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– Verletzungsrisiko für Insassen auf der unfallabgewandten Seite –

Seitencrash: Aufprall in Beifahrerseite

Seit 2014 gibt es beim Euro NCAP ein neues Seitencrashverfahren, welches die Realität besser abbilden soll als das bisherige. Die wichtigsten Komponenten sind dabei ein Dummy mit besserer Biofidelität und eine Anpassung des Barrierewagens an die neue Frontsteifigkeit und das erhöhte Fahrzeuggewicht heutiger PKW. 

Die Betrachtung des Insassen bezieht sich auf die Position an der Stoßseite des PKW, d.h. der Crash erfolgt immer auf der Fahrerseite und der Insasse wird dabei direkt getroffen durch den Unfallgegner und die eindringenden Fahrzeugseitenteile. 

Auswertungen der Unfalldaten, die die ADAC Unfallforschung erhebt, zeigen aber auch einen erheblichen Anteil, bei denen der Insasse durch einen Anstoß auf der gegenüberliegenden Seite zu Schaden kommt. Für den Fahrer wäre dies eine Kollision auf der Beifahrerseite. Die Intrusion, also das Eindringen von Fahrzeugteilen ins Wageninnere, trifft hierbei den Körper erst einmal nicht direkt. Durch die Massenträgheit jedoch wird der Insasse zur Anstoßseite bewegt und kann mit der verformten Türe, der B-Säule, der Armaturentafel, dem Beifahrersitz oder im schlimmsten Fall auch mit dem benachbarten Beifahrer kollidieren. Derzeit gibt es auf dem Markt keine konkrete Lösung, diesen Fall durch Airbag- oder Rückhaltesysteme zu verhindern. 

Im ADAC Versuch wird ein derartiger Zusammenstoß in verschiedenen Konstellationen im Crashtest nachgestellt und die Wirkung auf den/die Insassen gemessen und ausgewertet.

Es wird bei der Fahrzeugauswahl auf PKW zurückgegriffen, die den Sicherheitsstandards von Fahrzeugen aus dem Jahr 2015 entsprechen.
Es werden drei Tests durchgeführt mit unterschiedlichen Szenarien:


  • Testszenario 1 – Interaktion Fahrer und Beifahrer

    Als Testfahrzeug wird ein Modell der Kompaktklasse mit fünf Sitzplätzen ohne Mittelkonsole gewählt. Als Sicherheitsausrüstung beim Seitenaufprall dienen u.a. Kopfairbags, Thoraxairbags und Gurtstraffer, welche aber nur auf der Stoßseite auslösen.

    Bei diesem Szenario soll die Interaktion der Insassen in der ersten Sitzreihe bei einem seitlichen Anstoß bewertet werden. Obwohl dieser Fall in der Unfallforschung nicht sehr häufig auftritt, kann diese Konstellation schwere Folgen für die Insassen haben. Beide Sitze befinden sich dabei in einer einheitlichen Sitzposition. Der Euro-SID Dummy befindet sich auf der stoßzugewandten Beifahrerseite. Der World-SID Dummy wird auf dem Fahrersitz positioniert, da dessen Biofidelität besser ist als der des Euro-SID und der Dummy die extreme seitliche Bewegung menschenähnlicher ausführen kann. Die Testparameter entsprechen sowohl in Geschwindigkeit und Barrierenmasse den aktuellen Euro NCAP Spezifikationen.


    Seitencrash_Beifahrer_10_150x140.JPGBeim Fahrerdummy zeigen die Belastungen im gesamten Körper keine lebensbedrohenden Werte an, auch wenn die Belastungswerte im Kopf kurz vor dem kritischen Bereich liegen, der Maximalwert liegt hier bei 84 g, der 3-ms-Wert bei 52 g.

    Seitencrash_Beifahrer_11_150x143.JPGDer Beifahrer zeigt erhöhte Werte im Bereich der Brust und des Beckens, beide Messwerte sind das Ergebnis der hohen Belastung durch den Seitenaufprall und sind nur durch das Fahrzeug bedingt. Das heißt, die Interaktion zwischen den Insassen zeigt in diesem Fall keine zusätzliche Belastung.

    Das Ergebnis spiegelt die Erkenntnis der ADAC Unfallforschung wieder. Die Interaktion zwischen den Insassen ist nur dann die kritischste Konstellation, wenn bestimmte Randbedingungen gegeben sind, wie z.B. kleine Fahrzeuginnenraumabmessungen oder Insassen mit stark unterschiedlicher Körpergröße und verschiedenem Gewicht. Es kann dann zum direkten Zusammenprall der Köpfe kommen, oder ein schwerer und großer Fahrer belastet den kleinen und leichten Beifahrer zusätzlich, der ohnehin schon von der eindringenden Türe bedrängt und gefährdet wird.


