufbau ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Die Energiewirtschaft zum Beispiel muss den Ladestrom und ausreichende Netzkapazitäten bereitstellen. Wie jede neue Infrastruktur muss auch das Ladenetz anfangs gefördert werden, damit es sich schnell aufbaut.

Rein marktwirtschaftlich klappt das nicht?

Ich habe einige Erfahrung mit der Markteinführung von erneuerbaren Energien: Ohne Förderung wären wir heute beim Ökostrom noch nicht so weit. Ziel sollte aber sein, schnell auf ein marktwirtschaftliches System umzustellen. Ich will keine Dauersubventionen, aber wer bis 2030 zwischen sieben und zehn Millionen Elektrofahrzeuge auf der Straße haben will, muss dafür auch die Infrastruktur bereitstellen.

Hat der Verbrenner mit E-Fuels eine Zukunft?

Mit E-Fuels, also synthetisch hergestellten Kraftstoffen, können auch Verbrennungsmotoren zur Klimaneutralität beitragen. Nicht der Motor ist das Problem, es ist der Kraftstoff. Wenn wir den klimaneutral herstellen, werden Diesel und Benziner einen Beitrag leisten.

Müssten auch E-Fuels subventioniert werden?

Auf jeden Fall sollten wir sie von der Steuer befreien. Entfällt diese, sieht das Ganze schon besser aus. Damit sich Investitionen in synthetische Kraftstoffe lohnen, muss es Rechtssicherheit für deren Nutzung geben.

Wasserstoff wird bei Nutzfahrzeugen eine größere Rolle spielen

Hildegard Müller, VDA

Und wie sieht es mit Wasserstoff aus?

Er ist vielversprechend für Schiffe, Flugzeuge, die Stahlherstellung oder den Schwerlastverkehr. Bei Wasserstoff müssen wir ambitioniert für die Zukunft denken. Mit einer klugen Strategie ist hier ebenso viel möglich wie einst beim Solarstrom. Der war am Anfang auch teuer, jetzt ist er wettbewerbsfähig. Deshalb brauchen wir jetzt Projekte mit Ländern mit viel Sonnenenergie, etwa in Nordafrika oder der Golfregion. Hier wünsche ich mir von Deutschland und der EU mehr Mut.

Viele deutsche Wasserstoff-Initiativen sind aber auch wieder eingeschlafen ...

Das ist nicht ganz richtig. Wasserstoff wird weiter vorangetrieben und spielt sicher im Bereich der Nutzfahrzeuge eine größere Rolle. Daimler hat beispielsweise gerade einen wasserstoffbasierten Brennstoffzellen-Lkw vorgestellt. Um klimaneutrale Mobilität bis 2050 zu erreichen, müssen wir alle Möglichkeiten nutzen.

Hinkt die deutsche Autoindustrie Tesla hinterher?

Tesla ist natürlich ein Wettbewerber. Aber wir stellen uns dem Wettbewerb gern. Im Übrigen verkauft die deutsche Autoindustrie deutlich mehr Elektroautos als Tesla. Wenn ich mir die Zahl der Modelle unserer Hersteller anschaue, mache ich mir für die Zukunft keine Sorgen.

Und dass Tesla eine Fabrik in Deutschland baut, ist kein Affront für die deutsche Autoindustrie?

Im Gegenteil. Tesla hätte auch woanders eine Fabrik bauen können. Aber Elon Musk hat sich für das Autoland Deutschland entschieden. Das zeigt doch die Bedeutung unserer Industrie, gerade auch der Zulieferunternehmen und die der vielen Ingenieure.

Die IAA erfährt einen Neustart und findet erstmals in München statt. Wie kam es dazu?

Mit der neuen IAA Mobility* wandeln wir die bekannte Automesse in eine Plattform für alle Arten von Mobilität. Es gibt mehrere Schwerpunkte: Wir zeigen die neuesten E-Autos, Benziner und Diesel, aber auch Fahrräder und E-Bikes. Wir präsentieren die Digitalisierung des Verkehrs, diskutieren über den besten Weg zur klimaneutralen Mobilität, über Fortbewegung in der Stadt und auf dem Land. Auf der IAA können die Besucher die Zukunft der Mobilität "anfassen" und auch ausprobieren z.B. auf der "Blue Lane", einer Strecke durch München, auf der ausschließlich emissionsarme Fahrzeuge fahren dürfen.

Falls es die Corona-Lage nicht erlaubt: Gibt es einen Plan B für die IAA?

Kind steigt aus einem Sportwagen mit Fluegeltüren bei einer Automesse
Mit der kommenden IAA in München will der VDA als Ausrichter jeden begeistern. ∙ © VDA

Ich gehe davon aus, dass wir unser ausgefeiltes Infektionsschutzkonzept umsetzen können. Alle Besucher auf dem Messegelände werden registriert, wir halten Abstand, wir können testen, die Hallen sind belüftet, viele Veranstaltungen spielen sich zudem außerhalb des Messegeländes, zum Beispiel in der Münchner Innenstadt ab.

Zu welcher IAA fahren Sie in einem autonomen Auto?

Die Bunderegierung hat den Weg frei gemacht für den Einstieg in das autonome Fahren. Wenn das Gesetz zeitnah durch das Parlament geht, kann der Standort Deutschland bei diesem Thema international führend sein. Jetzt müssen wir aber noch weitere Themen diskutieren, wie etwa das digitale Netz oder den Rechtsrahmen für das autonome Fahren. Hochautomatisiert zur IAA fahren klappt sicher schon 2023/2025. Ganz autonom vielleicht ab 2030, wenn die Datennetze und Gesetze das bis dahin zulassen.

Deutsche Unternehmen werden nur ausgereifte Produkte auf den Markt bringen.

Hildegard Müller, VDA, zum autonomen Fahren

Hätten Sie persönlich volles Vertrauen in ein autonomes Fahrzeug?

Schon jetzt muss ich Vertrauen zu der Person haben, die das Auto fährt. Wenn die Steuerung ganz vom Auto übernommen wird, wird sich das noch mal anders anfühlen. Aber wir werden uns schrittweise daran gewöhnen. Sicher ist: Deutsche Unternehmen werden nur technologisch ausgereifte Produkte auf den Markt bringen. Das schafft Vertrauen, auch bei mir.

Trotz aller Innovationen ist das Auto bei vielen jungen Leuten kein Statussymbol mehr ...

Also wenn Sie meinen Neffen fragen: Für ihn ist ein Auto immer noch das Größte. Es geht dabei aber nicht um größer oder teurer, sondern um den Ausdruck von Persönlichkeit und um den individuellen Bedarf. Wie kann ich mein Leben organisieren, wie mit der Familie reisen, wie komme ich zur Arbeit, zum Sport, in die Ferien – das Auto hat einen festen Platz im Leben der Menschen. Für viele Jüngere ist das Auto kein Statussymbol mehr, aber spätestens mit Gründung einer eigenen Familie setzt bei vielen die Auto-Begeisterung ein.

Immer mehr Technik macht Autos teurer. Wo bleiben die bezahlbaren Modelle?

Die Erwartungen an ein Auto steigen heute, man bekommt aber auch viel mehr Auto fürs Geld als früher. Es wird vernetzter, digitaler, effizienter, sicherer und CO₂-ärmer. Unsere Unternehmen bauen durchweg sehr gute Autos. Und sie achten darauf, dass für jeden Geldbeutel etwas dabei ist, ohne an der Sicherheit zu sparen. Carsharing-Modelle sind darüber hinaus für junge Leute ein idealer Einstieg, ohne selbst ein eigenes Auto besitzen zu müssen.

Was war Ihr erstes eigenes Auto?

Das war ein älterer VW Golf, der mich für einige Monate durch mein Studium begleitet hat. Danach kam ein Highlight: Meine Eltern haben mir zur Wendezeit einen Wartburg Deluxe in einem – sagen wir mal interessanten – Beige geschenkt. Mit Lenkradschaltung, durchgehender Sitzbank vorn und sogar schon einem Katalysator. Weil ich am Heck einen Kat-Aufkleber hatte, wurde ich öfter von der Polizei angehalten – die konnten das gar nicht glauben und haben untereinander gewettet, ob das stimmt. Ich denke gern an den Wartburg zurück.

Wie kann ein Auto auch Frauen begeistern?

Frauen achten auf ähnliche Kategorien wie Männer, also auf Sicherheit, Effizienz, Komfort und Fahrfreude. Da gibt es keine großen Unterschiede, mit den alten Rollenbildern sollten wir aufhören. Meine 14-jährige Tochter erkennt mehr Automodelle als ich. Sie ist Verkehrskadettin geworden (Unterstützung von Polizisten z.B. bei Großveranstaltungen, Anm. d. Red.) und freut sich schon auf den Führerschein. Der Anteil weiblicher Autobesitzer ist in Deutschland seit 2010 um ein Fünftel gestiegen. Frauen sind heute selbstständig, das Auto gehört dazu.

Und noch ein Klischee: Sie sind als Frau in einer von Männern besetzten Welt in einer Spitzenposition. War das immer einfach?

Einfach war es nicht. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass wir viel leistungsfähiger sind, wenn wir in allen Bereichen Diversität leben, also eine gute Mischung aus Jung und Alt, Frauen und Männern und auch eine gewisse Internationalität haben. Ich persönlich habe damit immer sehr gute Erfahrungen gemacht. Je diverser, desto krisensicherer ist man für die Zukunft aufgestellt. Deshalb sollten wir die Debatte über Diversität endlich als große Chance verstehen.

Worüber ärgern Sie sich am Steuer?

Natürlich über Stau, andere Autofahrer, das Wetter und manchmal über mich selbst. Wenn alle rücksichtsvoller miteinander umgehen und sich an die Verkehrsregeln halten würden, gäbe es für alle weniger zu meckern.

Könnten Sie einen Reifen selbst wechseln?

Früher konnte ich das, habe es aber lange nicht mehr gemacht. Heute ist das nicht mehr nötig, die Reifen haben oft Notlaufeigenschaften, und man kommt damit noch bis zur nächsten Werkstatt. Und wenn das nicht klappt, weiß ich ja, wen ich anrufen muss.

Haben Sie den ADAC schon mal angerufen?

Natürlich habe ich das – wegen ganz unterschiedlicher Probleme. Der ADAC hat mir immer gerne und gut geholfen.

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