  • Testszenario 2 – Insassenverlagerung ohne Mittelkonsole
    Als Testfahrzeug wird ein Modell der Kompaktklasse mit fünf Sitzplätzen ohne Mittelkonsole gewählt. Als Sicherheitsausrüstung beim Seitenaufprall dienen u.a. Kopfairbags, Thoraxairbags und Gurtstraffer auf beiden vorderen Sitzplätzen.
    Bei diesem Szenario soll die Bewegung einer einzelnen Person bei einem Anprall auf der gegenüberliegenden Seite simuliert werden. Laut der ADAC Unfallforschung ist das der häufigste Fall für Verletzungen, hervorgerufen durch Aufprall auf der gegenüberliegenden Seite des Insassen. Die Testparameter entsprechen bei der Barrierenmasse den aktuellen Euro NCAP Spezifikationen, die Testgeschwindigkeit wurde allerdings auf 65 km/h angehoben, da das den durch die Unfallforschung ermittelten Unfallgeschwindigkeiten entspricht, welche sich auf eine Geschwindigkeitsänderung des getroffenen Fahrzeuges von ca. 40 km/h beläuft.

    Seitencrash_Beifahrer_12_150x140.JPGBeim Fahrerdummy zeigen die gemessenen Belastungen im gesamten Körper keine lebensbedrohenden Werte an. Die Gründe hierfür liegen zum einen bei der Funktion des Gurtstraffers, welcher verhindert, dass der Dummy zu weit aus dem Sitz zur Seite hin verrutschen kann, und zum anderen an der Fahrzeugbreite. Beide Faktoren beeinflussen das Verhalten positiv und sorgen dafür, dass der Dummy mit seinem Kopf nicht an der eindringenden Fahrzeugtüre anschlägt.

    Die Datenauswertung durch die ADAC Unfallforschung ergibt, dass bei Unfällen mit Anstoß auf der insassenabgewandten Seite häufig Kopfverletzungen beim Anprall mit eindringenden Türen, aber auch mit der Armaturentafel oder dem anderen Sitz entstehen. Der Dummy verfehlt im Testszenario 2 um Haaresbreite die Armlehne der eindringenden Türe. Auch der Bereich des Brustkorbes und des Bauches sind stark gefährdet durch die Interaktion des Brustkorbes mit dem Beifahrersitz. Die Bauchgegend wird laut Videoauswertung bei der extremen seitlichen Verlagerung durch das Gurtschloss und den Gurt gefährdet, der Diagonalgurt schneidet extrem im Bauchbereich ein und kann innere Verletzungen hervorrufen.

  • Testszenario 3 – Insassenverlagerung bei erhöhter Mittelkonsole
    Als Testfahrzeug wird ein Roadster mit zwei Sitzplätzen, Sportsitzen und hoher Mittelkonsole gewählt, als Sicherheitsausstattung dienen u.a. kombinierte Thorax-/Kopf-Airbags und Gurtstraffer auf beiden Sitzplätzen.
    Bei diesem Szenario soll die Bewegung einer einzelnen Person bei einem Anprall auf der gegenüberliegenden Seite des Insassen simuliert werden. Das ist der häufigste Fall laut ADAC Unfallforschung für Verletzungen, hervorgerufen durch Aufprall auf der gegenüberliegenden Seite des Insassen. Die Testparameter entsprechen bei der Barrierenmasse den aktuellen Euro NCAP Spezifikationen, die Testgeschwindigkeit wurde allerdings auf 65 km/h angehoben, da das den durch die Unfallforschung ermittelten Unfallgeschwindigkeiten entspricht, welche sich auf eine Geschwindigkeitsänderung des getroffenen Fahrzeuges von ca. 40 km/h beläuft. 
    Der Unterschied zum Szenario 2 ist die Gestaltung des Fahrzeug-Innenraums. Der Test soll zeigen, welchen Einfluss spezielle Interieurgestaltungen auf die Kinematik der Insassen haben können.

    Seitencrash_Beifahrer_13_150x139.JPGBeim Fahrerdummy zeigen die gemessenen Belastungen im Körper keine lebensbedrohenden Werte an. Trotz der hohen Mittelkonsole, welche den Brustkorb belastet, übersteigen hier die Messwerte keine biomechanischen Grenzen. Der Kopf hingegen schlägt auf dem rechten Arm auf, der sich wiederum auf der Mittelkonsole abstützt. Durch diese Blockwirkung erfährt der Kopf eine sehr hohe Beschleunigung, welche knapp über dem biomechanischen Grenzwert liegt und damit ein hohes Verletzungsrisiko birgt.

    Dieser Versuch mit geänderten Parametern im Innenraum zeigt Vorteile hinsichtlich der seitlichen Verlagerung des Insassen. Die hohe Mittelkonsole und der sportlich ausgeformte Sitz können durch Abstützung des Brustkorbes die Verlagerung minimieren, ohne dabei diesen Bereich zu überlasten. Der Gurtstraffer unterstützt das zusätzlich, er ist im Gurtschloss untergebracht und wird somit bei der Aktivierung vom Bauchbereich weggezogen, die Gefahr von Verletzungen des Bauchraums (besonders innere Verletzungen) wird minimiert.

Die Qualität unserer Verbraucherschutztests wird umfassend und zuverlässig abgesichert. Die Qualitätssicherung umfasst alle Maßnahmen, die der Schaffung, Sicherung und Verbesserung der Qualität dienen. Wir legen deshalb höchste Maßstäbe bei unserer Arbeit an. Mehr


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